Horror de Luxe: Trollhunter

„Troll!“ Und schon fliehen alle vor den unheimlichen Riesen, die Norwegens Wälder unsicher machen. Nur weiß niemand, dass es Trolle wirklich gibt, da die Regierung dies streng geheim hält. Als eine kleine Gruppe Studenten bei der Durchführung eines Filmprojekts auf den seltsamen Jäger Hans treffen, dessen Auto mit ominösen Krallenspuren überzogen ist, ist für sie klar, dass sie dem Geheimnis des Mannes auf die Spur kommen wollen.

Norwegens Kritiker waren gespalten, als André Øvredals „Trollhunter“ 2010 in die Kinos kam. Die einen bemängelten die Dramaturgie, die anderen waren mit den Spezialeffekten unzufrieden. Von Kritikern im Ausland wurde der Film dagegen eher positiv bewertet.

„Trollhunter“ ist im Stil einer Mockumantery gedreht und wurde daher mit „Blair Witch Project“ und „Cloverfield“ verglichen. Das Problem bei solchen Filmen ist stets, dass sie hätten besser sein können, wenn sie eben nicht im vermeintlichen Dokumentarstil gedreht worden wären. Und dasselbe trifft sicherlich auch auf „Trollhunter“ zu.

Ein Bergtroll greift an; „Trollhunter“ (2010); © Universal Pictures

Dennoch handelt es sich hierbei um ein recht witziges Monsterfilmchen mit durchaus überraschenden Spezialeffekten. Vor allem der Ton ist in dieser Hinsicht erstklassig, das Aussehen der Ungeheuer orientiert sich an klassischen Zeichnungen von Trollen, was zu einem weiteren positiven Aspekt führt: denn „Trollhunter“ vermischt auf geniale Weise Folklore mit Action und Horror. Wenn man sich auf die gewitzte Grundidee des Films einlässt, dann hat man 90 Minuten Spaß vor sich.

Was ein wenig nervt, sind die drei Studenten, die mehr herumhampeln als eine schauspielerische Glanzleistung abzuliefern. Dagegen spielt Otto Jespersen den Trolljäger Hans auf wirklich geniale Weise. Mit anderen Jungdarstellern hätte der Film wahrscheinlich noch besser funktioniert, so aber erscheinen die Protagonisten eher wie zweidimesnionale Abziehbilder. Die Stärken des Films liegen daher vor allem in den Szenen, in denen die Monster ihr Unwesen treiben.  Vor allem das Finale ist hierbei recht faszinierend.

Die koreanische Produktionsfirma CJ Entertainment hatte zusammen mit der US-Firma 1492 Pictures zunächst die Rechte für ein Remake erworben, jedoch wurde das Projekt wieder fallen gelassen. Anscheinend haben die Produzenten erst später gemerkt, dass es in ihren jeweiligen Ländern keine Trolle gibt und daher ein Remake sinnlos wäre. Was daher bleibt, ist sicherlich einer der außergewöhnlichsten Filme aus Norwegen.

Trollhunter. Regie u. Drehbuch: André Øvredal, Produktion: John M. Jacobson, Darsteller: Otto Jespersen, Hans Morton Hansen, Tomas Alf Larsen, Johanna Mørck, Urmila Berg-Domaas, Glenn Erland Tosterud. Norwegen 2010, 99 Min.

Horror de Luxe: The Loreley’s Grasp – Die Bestie im Mädchenpensionat (1973)

Sylvia Tortosa als Leherin Elke Ackermann bringt selbst die ärgsten Filmkritiker zum Schwärmen. „The Loreley’s Grasp“ (1973); © JSV

Amando de Ossorio wollte es anscheinend nochmals wissen. Berühmt geworden durch die „Reitenden Leichen“-Filme, drehte er 1973 den Horrorstreifen „The Loreley’s Grasp“, der in Deutschland den Zusatztitel „Die Bestie im Mädchenpensionat“ erhielt, um möglichst viele Zuschauer in die Bahnhofskinos zu locken.

