J-Pop: Ein Kuss erregt die Gemüter

Kussszene aus dem Video „Universe in Love“ der japanischen Band Scandal; Copyright: Epic Records

Die japanische Rockband Scandal probt den Skandal. Oder vielleicht ist es dann doch eher ein Skandälchen? Wenn überhaupt. Auf jeden Fall hat das neue Video seinen Zweck erfüllt und das Netz ist heftig am Diskutieren. Das Marketingkonzept ging voll und ganz auf.

Aber um was geht es konkret? Der neueste Clip der ausschließlich aus Frauen bestehenden Band wurde zu dem Song „Koisuru Universe“ konzipiert. Die englische Übersetzung des Titels lautet „Universe in Love“ und ist für sich genommen ein überaus gelungenes, extrem rockiges Liebeslied. Doch leider wird der Song als solcher kaum wahrgenommen, sondern eben nur das Video.

Der Grund ist, dass die Szenenfolge des Clips in einem Kuss zwischen der Bassistin Tomomi und der Gitarristin Mami kumuliert. Und schon klatschen alle erstaunt die Hände zusammen. Doch genau das wollten die Macher sicherlich bezwecken. Interessant ist, dass es sich hierbei um eine erste Erotisierung der Band handelt, die bisher als überaus emanzipiert beworben wurde.

Die Kussszene ist aufgesplittet in zwei getrennte Teile; Copyright: Epic Records

Bei der Kussszene machten die Produzenten sich die Gerüchte zunutzte, die behaupteten, dass Tomomi lesbisch sei. Und natürlich lauteten manche der Reaktionen, dass sie dies schon längst gewusst hätten. Leider machten sich auch in diesem Fall diejenigen bemerkbar, deren Weltbild kurz vor ihrer eigenen Nasenspitze endet, was zu einer Vielzahl widerlicher Kommentare führte. Aber J-Pop-Fans, die gegen Homosexualität sind? Ein interessantes Paradoxon, da sehr viele Konzepte japanischer (und auch koreanischer Gruppen) homoerotische Aspekte beinhalten.

Doch zurück zum Video, das wir uns natürlich eingehend angesehen haben. Gut, der Fokus liegt auf der Kussszene, die recht schön und interessant umgesetzt wurde. Doch interessant ist auch das Video als Ganzes. Denn dieses ist geradezu vollgestopft mit freudianisch anmutenden Symbolen der Erotik, angefangen von Selbstbefriedigung bis hin zu einem sog. „Three Some“.  Der Titel „Universe of Love“ wird visuell umgesetzt in der Darstellung von unterschiedlichen Formen der sexuellen Lust. Dies aber auf eine solch versteckte, fast schon brav erscheinende Weise, dass man sich den Clip mehrmals ansehen muss, um alle Symbole zu decodieren. – Am längsten benötigten wir, um die Szene mit dem Telefon zu kapieren :D .

Einerseits macht dies das Video genial, andererseits aber passt es nicht in das eigentliche Konzept der Band, über das wir bereits in einem früheren Artikel gesprochen haben. Aber wie dem auch sei, die Marketingaktion, wie oben bereits erwähnt, hat genau ins Schwarze getroffen. Etwas, was sich jede Werbeagentur erhofft. Man darf daher gespannt sein, wie sich die nächsten Clips entwickeln werden.

I.K.U. – Zwischen Videokunst und Softporn

ikuDie taiwanesische Videokünstlerin Shi Lea Cheang kreierte mit ihrer ersten Filmproduktion eine Mischung aus Sex- und SF-Film. Vielleicht passt die Bezeichnung surrealer Softporno etwas besser. Dass, wie hin und wieder behauptet wird, „I.K.U.“ der Blade Runner unter den Sexfilmen sein soll, ist allerdings stark übertrieben.

