Die 90er: Knight Moves – Ein mörderisches Spiel (1992)

Bereits 1984 wurde der Schweizer Regisseur Carl Schenkel für seinen Thriller „Abwärts“ mehrfach ausgezeichnet. Seitdem ist er dem Thriller-Genre treu geblieben und drehte 1992 seinen bis dahin erfolgreichsten Film „Knight Moves – Ein mörderisches Spiel“.

Es geht darin um den Schachmeister Peter Sanderson, der verdächtigt wird, seine Geliebte ermordet zu haben. Während sich Sanderson auf sein nächstes Tournier vorbereitet, geschehen um ihn herum weitere unheimliche Morde, wobei die Polizei an den Tatorten sonderbare Botschaften entdeckt. Schließlich wird Sanderson selbst bedroht …

Mit „Knight Moves“ gelang Carl Schenkel ein überaus spannender, stark atmosphärischer Thriller, der einen von der ersten bis zur letzten Sekunde in seinen Bann schlägt. Gleich der Prolog des Films, in dem zwei Kinder Schach spielen, hat es in sich, vor allem, da Schenkel auch auf eine intensive Geräuschkulisse setzt, welche den Gruselfaktor des Films nochmals verstärkt.

Den ganzen Film über herrscht eine düstere, fast schon kalte Atmosphäre, die Christopher Lambert hervorragend in seine Rolle als Peter Sanderson überträgt. Denn was Sanderson für den Ermittler Frank Sedman so verdächtig macht, ist, dass Sanderson die Morde irgendwie kalt lassen, nicht einmal dann, wenn er von dem Mord an seiner Geliebten erfährt, mit der er vor wenigen Stunden geschlafen hat. Daraus ergibt sich ein zusätzlicher Spannungsfaktor, denn als Zuschauer stellt man sich unweigerlich die Frage, ob vielleicht Sanderson der Täter ist.

In seiner Machart erinnert „Knight Moves“ an die Thriller von Brian de Palma, wobei hier und da auch Aspekte des von Mario Bava und Dario Argento geprägten Giallo zu erkennen sind. Carl Schenkel entwickelt aus beiden Elementen einen durchaus eigenen Stil, der dem Film eine düster-unheimliche Ästhetik verleiht, die durch eine tolle Optik und ein wunderbares Spiel aus Licht und Schatten geprägt ist.

„Knight Moves“ ist nicht nur ein packender Thriller, sondern zugleich so etwas wie ein heimlicher Klassiker aus den 90ern. Ansehen lohnt sich.

Knight Moves – Ein mörderisches Spiel. Regie: Carl Schenkel, Drehbuch: Brad Mirman, Produktion: Jean Luc Defait, Darsteller: Christopher Lambert, Tom Skerritt, Diane Lane, Daniel Baldwin, Arthur Brauss, Ferdy Mayne. Deutschland/USA 1992, 108 Min.

 

 

 

FuBs Klassikbox: Die Wendeltreppe (1946)

Robert Siodmaks „Die Wendeltreppe“ ist nicht nur einer der bekanntesten Klassiker des Film Noir, sondern zugleich Ursprung des späteren Giallo der 60er und 70er Jahre, sodass manche Filmhistoriker Siodmaks Meisterwerk gerne auch als „Ur-Giallo“ bezeichnen.

Der Film basiert auf dem Bestseller „Some must watch“ der Schriftstellerin Ethel Lina White (1876 – 1944), deren Romane vor allem im englischsprachigen Raum großen Anklang fanden, in Deutschland jedoch nur wenig publiziert wurden. Siodmaks Adaption handelt von der stummen Helen, die als Hausmädchen in einem abgelegenen Haus tätig ist, wo sie sich vor allem um die bettlegrige Mrs. Warren kümmert. Ebenfalls in dem Haus wohnen die beiden Söhne von Mrs Warren, Albert und Steven, sowie Alberts Sekretärin Blanche.

