FuBs Klassikbox: Todsünde (1945)

Ellen (Gene Tierney) offenbart ihre psychopathischen Anlagen; „Leave her to Heaven“ (1945); © 20th Century Fox

Ein Film Noir in Farbe? 1945 bewies Regisseur John M. Stahl, dass dies durchaus funktionieren kann, und schuf dabei zugleich einen der Klassiker dieses Genres. Ausgezeichnet mit dem Oscar für die Beste Kamera, waren die Kritiker dennoch nicht ganz von „Leave her to Heaven“ überzeugt. Aber wie so oft änderte sich diese Meinung mit der Zeit. Heute zählt das Werk zu den außergewöhnlichsten Filmen jener Ära.

„Todsünde“ basiert auf dem damaligen Bestseller von Ben Ames Williams. Es geht um den Schriftsteller Richard Harland, der während einer Zugfahrt Ellen Berent kennenlernt. Schnell entwickelt sich aus der Bekanntschaft eine Liebesbeziehung. Doch nach der Hochzeit stellt Richard mehr und mehr fest, dass etwas mit Ellen nicht stimmt …

Ellens Blick verrät: mit ihr stimmt etwas nicht; „Leave her to Heaven“ (1945); © 20th Century Fox

Gene Tierney galt damals als eine der schönsten Frauen. Ein Jahr nachdem sie in dem Thriller „Laura“ die Titelfigur gespielt hatte, stellte sie in „Todsünde“ eine Psychopathin erster Güte dar. Ellen entpuppt sich mehr und mehr als kontrollsüchtig. Niemand darf Richard nahe kommen, nicht einmal ihre Familie. Dass sich ihre Halbschwester Ruth mit Richard gut versteht, bringt sie in Weißglut. Und dann ist da noch Richards behinderter Bruder, der ihr im Weg steht.

John M. Stahl kreierte in „Todsünde“ Szenen, die unter die Haut gehen. Einer der Höhepunkte, bei denen Ellens Boshaftigkeit zur Geltung kommt, ist die beklemmende Szene, in der Ellen gefühllos beobachtet, wie Richards Bruder im See ertrinkt. Man fühlt sich an die Rückblende in „Freitag, der 13.“ (1980) erinnert, in der Jason als Kind dasselbe Schicksal ereilt. Möglich, dass sich Regisseur Sean S. Cunningham von der Szene in „Todsünde“ inspirieren ließ.

Ziemlich gewagt für die damalige Zeit ist auch die Szene, in der Ellen in Richards Bett kriecht, um ihn „in Stimmung“ zu bringen. Sie reibt sich an ihn und bläst ihm sanft ins Gesicht, während ihre eine Hand angedeutet (d.h. außerhalb des Bildes) zwischen seinen Beinen ruht. In dem Moment, in dem Richard auf ihr Spiel reagiert, wird die Situation durch seinen Bruder unterbrochen, der gegen die Wand klopft. Enttäuscht steht Ellen wieder auf.

Bei „Leave her to Heaven“ darf die Farbgebung keineswegs unerwähnt bleiben. Es handelt sich nicht einfach um einen gewöhnlichen Farbfilm. Kameramann Leon Shamroy setzte Beleuchtung und Farbe so ein, dass die Szenen teilweise fast schon surreal wirken. Das farbliche Scheinwerferlicht schafft beinahe traumartige, geheimnisvolle Hintergründe, eine Methode, die der berühmte italienische Horrorregisseur Mario Bava 20 Jahre später wieder aufnehmen sollte.

Die spezielle Farbgebung des Films erinnert teilweise an die späteren Filme Mario Bavas; „Leave her to Heaven“ (1945); © 20th Century Fox

Selbst die Musik wirkt ungeheuer modern. Von Anfang an deutet Filmkomponist Alfred Newman durch tiefe, eindringliche Tonfolgen die düstere Bedrohung an, die sich im Laufe des Films zunehmend verdichtet und schafft dabei eine Musik, die auch in heutigen Thrillern ohne weiteres verwendet werden könnte. Bei der angedeuteten Sexszene sowie bei der Szene, in der Richards Bruder ertrinkt, bleibt die Musik ganz weg, wodurch das Geschehen noch intensiver wirkt. Die damaligen Zuschauer müssen wie gebannt auf die Leinwand gestarrt haben.

Wie auch in „Laura“, so spielt in „Todsünde“ Vincent Price eine Nebenrolle. War er in „Laura“ ein schlaksiger Freund der Familie, der als einer der Verdächtigen galt, so spielt er hier einen Staatsanwalt, der sich an Richard rächen möchte, da dieser ihm seine Verlobte (Ellen) weggenommen hat.

Kurz und knapp: „Todsünde“ ist ein teils subtiler, teils beklemmender Thriller, der auch heute nichts von seiner Wirkung verloren hat.

Todsünde (OT: Leave her to Heaven); Regie: John M. Stahl, Drehbuch: Jo Swerling, Produktion: William H. Bacher, Darsteller: Gene Tierney, Cornel Wilde, Jeanne Crain, Vincent Price. USA 1945

FuBs Klassikbox: Die Verdammten der Meere (1962)

Claggart (Robert Ryan), Billy Budd (Terence Stamp) und Kapitän Vere (Peter Ustinov); „BillyBudd“ (1962), © Allied Artists

Die Zeit der Seefahrerfilme war eigentlich fast schon vorbei, da drehte Peter Ustinov „Billy Budd“, einen der wohl außergewöhnlichsten Abenteuerfilme. „Billy Budd“ basiert zum einen auf Herman Melvilles berühmten Roman, zum anderen auf dem gleichnamigen Theaterstück.

