Geschichte des Fräuleins von Sternheim – Der erste deutsche Frauenroman

Ausgabe im dtv-Verlag

Sophie von La Roche (1730 – 1807) war mit Goethe und Schiller befreundet und Christoph Martin Wieland, der sich bis über beide Ohren in sie verliebt hatte, war ihr Cousin. Im Jahr 1771 verhalf er ihr zur Veröffentlichung ihres ersten Romans „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“, der sogleich zu einem damaligen Bestseller wurde und heute als erster Frauenroman in der deutschen Literatur bezeichnet wird.

Mit Sicherheit kann der enorme Erfolg des Romans auch dadurch erklärt werden, da Geheimrat Goethe kräftig die Werbetrommel rührte. Von ihren späteren Büchern war er weniger begeistert. „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ kann als eine Art Mischung aus Jane Austen und Choderlos de Laclos bezeichnet werden, wobei allerdings der Witz Austens und die Heftigkeit Laclos‘ bei Sophie von La Roche weniger ausgeprägt sind.

Es geht um Sophie von Sternheim, die von ihrem Onkel und ihrer Tante an den Hof des Fürsten gebracht wird, nachdem ihre Eltern gestorben sind. Ihr Onkel erhofft sich dadurch, beim Fürsten eine gute Stellung zu erhalten, indem er diesem Sophie als Mätresse anbietet.

Sophie von La Roche (1730 – 1807); Quelle: Wikipedia

Sophie jedoch hat ganz andere Interessen. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Armen zu helfen und setzt dabei verschiedene soziale Projekte in Gang. Hoch gebildet, besitzt sie dennoch ein naives Menschenbild, sodass sie die Machenschaften ihres Onkels nicht gleich durchschaut. Da scheint der englische Lord Derby ihre Rettung zu sein. Er gibt vor, sich ebenfalls für die Armen einsetzen zu wollen, in Wirklichkeit aber möchte er Sophie lediglich ins Bett bekommen.

Für diesen Zweck fingiert er eine gemeinsame Hochzeit, wobei ein Betrüger als Priester agiert. Auch hier durchschaut Sophie zu spät, was für ein widerlicher und bösartiger Mensch Lord Derby ist, der bereits eine Vielzahl Frauen durch seine Betrügereien auf dem Gewissen hat. Sophie hofft, ihm zu entkommen, doch als Lord Derby eine weitere Boshaftigkeit verfolgt und sie ihm dabei durch Zufall in die Quere kommt, hat er Übles mit ihr vor.

Man merkt, der Roman erzählt eine sehr aufregende Geschichte, die anfangs zwar ein wenig zäh daher kommt, doch nach und nach immer mehr an Spannung gewinnt. Vor allem interessant ist hierbei Sophie von La Roches Blick auf die Lebensumstände der armen Leute. Nicht weniger interessant ist, dass „die Sternheim“ den Menschen zwar helfen möchte, aber zum Beispiel es mit der Bildung bei ihnen nicht zu weit treiben möchte, sondern den Töchtern der Familie gerade nur die Grundlagen des Rechnens und des Lesens beibringen will, damit sie vor allem gute Haushälterinen werden.

Wie oben bereits bemerkt, findet man in „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ in manchen Szenen durchaus Ähnlichkeiten mit Jane Austens Spott auf ihre Gesellschaftsschicht. Dies macht sich bei La Roche vor allem in dem Teil des Romans bemerkbar, der am Hof des Fürsten spielt. Sophie scheint die einzige zu sein, die sich für Literatur und Wissenschaft interessiert, alle anderen ergehen sich in oberflächlichen Klatsch. Als ein bekannter Intellektueller den Fürsten besucht, so wollen die Aldigen keineswegs von seinem Wissen oder seinen Gedanken profitieren, sondern gleich seine Meinung über ihre banalen Kitschromane hören.

Auch Sophie, die äußerst attraktiv ist, wird nicht wegen ihrer Bildung oder ihres sozialen Engagements beurteilt, sondern allein wegen ihres Aussehens. Ihre Tante schmeißt sogar Sophies philosophischen Bücher weg, damit sie sich endlich an die Gepflogenheiten am Hof des Fürsten anpasst.

Und dann ist da auch noch der psychopathisch veranlagte Lord Derby. Hier kommt eine Ähnlichkeit mit dem späteren Roman „Gefährliche Liebschaften“ von Laclos auf, denn Lord Derby ist ein widerlicher Lüstling, der nichts anderes vorhat, als hoch angesehene Frauen ins Verderben zu stürzen. Als man endlich hofft, dass sich Sophie von Derby befreien konnte und der Roman in eher ruhigerer Form Sophies Leben bei einer englischen Dame erzählt, kommt es plötzlich zum nächsten Paukenschlag.

„Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ ist eine sehr lesenswerte Lektüre, nicht nur deshalb, da sie interessante Einblicke in die damalige Lebenswelt liefert, sondern zudem eine recht spannende Geschichte erzählt. Sophie von La Roche wurde durch den Roman so bekannt und auch ihre späteren Bücher wurden so viel gelesen, dass sie als freie Schriftstellerin ihre Familie ernähren konnte.

Tess – Thomas Hardys berühmter Roman

Cover eine Ausgabe von 1893

Als Thomas Hardys Roman „Tess of the d’Urbervilles“ 1891 erschien löste er einen Skandal aus. Vor allem männliche Leser betrachteten den Roman als einen Angriff auf die vorherrschenden Moralvorstellungen. Der Unterttitel lautete „A pure Woman“ (eine reine Frau). Doch gerade an dieser Bezeichnung regten sich die damaligen Gemüter auf. Die Frage lautete, wie Hardy seine Heldin oder vielleicht besser Antiheldin als „rein“ bezeichnen kann, wenn sie doch vorehelichen Geschlechtsverkehr hat, ein uneheliches Kind zur Welt bringt und später einen Mann ermordet?

Tess Durbeyfield ist im Grunde genommen ein Opfer. Das Leben bei ihren Eltern in dem Dorf Marlott ändert sich praktisch von einer Sekunde auf die andere, als ihr Vater erfährt, dass er ein Nachfahre des ehemaligen Rittergeschlechts d’Uberville ist. Schnell versucht ihre Mutter, Mittel zu finden, um diese Erkenntnis finanziell auszunutzen. Tess wird kurzerhand in einen Nachbarort geschickt, wo angeblich weitere Nachfahren dieser Familie leben, welche jedoch im Gegensatz zu Tess’ Familie Gutsbesitzer sind. Sie begegnet Alec d’Urberville, einem niederträchtigen Lebemann, der ihre Unerfahrenheit ausnutzt. Tess stürzt dadurch in eine tiefe Krise, aus der sie sich nur langsam erholt. Auf einem Bauernhof versucht sie als Milchmagd ihre Vergangenheit zu vergessen.

Thomas Hardy (1840 – 1928)

Doch die Begegnung mit Angel Clare, der auf demselben Hof sein Wissen über landwirtschaftliche Methoden erweitern will, um später einmal einen eigenen Bauerhnhof zu führen, konfrontiert sie erneut mit ihrem „unmoralischen“ Erlebnis. Die Liebesbeziehung zwischen Tess und Angel wird durch einen weiteren Aspekt bedroht. Alec, der sich inzwischen zu einem religiösen Fanatiker verwandelt hat, hat Tess aufgespürt und stellt ihr erneut nach.

Hardys Roman über eine Frau, deren Leben durch die patriarchalen Moralvorstellungen der viktorianischen Gesellschaft quasi zur Hölle gemacht wird, liest sich auch heute noch packend und ergreifend. Der Autor liefert dem Leser eine Fülle an lebendigen Charakteren, die man selbst nach Beendigung des Buches nicht so schnell vergisst. Sensationell ist hierbei, wie Hardy im Laufe des Romans Tess’ Charakter von einem unerfahrenen Mädchen zu einer geplagten Frau transformiert. Während damalige (männliche) Leser Tess mit Verachtung gestraft haben, hat man heute mit der Figur Mitleid.

Illustration aus der Erstausgabe von „Tess“

Hardy zeigt, dass Frauen in der damaligen Gesellschaft den Ansichten über Moral und Anstand, welche nicht von Frauen, sondern von Männern geprägt wurden, völlig ausgeliefert waren. Während für Männer moralische Regeln weniger streng ausgelegt wurden, waren Frauen auf der Stelle gebrandmarkt, wenn sie sich nicht an die herrschende Moral hielten. Diese zu Gunsten der Männer ausgelegten Bestimmungen prangert Hardy in „Tess“ entschieden an. Laut Dorothee Birke, welche das Nachwort zur 2013 im DTV-Verlag erschienen Übersetzung verfasste, soll Thomas Hardy von seinen weiblichen Lesern viele Dankesbriefe und Zustimmung erhalten haben.

„Tess“ ist jedoch alles andere als eine trockene Abhandlung über Moralvorstellungen. Der Konflikt zwischen den unterschiedlichen Ansichten prägt vielmehr den Ablauf der Handlung sowie das Verhalten der Figuren, sodass eine mitreißende Dramatik entsteht. „Tess“ wird dadurch zu einem spannenden Roman über eine Frau, die nicht so leben darf wie sie möchte.