Eines Tages geschieht in einem Hotel ein grausamer Mord an einer behinderten Frau. Der Mörder kann nicht gefasst werden, doch scheint alles darauf hinzudeuten, dass er Helen bis zu dem Haus der Warrens gefolgt ist. Tatsächlich geschehen dort plötzlich seltsame Dinge, bis es schließlich zu einem weiteren Mord kommt …

Die teils extreme Optik diente als Vorbild für die späteren Giallo-Filme; „Die Wendeltreppe“ (1946); Copyright: Anchor Bay

Ein Mörder, der es auf entstellte und behinderte Frauen abgesehen hat, schon allein das war für die damalige Zeit harter Tobak. Doch ging Meisterregisseur Robert Siodmak noch einen Schritt weiter. Denn um das Extreme der Handlung nochmals zu unterstreichen, setzte er in seinem Film verstörende Nahaufnahmen ein und verwendete stellenweise eine Optik, die zu fast surrealen, traumartigen Bildern führen. Die Optik wirkte für die damalige Zeit geradezu radikal. Auch heute hat sie rein gar nichts von ihrer unglaublichen Wucht verloren.

So zeigt Siodmak extreme Nahaufnahmen vom Auge des psychopathischen Mörders, während dieser sein Opfer beobachtet. Gleich am Anfang, als die oben erwähnte Frau ermordet wird, sieht man deren in die Höhe gestreckten Hände, wie diese sich auf fast schon unnatürliche Weise verkrampfen. In einer weiteren Szene ist es ein schwarz gekleideter Mann, der Helen auf sonderbare Weise folgt, als diese im beginnenden Unwetter über den Hof zum Eingang des Hauses rennt. Dieser Hang zum Surrealen beeinflusste 20 Jahre später die italienischen Horror- und Giallo-Regisseure, allen voran Mario Bava und Dario Argento.

Licht und Schatten: Film Noir in Reinform; „Die Wendeltreppe“ (1946); Copyright: Anchor Bay

Tatsächlich übernahmen beide viele Aspekte von „Die Wendeltreppe“ in ihre eigenen Filme. So unter anderem auch das Markenzeichen des Giallo: den schwarzen Handschuh. Dario Argento zitierte in „Tenebre“ (1982) die berühmte Szene aus „Die Wendeltreppe“, in der Helen einen Zaun entlanggeht, während der Gewittersturm losbricht. Um sich Mut zu machen, verursacht Helen mit einem Stock, den sie gegen den Zaun schlägt, selbst Geräusche. Argento verändert diese Szene in „Tenebre“ insoweit, indem er hinter dem Zaun einen aggressiven Hund hochspringen lässt, der plötzlich auf die junge Frau Jagd macht.

Um die Handlung noch zu verdichten, lässt Robert Siodmak seinen Film in einer einzigen Gewitternacht spielen. Auf diese Weise drängen sich die Zwischenfälle, ohne dass der Zuschauer die Möglichkeit bekommt, zwischendurch zur Ruhe zu kommen. Die Spannung wird durch den Umstand zusätzlich angestachelt, da man unweigerlich beginnt, mitzurätseln, wer denn nun der Mörder ist. All dies macht „Die Wendeltreppe“ auch heute noch zu einem extrem packenden und fasziniernden Filmerlebnis.

Die Wendeltreppe (OT: The Spiral Staircase). Regie: Robert Siodmak, Drehbuch: Mel Dinelli, Produktion: Dore Schary, Darsteller: Dorothy McGuire, George Brent, Ethel Barrymore, Kent Smith, Gordon Oliver, Rhonda Flemin. USA 1946, 99 Min.

Frauen bis zum Wahnsinn gequält oder Giallo at its best

frauen1In den 70er Jahren hatten die deutschen Vertriebe noch wirklich Fantasie, wenn es um Verleihtitel ging, besonders dann, wenn die entsprechenden Filme nur in Bahnhofkinos vorgeführt wurden. „Frauen bis zum Wahnsinn gequält“ ist dann auch der Titel eines Films, der im Original Le foto proibite di una signora per bene heißt, was in etwa „Das verbotene Foto einer angesehenen Frau“ bedeutet.

Es geht darin um Minou, die Frau eines Firmenchefs, die eines Abends bei einem Strandspaziergang plötzlich von einem Unbekannten überfallen wird. Dieser behauptet, ihr Mann sei ein Mörder. Tatsächlich starb ein Gläubiger der Firma ihres Mannes auf seltsame Weise. Wenige Tage später bekommt es Minou erneut mit dem fremden Mann zu tun. Am Telefon teilt er ihr mit, dass sie zu ihm kommen soll, da er sonst ein Tonband an die Polizei schicken werde, auf dem zu hören ist, wie sich ihr Mann über den Mord an den Gläubiger mit jemand anderem unterhält. In der Hoffnung, dass sie das Tonband erhält, sucht sie die Wohnung auf, wo sie der Mann zwingt, sich ihm in SM-Manier zu unterwerfen. Minou weiht daraufhin ihre beste Freundin Dominique in die Angelegenheit ein. Diese glaubt, dass der Mann mehr Geld erpressen möchte. Doch die Situation spitzt sich zu, als der Fremde in Minous Haus eindringt …