Es geht um den jungen Matrosen Billy Budd, der 1797 auf ein englisches Kriegsschiff kommt. Durch seine ehrliche Art ist er schnell bei der Mannschaft beliebt. Doch an Bord befindet sich auch der sadistische Offizier Claggart, der Männer grundlos auspeitschen lässt. Billy möchte er als sein nächstes Opfer, doch die ehrliche Art des Jungen steigert in Claggart mehr und mehr seine krankhafte Wut …

Peter Ustinov in schwarzweiß gedrehter Film ist kein Abenteuerfilm im üblichen Sinn. Man findet hier keine tollkühnen Helden, die andere Schiffe kapern. Der Film spielt fast ausschließlich an Bord der Avenger, dem Kriegsschiff, auf das Billy unfreiwillig gebracht wird. Gleich von Anfang an herrscht dort eine angespannte Atmosphäre. Billy bekommt als erstes mit, wie einer der Matrosen ausgepeitscht wird. Und er begegnet dem unheimlichen Claggart. Fast scheint es so, als wäre er der Kapitän des Schiffes und nicht Kapitän Vere, der zwar streng. doch auch irgendwie gutmütig ist.

Das Kunststück, das Peter Ustinov nun fertig brachte, war, dass er „Billy Budd“ im Stil eines Film Noir drehte. Schließlich geht es unter anderem darum, dass ein gemeingefährlicher Psychopath die Mannschaft terrorisiert. Das ist natürlich vereinfacht dargestellt, denn in dem Film geht es um viel mehr: es geht um die Frage, ob das Gesetz tatsächlich jeden Sachverhalt be- bzw. verurteilen kann, es geht um die Frage der Schuld und damit um moralische Ansichten und inwieweit diese vertretbar sind.

Billy Budd (Terence Stamp) und Claggart (Robert Ryan) in der Kajüte des Kapitäns; „Billy Budd“ (1962); © Allied Artists

All diese Aspekte webt Peter Ustinov gekonnt in eine spannende Geschichte ein, die vor allem durch die Gegenüberstellung von Billy Budd und dem bösartigen Claggart lebt. Bei den jeweiligen Aufeinandertreffen knistert es regelrecht vor Spannung. Robert Ryan, der auf die Rollen psychopathisch veranlagter Bösewichte spezialistiert war, spielt hier Claggart auf eine so bedrohliche Weise, dass sich die Furcht der Mannschaft regelrecht auf den Zuschauer überträgt. Ihm gegenüber hatte Terence Stamp seine erste Filmrolle und war dafür gleich mehrfach ausgezeichnet und sogar für den Oscar nominiert worden. Peter Ustinov selbst führte nicht nur Regie, sondern schrieb auch am Drehbuch mit und produzierte den Film. Zugleich spielte er die Rolle von Kapitän Vere, der sich durch sein Klammern an die Pflicht selbst in die Zwickmühle bringt.

Kurz: „Die Verdammten der Meere“ ist ein erstklassiger (Abenteuer-)Film, der an Spannung kaum zu überbieten ist und der einem aufgrund der grundlegenden Fragestellung, um die es letztendlich geht, nicht mehr so schnell aus dem Kopf geht.

Die Verdammten der Meere (OT: Billy Budd). Regie, Drehbuch, Produktion: Peter Ustinov, Darsteller: Robert Ryan, Terence Stamp, Peter Ustinov, Melvyn Douglas, John Neville, David McCallum. England 1962, 123 Min.

FuBs Klassikbox: Die Nacht hat tausend Augen (1948)

Die Nacht hat 1000 Augen (1948); © Koche Media

Für Edward G. Robinson war dieser Film nur eine kleine Randnotiz in seiner Autobiographie wert: er finde „Die Nacht hat tausend Augen“ äußerst misslungen und habe nur wegen des Geldes mitgespielt. Seine Einstellung ist wirklich erstaunlich, handelt es sich bei „The Night has a thousand Eyes“ um einen der wohl faszinierendsten, unheimlichsten und spannendsten Noir-Filme.

„Der Tod kommt um 11“ lautete der deutsche Alternativtitel und lag dabei gar nicht mal so falsch. Es geht nämlich um Jean Courtland, die um 11 Uhr nachts sterben soll. Ihr Tod wurde ihr durch den sonderbaren John Triton vorausgesagt. Triton verdiente in frühen Jahren sein Geld auf Jahrmärkten als vermeintlicher Wahrsager. Bei einer Vorstellung jedoch sah er einen Todesfall voraus. Von da an wird er immer wieder von Visionen heimgesucht, die kurz darauf schreckliche Wirklichkeit werden. So prophezeit er auch den Tod Jeans, mit der er auf eigenartige Weise verbunden ist. Während Triton versucht, Jeans Schicksal aufzuhalten, setzt die Polizei alles daran, ihn hinter Gitter zu bringen, da sie ihn für einen gemeingefährlichen Scharlatan hält.

John Farrow, der durch John Waynes einzigen 3D-Film „Man nannte mich Hondo“ (1953), bei dem er Regie führte, praktisch in die Filmgeschichte einging, war auch für die Adaption des gleichnamigen Romans von Cornell Woolrich verantwortlich. Woolrich‘ Erzählungen und Romane waren immer wieder für Hollywood interessant, man denke nur an Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ (1954), dennoch starb der Autor völlig verarmt. „Die Nacht hat tausend Augen“ ist das, was man heute als Mystery-Thriller bezeichnen würde.

Von Anfang an herrscht eine düster-unheimliche Atmosphäre, die sich dadurch zunehmend verstärkt, da John Farrow mit den Aspekten des Phantastischen regelrecht spielt. Während die Handlung durchaus realistisch bleibt, schleichen sich dennoch immer wieder rätselhafte Ereignisse ein, die eben mit einer herkömmlichen Rationalität nicht zu erklären sind. John Triton, Jean Courtland und alle anderen, die in diesen Fall involviert sind, scheinen regelrecht von einer unheimlichen, ja unerklärlichen Bedrohung umgeben zu sein.