Basierend auf Clemens Brentanos Kunstmärchen über die Lorelei, einer Nixe, die durch ihre Schönheit Männern den Tod bringt, verfasste er ein Drehbuch, in dem eben diese Nixe ein Mädchenpensionat am Rheinufer unsicher macht. Jäger Sigurd wird angeheurt, um dem Ungeheuer den Garaus zu machen. Doch ist das leichter gesagt als getan. Denn das Lorelei-Monster lässt sich nicht so leicht lumpen …

Kritiker teilen sich bis heute in genau zwei Lager, was diesen Film betrifft. Die einen halten ihn für unterirdisch schlecht, die anderen für eine vergessene Perle des Horrorfilms. Nun, irgendwie trifft bei „The Loreley’s Grasp“ beides zu. Denn der Film ist einerseits schlecht, andererseits unfreiwillig komisch und drittens wiederum wirklich gut.

Zuschauer, die sich mit dem europäischen Trash-Kino der 70er Jahre nicht auskennen, werden mit Sicherheit auch mit diesem Film nichts anfangen können. Für alle anderen aber dürfte Ossorios unbekannter Streifen eine echte Entdeckung sein. Die Optik des Films ähnelt derjenigen der „Reitenden Leichen“. Es gibt tolle, atmosphärische Aufnahmen, die an die Schilderungen klassischer Gespenstergeschichten erinnern, und dann natürlich wieder die typischen Trash-Sequenzen – für beides liebt man Ossorios Filme.

Jäger Sigurd (Tony Kendall) pirscht sich an die Lorelei (Helga Liné) heran; „The Loreley’s Grasp“ (1973); © JSV

Überraschend gelungen sind die Szenen, in denen das Ungeheuer sein Unwesen treibt. Zwar ist das Monster selbst nicht wirklich gut getroffen, doch seine Angriffe auf die Bewohner des Mädchenpensionats besitzen ein erstaunlich hohes Tempo, die Schnittfolge dabei ist großartig, sodass man gelegentlich an die Meister des italienischen Horrorkinos denken muss.

Für eher Heiterkeit sorgt Hauptdarsteller Tony Kendall, der nicht wirklich in die Rolle passt bzw. vergeblich versucht, diese darzustellen. Doch dafür sind die beiden weiblichen Hauptdarstellerinnern geradezu einzigartig: sowohl im Hinblick auf ihre Darstellungsweise als auch ihr Aussehen. Silvia Tortosa spielt Elke Ackermann, die Lehrerin des Mädchenpensionats, wobei selbst die ärgsten Kritiker des Films nicht umhin konnten und können, ihre faszinierende Attraktivität zu würdigen. Nicht anders verhält es sich bei Helga Liné, welche die Wassernixe spielt.

Alles zusammen macht „The Loreley’s Grasp“ zu einem interessanten Film, der zwar nie wirklich spannend wird, aber dennoch hervorragend unterhält. Für Liebhaber des europäischen Horrorfilms ist dies mit Sicherheit eine nette Entdeckung.

The Loreley’s Grasp – Die Bestie im Mädchenpensionat (OT: Las Garras de Lorelei). Regie u. Drehbuch: Amando de Ossorio, Produkion: Ricardo Munoz Suay, Darsteller: Tony Kendall, Silvia Tortosa, Helga Liné. Spanien 1973, 85 Min.

 

Trash der 60er (8): Die Mühle der versteinerten Frauen

muehlecoverDer Name Pierre Briece ist unweigerlich verbunden mit Winnetou. Diese Figur machte den französischen Schauspieler zum Star in Deutschland. Dass seine eigentliche Karriere allerdings mit einem Horrorfilm begann, dürfte den wenigsten bekannt sein.

1960 erhielt Pierre Briece die Hauptrolle in dem Gothic-Horror „Die Mühle der versteinerten Frauen“. Dieser Film, der auf einer flämischen Erzählung beruht, beinhaltet das gesamte Repertoire der englischen Hammer-Produktionen, der Poe-Filme von Roger Corman sowie des italienischen Horrorfilms. Die stilvolle, satte Farbgebung, die düsteren, detaillierten Kulissen sowie die originellen Kameraeinstellungen lassen den ganzen Film als echtes Kunstwerk erscheinen. Einzelne Szenen erinnern an die Gemälde flämischer Meister. Und dies hat auch seinen Sinn, hat doch der gesamte Film Kunst zum Thema.

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Professor Wahl (Wolfgang Preiss) begrüßt seine Besucher.