Das Plakat des Films suggeriert, dass man es hier mit einem Erotik-Thriller zu tun hat. Doch wird dies dem Film in keiner Weise gerecht, denn Regisseur Luciano Ercoli schuf mit Le foto proibite di una signora per bene, eher eine Mischung aus Krimi und Thriller, der in manchen Szenen durchaus an Hitchcock erinnert und vor allem, im Hinblick auf Erotik, eher mit Andeutungen spielt, diese jedoch intensiv zu nutzen weiß. Das Leben Minous gerät von einer Sekunde auf die andere aus den Fugen, wird regelrecht zu einem Albtraum. Wirklich toll inszeniert Ercoli hierbei den Übergang vom normalen Leben Minous hin zu Angst, Verstörung und Gewalt. Geradezu surreal erscheint die erste Begegnung mit dem Fremden, wenn Minou im blau-violett-farbenen Licht über die einsame Strandpromenade spaziert und ihr auf einmal ein Motorradfahrer folgt.

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Minou (Dagmar Lassander) betritt die Wohnung des Fremden.

Von da an geht es beinahe Schlag auf Schlag. Die Frage, die sich Minou und der Zuschauer stellt, lautet, ob Minous Mann tatsächlich ein Mörder ist. Noch mysteriöser wird es, als Minou auf einem der Fotos, die Dominique ihr zeigt, der fremde Mann zu sehen ist. Steckt etwa Minous beste Freundin hinter den Erpressungsversuchen?

Ercoli schafft mit seinem Thriller ein gelungenes Spiel, in dem im Grunde genommen jeder verdächtig ist. Auf diese Weise gelingen ihm immer wieder äußerst überraschende Wendungen, welche die Spannung jedes Mal noch um einen weiteren Grad erhöhen. Auch Minou ist von der Rätselhaftigkeit, welche die Figuren umgibt, nicht ausgeschlossen, ist sie letztendlich den SM-Spielchen des fremden Mannes keineswegs abgetan. So offenbart sich auch bei der eigentlichen Hauptfigur ein doppelter Boden. Auch hier zeigt sich Ercoli wieder als Meister, wenn er Minou die Wohnung des Fremden betreten lässt: satte rote Farben, tiefe Schatten und ein surreales Interieur, bei dem weiße Hände aus Pfeilern und Wänden ragen.

„Frauen bis zum Wahnsinn gequält“ besitzt damit die Eigenschaften eines typischen Giallos (das von Mario Bava ins Leben gerufene italienische Thriller-Mystery-Genre), in dem es stets um rätselhaften Mord, zwielichtige Figuren und unheimliche Zwischenfälle geht. Die Qualität bei diesen Filmen ist natürlich sehr unterschiedlich. Ercolis Film gehört hierbei ganz klar zur Spitzenklasse dieses Genres und zählt neben Bavas und Argentos Thrillern zu den wichtigsten Beiträgen.

Frauen bis zum Wahnsinn gequält (OT: Le foto proibite di una signora per bene). Regie u.  Produktion: Luciano Ercoli, Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Darsteller: Dagmar Lassander, Pier Paolo Capponi, Nieves Navarro, Simon Andreu. Italien 1970, 96 Min.

Trash der 60er (6): Die drei Gesichter der Furcht

dreigesichterderfurchtItaliens Filmindustrie war in den 60er Jahren dank der Herkules-Filme im Aufwind. Parallel zu den Sandalenfilmen produzierte man zunehmend auch Horrorfilme, wobei vor allem die Filme Mario Bavas international Aufsehen erregten. Der Erfolg führte dazu, dass die US-amerikanische Produktionsfirma American International Pictures italienischen Firmen mehrere Filme in Auftrag gab, um dadurch auf dem Erfolg mitschwimmen zu können.

Einer dieser Filme war „Die drei Gesichter der Furcht“ aus dem Jahr 1963, der in den USA unter dem Titel „Black Sabbath“ in die Kinos kam. Es handelt sich dabei um eine Anthologie, bestehend aus drei kürzeren Filmen, die von den Klassikern Guy de Maupassaunt und Aleksey Tolstoy inspiriert wurden. Die Titel der drei Filme lauten „Telefon“, „Wurdulack“ und „Der Wassertropfen“. Während es sich bei „Telefon“ um einen Giallo handelt, sind die beiden anderen Filme reine Horrorfilme.