Die Nacht hat 1000 Augen (1948); © Koche Media

Fast schon wie bei Lovecraft verweist „Die Nacht hat tausend Augen“ dabei auf eine Welt jenseits unseres Verstandes, die sich hinter der Fassade verbirgt, die unseren Alltag definiert. Natürlich kommen keine Monster vor, doch geht es eben um eine Art kosmisches Grauen, wie Lovecraft dies bezeichnen würde, und wahrscheinlich hätte er dem Film 100 Punkte verliehen. Man würde sicherlich zu weit greifen, wenn man in „Die Nacht hat tausend Augen“ erste Ansätze von Clive Barkers „Lords of Illusions“ (1995) sehen würde, doch würde es andererseits auch nicht wundern, wenn Barker sich von diesem Film hat auf irgendeine Weise inspirieren lassen.

„Die Nacht hat tausend Augen“ ist jedenfalls ein spannender, nein, ein hochspannender Thriller, der die Mystery-Elemente bis zuletzt auskostet, wobei das Tempo des Films sich von Szene zu Szene erhöht. Möglich, dass Edward G. Robinson, der ja vor allem in reinen Gangsterfilmen beheimatet war, die übersinnlichen Aspekte des Films für störend hielt, was ihn letztendlich zu seiner oben erwähnten Aussage geführt hat. Ihm zur Seite stand Gail Russell, die schon eher im Mystery-Genre erprobt war, hatte sie doch bereits in dem Gruselkrimi „Der unheimliche Gast“ (1944) mitgewirkt.

„Die Nacht hat tausend Augen“ ist das, was man als vergessene Perle des Film Noir bezeichnen könnte. Kurz: ein großartiger Film.

Die Nacht hat tausend Augen (OT: The Night has a thousand Eyes). Regie: John Farrow, Drehbuch: Jonathan Latimer, Produktion: Endre Bohem, Darsteller: Edward G. Robinson, Gail Russell, John Lund, Virginia Bruce, William Demarest, Richard Webb, Jerome Cowan. USA 1948, 81 Min.

 

FuBs Klassikbox: Die Wendeltreppe (1946)

Robert Siodmaks „Die Wendeltreppe“ ist nicht nur einer der bekanntesten Klassiker des Film Noir, sondern zugleich Ursprung des späteren Giallo der 60er und 70er Jahre, sodass manche Filmhistoriker Siodmaks Meisterwerk gerne auch als „Ur-Giallo“ bezeichnen.

Der Film basiert auf dem Bestseller „Some must watch“ der Schriftstellerin Ethel Lina White (1876 – 1944), deren Romane vor allem im englischsprachigen Raum großen Anklang fanden, in Deutschland jedoch nur wenig publiziert wurden. Siodmaks Adaption handelt von der stummen Helen, die als Hausmädchen in einem abgelegenen Haus tätig ist, wo sie sich vor allem um die bettlegrige Mrs. Warren kümmert. Ebenfalls in dem Haus wohnen die beiden Söhne von Mrs Warren, Albert und Steven, sowie Alberts Sekretärin Blanche.

Eines Tages geschieht in einem Hotel ein grausamer Mord an einer behinderten Frau. Der Mörder kann nicht gefasst werden, doch scheint alles darauf hinzudeuten, dass er Helen bis zu dem Haus der Warrens gefolgt ist. Tatsächlich geschehen dort plötzlich seltsame Dinge, bis es schließlich zu einem weiteren Mord kommt …

Die teils extreme Optik diente als Vorbild für die späteren Giallo-Filme; „Die Wendeltreppe“ (1946); Copyright: Anchor Bay

Ein Mörder, der es auf entstellte und behinderte Frauen abgesehen hat, schon allein das war für die damalige Zeit harter Tobak. Doch ging Meisterregisseur Robert Siodmak noch einen Schritt weiter. Denn um das Extreme der Handlung nochmals zu unterstreichen, setzte er in seinem Film verstörende Nahaufnahmen ein und verwendete stellenweise eine Optik, die zu fast surrealen, traumartigen Bildern führen. Die Optik wirkte für die damalige Zeit geradezu radikal. Auch heute hat sie rein gar nichts von ihrer unglaublichen Wucht verloren.

So zeigt Siodmak extreme Nahaufnahmen vom Auge des psychopathischen Mörders, während dieser sein Opfer beobachtet. Gleich am Anfang, als die oben erwähnte Frau ermordet wird, sieht man deren in die Höhe gestreckten Hände, wie diese sich auf fast schon unnatürliche Weise verkrampfen. In einer weiteren Szene ist es ein schwarz gekleideter Mann, der Helen auf sonderbare Weise folgt, als diese im beginnenden Unwetter über den Hof zum Eingang des Hauses rennt. Dieser Hang zum Surrealen beeinflusste 20 Jahre später die italienischen Horror- und Giallo-Regisseure, allen voran Mario Bava und Dario Argento.

Licht und Schatten: Film Noir in Reinform; „Die Wendeltreppe“ (1946); Copyright: Anchor Bay

Tatsächlich übernahmen beide viele Aspekte von „Die Wendeltreppe“ in ihre eigenen Filme. So unter anderem auch das Markenzeichen des Giallo: den schwarzen Handschuh. Dario Argento zitierte in „Tenebre“ (1982) die berühmte Szene aus „Die Wendeltreppe“, in der Helen einen Zaun entlanggeht, während der Gewittersturm losbricht. Um sich Mut zu machen, verursacht Helen mit einem Stock, den sie gegen den Zaun schlägt, selbst Geräusche. Argento verändert diese Szene in „Tenebre“ insoweit, indem er hinter dem Zaun einen aggressiven Hund hochspringen lässt, der plötzlich auf die junge Frau Jagd macht.

