Wider die Langeweile oder Wieso darf Fachliteratur nicht unterhaltsam sein?

Fachliteratur. Viele Leute, die diesen Begriff hören, denken an trockene Texte, die kein Mensch versteht – vielleicht auch gar nicht verstehen will, da der Text den Leser eher dazu bringt, einzuschlafen. Vor allem Artikel und Bücher aus den Bereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften neigen dazu, tatsächlich trocken und langatmig zu sein. In diesen Fächern scheint es eine ungeschriebene Regel zu sein, dass nur trockene, völlig humorlose Texte wissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln können. Wehe es kommt jemand auf die Idee, ironisch zu werden oder den ein oder anderen Gag einzufügen. Dieser Autor wird verachtet und nicht ernst genommen. Wahrscheinlich werden seine Theorien dennoch von dem ein oder anderen Kollegen stillschweigend geklaut und als eigene Gedankenkonstruktion „verkauft“, doch dann natürlich wieder in jenem erschreckend trockenen, völlig uninteressanten Stil.

Die Situation lässt sich gut auf den Leser von Fachtexten übertragen.

Die Menge an Texten, die in den oben genannten Bereichen produziert wird, ist enorm, und nur die wenigsten werden überhaupt wahrgenommen. Es ist tragisch, dass es gerade langweilige Texte sind, welche rezipiert und zitiert werden. Die gelungenen Texte dagegen, also die Artikel und Bücher, die mit einem gewissen Schwung wissenschaftliche Probleme bearbeiten, werden stillschweigend unter den Teppich gekehrt. Aber wieso ist das so? Aus welchem Grund muss wissenschaftliche Fachliteratur langweilig und humorlos sein? Paul Feyerabend stellte einmal die Frage, ob eine wissenschaftliche Theorie sich verändern würde, wenn man sie mit Gitarrengeklimper untermalte. Seine ironische Bemerkung lässt sich genauso gut auf die Frage übertragen, ob wissenschaftliche Fachtexte anders wären, wenn sie unterhalten würden.

Wenn jemand der Meinung ist, dass Fachliteratur Erkenntnisse vermitteln, aber nicht unterhalten soll, so liegt er sicherlich falsch. Gerade Fachliteratur sollte zusätzlich den Leser unterhalten. Viele, ja sehr viele Texte, die im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich veröffentlicht werden, sind vollkommen überflüssig. Sie liefern keine neuen Erkenntnisse, sondern fassen Bisheriges zusammen, nur um am Ende  – als einer Art Pointe – ein oder zwei Sätze eigener Gedanken hinzuzufügen. Dies ist so, da Originalität in den Geistes- und Sozialwissenschaften nicht gefragt ist. Da dies so ist, so sollte die Ansammlung an unorigineller Fachliteratur doch bitte mindestens unterhaltsam sein, damit man sich nachher nicht zu sehr darüber ärgert, einen weiteren dieser Texte gelesen zu haben. Der Inhalt wissenschaftlicher Texte ändert sich nicht dadurch, da jemand diesen mit einem gewissen Witz bearbeitet. Im Gegenteil, die Leser werden dadurch noch mehr angeregt, über das Geschriebene nachzudenken. Wieso also keine Texte verfassen, die in einem netten Plauderton Annahmen, Theorien und historische Fakten abarbeiten? Die Theorien, Annahmen und Fakten ändern sich dadurch nicht, sie werden nur lesbarer gemacht. Sie kommen den Lesern und den Studenten, die sich damit herumquälen müssen, entgegen. Fachliteraur könnte also durchaus unterhaltsam sein. Es ist jedoch zu befürchten, dass es lange dauern wird, bis es soweit ist.