Der Junge im Dunkeln – Mervyn Peakes düstere Fantasy-Erzählung

Der Maler und Illustrator Mervyn Peake (1911 – 1968) verfasste von Mitte der 40er Jahre bis Ende der 50er Jahre eine Romantrilogie, deren literarischer Stellenwert demjenigen von Tolkiens „Herr der Ringe“ durchaus gleichkommt. Im englischen Sprachraum zählt Peakes „Gormenghast“ längst zu den Klassikern der Literatur. In Deutschland dagegen hält sich der Bekanntheitsgrad dieser außergewöhnlichen Romane immer noch in Grenzen.

Dennoch bzw. zum Glück gibt es eine deutsche Übersetzung im Klett-Cotta-Verlag, die erst vor wenigen Jahren neu aufgelegt wurde. 2011 erschien dann sogar der vierte Gormenghast-Roman mit dem Titel „Titus erwacht“, eigentlich ein Romanwrackment, das Mervyn Peakes Frau nach dessen Tod vollendet hat.

In „Gormenghast“ geht es um Titus Groan, der im Schloss Gormenghast aufwächst, es geht um die seltsamen Bewohner des Schlosses und um deren heimtückischen Intrigen. Peakes Romane sind einzigartig, wunderschön geschrieben und besitzen durchweg diese spezielle, düster-schaurige Atmosphäre, welche das uralte Schloss regelrecht lebendig werden lässt.

Nun ist eine weitere Gormenghast-Erzählung erschienen, übersetzt von Alexander Pechmann, der bereits „Titus erwacht“ ins Deutsche übertragen hat. Die Erzählung mit dem Titel „Der Junge im Dunkeln“ erzählt von Titus‘ 14. Geburtstag. Ein geheimnisvolles Ritual steht bevor, dem sich Titus jedoch entziehen möchte. Daher flieht er eines nachts aus dem Schloss und gelangt schließlich an einen äußerst sonderbaren Ort und zu nicht weniger sonderbaren Wesen: Bock und Hyäne, zwei Tiermenschen, die sich gegenseitig nicht leiden können, doch den Jungen unbedingt zu ihrem Herrn bringen wollen, da dieser seit langer Zeit nach einem solchen Jungen sucht.

Die Erzählung ist überaus spannend und genauso wunderbar geschrieben wie die Romane. Titus erlebt darin ein düsteres, ja schauriges Abenteuer, das durch die grotesken Figuren eine ungeheure Faszination erhält. Stets stellt man sich die Frage, wie Titus aus seiner unheimlichen Gefangenschaft wieder entfliehen kann. Denn ein Entkommen scheint erfolglos, besonders da der Herr dieses bizarren Ortes, an den Titus gebracht wird, die Macht besitzt, allein durch einen Blick den Willen seiner Opfer zu brechen.

„Der Junge im Dunkeln“ ist eine erstklassige Mischung aus Fantasy und Schauergeschichte, die man auch lesen und nachvollziehen kann, wenn man Mervyn Peakes Romane noch nicht kennt. Bei der Aufmachung des Buches stellt sich allerdings die Frage, weswegen der Verlag statt eines Nachworts eine Leseprobe des ersten Gormanghast-Romans ans Ende des Buchs gestellt hat. Fast scheint es wie eine hilflose Notlösung, da man nichts anderes hinbekommen hat, was doch recht ärgerlich ist. Ein Nachwort hätte die Ausgabe um ein Vielfaches aufgwertet. Die Geschichte selbst aber ist absolut lesenswert und wird vielleicht auch Leser, die noch nichts von Mervyn Peake gelesen haben, dazu bringen, sich mit den eigentlichen Gormenghast-Romanen zu beschäftigen.

Mervyn Peake. Der Junge im Dunkeln. Klett-Cotta Verlag 2019, 110 Seiten, 16,00 Euro.