The 80s: Gothic

gothicplakatDie Geschichte des Romans „Frankenstein“ ist verbunden mit Mary Shelleys Aufenthalt in der Villa Diodati am Genfer See. Dorthin reiste sie zusammen mit ihrem Mann Percy, um Lord Byron zu besuchen, der dort zusammen mit seinem Leibarzt John Polidori wohnte. Die Tage waren jedoch völlig verregnet, sodass sie die Villa kaum verlassen konnten. Die Abende verbrachten sie daher damit, sich gegenseitig deutsche Gespenstergeschichten vorzulesen.

Dieser Sommer des Jahres 1816 gilt als die Geburtsstunde der Horrorliteratur. Polidori dachte sich die Erzählung „Der Vampyr“ aus und schuf mit seiner Figur Lord Ruthvan zugleich den Prototypen des sinnlich-galanten Vampirs, wie er auch heute noch in Filmen und Romanen dargestellt wird. Byrons Vampirgeschichte blieb unvollendet. Mary Shelley dachte in eine ganz andere Richtung. Sie überlegte sich die Geschichte eines künstlich geschaffenen Menschen, dessen Leben so unglücklich verläuft, dass er auf schreckliche Rache sinnt.

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Percy Shelley (Julian Sands), Mary (Natasha Richardson) und Polidori (Timothy Spall) in der Villa Diodati; „Gothic“ (1986), Copyright MGM.

Der britische Regisseur Ken Russell, der bereits davor durch Filme wie „Der Höllentrip“ (1980) oder der Groteske „Lisztomania“ (1975) mit dem Horror- bzw. Phantastikgenre geliebäugelt hatte, verarbeitete eben jene Nacht, in der die Idee zu „Frankenstein“ geboren wurde, 1986 in einen Horrorfilm, der zwar an den Kinokassen floppte, doch später in seiner Zweitverwertung als Videofilm seinen verdienten Erfolg erlangte.

Erzählt wird darin genau die oben geschilderte Handlung. Allerdings würzt Russell diese mit seinem Sinn fürs Bizarre und Schräge. Denn in eben jener Nacht, in der sich die Bewohner der Villa unheimliche Geschichten vorlesen und danach das Spiel des Geschichtenerfindens beginnen, geschehen in und um das Haus herum unheimliche Dinge. Die Angstzustände von Percy, Mary, ihrer Halbschwester Claire und nicht zuletzt von Polidori nehmen immer extremere Formen an. So wird Claire in einer der bekanntesten Szenen des Films von einem Ritter mit Stahlphallus verfolgt. Als Percy in einer späteren Szene auf Claire trifft, lautet ihr berühmt gewordener Satz: „Ich sagte, sieh mir in die Augen“, worauf sie auf ihre Brüste deutet, auf denen zwei Augen Percy entgegen glotzen.

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Percy Shelley (Julian Sands) liest aus dem Gespensterbuch vor; „Gothic“ 1986, Copyright: MGM.

Die Frage, die sich dem Zuschauer dabei stellt, lautet, ob durch das Laudanum, das sich alle vor der Gespensterlektüre genehmigen, bei ihnen Wahnvorstellungen ausgelöst wurden oder ob sich eine tatsächliche unheimliche Macht in das Haus geschlichen hat. Wie dem auch sei, Russell gelingt eine wahre Achterbahnfahrt der Schauerromantik, in welcher der „Sturm und Drang“ nur so gelebt wird und in der immer wieder der ein oder andere Gag auftaucht. Die Schauspieler gehen voll und ganz in ihren Rollen auf und treiben dadurch den Film auf furiose Weise voran. Timothy Spall, der in der Regel nur in Nebenrollen zu sehen ist, glänzt hier in seiner besten Rolle. Auch diverse Zitate aus anderen Horrorfilmen finden sich darin, angefangen von den Poe-Verfilmungen der 60er Jahre bis hin zu Argentos „Suspiria“. Das Großartige des Films ist jedoch, dass es dem Regisseur gelingt, all diese grotesken und unheimlichen Albtraumsequenzen mit der tatsächlichen Historie schnörkellos zu verbinden.

Zwei Jahre nach „Gothic“ wandte sich Ken Russell erneut dem Horrorgenre zu. Dieses Mal mit dem Film „Der Biss der Schlangenfrau“ nach einem Roman von Bram Stoker, der zwar ebenfalls gute Kritiken erntete, aber wie bereits bei „Gothic“ erst als Videoversion auch beim Publikum Beachtung fand.