„Telefon“ erzählt die Geschichte von Rosy, einem Calldirl, das nachts plötzlich ominöse Anrufe erhält. Ihr früherer Freund Frank ist aus dem Gefängnis geflohen und droht Rosy nun damit, sie umzubringen, da sie ihn verraten hat. Aus Angst bittet Rosy ihre Freundin Mary darum, die Nacht bei ihr zu verbringen. Doch dann taucht Frank tatsächlich auf …

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Rosy (Michele Mercier) erhält einen ominösen Anruf. In „Drei Gesichter der Furcht“ (1963).

In „Telefon“ geht es um Rache, um Täuschung und um eine angedeutete lesbische Liebesbeziehung. Bava zeigte in dem Film, dass er auch hervorragende Thriller drehen konnte, die im Vergleich zu Hitchcock in nichts nachstanden. Der einzige Unterschied: die erotischen Zwischentöne sind bei Bava weitaus direkter. In „Telefon“ beherrscht die unterschwellige Erotik den ganzen Film, schafft dadurch neben der dichten Spannung eine zusätzliche Sinnlichkeit, die von der Gestik der Darstellerinnen bis hin zur Farbgebung und Beleuchtung alles vereinnahmt. So gesehen ist „Telefon“ ein echtes, kleines Meisterwerk.

„Der Wurdulak“ orieniert sich ziemlich genau an der Erzählung „Die Rache des Wurdulak“ des Schriftstellers Aleksey Tolstoy (nicht zu verwechseln mit dem „Krieg und Frieden“-Tolstoy). Ein anderes bekanntes Werk Tolstoys ist der Marsroman „Aelita“. In Film und Erzählung geht es um einen Reisenden, der zu einem abgelegenen Haus kommt. Da es schon spät ist, bittet der Reisende die Bewohner darum, in dem Haus übernachten zu dürfen. Dabei stellt sich heraus, dass die Bewohner befürchten, noch in derselben Nacht von einem Vampir heimgesucht zu werden …

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Der Wurdulak nähert sich dem Haus. In „Drei Gesichter der Furcht“ (1963).

„Der Wurdulak“ ist ein spannender, unheimlicher und recht drastisch in Szene gesetzter Horrorfilm. Im Gegensatz zu den damaligen Horrorfilmen aus Hollywood, zeigten die italienischen Filme mehr Blut und Gewalt. Boris Karloff spielte den Wurdulak, der eigentlich der Vater der Familie ist, die in dem Haus wohnt, und nun als Vampir zurückkehrt. Es wird erstochen und geköpft, die in Angst lebende Familie geht dabei zu Grunde, die einzelnen Mitglieder verwandeln sich nach und nach selbst zu Vampiren. Der Film ist zum einen sehr düster, zum anderen hoch spannend und entwickelt eine wunderschöne Gruselästhetik, die weit über das Können der US-Kollegen hinausragt.

„Der Wassertropfen“ schließlich erzählt die Geschichte einer Krankenschwester, die in einer Gewitternacht in das unheimliche Haus eines Mediums geholt wird, die während einer ihrer Sitzungen gestorben ist. Da die Krankenschwester nichts mehr für die Frau tun kann, macht sie den leblosen Körper zurecht, bevor er von den Sanitätern abgeholt wird. Dabei stielt sie einen Ring. Wieder zuhause, hört sie immer wieder das Tropfen von Wasser. Und schließlich erscheint der schreckliche Leichnam in ihrer Wohnung …

Der letzte Film der Anthologie hat es in sich. Zum einen ist wiederum die Story überaus spannend und dicht umgesetzt. Hinzu kommt Bavas Spiel mit Licht und Farben, das die einzelnen Szenen teilweise surreal erscheinen lässt. Das Augenmerkt aber liegt vor allem auf dem Leichnam des Mediums, dessen verzerrtes Gesicht einem auch heute noch eine Gänsehaut über den Rücken laufen lässt. Mario Bavas Vater hatte diese gruselige Puppe aus Wachs gefertigt.

Während „Die drei Gesichter der Furcht“ in Italien und anderen europäischen Ländern ungeschnitten gezeigt wurde, musste der Film für den US-amerikanischen Filmmarkt gekürzt werden, da, wie vorhin bereits bemerkt, manche Anspielungen und Darstellungen zu direkt und zu brutal waren. Dennoch wurde der Film ein großer Erfolg.