Und Schuld daran sind nur die Horrorfilme – Horror als einfache Erklärung für komplizierte Tatsachen

hellraiserEs ist alles andere als eine Neuigkeit, dass Horrorfilmen ein schlechtes Image anhaftet. Dieses Image prägt das Genre praktisch seit Anbeginn des Films. Damals wie heute waren bzw. sind es vor allem Pädagogen, die auf die angebliche schädliche Wirkung von Horrorfilmen aufmerksam machen. Manchmal gezwungen objektiv, manchmal offen hysterisch ziehen sie gegen das Genre ins Feld. Dabei stellt sich jedoch die Frage, ob Horrorfilme tatsächlich einen schädlichen Einfluss auf Rezipienten ausüben.

Interessanterweise nämlich ist diese Frage überhaupt nicht geklärt. Es gibt lediglich Vermutungen und eine Reihe dubioser Statistiken, mit denen dieser negative Einfluss belegt werden soll. Dies ist nicht nur in Deutschland so. Auch in den USA gehen vor allem Elternverbände immer wieder gerne gegen Horrorfilme vor, indem sie diese verbieten lassen wollen. In Südkorea konnten wir mit Studenten über dieses Thema diskutieren und erfuhren, dass auch dort die Behauptung des negativen Einflusses von Horrorfilmen auf (vor allem) Kinder und Jugendliche besteht.

Was innerhalb der in Deutschland geführten Diskussion auffällt, ist, dass in der pädagogischen Fachliteratur, die sich gegen Horrorfilme wendet, auf das eigentliche Wesen des Horrorfilms überhaupt nicht eingegangen wird. Die Analysen, mit denen gezeigt werden soll, wie schlimm diese Filme seien, veranschaulichen vor allem, dass die jeweiligen Autoren die Filme nicht verstanden haben. Eine Entschlüsselung der filmischen Codes ist genauso wenig in den Analysen enthalten wie eine Eingliederung in das Genre als solches. Mitte der 80er Jahte traf die Kritik vor allem Clive Barkers „Hellraiser“. Die Figur Pinhead wurde einfach als Wesen „mit Nadeln auf dem Kopf“ beschrieben – und dies sei schon schlimm genug. Kein Wort zur Ästhetik, keine soziokulturelle Hinterfragung der Darstellungen.

Der Satz „Mama, Papa, Zombie“, der Anfang der 80er Jahre im Laufe der Zunahme von Direct-to-Video-Productions aufkam, unterstreicht nochmals die Hysterie, die damals vorherrschte und heute kaum geringer geworden ist. Der Filmwissenschaftler Rick Altman schreibt in seinem Buch Film/Genre, dass es einfacher sei, Horrorfilmen die Schuld an sozialen Konflikten zu geben als den tatsächlichen sozialen Problemen, die für die tatsächliche Gewalt verantwortlich ist.

evildeadIn Deutschland wird durch die FSK-Regelung Rezipienten eine Hilfestellung bei Entscheidungsprozessen gegeben. Zugleich wird Eltern dadurch vermittelt, welche Filme ihre Kinder unbedenklich sehen können und welche nicht. Es wird dadurch klar, dass ein 12 jähriges Kind keinen Film sehen darf, der ein FSK 18-Siegel besitzt. Dass manche Kinder dann doch Filme sehen, die für ihr Alter nicht geeignet sind, dafür sind nicht die Horrorfilme schuld, sondern diejenigen Personen, die auf ihre Kinder und das, was sie sehen, aufpassen müssen oder – provokativer formuliert – sollten. Dass im Internet Dinge zu sehen sind, die für die Augen von Kindern und empfindliche Personen nicht geeignet sind, ist eine Tatsache. Aber hier sind nicht die Horrorfilme schuld, sondern diejenigen, die nicht auf das achten, was die jeweiligen Personen medial konsumieren.

Wenn ein Erwachsener weiß, dass ihn die Darstellungen in Horrorfilmen verstören, ist er quasi selbst schuld, wenn er sich einen ansieht. Bei Kindern ist es das komplizierter. Es ist klar, dass aufgrund der modernen Arbeitswelt, in der in vielen Familien beide Eltern arbeiten müssen, die Erziehung der Kinder manchmal auf der Strecke bleibt. Aber daran sind nicht die Horrorfilme schuld, sondern die derzeitge soziale Situation. Hätten Eltern mehr Zeit für ihre Kinder, könnten sie besser kontrollieren, was sich ihre Kinder im Internet oder im Fernsehen anschauen.

Die Schuld für zunehmende Gewalt unter Kindern und Jugendlichen auf Horrorfilme zu schieben, ist eine einfache und vor allem bequeme Lösung, die aber die sozialen Ursachen für diese zunehmende Konflikthaftigkeit verschleiern. Andere, sinnhafte Lösungen sind gefragt, als einfach Horrorfilme zu verbieten. Horror ist in allererster Linie eine Kunstform und damit eine mögliche Form, sich auszudrücken. Nicht mehr und nicht weniger.