 

 

The Maze – Ein vergessenes Meisterwerk

themaze2Wer den Namen William Cameron Menzies nicht kennt, kennt auf jeden Fall einen seiner Filme. Mit dem Klassiker „Invaders from Mars“ (1953) schuf er einen der ästhetisch ausgereiftesten SF-Filme der 50er Jahre. Menzies verstand es wie kaum einer vor ihm, Trash mit surrealer Kunst zu verbinden. Mario Bava und später Dario Argento ließen sich von Menzies‘ Filmkunst inspirieren und entwickelten diese im Bereich des Horrorfilms weiter.

Auf das Konto Menzies‘ geht auch der Klassiker „Things to Come“ (1935), der die technischen Innovationen unserer Gegenwart vorwegnahm und zudem als Prototyp des Zombie-Apokalypse-Szenarios gelten kann.

Im selben Jahr wie „Invaders from Mars“ drehte Menzies den Horrorfilm „The Maze“. Im Gegensatz zur erstgenannten Produktion, geriet „The Maze“ in Vergessenheit. Nachvollziehen kann man dies nicht, bietet dieser Film doch eine geradezu vollendete Visualisierung des Unheimlichen.

Der Film handelt von Kitty, die kurz vor ihrer Hochzeit mit Sir Gerald MacTeam steht. Während eines gemeinsamen Urlaubs erhält MacTeam einen Brief, in dem ihm mitgeteilt wird, dass er sofort nach Craven Castle kommen soll, da ein naher Verwandter gestorben sei. Als Kitty auch nach über sechs Wochen nichts mehr von ihrem Verlobten hört, beschließt sie, trotz der Bedenken ihrer Tante, Craven Castle aufzusuchen, um ihren Verlobten zur Rede zu stellen. Ihr Aufenthalt in dem alten Schloss wird zu einem Albtraum.

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Kitty betritt den sonderbaren Irrgarten.

„The Maze“ wird gerne als ein Film bezeichnet, der von den Ideen Lovecrafts inspiriert ist. In der Tat finden sich darin die wesentlichen Aspekte einer Lovecraft-Story: ein altes Buch, ein fürchterliches Familiengeheimnis und mysteriöse Deformationen. Obwohl es sich um einen Horrorfilm handelt, wurde dieser vor allem für ein weibliches Publikum produziert. Die männlichen Figuren treten gegenüber Kitty und ihrer Tante Edith in den Hintergrund. Zudem ist es eine Frau (Tante Edith), welche in kurzen Zwischen-Shots die unheimliche Geschichte erzählt.

Menzies, der auch die Kulissen mitgestaltete, setzte voll und ganz auf eine surreale, teils märchenhafte Atmosphäre, die durchaus an Cocteaus „Die Schöne und Das Biest“ erinnert. Das einsam gelegene Schloss fällt durch seine übergroßen Stufen auf, was zu äußerst bizarren Bewegungen beim Treppensteigen führt. Nachts werden sämtliche Türen verschlossen. Und nachts ertönen plötzlich unheimliche, schlurfende Geräusche durch das Gemäuer. Einer der bemerkenswertesten Szenen zeigt Kitty, die auf das Licht starrt, das durch den unteren Türschlitz fällt, während sich die Geräusche nähern. Schließlich kriecht vor der Tür ein sonderbarer Schatten vorbei. Als die Geräusche außerhalb des Schlosses erklingen, schaut Kitty aus dem Fenster hinunter auf den Irrgarten, der sich neben dem Schloss befindet. Ein einsames Licht wandert dort durch die Gänge.

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Was Kitty aus einem der Fenster sieht.

Diese Äthetik des Unheimlichen ist kaum noch zu überbieten. Menzies sorgfältige, geradezu elegante Kameraführung sorgt dabei für das sprichwörtliche I-Tüpfelchen. Das Finale des Films, in dem sich das Grauen offenbart, besteht aus einer Kakophonie unheimlicher, märchenhafter und tragischer Elemente, die vielleicht aus heutiger Sicht etwas enttäuscht, doch zugleich den Lovecraft-Aspekt von „The Maze“ unterstreicht.

Gedreht wurde der Film damals übrigens in 3D, wodurch die Produktionsfirmen versuchten, die Zuschauer von ihren TV-Geräten wieder zurück in die Kinos zu locken. Also eine ganz ähnliche Situation wie heute. „The Maze“ stellte Menzies‘ letzte Kinoarbeit dar. Danach drehte er nur mehr fürs Fernsehen. „The Maze“ kann als der krönende Abschluss seiner Kinoära bezeichnet werden.