Dieser Meinung resultiert wahrscheinlich daraus, da „I.K.U.“ immer wieder Dialoge aus dem SF-Klassiker zitiert. Mehr aber hat der Film nicht damit zu tun. „I.K.U.“ handelt von dem Cyborg Reiko, deren Job darin besteht, Daten für eine Orgasmus-Datenbank zu sammeln. Dadurch will der Konzern Genom Corporation virtuelle Sexerlebnisse vermarkten. In einem Nachtclub steckt sich Reiko mit dem Virus Tokyo Rose an, was dazu führt, dass beinahe alle Daten verloren gehen. Also muss Reiko mit ihrer Tätigkeit nochmals von vorne beginnen.

Auch wenn der Film angeblich diese Story haben soll, bekommt der Zuschauer davon nicht wirklich etwas mit. Denn eigentlich ist „I.K.U.“ nichts anderes als eine Aneinanderreihung diverser Sexszenen, ohne dass eine nachvollziehbare Geschichte damit verbunden wäre. Zwar wird durch Zwischeneinblendungen erklärt, wo sich Reiko gerade aufhält, doch das vermittelt auch nicht gerade einen Sinn. Die einzelnen Sexepisoden sind surreal inszeniert und sehr schnell geschnitten. In dieser Hinsicht wirkt „I.K.U.“ fast schon eher wie eine Andernanderreihung verschiedener Videoinstallationen, was keineswegs verwunderlich erscheint, kreiert Cheang doch vor allem Kunstwerke dieser Art. Untermalt wird das Ganze mit Ravemusik. Auch wenn Farbgebung, Beleuchtung und Set-Design durchaus interessant sind, die Optik geradezu stylisch daherkommt und es dem Film keineswegs an Humor oder besser an Witz fehlt, erscheint „I.K.U.“ jedoch nicht wirklich als der der große Wurf.

I.K.U. Regie u. Drehbuch: Shu Lea Cheang, Produktion: Takashi Asai, Darsteller: Ayumu Tokito, Maria Yumeno, Yumeka Sasaki, Miho Ariga, Myu Asou, Musik: Hoppy Kamiyama, The Saboten, Japan 2000, 74 Min.

Underwater Love – Das erste Trash-Sex-Musical

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Kinoplakat „Underwater Love“

Pink Movies sind japanische Schmuddelfilme, die teilweise sozialkritisch, teilweise ironisch in Szene gesetzt werden. Sie bilden ein eigenes Genre, das man irgendwo zwischen Softporno, Trash und Kunstfilm ansiedeln kann. Das Budget ist stets sehr gering, sodass eigenwillige Wege gefunden werden, um Geschichten zu erzählen. Im Fall von „Underwater Love“ geschieht dies in Form eines Musicals.

Es geht um Asuka, die in einer Fischfabrik arbeitet und kurz davor steht, den Firmenchef zu heiraten. Doch eines Tages begegnet sie einem Kappa, einem japanischen Fabelwesen, das irgendwie eine Mischung aus Mensch und Schildkröte darstellt. Schnell stellt sich heraus, dass dieser Kappa Asukas Jugendliebe Aoki ist, der vor über 17 Jahren ertrunken ist. Aoki ist gekommen, um Asuka zu retten, denn sie hat nur noch kurze Zeit zu leben. Allerdings ist da auch der Todesgott, der dies verhindern möchte.

Das Schöne an diesem Film ist, dass man ihm ansieht, dass hier weder nach rechts noch nach links geschaut wurde, um zu sehen, was andere Filmemacher so treiben. Man hatte eine Idee und diese wurde ohne Wenn und Aber umgesetzt. Ob dies ein Publikum interessierte, scheint völlig egal gewesen zu sein. Und genau dieses Eigenwillige und diese Schaffensfreiheit ist es, was diesen Film fast schon kultig macht. Eine solche spezielle Kombination gab es davor nicht, und die Verbindung zwischen Sex, Musical und Trash verspricht genau das, was man sich von einem solchen Projekt erwartet: völlig schräg zu sein. Die Melodien von Stereo Total untermalen dabei die amateurhaft in Szene gesetzten Tanzeinlagen vortrefflich. Man sieht, dass es den Leuten einfach nur Spaß gemacht hat, an dem Projekt teilzunehmen. Mit viel Ironie und Humor wird hier eine zarte Liebesgeschichte erzählt, die wunderbar naiv und einfach völlig plemplem ist. Der bekannte Kameramann Christopher Doyle liefert für dieses Fantasy-Liebes-Sex-Ding wunderbare Aufnahmen, welche die Figuren und ihre Handlungen sehr einfühlsam erscheinen lassen.