Pierre Briece spielt darin den Architekturstudenten Hans van Harnim, der eine Arbeit über das „Carillon der versteinerten Frauen“, welches unheimliche Frauenstatuen auf einem Mühlrad zeigt, schreiben möchte. Dieses befindet sich in einer einsam gelegenen Mühle. Er trifft auf seinen Lehrer Professor Wahl, dem die Mühle gehört. Dessen Tochter leidet jedoch unter einer seltsamen Krankheit. Um überleben zu können, benötigt sie ständig frisches Blut. Als Hans van Harnims Verlobte spurlos verschwindet, versucht er, auf eigene Faust, sie wieder zu finden. Dabei kommt er dem Geheimnis der Mühle und jenes seltsamen Kunstwerks mehr und mehr auf die Spur.

Gerüchten zufolge soll der bekannte italienische Horrorregisseur Mario Bava bei der Entstehung des Filmes mitgewirkt haben. Für Filmhistoriker scheint diese These plausibel, da dadurch die spezielle Farbgebung sowie der dramaturgische Stil des Films erklärt werden könnten. Diese tauchen erst wieder in Bavas eigenen Werken und in denen seines Schülers Dario Argento auf.

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Hans von Harnim (Pierre Briece) entdeckt das schreckliche Geheimnis des Kunstwerks.

Der Film selbst lief zwar durchaus erfolgreich in den europäischen Kinos, entwickelte sich allerdings keineswegs, wie etwa Cormans „Die Verfluchten“, der im selben Jahr erschien, zum Kassenschlager. Dies hatte zur Folge, dass „Die Mühle der versteinerten Frauen“ sehr schnell wieder wieder in Vergessenheit geriet, sodass nach ein paar Jahren das Gerücht kursierte, dass der Film verschollen sei. Nur einzelne Szenenfotos zeugten überhaupt von der Existenz dieses Meisterwerks. Zum Glück jedoch entpuppte sich dieses Gerücht als Trugschluss. Denn die Filmrollen staubten seelenruhig in einem Archiv vor sich hin.

Obwohl der Film im Grunde genommen eine weitere Variation des „Wachsfigurenkabinett“-Themas darstellt, erweitert er dieses durch eine Art moderne Form des Vampirismus. Auf diese Weise gelingen Giorgio Ferroni viele unheimliche Momente, angefangen von dem schrillen Schrei, der hinter einem tiefroten Vorhang hervordringt, bis hin zu eben jenem unheimlichen Kunstwerk, das von allen bestaunt wird. Für Liebhaber klassischer Horrorfilme sind die „versteinerten Frauen“ daher ein wahrer Genuss.

Die Mühle der versteinerten Frauen (OT: Il Mulino delle Donne di Pietra), Regie u. Drehbuch: Giorgio Ferroni, Produktion: Giampaolo Bigazzi, Darsteller: Pierre Briece, Wolfgang Preiss, Scilla Gabel, Dany Carrel. Italien/Frankreich 1960, 90 Min.

It’s Fantastic – Brian Yuznas Produktionsfirma Fantastic Factory

Im Jahr 2000 tat sich etwas bei der größten spanischen Produktionsfirma Filmax. Eine kleine Firma, die sich ausschließlich auf die Herstellung von Horrorfilmen konzentrieren sollte, wurde von Regisseur Brian Yuzna und Filmax-Chef Julio Fernández gegründet. Die Euphorie war groß, befand sich doch das Horrorgenre im Aufwind. Den Anstoß für die Reanimierung des Horrorfilms hatte Wes Craven 1996 mit „Scream“ gegeben. Seit dem gab es kein Halten mehr. Angestachelt durch die Krise in Hollywood und dem gleichzeitigen Erfolg japanischer und koreanischer Horrorfilme, wagten sich nun auch mehr und mehr andere nicht-us-amerikanische Filmfirmen auf den internationalen Markt.

