Mord im Orientexpress (2017)

Ob Kenneth Branagh mit dem Erfolg der Neuverfilmung von Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ gerechnet hat? Auf jeden Fall hat der Erfolg die Kritiker überrascht – den Produktionskosten von ca. 55 Millionen Dollar stehen Einnahmen von ca. 350 Millionen Dollar gegenüber. Während die Hollywood-Produktionen ihre Existenz nur noch mehr dadurch zu legitimieren scheinen, indem sie den Zuschauern Computer generierte Effekte um die Ohren hauen, setzte Branagh auf das genaue Gegenteil: kaum Spezialeffekte, keine Action, sondern eine klassische Kriminalgeschichte, in der es allein darum geht, den Täter mit genialem Spürsinn zu entlarven.

Agatha Christie-Fans waren dennoch nicht ganz mit der Darstellungsweise einverstanden. Immerhin nahm sich Branagh die Freiheit heraus, der berühmten Figur Hercule Poirot graumeliertes Haar zu verleihen und nicht die von Agatha Christie beschriebene mit viel Pomade versehene schwarzhaarige Frisur. Insgesamt aber orientiert sich die Neuadaption recht genau an dem Roman, wobei er sich in der Anfangssequenz dann aber doch eine gewisse Eigeninitiative erlaubt, um die Genialität von Hercule Poirot dem Zuschauer deutlich zu machen.

Doch mit allem, was danach kommt, hätte die Queen of Crime sicherlich ihre Freude gehabt. Das Einzige, was fehlt, ist der berühmte Running-Gag der Poirot-Romane, in dem der Meisterdetektiv stets für einen Franzosen gehalten wird, obwohl er Belgier ist. Dies wandelte Drehbuchautor Michael Green, der auch an dem Skript zu „Blade Runner 2049“ mitgearbeitet hat, um in die stets falsche Aussprache von Poirots Vornamen.

Dem Film gelingt es jedenfalls, sowohl als Remake der berühmten Verfilmung von 1974 als auch als Adaption des Romans zu funktionieren. Auf diese Weise schwankt Branaghs Version stets zwischen Zitat und Adaption hin und her, wobei der Originalfilm mit der Hintergrundgeschichte eindeutig besser umgeht als die neue Version. Damals stellte man die Geschehnisse ganz in Form des postmodernen Horrorfilms in Szene, was dem Film einen rätselhaften und nicht weniger unheimlichen Rahmen verlieh, der bei Branagh fehlt.

Dennoch ist die Neuverfilmung sehr gelungen, unterhaltsam und spannend, auch wenn man als Agatha Christie-Fan die Lösung natürlich schon kennt. Doch geht es ja auch um Darstellungsweise und Atmosphäre und beides ist in „Mord im Orientexpress“ schlicht und ergreifend hervorragend. Man darf daher gespannt sein, wie Branaghs Version von „Tod auf dem Nil“ aussehen wird, die bereits in Vorproduktion gegangen ist.

Mord im Orientexpress. Regie: Kenneth Branagh, Drehbuch: Michael Green, Produktion: Ridley Scott, Darsteller: Kenneth Branagh, Michelle Pfeifer, Penelope Cruz, Willem Dafoe, Judi Dench, Johnny Depp, Josh Gad, Derek Jacobi, Leslie Odom Jr. USA 2017, 114 Min.