„Underwater Love“ ist modernes, japanisches Trash-Kino vom feinsten. Aufgrund seiner Ungezwungenheit und seiner Spielfreude bietet dieser Film eine ungeheure Frische, die man in vielen anderen Produktionen zurzeit völlig vermisst.

Underwater Love – A Pink Musical (OT: Onna no kappa), Regie: Shinji Imaoka, Drehbuch: Shinji Imaoka, Fumio Moriya, Produktion: Stephan Holl, Darsteller: Sawa Masaki, Yoshiro Umezawa, Ai Norita, Mutsuo Yoshioka; Musik: Stereo Total, Japan/Deutschland 2011, 84 Min.

K-Pop: Laysha oder sells Sex tatsächlich?

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Und einmal um das Auto rum. Dance Shot aus dem Clip „Chocolate Cream“ von Laysha; Copyright: JS Enternainment.

Wir haben es in unsere K-Pop-Rubrik bereits mehrfach erwähnt: K-Pop ist längst nicht mehr das, was es einmal war. Die schrillen, vollkommenen Plem Plem-Videoclips sucht man heute vergeblich. K-Pop ist seine Verspieltheit nach und nach los geworden. Grund dafür ist der internationale Musikmarkt und der Glaube daran, dass man Produkte nur durch eine gewisse Erotisierung an den Mann oder die Frau bringen kann.

In Sachen K-Pop ist das fraglich. K-Pop erregte nicht Aufsehen dadurch, dass erotische Musikvideos veröffentlicht wurden, sondern eben dadurch, dass diese Clips farbenfroh und voller durchgeknallter Ideen waren. Natürlich gab es auch zu Beginn des internationalen Erfolgs Clips, die einen Hauch von Erotik wagten, doch alles innerhalb eines Rahmens, der noch immer das kennzeichnete, was typisch für K-Pop war.

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Gleich zu Beginn möchte der Clip provozieren. Laysha „Chocolate Cream“; Copyright: JS Entertainment.

Nun aber nehmen die erotischen Anteile in den Clips zu. K-Pop verliert dadurch seine Originalität und wird zu etwas völlig Banalem. Banal in dem Sinne, da die Erotisierung in den Medien im Grunde genommen zu etwas Normalem geworden ist. Um dennoch aufzufallen, versucht man sich skandalträchtig. Doch das Ergebnis einer solchen Methode ist meistens, dass der Schuss nach hinten losgeht.

Die Formation 4L (Four Ladies) hat es vorgemacht. Mit großem Trarar wurde ein Musikvideo präsentiert, über das sich kurz nach Veröffentlichung viele Leute aufgeregt hatten. Sowohl Video, das teilweise so schlecht produziert worden war, dass es unfreiwillig komisch wirkte. als auch die Gruppe sind inzwischen Geschichte und dies, obwohl die Produzenten damals dick auftrugen, indem sie meinten, dass das nächste Video von 4L noch freizügiger werden würde. Und wir fragen uns natürlich heute: Von welchem nächsten Video sprach denn dieser gute Mann?

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Bei all dem Durchschnitt freut man sich über ein wenig Überbelichtung. Laysha „Chocolate Cream“; Copyright: JS Entertainment.