faustDie Firma, welche von Brian Yuzna und Filmax gegründet wurde, trug den Namen Fantastic Factory. Den Anfang machte eine Comic-Adaption mit dem Titel „Faust – Love of the Damned“ (2000), in dem der nach Rache sinnende Künstler John Jaspers Bekanntschaft macht mit einem mysteriösen Mann namens M. Dieser verleiht ihm übermenschliche Kräfte, allerdings muss Jaspers dafür mit ihm einen Vertrag über seine Seele abschließen. Doch Jaspers ist dies in diesem Moment egal. Was er möchte, ist Rache an den Mördern seiner Frau zu nehmen. Sein blutiger Rachefeldzug wurde mithilfe der bizarren Spezial- und Make up-Effekte des japanisch-amerikanischen Künstlers Screaming Mad George umgesetzt. Der Film entwickelte sich, trotz eher schlechter Kritiken, zum Geheimtipp und gilt inzwischen als heimlicher (moderner) Klassiker des spanischen Horrorfilms. Nun, die Effekte sind wirklich hervorragend, kein 08/15-Schnickschnack wie in US-Filmen, sondern geradezu surreal. In Deutschland kam (natürlich) nur eine völlig geschnittene Fassung heraus, in der sämtliche Spezialeffekte herausgeschnitten worden waren. Erst später veröffentlichte Legend Films den Film in einer ungeschnittenen Fassung als numerierte Sammleredition.

dagonKurz darauf ging es Schlag auf Schlag. Der Name Fantastic Factory war bekannt. Also musste Yuzna schnell nachliefern, um die Gunst der Stunde voll ausnützen zu können. 2001 brachte Fantastic Factory gleich zwei Filme heraus: „Dagon“, eine Lovecraftadaption, basierend auf „Der Schatten über Insmouth“, und den Spinnenmonsterfilm „Arachnid“. Beide Filme liefern beste Trash-Unterhaltung. Besonders „Dagon“ versucht, die düster-glitschige Atmosphäre von Lovecrafts Erzählungen visuell umzusetzen und gibt sich dabei regelrecht Mühe. Zwar wurde Lovecrafts Vorlage in eine Teeny-Slasher-Parade umgeschrieben, doch wesentliche Aspekte des Romans blieben erhalten. So z.B. die Szene in dem Hotelzimmer, in welcher der Protagonist versucht, die Türen zu verriegeln, damit die heimlichen Besucher ihn nicht erwischen können.

arachnid„Archnid“ zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass Yuzna auf CGI-Effekte weitestgehend verzichtete, sondern handgemachte Monsterspinnen präsentierte. Diese kommen aus dem Weltall und verschlingen nun alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Man fühlt sich irgendwie an John Wyndhams SF-Roman „Web“ erinnert, in dem eine ganz ähnliche Geschichte erzählt wird. Ob diese als Vorlage diente, ist aber nicht ersichtlich.

2003 kehrte Yuzna zu den Anfängen seiner Karriere zurück, indem er sich erneut an den „Reanimator“-Stoff heranwagte. „Beyond Re-Animator“ aber kommt nicht mehr an den Klassiker aus dem Jahr 1984 heran, er versucht eher, die bizarr-groteske Horror-Action des zweiten Teils auf die Spitze zu treiben. Nun ja, die Zombies sind mal wieder los und alles bewegt sich zwischen doch irgendwie witzig und eher albern. Ein Meisterwerk ist ihm allerdings ganz und gar nicht gelungen.

„Beyond Re-Animator“ läutete zugleich das Ende von Fantastic Factory ein. Das Ziel der Firma war es, Horrorfilme kostengünstig herzustellen und dadurch zugleich unbekannten Schauspielern eine Chance zu geben, einen Fuß zwischen die Tür zu bekommen. Also eine ganz ähnliche Strategie, die Roger Corman seit den 50er Jahren verfolgt. Doch ging bei Yuzna die Rechnung nicht ganz auf.

romasanta2004 brachte die Firma zwei Filme heraus: „Romasanta“ und „Rottweiler“. Bei „Romasanta“ handelte es sich um einen Werwolffilm, der sich auf einen historisch belegten Fall bezieht. Die Hauptrolle spielte Julian Sands. Doch konnte der Film als Ganzes nicht wirklich überzeugen. Er ist ein wenig zu langatmig geworden. Zwar gab sich Yuzna große Mühe dabei, eine dichte und geheimnisvoll-bedrohliche Atmosphäre und eine gute Optik zu gestalten, doch half dies nicht viel. Die Kritiker mochten „Romasanta“ nicht wirklich.