Um die Handlung noch zu verdichten, lässt Robert Siodmak seinen Film in einer einzigen Gewitternacht spielen. Auf diese Weise drängen sich die Zwischenfälle, ohne dass der Zuschauer die Möglichkeit bekommt, zwischendurch zur Ruhe zu kommen. Die Spannung wird durch den Umstand zusätzlich angestachelt, da man unweigerlich beginnt, mitzurätseln, wer denn nun der Mörder ist. All dies macht „Die Wendeltreppe“ auch heute noch zu einem extrem packenden und fasziniernden Filmerlebnis.

Die Wendeltreppe (OT: The Spiral Staircase). Regie: Robert Siodmak, Drehbuch: Mel Dinelli, Produktion: Dore Schary, Darsteller: Dorothy McGuire, George Brent, Ethel Barrymore, Kent Smith, Gordon Oliver, Rhonda Flemin. USA 1946, 99 Min.

FuBs Double Feature (1940 – 1950): Rebecca (1940) und Katzenmenschen (1942)

In den 40er Jahren stoppte Hollywood aufgrund des Kriegseintritts der USA den Filmexport ins Deutsche Reich. Es war das Jahrzehnt des Film Noir, der Komödien, doch nicht mehr des Horrorfilms. Zwar wurden weiterhin Horrorfilme produziert, doch weitaus weniger als noch in den 30er Jahren. Klassiker wie „Casablanca“ (1942) beschäftigten sich mit dem Schicksal der Menschen, die vor dem Nationalsozialismus flohen. Andere Filme wie „Sein oder Nichtsein“ (1942) machten sich über das Deutsche Reich lustig. 1948 begann mit „Fahrraddiebe“ der italienische Neorealismus, der wiederum den Film Noir beeinflussen sollte. Beide Strömungen beeinflussen bis heute die Filmästhetik.

Die Verfilmung von Daphne du Mauriers Roman „Rebecca“ (erschienen 1938) war Alfred Hitchcocks erste Hollywood-Produktion. Davor hatte er in England gearbeitet. Hitchcock hatte eigentlich selbst die Rechte an der Verfilmung erwerben wollen, doch waren für ihn die Kosten zu hoch gewesen. Daher erstand der bekannte Produzent David O. Selznick diese, um daraufhin Hitchcock mit der Verfilmung zu beauftragen.

Noch scheint alles in Ordnung zu sein; „Rebecca“ (1940); Copyright: United Artists

Die Adaption war 1941 in fast allen Kategorien für einen Oskar nominiert, wobei er schließlich zwei der Trophäen erhielt: als bester Film und für die beste Kamera. Es geht um eine junge Gesellschafterin (ihr Name wird nie genannt), die in einem Ferienort den mysteriösen Maxim de Winter kennenlernt, der sich Hals über Kopf in sie verliebt. Beide heiraten schon bald, worauf de Winter sie mit auf sein Anwesen Manderley nimmt. Doch dort stößt sie auf die bösartige Haushälterin Mrs. Danvers, die der ersten Frau de Winters, Rebecca, vollkommen verfallen war. Aus Eifersucht versucht Mrs. Denvers, der neuen Frau de Winters das Leben zur Qual zu machen. Doch auch Maxim de Winter scheint von Rebecca noch immer beherrscht zu werden, obwohl diese bereits seit längerer Zeit tot ist. Daher versucht Maxims neue Frau, hinter das Geheimnis ihrer Vorgängerin zu kommen.

„Rebecca“ hält sich sehr an du Mauriers unheimlichen Thriller, übernimmt sogar den berühmten Anfangssatz des Romans: „Letzte Nacht träumte ich wieder von Manderley.“ Das gewaltige Gebäude erscheint dann auch am Ende des Hooks als düsteres Spukhaus, und dies ist keineswegs abwegig, geht doch noch immer die Erinnerung an Rebecca in den Zimmern und Fluren des Anwesens um.

Mrs. Denvers enthüllt der zweiten Mrs. de Winter ein schreckliches Geheimnis; „Rebecca“ (1940); Copyright: United Artists

Joan Fontaine spielte die schüchterne zweite Frau de Winters großartig. Ihre Gestig und Mimik, ja ihr ganzes Verhalten und auch ihr Aussehen scheinen direkt aus dem Roman entsprungen zu sein. Im Gegensatz dazu wirkt Laurence Olivier doch irgendwie fehl am Platz. Nicht, dass Fontaine ihm die Show stehlen würde, doch besitzt Olivier nicht das im Roman beschriebene düstere Aussehen des geplagten Mannes, der von Rebecca noch immer besessen ist. Rebecca selbst tritt zwar nie in Erscheinung, doch wirkt ihre Präsenz noch immer so intensiv, dass das ganze Leben auf dem Anwesen davon beeinflusst wird.

Um dieser unheimlichen Macht Ausdruck zu verleihen, kam Hitchcock auf eine geniale Idee. Er stellte Rebeccas früheres Zimmer überproportional groß dar, sodass die zweite Mrs. de Winter, Mrs. Denver und auch Maxim de Winter im Verhältnis dazu geradezu klein und verloren wirken. Zwar ist die Hintergrundgeschichte dann doch (aus moralischen Gründen) abgeschwächt worden, insgesamt aber zieht einen der Film genauso in den Bann wie der unübertroffene Roman du Mauriers.

Zwei Jahre nach „Rebecca“ brachte der französische Regisseur Jacques Tourneur sein Debut auf die Leinwand. Davor war er als Regieassistent tätig und hatte einen Kurzfilm hergestellt. Mit „Katzenmenschen“ schuf er den Klassiker des Noir-Horrorfilms, eine Mischung aus (wie die Bezeichnung schon sagt) Elementen des Film Noir und des klassischen Horrors. Wobei „klassisch“ dem kongenialen Werk nicht wirklich gerecht wird.