Statt 4L weiter zu produzieren, tauchte Ende des Frühjahrs eine neue Gruppe auf mit Namen Laysha, die ebenfalls eine Art Adult-Konzept darstellen soll. Doch sowohl Video als auch das Konzept der Girl Group sind so langweilig und geradezu überflüssig, dass Laysha mit Sicherheit genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwinden wird wie 4L. Das wäre keinesfalls etwas Außergewöhnliches, da in Südkorea neue Boy und Girl Groups wöchentlich erscheinen – und auch wieder verschwinden.

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Sieh in meine Augen! – Laysha: „Chocolate Cream“; Copyright: JS Entertainment.

Das Video „Chocolate Cream“ von Laysha ist eine einfache Andernanderreihung von Dance Shots, man verzichtete ganz auf narrative Elemente, wahrscheinlich, um die Kosten so gering wie möglich zu halten. So geht man quasi im Vergleich mit 4L einen Schritt zurück, dort war es immerhin eine angedeutete lesbische Liebesbeziehung, die den narrativen Teil ausmachte und für einen Skandal sorgte. Bei Laysha möchte man dagegen kein finanzielles Risiko eingehen bzw. dieses so gering wie möglich halten. „Chocolate Cream“ hat alles andere als einen Skandal ausgelöst. Man muss sogar sagen, dass das Video im Verhältnis zu anderen dieser Art regelrecht brav, vielleicht sogar zu brav wirkt. Somit hatte man wohl so seine Schwierigkeiten, ein ausgeprägteres Konzept durchzusetzen. Allerdings sorgen die Auftritte der Gruppe wegen ihrer lasziven Choreographie für viel Gesprächsstoff. Doch war dies bei 4L derselbe Fall gewesen.

Laysha wird folglich genauso schnell in Vergessenheit geraten wie andere Gruppen vor ihnen. Was bleibt, ist die Tatsache, das K-Pop einmal mehr an Reiz verloren hat.

Die Klunkerecke: Eugenie

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Deutsches Kinoplakat von „Eugenie“.

Jess Franco wird von vielen Kritikern als der Schmuddelregisseur schlechthin bezeichnet. Doch damit wird man dem Schüler von Orson Welles alles andere als gerecht. Wie kaum ein anderer Regisseur gelang es ihm, Trash auf eine neue Ebene zu heben. Erst seit wenigen Jahren beginnen auch Filmhistoriker, sich mit seinem Werk auseinanderzusetzen. Bis dahin galt er als trivial und pornographisch.

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Christopher Lee als Zeremonienmeister in „Eugenie“ (1970).

Ein Beispiel seines Könnens ist „Eugenie – Her Journey into Perversion“ aus dem Jahr 1970, der in Deutschland unter dem Titel „Eugenie – Die Jungfrau und die Peitsche“ lief. Es handelt sich dabei um eine Adaption eines Buches von De Sade, den Jess Franco für mehrere seiner Filme als Vorlage nahm, so z.B. in dem 1969 gedrehten „Justine“. In „Eugenie“ geht es um die verdorbene Marie, die zusammen mit ihrem Halbbruder Mirel auf einer einsamen Insel lebt. Beide planen ein Opfer an die Lust, benötigen für dieses Ritual aber noch eine Jungfrau. Diese finden sie in Eugenie, der Tochter eines Bekannten Marias. Maria lädt Eugenie für ein Wochenende zu sich auf die Insel ein. Und die Vorbereitungen auf das Ritual beginnen …

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Maria (Maria Rohm) becirct Eugenie (Marie Liljedahl); „Eugenie“ (1970).

Christopher Lee, der hier die Rolle des Zeremonienmeisters innehatte, soll sich über seine Teilnahme an dem Film geschämt haben. In einem Interview sagte er, er habe nicht gewusst, um was für einen Film es sich gehandelt habe. Er habe lediglich Jess Franco einen Gefallen geschuldet. Nun, schämen müssen hätte sich Christopher Lee keineswegs, denn „Eugenie“ ist ein kunstvolles, ja ein surreales Meisterstück.