Noch schlimmer sah es bei „Rottweiler“ aus. Es geht darin um einen Cyborg-Hund, der einen geflohenen Häftling hinterher jagt. Mehr muss man über den Film nicht wissen. Er gilt als Yuznas unglücklichste Produktion. Nicht einmal der Auftritt des spanischen Horrorstars der 70er und 80er Jahre Paul Nashy konnte etwas daran ändern.

2005 und 2006 kam es zu den beiden letzten Produktionen von Fantastic Factory. Mit „The Nun“ versuchte Yuzna, auf die Teeny-Slasher-Welle aufzuspringen. Aber die Geschichte über eine Geisternonne namens Schwester Ursula, die ihre früheren Schülerinnen heimsucht, fand niemand so toll. An sich ist der Film durchaus sehenswert und besticht durch eine hervorragende Optik. Auch Beleuchtung und Farbgebung sind überdurchschnittlich. Dennoch schreckte die Nonnen-Idee anscheinend eher ab.

beneathDas unrühmliche Ende von Fantastic Factory lieferte „Beneath Still Waters“. Der Film basiert auf einem spanischen Horrorroman und erzählt von der Kleinstadt Marienbad, die in einem See versinkt, nachdem dort satanische Rituale durchgeführt wurden. Am Rand des Sees entstand eine neue Stadt. Doch kommt es dort seit einiger Zeit zu unheimlichen Todesfällen. Ein Fotojournalist versucht, hinter das Geheimnis zu kommen.

Oh weh, kann man da nur noch sagen. Der Film ist ein Stückwerk unterschiedlicher Szenen, die alle irgendwie nicht zusammenpassen. Es scheint fast so, als habe Yuzna einfach keine Lust mehr gehabt und mit den Worten „scheiß drauf“ die Tür hinter sich zugemacht.

Seitdem ist es still um die Firma Fantastic Factory. Da die Firmenhomepage nicht mehr existiert, ist anzunehmen, dass die Produktionsfirma dicht gemacht wurde. Ein Grund dürfte der sinkende Umsatz gewesen sein, der aufgrund der zunehmenden schlechten Kritiken entstand. Yuzna selbst ist seit 2013 wieder als Regisseur tätig.

Christopher Lee – Meister des European Trash

Der Tod Christopher Lees hinterlässt eine große Lücke im Horrorgenre. Es starb nicht nur ein großartiger Schauspieler, sondern zugleich eine der letzten Ikonen der klassischen Horror- und Trash-Ära. Im selben Atemzug mit ihm nennt man für gewöhnlich Vincent Price (1911-1993) und Peter Cushing (1913-1994), mit denen Lee ja auch mehrfach zusammengearbeitet hat.  Christopher Lees Karriere begann bekanntlich durch die Filme der englischen Hammer Productions. Doch parallel dazu, trat er auch oft in europäischen Co-Produktionen auf.

Schloss des GrauensSo unter anderem in der Rolle des Erich in dem italienischen Horrorfilm „Das Schloss des Grauens“ (1963). Darin geht es um ein einsam gelegenes Schloss, in dem es immer wieder zu unheimlichen Morden kommt. Schnell ist den neuen Bewohnern klar: ein Phantom muss sein Unwesen treiben (man achte hierbei auf den Namen Erich und den des Phantoms der Oper Erik). Der Film ist zwar nicht so bekannt, dennoch weist er die typischen Merkmale der klassischen Ära des italienischen Horrorfilms auf.

lee2Eine der bekanntesten Rollen Christopher Lees war die des Superbösewichts Dr. Fu Man Chu, der in allen fünf Filmen der Reihe darauf aus ist, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Wie bei jeder Filmreihe, so gilt auch hier, dass der erste Film der beste ist. Joachim Fuchsberger und Karin Dor waren in „Ich, Dr. Fu Man Chu“ (1965) ebenfalls mit von der Partie und versuchten mit allen Mitteln, Fu Man Chu am Erreichen seines Ziels zu hindern. In den Folgefilmen übernahmen Heinz Drache und sogar Götz George die Heldenrollen. Unterstützt wurden sie dabei von Shirley Eaton und Maria Rohm.