Jacques Tourneur erneuerte das Horrorfilmgenre, indem er die Handlung in das Alltagsleben einer Großstadt einwebte. Zwar spielten bereits in den 30er Jahren Horrorfilme im urbanen Raum (wie z.B. „Dr. X“), doch gingen diese nicht auf den modernen Alltag der Protagonisten ein. Ganz im Gegensatz zu „Katzenmenschen“, der die negativen Aspekte des Großstadtlebens wie Vereinsamung, fehlendes Vertrauen und Angst vor dem Anderen aufzeigte.

Irena erzählt Oliver die sonderbare Legende der Katzenmenschen; „Cat People“ (1942); Copyright: Universal Pictures

Es geht darin um den Ingenieur Oliver Reed, der eines Tages die sinnlich-mysteriöse Irena Dubrovna kennenlernt und sich schlagartig in sie verliebt. Irenas Aura besitzt einen seltsamen Effekt auf die Raubtiere im Zoo, werden diese doch extrem unruhig und angriffslustig. Von ihrer Sinnlichkeit angezogen, kommt Oliver von Irena nicht mehr los, und beide heiraten. Doch Irena leidet unter einer Art Sexphobie. Aus diesem Grund beginnt Oliver fremd zu gehen. Als Irena eines Abends mitbekommt, wie sich Oliver mit seiner Kollegin Alice trifft, werden ihre raubtierhaften Instinkte wach …

„Katzenmenschen“ ist ein Film, der damalige Tabus brach. Einerseits symbolisch, doch dabei unwahrscheinlich direkt geht Tourneur ein auf das Thema Sexualität. Irena kann nicht mit Oliver schlafen, da sie Angst hat, die Kontrolle über sich zu verlieren. Oliver zeigt sich dabei zunächst verständnisvoll, doch je länger dieser Zustand andauert, desto frustrierter wird er. Er schickt Irena zum Psychiater, um ihre Phobie zu heilen, doch auch dies gelingt nicht, im Gegenteil, auch der Arzt gerät in den Bann ihrer unheimlichen Sinnlichkeit.

Alice wird verfolgt; „Cat People“ (1942); Copyright: Universal Pictures

Ganz im Stil des Film Noir ist „Katzenmenschen“ zugleich ein kunstvolles Spiel mit Licht und Schatten, der beinahe den Neorealismus vorwegnimmt, indem er den beruflichen Alltag eines Schiffbauingenieurs verfolgt. Auf eine überaus nüchterne Art erzählt er dabei von der schicksalhaften Beziehung zwischen Oliver und Irena. Die übersinnlichen Aspekte sind dabei wie zufällige Ereignisse in die Geschichte eingeflochten. So z.B. die Szene, in der Irena in einem Lokal eine andere Frau ihrer Art trifft und vor ihr erschrickt. Nicht zu vergessen auch die berühmteste Szene des Films, in dem Alice am späten Abend im Pool schwimmt und plötzlich von einer schattenhaften Riesenkatze bedroht wird. Diese äußerst intensive Szene wird bis heute immer wieder zitiert.

All dies macht „Katzenmenschen“ zu einem ganz besonderen Film und letztendlich zu einem Klassiker des Horrorfilms. Jacques Tourneur zählt bis heute zu den wichtigsten Horror- und Thrillerregisseuren.

 

 

Unter Verdacht – Ein außergewöhnlicher Noir-Thriller

unterverdachtDem Film „Unter Verdacht“ liegt der Kriminalfall des Frauenmörders Dr. Crippen zugrunde. Dieser brachte seine Ehefrau um und mauerte sie danach in seinem Haus ein. In dem Klassiker von Robert Siodmak wurde aus Dr. Crippen der sanftmütige und zurückhaltende Tabakwarenverkäufer Philip Marshall. Seine Frau ist eine wahre Xanthippe, die ihm das Leben zur Hölle macht. Als ihr gemeinsamer Sohn auszieht, bringt dies den Konflikt zum überlaufen. Er möchte, dass sie einer Scheidung einwilligt, was diese jedoch ablehnt. Da lernt Marshall die viel jüngere Mary Gray kennen (dargestellt von dem damaligen Pin up-Girl Ella Raines), die in dem Tabakladen eine Anstellung sucht. Sie freunden sich schnell an. Aus der Freundschaft wird eine Affäre. Als Marshalls Frau dies mitbekommt, droht sie ihm, die Affäre seinem Chef zu verraten, was ihm seinen Job kosten würde. Bevor sie ihre Aktion durchführen kann, bringt er sie um.

unterverdacht2Damit endet der Film keineswegs und es geht auch gar nicht darum, wer der Mörder ist. Siodmak kreiert die Spannung auf eine ganz andere Weise. Der Zuschauer hofft inständig, dass Marschall nicht als Mörder entlarvt wird. Von Anfang an wird die Figur als ein sehr höflicher und gutmütiger Mann charakterisiert. Seine Frau dagegen ist schlicht und ergreifend eine Hexe. Die Lage, in die sie Marshall durch ihre Streitlust und ihren Hass bringt, lässt ihm gar keine andere Wahl, als sie auf recht rabiate Art und Weise zum Schweigen zu bringen. Als nun Philip Marshall endlich seine Ruhe hat und nachdem er und seine Geliebte geheiratet haben, taucht ein Inspektor auf, der nicht ganz glauben möchte, dass Marshalls Frau die Treppe hinuntergestürzt ist. Und da ist natürlich auch Marshalls alkoholsüchtiger Nachbar, der versucht, ihn zu erpressen.

unterverdacht1All dies macht „Unter Verdacht“ zu einem extrem spannenden Psychothriller. Zugleich liefert Robert Siodmak ein äußerst sozialkritisches Bild einer modernen Gesellschaft. Die Moral verkommt zu einer reinen Oberflächlichkeit. Es geht um gescheiterte Existenzen und zerrüttete Familien. Sehr direkt geht der Film auf das Thema Gewalt in der Ehe ein, wenn er Marschalls Nachbarin, deren Mann Alkoholiker ist, mit blauen Flecken zeigt. Siodmak nimmt hierbei keineswegs eine feministische Sichtweise ein. Bei ihm sind sowohl Frauen als auch Männer Opfer. Die oben erwähnte Direktheit ließ den Film damals als moralisch bedenklich erscheinen, was dazu führte, dass er nur für Erwachsene freigegeben wurde.

