64 – Der japanische Polizeiroman

10 Jahre lang schrieb Hideo Yokoyama an seinem Kriminalroman „64“. 2013 in Japan veröffentlicht, erscheint er nun auch in Deutschland. Allerdings aus dem Englischen übersetzt und nicht aus dem Japanischen. Und bei Yokoyamas 760-seitigen Werk liegt die Betonung auf Roman und weniger auf Krimi.

„64“ entwickelte sich in Japan schnell zum Bestseller, bevor er auch in den USA auf viel Beachtung stieß. Es geht um Mikami, den Pressesprecher der Polizei, dessen Tochter Ayumi spurlos verschwunden ist. Bisher ist nicht klar, ob sie entführt wurde oder von zuhause abgehauen ist. Exakt vor 14 Jahren ereignete sich eine Entführung, bei der so ziemlich alles schief ging, was nur schiefgehen kann. Der Täter wurde nie gefasst, das Opfer, ein kleines Mädchen, wurde von ihm ermordet.

Dieses traurige Jubiläum nimmt der Polizeipräsident zum Anlass, um den Vater des getöteten Mädchens zu besuchen – nichts anderes als eine PR-Maßnahme, um das Image der Polizei aufzupolieren. Mikami, der den Besuch vorbereiten soll und der vor 14 Jahren an dem Fall mitgearbeitet hat, stößt plötzlich auf die Spur eines ominösen Koda-Memos, in dem Einzelheiten über den damaligen Fall enthalten sein sollen, die für mehr als nur einen Skandal sorgen könnten.

Bei seinen Recherchen prallt Mikami jedoch auf eine Mauer des Schweigens. Zugleich kommt es innerhalb der Polizei zu heftigen Intrigen, was dazu führt, dass Mikami immer mehr zwischen die Fronten gerät.

Soweit die Handlung. Wer sich einen spannenden Krimi erhofft, der wird das Buch mit Sicherheit nach wenigen Seiten beenden. Beinahe hätte ich mich ebenfalls geschlagen gegeben, denn die ersten 70 Seiten beschäftigen sich mit nichts anderem als mit einem Streit zwischen Journalisten und der Pressestelle. All dies ist – so paradox dies klingt – einerseits recht zäh, andererseits aber auch aufgrund seiner Komplexität und Detailliertheit faszinierend, da es einen unglaublich direkten Einblick in die Arbeit der japanischen Presse und der Polizei gibt.

Erst danach kommt so etwas wie kriminalistische Spannung auf, die allerdings immer wieder verpufft. Der Grund: Hideo Yokoyama geht es nicht um einen Kriminalfall, sondern um eine harsche Kritik an der Sensationspresse als auch an den Machtspielchen im Polizeiapparat. Besonders letzteres, verbunden mit starren Hierarchien, sorgt für eine fast völlige Ineffizienz. Den höheren Beamten aber ist dies egal, so lange sie ihre Posten behalten. Erst wenn die Dinge drohen, sich zu verändern, kommt bei ihnen Panik auf.

Ich kann mir denken, dass „64“ in Japan genau deswegen so erfolgreich gewesen ist. Yokoyama kritisiert mit dem Beispiel der Polizei die gesamte japanische Berufswelt auf so vehemente Weise, dass den Lesern wahrscheinlich die Luft weggeblieben ist. Selbst Journalist, wusste der Autor aus erster Hand, worüber er schreibt. Er rüttelt an den Grundstrukturen der japanischen Gesellschaft und zeigt Inkompetenz und Feigheit auf, die zu kaum noch nachzuvollziehenden Beziehungsmustern in den höchsten Verwaltungsebenen werden.

„64“ ist daher einerseits eine bitterböse Satire, andererseits aber auch ein Fingerzeig, wie es besser gehen könnte. Denn nach und nach beginnt Mikami selbst dieses System zu hinterfragen und erst dadurch kommt Bewegung in die Sache.

Das Manko des Romans ist, dass Yokoyama sich so sehr mit dieser Thematik beschäftigt, dass er das Verschwinden Ayumis an den Rand drängt. Auf diese Weise ist auch Mikamis Verhalten nicht ganz nachzuvollziehen. Statt nach seiner Tochter zu suchen, steigert er sich voll und ganz in seine Arbeit hinein. Ein westlicher Roman hätte in dieser Hinsicht völlig anders funktioniert. Möglich, dass auch Mikamis Verhalten als Kritikpunkt an der japanischen Arbeitswelt gilt, opfert er sich doch praktisch für seinen Beruf, wodurch Ayumi auch zu einer Art (abstrakten) Opfer wird.