schlangengrube und das pendel1967 übernahm Christopher Lee die Rolle des Grafen Regula in der deutschen Produktion „Die Schlangengrube und das Pendel“. Lex Barker und Karin Dor geraten darin in die Fänge des üblen Schlossbesitzers, dessen Behausung mit diversen Fallen ausgestattet ist. Leider hinkte man der Entwicklung des Horrorgenres hinterher. Die brave Mischung aus Abenteuer und Grusel passte nicht mehr ganz zu den aufkommenden postmodernen Horrorfilmen. Dennoch bietet der Harald Reinl-Film tolle Unterhaltung und schöne, surreale Kulissen.

lee3Angeblich schämte sich Christopher Lee für seine Rolle als Zeremonienmeister in der de Sade-Verfilmung „Eugenie“ (1970). Jess Franco habe ihm verheimlicht, dass es sich dabei um einen Erotikfilm handele. Nun, schämen musste er sich eigentlich nicht, zählt doch „Eugenie“ zu den besten Filmen, die Franco jemals gemacht hat. In teils surrealen Bildern erzählt er die Geschichte der braven Eugenie, die auf eine Insel gelockt wird, um als Opfer der Lust herzuhalten. Maria Rohm, Jack Taylor und Herbert Fux spielten damals an Lees Seite. Wenn man sich einen Film von Jess Franco anschauen möchte, so sollte man sich diesen vornehmen.

lee5Im selben Jahr spielte Christopher Lee in einem weiteren Jess Franco-Film mit. Als „Hexentöter von Blackmoor“ ist er als unbarmherziger Richter zu sehen, der eine Herrschaft aus Willkür und Schrecken ausübt. In der Mischung aus Historienfilm, Horror und Sexploitation spielen Maria Schell und Maria Rohm mit. Die europäische Produktion gilt als aufwendigster Film Francos, der ja ansonsten eher das Schlichte liebte. Doch hier treten ganze Armeen auf, es kommt zu Schlachtgetümmeln und zwischendrin wendet sich Franco dem Frauenknast-Genre zu. Sozusagen für jeden etwas. Und Christopher Lee ist hier als Bösewicht absolut nicht zu toppen.

Old Shatterhand und Winnetou im Horrorland: Lex Barker und Pierre Brice als Horrorstars

Lex Barker und Pierre Brice sind aus dem Genre des Abenteuerfilms nicht wegzudenken. Egal ob sie Seite an Seite in den Karl May-Verfilmungen gegen diverse Bösewichte kämpften oder jeder für sich in unterschiedlichen Abenteuern, die Namen der beiden sind unvermeidlich mit diesem Genre verbunden.  Dies verzerrt jedoch die Realität. Denn sowohl Lex Barker als auch Pierre Brice tauchten in diversen Thrillern auf. Nicht weniger interessant ist, dass beide Schauspieler in jeweils einem Horrorfilm die Hauptrolle inne hatten. So spielte Lex Barker die Rolle des Roger Mont Elise in der deutschen Produktion „Die Schlangengrube und das Pendel“ und Pierre Brice die Rolle des Hans von Arnim in der französisch-italienischen Produktion „Die Mühle der versteinerten Frauen“.

mühle der versteinerten frauen„Die Mühle der versteinerten Frauen“ (Il mulino delle donne di pietra)  stammt aus dem Jahr 1960. Regie führte der für seine Sandalenfilme bekannte Regisseur Giorgio Ferroni. Der Film handelt von dem Kunststudenten Hans von Arnim, der eine Doktorarbeit über Bildhauerhei verfassen möchte. Sein Interesse bringt ihn in Kontakt mit Prof. Gregorius Val, der in einer einsam gelegenen Mühle außergewöhnliche Skulpturen anfertigt. In der Mühle begegnet Hans auch Elfie, der Tochter des Professors, in die er sich Hals über Kopf verliebt. Elfie leidet unter einer seltsamen Krankheit und ihr Vater setzt alles daran, um sie zu heilen. Je mehr sich Hans in der Mühle aufhält, desto augenscheinlicher wird für ihn, auf welche Weise Prof. Val Elfie von ihrer Krankheit befreien möchte. Diese Erkenntnis bringt ihn in Lebensgefahr.

