Graue Literatur oder Einmal Abgrenzung bitte

Graue Literatur„Graue Literatur“. In Akademikerkreisen scheint dies schon so etwas wie ein Schimpfwort zu sein. Wer „graue Literatur“ verfasst, gehört nicht zum Kreis der Auserwählten, wird spöttisch belächelt und nicht ernst genommen. Da stellt sich natürlich die Frage, ob eben jene, die mit diesem Begriff eine gewisse Grenzlinie zu ihrem angeblichen Können ziehen, so etwas wie „bunte Literatur“ kreieren.

Nein, dieses Mal sind es nicht die nur die Medienwissenschaftler, auf denen wir mit Vorliebe herumhacken. Dieses Mal gehören auch Geistes- und Sozialwissenschaften dazu. Alle drei „Wissenschaften“ haben es im Grunde genommen schwer. Das, was sie erforschen, untersucht eigentlich fast jeder. Also musste als erstes ein möglichst unnötig kompliziertes Fachjargon her, um sich von der Masse der Laien abzugrenzen (bereits der amerikanische Soziologe Herbert Blumer verwies in den 50er Jahren auf dieses Problem). Dies geht soweit, dass ein Sozialwissenschaftler (dessen Namen wir aus Rücksichtnahme nicht nennen wollen) statt „zeitlich begrenzt“ stets „temporär determiniert“ schrieb.

Doch dabei blieb man nicht stehen. Spätestens seit unsere „Experten“ gemerkt haben, dass es viele Personen gibt, die sich in ihrer Freizeit mit denselben Themen beschäftigen und sogar darüber Fachartikel schreiben, musste eine weitere Abgrenzung her. Diese wurde in dem Begriff „Graue Literatur“ gefunden. Damit sind Artikel und Essays gemeint, die nicht in einem der akademischen Fachmagzine erscheinen, sondern auf Internetseiten oder in populärwissenschaftlichen Magazinen. Damit einher geht die Annahme, dass Texte, die nicht in einem Fachmagazin erscheinen, auch kein ernst zunehmendes Fachwissen beinhalten können bzw. voller Fehler stecken.

Leider haben sich da unsere „Experten“ ziemlich in den Finger geschnitten. Die sogenannte „Graue Literatur“ beinhaltet zum großen Teil sorgfältig recherchierte Texte mit Quellenangaben. Die Inhalte unterscheiden sich nicht von akademischer Fachliteratur, mit der Ausnahme, dass die von Hobbywissenschaftlern geschriebenen Artikel einen besseren Schreibstil vorweisen und auch bestens zu unterhalten wissen. Fachwissen muss nicht trocken sein. Es kann durchaus spannend dokumentiert werden.

Eigentlich ist es geradezu armselig, dass manche Geistes- und Sozialwissenschaftler diese Abgrenzung vollziehen. Sie wollen kein anderes Wissen gelten lassen als ihr eigenes, laufen also ein Expertenleben lang mit den sprichwörtlichen Scheuklappen herum. Eine ernste Berücksichtigung der „Grauen Literatur“ würde viel zur Bereicherung dieser Wissenschaften beitragen. Mit Sicherheit findet sich sowieso unter den „Experten“ jemand, der heimlich von diesen Texten abschreibt, um es als seinen eigenen „Mist“ zu verkaufen. Das ist nichts Neues und wird es immer geben. Wichtig wäre es aber, die durch nichts legitimierte Abgrenzung abzuschaffen und vom Wissen der Hobbywissenschaftler zu profitieren. Und zwar in dem Sinne, dass diese Artikel und Essays ernst genommen werden und mit in die Diskussion einfließen. Leider aber ist das oben erwähnte Scheuklappendenken in diesen Bereichen zu sehr verbreitet, als dass es zu einem solchen Wandel kommen könnte. Nennen wir es daher einfach ein utopisches Wunschdenken.

Wider die Langeweile oder Wieso darf Fachliteratur nicht unterhaltsam sein?

Fachliteratur. Viele Leute, die diesen Begriff hören, denken an trockene Texte, die kein Mensch versteht – vielleicht auch gar nicht verstehen will, da der Text den Leser eher dazu bringt, einzuschlafen. Vor allem Artikel und Bücher aus den Bereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften neigen dazu, tatsächlich trocken und langatmig zu sein. In diesen Fächern scheint es eine ungeschriebene Regel zu sein, dass nur trockene, völlig humorlose Texte wissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln können. Wehe es kommt jemand auf die Idee, ironisch zu werden oder den ein oder anderen Gag einzufügen. Dieser Autor wird verachtet und nicht ernst genommen. Wahrscheinlich werden seine Theorien dennoch von dem ein oder anderen Kollegen stillschweigend geklaut und als eigene Gedankenkonstruktion „verkauft“, doch dann natürlich wieder in jenem erschreckend trockenen, völlig uninteressanten Stil.

Die Situation lässt sich gut auf den Leser von Fachtexten übertragen.

Die Menge an Texten, die in den oben genannten Bereichen produziert wird, ist enorm, und nur die wenigsten werden überhaupt wahrgenommen. Es ist tragisch, dass es gerade langweilige Texte sind, welche rezipiert und zitiert werden. Die gelungenen Texte dagegen, also die Artikel und Bücher, die mit einem gewissen Schwung wissenschaftliche Probleme bearbeiten, werden stillschweigend unter den Teppich gekehrt. Aber wieso ist das so? Aus welchem Grund muss wissenschaftliche Fachliteratur langweilig und humorlos sein? Paul Feyerabend stellte einmal die Frage, ob eine wissenschaftliche Theorie sich verändern würde, wenn man sie mit Gitarrengeklimper untermalte. Seine ironische Bemerkung lässt sich genauso gut auf die Frage übertragen, ob wissenschaftliche Fachtexte anders wären, wenn sie unterhalten würden.

Wenn jemand der Meinung ist, dass Fachliteratur Erkenntnisse vermitteln, aber nicht unterhalten soll, so liegt er sicherlich falsch. Gerade Fachliteratur sollte zusätzlich den Leser unterhalten. Viele, ja sehr viele Texte, die im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich veröffentlicht werden, sind vollkommen überflüssig. Sie liefern keine neuen Erkenntnisse, sondern fassen Bisheriges zusammen, nur um am Ende  – als einer Art Pointe – ein oder zwei Sätze eigener Gedanken hinzuzufügen. Dies ist so, da Originalität in den Geistes- und Sozialwissenschaften nicht gefragt ist. Da dies so ist, so sollte die Ansammlung an unorigineller Fachliteratur doch bitte mindestens unterhaltsam sein, damit man sich nachher nicht zu sehr darüber ärgert, einen weiteren dieser Texte gelesen zu haben. Der Inhalt wissenschaftlicher Texte ändert sich nicht dadurch, da jemand diesen mit einem gewissen Witz bearbeitet. Im Gegenteil, die Leser werden dadurch noch mehr angeregt, über das Geschriebene nachzudenken. Wieso also keine Texte verfassen, die in einem netten Plauderton Annahmen, Theorien und historische Fakten abarbeiten? Die Theorien, Annahmen und Fakten ändern sich dadurch nicht, sie werden nur lesbarer gemacht. Sie kommen den Lesern und den Studenten, die sich damit herumquälen müssen, entgegen. Fachliteraur könnte also durchaus unterhaltsam sein. Es ist jedoch zu befürchten, dass es lange dauern wird, bis es soweit ist.