Neben Lee spielen Trash-Ikone Maria Rohm, Jack Taylor und Herbert Fux mit. Eugenie wird von dem schwedischen Fotomodell Marie Liljedahl verkörpert. Die Musik stammte von Bruno Nicolai, der bei vielen Trash-Perlen der 70er Jahre mitgearbeitet hatte, u. a. auch bei „Camille 2000“, eine der bekanntesten Adaptionen von Dumas des Jüngeren „Kameliendame“.

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Mirel (Jack Taylor) erwartet die Teilnehmer des Rituals; „Eugenie“ (1970).

Möglicherweise betrachteten damalige Kritiker „Eugenie“ als eine Art Softporno. Aus heutiger Sicht würde man den Film eher in die Kategorie Arthouse stecken. Wunderbare Landschaftsaufnahmen wechseln sich ab mit einer Optik, die irgendwie an die Coolness des Film Noir erinnert. Die Dialoge reflektieren bzw. betonen den surrealen Charakter des Spiels. Den traumartigen Rahmen setzt Franco bereits in der Anfangsszene, in der in einem tiefrot ausgeleuchtetem Set Christopher Lee eines der Lustopfer durchführt. Dieses (Alp-)Traumhafte wird ab der Hälfte des Films wieder aufgegriffen, als die Glocke am Steg die Ankunft der bizarren Sekte (deren Anführer Chrisopher Lee ist) ankündigt, die an dem Ritual teilnehmen soll. Danach verschwimmen Traum und Realität ineinander. Erneut setzen tiefrote Farben ein, welche die Szenerie beleuchten.

Alles gipfelt in einem apokalyptisch anmutenden Wahnsinn, wenn Eugenie nackt über eine völlig verlassene Gegend taumelt. Und am Ende? Hier wird weiter nichts verraten. Man muss den Film selbst sehen, seine Optik genießen.

„Eugenie“ ist ein Meisterwerk des Trash und zeigt Jess Franco in Höchstform. Die Mischung aus Erotik, surrealem Kunstwerk und Horror sucht ihresgleichen. Aus welchem Grund auch immer ist der Film hauptsächlich nur Jess Franco- und Trash-Fans bekannt. Vielleicht aber ändert sich das ja irgendwann.

 

K-Pop: RaNia – Von Skandal zu Normal

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Szene aus dem Video „Dr. Feel Good“; Coypright: DR Music.

Die Girl Group RaNia wurde 2011 als ein koreanisch-US-amerikanisches Projekt gegründet. Die koreanische Produktionsfirma DR Music ging dabei eine Kooperation mit dem amerikanischen Produzenten und Komponisten Teddy Riley ein, der u. a. auch mit Michael Jackson zusammengearbeit hat. Die Gruppe sollte folglich sowohl auf dem koreanischen als auch auf dem US-amerikanischen Markt Fuß fassen. Letztendlich wurde aus dem US-Plan nichts, die Vermarktung von RaNia blieb auf Südkorea beschränkt.

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Danceshot aus „Dr. Feel Good“. Copyright: DR Music.

Für Tedd Riley bedeutete dies, dass er aus dem Projekt wieder aussteigen wollte, vor allem auch deshalb, da der erwartete Erfolg nicht eintraf. Dieser Hintergrund erklärt, weswegen das erste Video der Gruppe sowohl in einer koreanischen als auch in einer englischen Version vorhanden ist. Der Titel des Songs lautete „Dr. Feel Good“ und löste in Südkorea einen Skandal aus. Das ungekürzte Video erhielt ein Aufführungsverbot und musste daher von DR Music um wenige Sekunden gekürzt werden, manche Szenen mussten mit neuen Kostümen nachgefilmt werden.

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Danceshot aus „Dr. Feel Good“; Copyright: DR Music.