Was den Film nicht weniger interessant macht, ist der Umstand, dass zwischen Philip Marshall und seiner Geliebten und späteren Frau ein recht großer Altersunterschied herrscht. Eine ziemlich außergewöhnliche Figurenkonstellation für die damalige Zeit. Die in „Unter Verdacht“ angesprochenen Themen lassen den Film überaus aktuell erscheinen. Aber das macht echte Klassiker aus: sie sind praktisch zeitlos.

Unter Verdacht (The Suspect), Regie: Robert Siodmak, Drehbuch: Bertram Milhauser, Arthur T. Horman,  Produktion: Islin Auster, Darsteller: Charles Laughton, Ella Raines, Dean Harms, Stanley Ridges, Rosalind Ivan. USA 1944, Laufzeit: 85 Min.

The Killers – Mehr Noir geht nicht

killersOhne Übertreibung lässt sich sagen, dass Regisseur Robert Siodmak als der Meister des Film Noir bezeichnet werden kann. Seine spannenden, düsteren und durchaus extremen Werke beeinflussen das Thrillergenre bis heute. Mit der Literaturverfilmung „The Killers“ (eine Adaption einer Kurzgeschichte von Ernest Hemingway) schuf er einen Film, der als Paradebeispiel des Film Noirs gilt.

Es geht um den Versicherungsagenten James Readon, der einen rätselhaften Mordfall aufklären soll. In einer Kleinstadt wurde der Tankwart Ole Anderson, der vor allem unter dem Namen „Der Schwede“ bekannt war, von zwei Auftragskillern erschossen. Ole war bei Readons Versicherungsgesellschaft Mitglied. Je mehr Readon die Vergangenheit des Schweden untersucht, desto offensichtlicher wird sein tragisches Leben.

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Die beiden Auftragskiller betreten das Zimmer des Schweden.

Schon die Anfangssequenz von „The Killers“ ist ein wahres Meisterstück, als die beiden Auftragsmörder ein kleines Lokal betreten, um dort auf Ole Anderson zu warten. Siodmak kreiert in dieser Szene eine Spannung, die er von Sekunde zu Sekunde steigert. Unglaublich realistisch und zugleich düster-poetisch zeigt der Meister hier sein Können. Im Laufe des Films nimmt die Spannung keineswegs ab. In kurzen Episoden erfährt der Zuschauer nach und nach immer mehr Details aus dem tragischen Leben des ehemaligen Profiboxers Ole Anderson, der aufgrund seiner Beziehung zu Kitty, einer Femme fatale erster Güte, zum Kriminellen wird.

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Ava Gardner als Femme fatal und Burt Lancaster als tragischer Held.

Besonders die kurzen Szenen in „The Killers“ besitzen aufgrund ihrer Symbolik eine Ausdrucksstärke, die den Film zu einem cineastischen Leckerbissen machen. Hervorzuheben ist hierbei u. a. die Szene, in der eine Hotelangestellte Oles Zimmers betritt und dieser völlig benommen durch den Raum wankt, um sich aus dem Fenster zu stürzen. Nicht weniger sensationell ist die Rückblende auf den Raubüberfall auf ein Lohnbüro, die fast schon in einem dokumentarischen Stil gedreht ist und dadurch unglaublich real wirkt.

„The Killers“ wurde zu einem enormen Erfolg und ebnete Siodmaks weitere Karriere als Regisseur düsterer Thriller. Für die beiden Schauspieler Burt Lancaster und Ava Gardner, die beide hier zum ersten Mal auf der Leinwand zu sehen gewesen waren, legte dieser Film den Grundstein für ihre jeweiligen Karrieren.

Die Killer (OT: The Killers). Regie: Robert Siodmak, Drehbuch: Anthony Veiller, Produktion: Mark Hellinger, Darsteller: Burt Lancaster, Ava Gardner, Edmond O’Brian. USA 1946, 98 Min.

Schritte in der Nacht – Einer der ersten True Crime-Filme

schritteindernacht1948 kam ein Film in die Kinos, der als Prototyp für spätere True Crime-Serien gelten kann. „Schritte in der Nacht“ basiert auf einem wahren Kriminalfall und wurde an den tatsächlichen Tatorten gedreht. Es geht um das Hollywood Police Department, das den Mord an einem Polizisten aufklären muss. Der Fall jedoch entpuppt sich als äußerst kompliziert. Stets ist der Täter der Polizei einen Schritt voraus. Erst als es zu einer plötzlichen Reihe von Ladendiebstählen kommt, scheinen die Kriminalbeamten eine erste Spur zu haben.

Äußerst ungewöhnlich für die damalige Zeit ist, dass „Schritte in der Nacht“ in Form einer Reportage gedreht wurde. Aus diesem Grund gibt es unter den Polizisten auch nicht den Helden, der die Sache schließlich aufklärt. Was zählt, ist Teamwork. Und so folgt die Kamera den einzelnen Mitarbeitern bei ihrer Arbeit. Ziemlich genau zeigt der Film das Vorgehen der Fahnder und gibt detaillierte Einblicke in die Laborarbeit. Dem gegenüber steht der Täter Roy als gesellschaftlicher Außenseiter. Zum einen versucht er, nach dem Mord an dem Polizisten, seine Spur zu verwischen, zum anderen aber drängt es ihn immer erneut dazu, weitere Straftaten zu begehen. Daraus entwickelt sich eine Art Katz und Maus-Spiel, bei dem interessanterweise nur Roy als Identifikationsfigur zur Verfügung steht. Während die Mitarbeiter des Departments ausschließlich durch ihre Arbeit definiert werden, verleiht der Film dem Antagonisten eine genauere Charakterisierung. Man bekommt Einblicke in seiner Persönlichkeit und sein Privatleben, in dem vor allem sein Hund eine zentrale Rolle spielt.