So entwickelt sich „64“ dann auch erst in den letzten 150 Seiten zu einem echten Kriminalroman, dann nämlich, wenn es zu einer weiteren Entführung kommt, die nach demselben Muster abläuft wie vor 14 Jahren. Diese letzten Seiten sind unglaublich spannend geschildert, sodass man über diese Seiten regelrecht hinwegrast. Bis dahin aber muss man sich durch viele Seiten Verwaltungsintrigen kämpfen. Was bleibt, ist ein dicker Wälzer, der zwar aufgrund seiner Detailliertheit und der darin enthaltenen Gesellschaftskritik beeindruckt, der einen aber zugleich ein bisschen ratlos zurückläßt.

Hideo Yokoyama. 64. Atrium Verlag 2019, 760 Seiten, 14,00 Euro

Die Überfahrt – Mats Strandbergs Horrorsatire

Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön … – Das denken auch die Passagiere der Fähre Baltic Charisma, die an Bord vor allem zwei Dinge wollen: Alkohol und Sex. Denn dafür ist die Autofähre berühmt wie berüchtigt. Auf jeder Reise finden dort ausufernde Partys statt, es kommt zu Schlägereien und so ziemlich jeder benimmt sich daneben. Ebenfalls bekannt ist, dass die Passagiere in der Hauptsache aus einfachen Leuten und Proleten bestehen. Alle anderen, die etwas auf sich halten, nehmen lieber ein anderes Schiff. Doch bei der jetzigen Fahrt läuft alles anders. Denn zwei Vampire haben sich an Bord geschlichen, die mit den alkoholisierten Passagieren kurzen Prozess machen.

Was Mats Strandbergs erster Horrorroman vor allem ist, ist eine gelungene Satire. Strandberg lässt kein gutes Haar an seinen Landsleuten, die sich durch die Bank weg daneben benehmen. Es wird nur noch gekotzt, gepöbelt, gesoffen und gerammelt, sodass einer der Mitarbeiter bemerkt, dass sich bei jeder Fahrt fast alle Passagiere an Bord in Urmenschen verwandeln. Am gelungensten hierbei sind die Beschreibungen des ehemaligen Schlagerstars Dan Appelgreen, der nun als Witzfigur für die Abendunterhaltung herhalten muss, indem er Karaokewettbewerbe moderiert. In den jeweiligen Kapiteln zeigt sich der Autor in Bestform, da er mit einem Wisch jeweils eine große Bandbreite an Kritik und Spott loswerden kann.

Strandberg erweist sich dabei als ein minutiöser Beobachter, was wirklich beachtlich ist. Fast scheint es so, als würde er das beschreiben, was er selbst einmal auf einer Fähre erlebt hat. Das Verhalten und die jeweiligen Reaktionen der Figuren sind hervorragend geschildert, sodass es beinahe wirkt, als würde man einer Dokumentation über den Alltag auf einer Fähre beiwohnen. Hier überzeugt Mats Strandberg auf ganzer Linie und dies ist es auch, was den Roman spannend und interessant macht.

Neben der köstlichen Satire tritt allerdings auch eine vehemente Gesellschaftskritik zutage. Der Autor nimmt das Leben auf der Fähre als eine Art Sinnbild für den aktuellen Zustand unserer Gesellschaft. Was er dabei sieht, sind zerborchene Existenzen, kaputte Familien, Gewalt, Roheit – eine Gesellschaft, die sich praktisch selbst zerstört, wie es in dem Roman interessanterweise mehrmals heißt.

Doch dann kommt der Dämpfer. Denn diese durchaus düstere, dennoch immer wieder witzige Satire, verbunden mit einem treffsicheren Spott, würzt Strandberg mit der Handlung eines Horrorromans. Nach und nach werden die Passagiere Opfer zweier Vampire, bevor sie sich selbst in Vampire verwandeln. Was zunächst ebenfalls seinen Witz hat (Grusel sucht man in dem Roman vergeblich), wird jedoch in der zweiten Hälfte des Romans zu einer Art bloßen Aneinanderreihung an blutigen Geschehnissen, die zunehmend langweilen, da sie alle exakt nach dem gleichen Muster ablaufen.

Ein wenig mehr Einfallsreichtum hätten den Horrormomenten durchaus gut getan, so aber präsentiert Strandberg lediglich einen uninspirierten Hollywood-Vampirismus, indem sich die Verwandlungen genauso ereignen wie in Zombie- oder eben Vampirfilmen. Zwar schimmern auch in der zweiten Romanhälfte immer mal wieder satirische Aspekte hindurch, besonders wenn es um den ehemaligen Schlagerstar geht, doch helfen diese nicht, um den Roman zurück in sein ursprüngliches Fahrwasser zu bringen.

Aus diesem Grund hat Mats Strandberg zwar eine geniale und lesenswerte Satire geschaffen, als Horrorautor aber muss er eindeutig noch üben.

Mats Strandberg. Die Überfahrt. Fischer/TOR 2017, 506 Seiten, 14,99 Euro, ISBN: 978-3-596-29599-9