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Cover des 1960 erschienenen Romans

Eigentlich wollte ich in dieser Reihe nur spannende und überaus lesenswerte Bücher vorstellen, die es nur noch antiquarisch zu haben gibt. Doch heute mache ich hier einmal eine kleine Ausnahme und stelle einen Roman vor, der mich ziemlich enttäuscht und irgendwie verärgert hat.

Der Roman trägt den Titel „Ärger mit der Unsterblichkeit“ und stammt aus dem Jahr 1960 (in Deutschland erschien der Roman 1970). Autor ist niemand anderer als John Wyndham, dessen SF-Romane eigentlich ohne Einschränkung zu empfehlen sind. Mit „Ärger mit der Unsterblichkeit“ aber legte er einen Roman vor, bei dem es irgendwie hinten und vorne nicht stimmt. Dennoch, so paradox dies klingt, fasziniert der Roman teilweise.

Der Originaltitel lautet „Trouble with Lichen“. Es geht in dem Roman um eine sonderbare und sehr seltene Flechte, die in China entdeckt wurde. Der Chemiker Francis Saxover möchte aus der Flechte ein Antibiotikum herstellen. Seine Mitarbeiterin Diana Brackley aber entdeckt durch Zufall, dass die Flechte eine ganz andere Wirkung besitzt: durch die Einnahme kommt es zu einer deutlichen Lebensverlängerung beim Menschen. Und zwar bis zu 200 Jahre. Allerdings ist der Rohstoff begrenzt, was bedeutet, dass die Wirkung von Lichen geheim gehalten werden muss.

All dies klingt ja vielversprechend und interessant. Doch Wyndham verzettelt sich in dem Roman in einen Haufen Ungereimtheiten, er entwickelt Handlungstränge, die er dann plötzlich links liegen lässt – und zum Schluss hat man einfach keine Lust mehr, den Roman weiter zu lesen. Hinzu kommt, dass die deutsche Übersetzung alles andere als gelungen ist.

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Cover der 1970 in Deutschland erschienenen Ausgabe

Was hatte Wyndham nur dazu getrieben, einen solch schlechten Roman zu schreiben? Tatsächlich kommt es einem manchmal vor, als habe er sich selbst beim Schreiben durch den Roman gequält, vieles wirkt einfach nur lustlos. Der Roman beginnt mit der Beerdigung von Diana Brackley, die im hohen Alter gestorben ist. Es wird dabei eine Art von Matriarchat skizziert. Wyndham greift die Idee einer ungewöhnlichen feministischen Bewegung in anfänglichen Dialogen auf, sodass man meint, gut, hier geht es darum, wie sich ein traditionelles Patriarchat in ein Matriarchat transformiert.

Doch weit gefehlt. Wyndham lässt diese spannende Idee plötzlich links liegen und beginnt darauf mit der Entdeckung von Lichen. Diana kündigt nach dieser Entdeckung bei Francis Saxover, um einen Schönheitssalon aufzumachen, wo sie zahlungskräftigen Kundinnen Lichen verabreicht. Eine Kundin reagiert allerdings allergisch auf die Behandlung und bringt durch einen öffentlichen Prozess die Presse auf die Spur des Wundermittels.

Wyndham hat die Konsequenzen, die ein lebensverlängerndes Mittel mit sich bringen würde, bis aufs I-Tüpfelchen durchdacht. Und genau diese Punkte machen den Roman faszinierend. Alles andere aber wirkt unzusammenhängend. Von dem Matriarchat ist nicht mehr die Rede, außer in einer kurzen Protestbewegung, die aber später auch keine Rolle mehr spielt. Es wirkt so, als habe Wyndham zwei Romanideen in eine verwursteln wollen. Dieses Projekt aber ist ihm vollkommen misslungen.

Nein, mit „Ärger mit der Unsterblichkeit“ muss man sich nicht plagen. So leid es mir tut, doch der Roman kann ohne weiteres in Vergessenheit bleiben.

In Deutschland erschien Wyndhams Roman 1970 im Heyne-Verlag unter der Nummer 3207 der damaligen SF-Reihe und hat 144 Seiten.

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