Der Film ist ein Klassiker des europäischen Horrorkinos und besticht durch seine überaus düstere Atmosphäre. Die Optik und die Farbgebung lassen bis heute viele Kritiker und Fans darüber spekulieren, ob Ferroni überhaupt als Regisseur von Il mulino delle donne di pietra in Frage kommt. Viel eher erinnert die Machart des Films an den Meister Mario Bava. Ein anderer Aspekt ist dagegen eindeutig. Der Film lehnt sich stark an den Horrorklassiker „House of Wax“ an. Teile des Plots erinnern ebenfalls an den französischen Klassiker „Augen ohne Gesicht“, der im selben Jahr in die Kinos kam. Für längere Zeit galt „Die Mühle der versteinerten Frauen“ als verschollen. So war die Wiederentdeckung natürlich eine kleine Sensation. Mittlerweile wurde der Film restauriert, wobei jedoch die Tonspur an manchen Stellen nicht mehr gerettet werden konnte. Neben Pierre Brice spielten die italienische Schauspielerin Scilla Gabel, die ebenfalls aus verschiedenen Abenteuer- und Sandalenfilmen bekannt ist, und der deutsche Darsteller Wolfgang Preiss, der auch in den Dr. Mabuse-Filmen mitspielte. Der Film ist ein echter Leckerbissen für Liebhaber alter Horror- und Trashfilme und präsentiert die Kunst des europäischen Kinos auf geradezu wunderbare Weise.

schlangengrube und das pendel1967 kam man in Deutschland auf die Idee, auf die von den englischen Hammer-Studios und den amerikanischen Vince Price-Filmen angeführte Horrorfilmwelle aufzuspringen. Regie führte bei „Die Schlangengrube und das Pendel“ Harald Reinl. Es geht um den Anwalt Roger Mont Elise, der eine Einladung des Grafen Regula erhalten hat, ihn in dessen Schloss Andomai zu besuchen, da er dort mehr über seine Vergangenheit erfahren würde. Auf seiner Reise trifft er auf die Baronesse Lilian von Brabant, die ebenfalls eine Einladung auf das Schloss erhalten hat. Mit von der Partie ist auch der Bandit Fabian, der sich zunächst als Pfarrer ausgibt. Bereits auf der Reise zum Schloss kommt es zu allerhand seltsamen und unheimlichen Zwischenfällen. Das Schloss selbst entpuppt sich als eine einzige Falle. Denn Graf Regula hat geschworen, sich an den Nachfahren der Leute, die ihn vor 35 Jahren hingerichtet haben, zu rächen.

„Die Schlangengrube und das Pendel“ ist Unterhaltung pur. Der Film ist eine Aneinanderreihung von abenteuerlichen Ereignissen und phantastischen Zwischenfällen, welche die einfache Handlung rasant vorantreiben. Im Gegensatz zu den Hammer-Filmen aber wirkt Harald Reinls Horrorausflug doch etwas zu brav und harmlos. Dafür aber geizt der Film nicht mit wundervollen surrealen Kulissen, welche stark zur besonderen Atmosphäre des Films beitragen. So wachsen z.B. Arme und Hände aus den Bäumen. Gelegentlich auch ein Kopf. Das riesige Wandgemälde im Schloss erinnert an Hieronymus Bosch. Christoper Lee spielt den ominösen Grafen Regula, dem es mit okkulten Mitteln gelingt, wieder lebendig zu werden. Lex Barker zur Seite steht Karin Dor als Lilian von Brabant, die mehrmals ihre ohrenbetäubenden Schreikünste zum Besten geben darf. Auch Karl May-Veteran Vladimir Medar ist als Räuber Fabian mit von der Partie. Der Film war zwar kein kommerzieller Erfolg, spielte aber mehr schlecht als recht die Kosten wieder ein. Grund für das eher maue Einspielergebnis war, dass sich Ende der 60er Jahre das Horrorgenre stark veränderte. Die deutschen Produzenten hatten diesen Wandel anscheinend nicht in Betracht gezogen. Selbst die Hammer-Studios standen nur wenige Jahre vor ihrem Aus, da sie den Wandel nicht wirklich mitvollzogen. Nichtsdestotrotz gelang mit „Die Schlangengrube und das Pendel“ ein wundervoller, durchaus ästhetischer Gruselfilm, der bis heute nichts von seinem Unterhaltungswert verloren hat.