Lady Chatterley – Der Skandalroman von D. H. Lawrence

Deutsche Ausgabe im Rowohlt Verlag

1928, zwei Jahre vor seinem Tod, veröffentlichte D. H. Lawrence einen Roman, der auch noch 1960 in England für Furore sorgte. Denn dort versuchte man, 32 Jahre nach der Veröffentlichung, das Buch per Gerichtsverordnung verbieten zu lassen. Der Grund war, dass man „Lady Chatterley“ als Pornographie betrachtete.

Eigentlich hatte Lawrence den Roman zunächst gar nicht als einen erotischen Roman geplant. Viel eher sollte es sich um eine Geschichte handeln, in der es um die soziale Ungleichheit ging. Erst die sog. dritte Fassung, für die Lawrence in England keinen Verleger fand und die er dann in Italien als Privatdruck veröffentlichen ließ, beinhaltet diverse Sexszenen, die bei vielen damaligen Lesern und vor allem bei den Behörden als obszön betrachtet wurden, bei Intellektuellen und Autoren (in Deutschland u. a. von Erich Kästner) aber gefeiert wurde.

Nachdem sich ein französischer Verlag für das Werk interessierte und veröffentlichte, wurden die Exemplare, die nach England versandt wurden, vom Zoll beschlagnahmt. Erst Mitte der 30er Jahre erfolgte dann eine Veröffentlichung in Lawrence‘ Heimat. In vielen anderen Ländern blieb das Buch verboten.

D. H. Lawrence (Quelle: Wikipedia)

Lawrence geht es eigentlich nicht nur um Sex, obwohl dies natürlich auch Thema ist, sondern um die bereits oben genannte soziale Ungerechtigkeit und die Lebensumstände der Arbeiter, die durch die Oberschicht absichtlich auf niedrigem Niveau gehalten werden. Wahrscheinlich ärgerten sich die damaligen englischen Politiker und Richter mehr darüber, dass Lawrence ausgerechnet Clifford Chatterley, der letzte Spross einer Adelsfamilie, als impotent darstellt, als über den Roman als solchen.

Die Handlung von „Lady Chatterley“ ist im Grunde genommen schnell erzählt: Es geht um Constance Chatterley, deren Mann Clifford im Ersten Weltkrieg so stark verwundet wurde, dass er teilweise gelähmt ist und daher mit seiner Frau nicht schlafen kann. Doch Constance leidet immer mehr unter ihrer unbefriedigten Lust. Als sie Cliffords Waldhüter Mellors begegnet, entflammt zwischen beiden eine tiefe Leidenschaft. Ihre Beziehung muss jedoch unter allen Umständen geheim bleiben, da beide sonst gesellschaftlich geächtet werden könnten.

Englische Ausgabe in der Bantam Press

Erregten die Sexszenen damals für Anstoß, so muss man aus heutiger Sicht sagen, dass gerade diese Szenen am wenigsten interessant sind. Viel spannender ist das Drama, das sich aus dieser Beziehung ergibt. Denn diese ist nicht nur deswegen heikel, da Mellors und Constance verheiratet sind, sondern auch, da beide aus unterschieldichen sozialen Schichten stammen, und damals war es geradezu undenkbar, dass eine Frau der Oberschicht eine Beziehung mit einem Bediensteten eingehen würde.

Auf diese Weise kritisiert D. H. Lawrence dann auch das damalige Gesellschaftssystem. Er entlarvt die Oberschicht als dekadent und abgehoben, während die Arbeiter unter den Bedingungen leiden. Constances Mann ergeht sich gerne im Sozialdarwinismus, was sie mehr und mehr verabscheut. Ihr Blick richtet sich durch die Beziehung mit Mellors immer stärker auf die düstere Realität, die bestimmt ist von der Armut und Trostlosigkeit, die das Leben der Arbeiter bestimmen. Die Kritik von damals lässt sich dabei ohne weiteres auch auf die heutige Situation übertragen. Man denke nur an Hartz 4 und die mit Absicht herbeigeführten Ungerechtigkeiten, die sich daraus ergeben.

Ständig ist natürlich die Angst da, dass die heimliche Beziehung der beiden auffliegen könnte. Während Constance sich immer freier und lebendiger fühlt, agiert Mellors vorsichtiger. Im Gegensatz zu ihr hat er bereits schlechte Erfahrungen im Leben gesammelt. Überhaupt hat er um sich herum einen dicken Schutzpanzer gezogen, um nicht erneut verletzt zu werden. Obwohl er Connstance liebt, fällt es ihm schwer, diesen Panzer fallen zu lassen. In dieser Hinsicht ist „Lady Chatterley“ ein großartiges Liebesdrama, dessen Erfolg Lawrence jedoch nicht mehr erlebte. Er starb 1930 an Tuberkulose.