Bei den Filmfestspielen in Locarno wurde „Schritte in der Nacht“ damals als bester Polizeifilm ausgezeichnet. Auch jetzt noch hat der Film nichts von seiner Faszination und Spannung verloren. Sensationell ist die Verfolgung Roys durch die Kanalisation von Los Angeles. Hier bekommt der Film einen geradezu paranoiden Beigeschmack. Bis heute gibt es eine Debatte, ob Alfred L. Werker oder Anthony Mann Regie führten. Nach Thomas Willmann, scheint viel dafür zu sprechen, dass Werker beinahe den gesamten Film von Anthony Mann hatte drehen lassen. Als Indiz dafür gilt die Machart des Films, die nicht ganz den Arbeiten Werkers entspricht. Auch weisen damalige Hintergrundberichte darauf hin, dass Anthony Mann als eigentlicher Regisseur bezeichnet werden muss. Doch unabhängig von dieser Diskussion, ist und bleibt „Schritte in der Nacht“ eine hervorragende Mischung aus Thriller und Kriminalfilm.

Schritte in der Nacht (OT: He walked by Night), Regie: Alfred L. Werker, Anthony Mann, Drehbuch: Crane Wilbur, John G. Higgins, Produktion: Bryan Foy, Robert T. Kane, Darsteller: Richard Basehart, Scott Brady, Whit Bissel, Jim Cardwell, Felice Ingersol. USA 1948, 76 Min.

Das schwarze Buch – Film Noir trifft auf History

schwarze-buch„Das schwarze Buch“ dürfte, was seinen Stil betrifft, so ziemlich einzigartig innerhalb der Filmgeschichte dastehen. Regisseur Anthony Mann verknüpfte darin zwei völlig unterschiedliche Genres, von denen man zunächst nicht glaubt, dass sie zusammenpassen könnten. Doch der Film zeigt, dass es sehr wohl möglich ist, Film Noir mit Historienfilm zu verbinden, ohne dabei verwirrend oder künstlich zu wirken. Beide Genres werten sich in „Das schwarze Buch“ ästhetisch gegenseitig auf. Das Ergebnis ist ein wahres Filmerlebnis.

Es geht um den Agenten Charles d’Aubigny, der nach Paris reist, um dort die Identität eines von Robespierres Handlangern anzunehmen. Sein eigentliches Ziel ist es, dadurch an das schwarze Buch Robespierres heranzukommen. Dieses enthält sämtliche Namen von Personen, die Robespierre im Weg stehen und daher hingerichtet werden sollen. Eine Veröffentlichung der Liste würde zugleich das Ende des herrschsüchtigen Mannes bedeuten. Doch d’Aubignys Tarnung fliegt auf und von da an ist er auf der Flucht vor Robespierres Geheimpolizei.

Lange Schatten, zwielichtige Gestalten und eine Optik, die manchmal fast ans Surreale heranreicht, das sind die Hauptmerkmale von Anthony Manns Meisterwerk. All dies ist man von einem Historienfilm nicht gewöhnt. Umso erstaunlicher ist es daher, dass der Regisseur auf die Idee kam, die Merkmale des Film Noir in sein spannendes Historiendrama zu integrieren. Die Handlung entwickelt sich dadurch zu einem regelrechten Politthriller, der sich mithilfe einer dicht erzählten Handlung mit den „Nachwehen“ der französischen Revolution auseinandersetzt.

Gut, mit der Historie nimmt man es dann doch nicht so genau, aber das macht den Film keineswegs weniger sehenswert. Gleich der Beginn, in dem die Hauptfiguren vorgestellt werden, arbeitet mit expressionistischen Elementen, die sich in manchen Szenen des Films fortsetzen, wie etwa bei der Kutschenfahrt zu einer Mühle, die angelehnt ist an das Scherenschnitttheater. Den ganzen Film hindurch durchzieht sich der für die 40er und die 50er Jahre typische paranoide Stil, der dem Werk seine knisternde Spannung verleiht.

Anthony Mann reizt die Spannungsmomente bis zur letzten Sekunde aus. Und davon gibt es nicht wenige. Ob es sich nun darum handelt, dass die beiden Helden des Films versuchen, aus dem Gefängnis zu fliehen oder sich schnell vor der Geheimpolizei verstecken müssen, die jeweiligen Situationen sind geradezu radikal in Szene gesetzt und lieferten in ihrer Machart die Grundlage für spätere Thriller- und Suspense-Filme. Anthony Mann schuf mit „Das schwarze Buch“ ein echtes Meisterwerk, das von der ersten bis zur letzten Sekunde fesselt.

Das schwarze Buch (OT: The black Book/AT: Reign of Terror), Regie: Anthony Mann, Drehbuch: Philip Yordan, Produktion: William Cameron, Darsteller: Robert Cummings, Richard Basehart, Arlene Dahl, Richard Hart. USA  1949, 89 Min.

Robert Siodmak – Meister von Licht und Schatten

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Robert Siodmak

Salopp formuliert könnte man sagen, dass der Hauptbestandteil des Film Noir coole Typen und heiße Frauen sind. Doch bezieht man sich dabei mehr auf den historischen Ursprung des Stils, der sich in den Kriminalheftchen der 30er und 40er Jahre findet. Film Noir ist bei weitem mehr. Er ist zum einen eine Hinwendung zur wahren Filmkunst, zum anderen eine Art Spiegelung der jeweiligen Gesellschaft. Im Zentrum stehen vom Schicksal geplagte Figuren, die vergeblich versuchen, den Weg in ein normales Leben zu führen.