Der Grund: In dem Clip wird zweimal eine Totale der Leistengegend der Leadsängerin gezeigt. Das war Südkoreas Erziehungsministerium zu viel. Auch die Lack und Leder-Kostüme waren den Beamten ein wenig zu anrüchig, weswegen Manches neu gedreht werden musste. Von der Musik her erinnert „Dr. Feel Good“ irgendwie an den Stil  der Eurythmics. Das Alles wäre weniger interessant, wenn nicht die Gruppe RaNia durch dieses Konzept die Entwicklung des K-Pop drastisch verändert hätte. Man kann sagen, dass das Konzept, das DR Music vorlegte, zugleich der Startschuß für die nachfolgende Erotisierung koreanischer Girl Groups darstellte. Hielt sich davor alles in kitschig-bonbonfarbenen Grenzen, wurde ab da eine Art Sexualisierungs-Wettbewerb zwischen den einzelnen Produktionsfirmen losgetreten, jeder wollte das Konzept vorlegen, das in Sachen Erotik alle vorangegangenen Konzepte in den Schatten stellte.

Die Folge davon war, dass das koreanische Erziehungsministerium strengere Altersfreigaben für Videoclips erarbeitete, die zu einer Verunsicherung unter den Produzenten führte. Somit gab es auf einmal eine Phase, welche eine Quasi-Rückkehr zum althergebrachten K-Pop einläutete, die allerdings nur von kurzer Dauer war. Denn statt sich vor dem Ministerium zu ducken, begannen die Produzenten, die Strenge der neuen Regelungen auszutesten und nahmen dabei auch Altersfreigaben „ab 19“ (nur für Erwachsene) in Kauf.

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RaNia beim Stöckeschwingen: Danceshot aus „Pop Pop Pop“; Copyright: DR Music.

Diese Entwicklung tat RaNia nicht gerade gut. Das Konzept war klar als Provokation ausgelegt, doch musste DR Music die Notbremse ziehen. Gleich das Nachfolgevideo „Pop Pop Pop“ beschränkte sich auf einzelne Danceshots, niemand räkelte sich mehr lüstern auf dem Boden. DR Music wollte daraufhin zu dem eigentlichen Erotikkonzept mit dem Song „Killer“ zurückkehren, doch da genau in dieser Planungsphase die strengeren Altersfreigaben eintraten, entschied man sich für ein eher normales, teils ironisches Konzept mit dem Titel „Style“, in dem sich die Gruppe lustig macht über typisch männliches Verhalten.

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Szene aus „Style“; Copyright: DR Music.

Mit „Just Go“ beschränkte man sich wieder auf Danceshots, ebenso wie in „Push up“, das zugleich RaNia in die „Normalo“-Ecke verfrachtete. Es handelte sich dabei um einen banalen Sommersong, den die Sängerinnen in Bikinis in einem Schwimmbad zum Besten geben. Danach herrschte erst einmal für längere Zeit Funkpause.

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Danceshot aus „Demonstrate“; Copyright: DR Music.

Erst in diesem Jahr kehrte die Gruppe mit dem Song „Demonstrate“ zurück. Drei der Sängerinnen schieden inzwischen aus, dafür kamen zwei neue Mitglieder hinzu. Das Konzept ist wiederum eine Aneinanderreihung verschiedener Danceshots, die genauso austauschbar sind wie der Song. Die Gruppe, die 2011 mit ihrem Debut Koreas Medien aufgewirbelt hat, ist nun einfacher Mainstream. Was jedoch bleibt, ist ein weiterhin existierender Einfluss von „Dr. Feel Good“ auf andere koreanische Musikvideos.

K-Pop: Nine Muses sind nur acht oder Eine Gruppe im Abseits

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Hook des Clips „No Playboy“.