Ein weiteres Merkmal, das sich auf die Machart dieser Filme bezieht, ist, dass vornehmlich in Schwarzweiß gedreht wurde. Heute ist dies kein Muss mehr, auch wenn die „Sin City“-Filme teilweise dieses Element als zentralen Aspekt zelebrieren. Auch stammen Filme, die dem Film Noir zugerechnet werden, nicht mehr allein aus den USA. So ist zum Beispiel der koreanische Thriller „Happy End“ (1999) ein vortreffliches Beispiel für das koreanische Äquivalent.

Der erste Film, der dem Film Noir zugesprochen wird, ist der Krimi „Die Spur des Falken“ (1941) von John Hutson. Als einer der wichtigsten Regisseure des Film Noir zählt Robert Siodmak (1900-1973). Der deutsche Regisseure wurde mit seiner UFA-Produktion „Menschen am Sonntag“ (1930) berühmt, einem Film, der hauptsächlich mit Laiendarstellern gedreht wurde. Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten floh Siodmak zunächst nach Frankreich. Ende der 30er Jahre kam er in die USA, wo er in Hollywood relativ schnell Anschluss fand. Seine erste Dreharbeit war der Universal-Film „Draculas Sohn“ (1943).

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Die Wendeltreppe

Bereits zwei Jahre später sollte er einen ersten Klassiker schaffen. Mit „Die Wendeltreppe“ (1945) kreierte er eine dichte Mischung aus Suspense, vermischt mit Ansätzen des Horrorfilms, dessen Stil in den 70er und 80er Jahren u. a. von Dario Argento übernommen wurde. Die berühmte Szene in „Die Wendeltreppe“, in welcher die gehörlose Helen einen weißen Zaun panisch entlang läuft, da sie sich verfolgt fühlt, findet sich beinahe eins zu eins in Argentos „Tenebre“ (1982) wieder. „Die Wendeltreppe“ handelt von der jungen Frau Helen, die in einem abgelegenen Haus als Dienstmädchen arbeitet. In der unmittelbaren Umgebung geht ein Serienmörder um, dessen Opfer behinderte Frauen sind.

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Rächer der Unterwelt

Interessanterweise betrachtete Siodmak seine Filme selbst nicht als Kunst, sondern eher als bloße Arbeit, um damit sein Geld zu verdienen. Das änderte sich auch nicht durch seinen zweiten Beitrag zum Film Noir mit dem Titel „The Killers“ (Rächer der Unterwelt; 1946). Darin geht es um die rätselhafte Ermodung eines Tankwarts in einer Kleinstadt. Der Mann war unter der Bevölkerung als der Schwede bekannt. Ein Versicherungsagent versucht das Geheimnis des Mordes zu lösen und deckt dabei die tragische Geschichte des ehemaligen Preisboxers auf. Der Film basiert auf einer Geschichte Ernest Hemingways. Siodmak verbindet in dem Film eine fast vollkommene, düstere Poesie mit drastischer Realität. Die Anfangssequenz, in der zwei Auftragskiller in ein Café kommen und den Besitzer bedrohen, ist unglaublich spannend und nervenzerrend in Szene gesetzt. „The Killers“ wurde ein enormer Erfolg. Robert Siodmak  ebnete damit seine weitere Karriere. Aber auch die beiden damals unbekannten Hauptdarsteller Burt Lancaster und Ava Gardner wurden durch den Film über Nacht zu Stars.

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Der schwarze Spiegel

Noch im selben Jahr brachte Siodmak mit „The dark Mirror“ einen weiteren Kassenschlager in die Kinos. In diesem Film geht es um den Mord an einem Arzt. Verdächtigt wird eine junge Frau, die jedoch ein perfektes Alibi vorweisen kann, das auch bei mehreren Verhören nicht zusammenbricht. Inspector Stevenson ist dennoch überzeugt von ihrer Schuld und lässt daher einen Psychologen den Fall übernehmen. Scott Elliot soll herausfinden, ob Terry schizophren ist. Elliot kommt bei seiner Untersuchung auf ein ganz anderes Ergebnis … – Auch dieser Film ist unglaublich dicht und spannend umgesetzt. Von Anfang an spielt Siodmak mit den Erwartungen der Zuschauer, lässt sie miträtseln und quasi an der Auflösung des Falles direkt teilhaben. „The dark Mirror“ war nominiert für einen Oscar in der Kategorie Bestes Originaldrehbuch.

pyramidedessonnengottesNach seinen letzten beiden Film Noir-Streifen „Schrei der Großstadt“ (Cry of the City; 1948) und „Strafsache Thelma Jordon“ („The File on Thelma Jordon“; 1950), drehte Siodmak den Abenteuerfilm „Der rote Korsar“ (1952), bevor er zurück nach Europa kehrte. Irgendwie verließ ihn hier seine Muse. Seine Filme wirken weniger gekonnt als seine Arbeiten, die er für Hollywood gedreht hatte. Als künstlerischer Tiefpunkt gilt die Karl May-Verfilmung „Die Pyramide des Sonnengottes“ (1965), die, was vor allem die Montage betrifft, überaus schlecht gemacht ist. Selbst die Schauspieler wirken lustlos und scheinen bei den Aufnahmen mit ihren Gedanken ganz woanders gewesen zu sein. Siodmaks letzte Filmproduktion war der Zweiteiler „Kampf um Rom“ (1968).

Über Robert Siodmak, der sich selbst weniger als Künstler, sondern eher als Arbeiter verstand, geht die Meinung von Filmhistorikern und Kritikern weit auseinander. Während die einen ihn als unvergleichlichen Filmemacher feiern, ist er für andere lediglich ein Auftragsregisseur gewesen. Aber egal, in welche Kategorie man ihn einfügt, sicher ist, dass er Klassiker des Kinos geschaffen hat.