Tatsächlich besteht die Formation Nine Muses zurzeit nur aus acht Mitgliedern. Gegründet 2011, bestand die Girl Group aus gecasteten jungen Frauen, die zuvor als Models oder Darstellerinnen in Werbefilmen gearbeitet haben. Trotzdem die Gruppe mit ihren Songs recht gute Erfolge erzielte und mehrfach ausgezeichnet wurde, stand und steht sie eher im Abseits des K-Pop-Trubels. Hinzu kommt, dass die Produktionsfirma kürzlich Konkurs angemeldet hat und damit die Zukunft der acht Sängerinnen in den Sternen steht.

Als würden die Sorgen der Firma sich in ihrem neuesten Song widerspiegeln, trägt dieser den Titel „Sleeples Night“. Natürlich geht es darin nicht um die Probleme der Produktionsfirma, sondern um den Nachhall einer einstigen (lesbischen) Liebe, dennoch ist der Titel bezeichnend für die derzeitige Lage.

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Immer mit ein wenig Ironie werden eindeutige Symbole in den Clips präsentiert. Hier z.B. in „Glue“.

Ihr Debut hatten Nine Muses mit dem Song „No Playboy“, zu dem ein hervorragender Clip gedreht wurde, der ohne weiteres zu den besten Musikvideos in Sachen K-Pop gezählt werden kann. Ihre früheren Berufe als Models kommen hierbei voll zur Geltung, sind die Dance Shots doch in Form von Modeshows umgesetzt. Doch statt Glitzer, gibt es kühle, düstere, bis ins Schwarz hineinreichende Farben. Das Video und die Musik erinnern entfernt an die 80er Jahre.

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Schluss des Videos „Wild“, das in Südkorea ein strenges Jugendverbot erhielt.

Diesen Bezug verfolgten Nine Muses in den nachfolgenden Clips („Figaro“ und „News“ bis hin zu „Glue“) weiter. Stets kühl und zugleich dezent erotisch, bis die Erotikwelle auch von der Produktionsfirma aufgenommen wurde. Die Folge war das Musikvideo „Wild“, welches in Südkorea nur für Erwachsene zugelassen wurde und somit zur Hauptsendezeit nicht gesendet werden durfte. So extrem war das Video zwar nicht, dennoch wurde die hohe Altersfreigabe beibehalten. Auch musikalisch veränderte sich dabei die Gruppe. Von den 80er Jahre- und Soul-Klängen blieb nichts mehr übrig, Musik aus dem Computer verdrängten die echten Instrumente.

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Irgendwie zurück zu den Anfängen. Wieder bestimmten düstere Farben das neueste Video „Sleepless Night“.

Dieser Trend setzte sich (leider) fort. Als Tiefpunkte können die beiden Clips „Drama“ und „Heart Locker“ betrachtet werden. Nicht nur die Musik ist konzept- und einfallslos, sondern auch die Musikvideos an sich. Fast scheint es, als hätte die Firma schon Anfang 2015 finanzielle Schwierigkeiten gehabt und versucht, mindestens irgendetwas auf den Markt zu werfen. Schließlich aber schaffte die Gruppe dann doch wieder die Kehrtwende. Zurück zu Ansätzen aus den 80ern und ein komplexes Video, in dem es (man höre und staune) so gut wie keinen Dance Shot gibt. Der Clip „Sleeples Night“ ist fast zu 99 Prozent bestimmt von narrativen Elementen, die eine zu ende gegangene lesbische Liebesbeziehung schildern. Unserer Meinung nach dürfte der Clip in Südkorea bald der Zensur zum Opfer fallen, gibt es doch einen kurzen narrativen Strang, in dem eine der beiden Protagonistinnen versucht, sich umzubringen. Koreas FSK-Äquivalent ist hierbei äußerst zimperlich, sogar Videos, in denen Autofahrer ohne Gurt im Auto sitzen, werden aus dem Fernsehprogramm verbannt.

Im schlimmsten Fall, d. h. wenn Nine Muses nicht von einer anderen Produktionsfirma übernommen wird, dürfte dies die Sängerinnern nicht mehr jucken, da ihre Karrieren zwangsweise ein Ende finden werden. Es bleibt also weiterhin spannend.