Unsterbliche Liebe: Henry Rider Haggard und Lilly Archer – Eine besondere Beziehung

Henry Rider Haggard

Für Henry Rider Haggard (1856 – 1925) sollte sie immer die Frau sein. Gemeint ist Lilly Archer (geb. Jackson, 1854 – 1909), in die sich der bekannte englische Schriftsteller von phantastischen Abenteuer- und sog. Lost World-Romanen auf einem Ball unsterblich verliebt hatte. In seinen 44 Romanen machte er sie unsterblich.

Lilly Archer war zwei Jahre älter als Haggard. Die Begegnung mit ihr war für Haggard, so schrieb er es in einem seiner Briefe, wie ein plötzlicher Lichtstrahl. Doch sollte aus Haggards Wunsch, sie zu heiraten, nichts werden. Überhaupt kam keine richtige Beziehung zustande, obwohl sie zum Freundeskreis von Haggards Familie gehörte und sogar mit seiner späteren richtigen Frau Mariana Louisa Margitson engen Kontakt pflegte. Gleich den ersten Liebesbrief, den Haggard Lilly schrieb, beantwortete sie mit einem klaren Nein. Ihr Brief war jedoch keineswegs als eindeutige Abfuhr zu verstehen. Denn anscheinend empfand sie auch etwas für Haggard, doch – aus bis heute ungeklärten Gründen – konnte oder durfte sie ihm nicht näher kommen. War dies bereits ein erster Dämpfer, so kam es bei ihm beinahe zu einem seelischen Zusammenbruch, als er erfuhr, dass Lilly den Makler Francis Archer geheiratet hat.

Lilly Archer

Die Ehe sollte jedoch alles andere als glücklich verlaufen. Denn Francis Maklerfirma ging bankrott. Er floh nach Südafrika und ließ Lilly und ihre beiden Kinder mittellos zurück. Haggard, der inzwischen mit „König Salomons Schatzkammer“ (1885) einen der damals größten Bucherfolge hingelegt hatte, nahm sich ihr und ihrer Kinder an. Er mietete für sie ein Haus und sorgte sich darum, dass ihre Kinder weiterhin die Schule besuchen konnten.

Doch nachdem Lilly einen Brief ihres Mannes erhalten hatte, dass sie zu ihm nach Afrika kommen solle, folgte sie dieser Bitte. Francis jedoch war schwer an Syphillis erkrankt. Nach seinem Tod kehrte Lilly nach England zurück – ebenfalls an dieser damals verbreiteten Infektionskrankheit leidend. Haggard  kümmerte sich erneut um sie. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1909.

Für Henry Rider Haggard war Lilly Archer die schönste Frau, der er jemals begegnet war. In seinen Romanen, in denen es nicht selten darum geht, dass ein Abenteurer (nicht selten Allan Quatermain) Gerüchten über eine weiße Göttin in den entferntesten Winkelns Afrikas nachspürt, sollte es stets Lilly sein, der diese Rolle insgeheim zukam. Darauf verwies in den 1950er Jahren seine Tochter Lilias, die selbst Autorin war und Haggards Biographie verfasste.

Als Höhepunkt seines Schaffens gilt dabei sein Meisterwerk „She“ (1886), das zu den besten Romanen der Weltliteratur zählt und bis heute eines der meist verkauften Bücher überhaupt ist. Über Ayesha, eine wunderschöne, unsterbliche Frau, die sehnsüchtig auf die Wiedergeburt ihres Geliebten wartet, verfasste Haggard vier Romane, wobei „Ayesha – The Return of She“ (1905) in Tibet spielt. Mit „She and Allan“ (1921) schuf Haggard eines der ersten Crossover der Kulturgeschichte, indem in diesem Roman She und Allan Quatermain, über den Haggard ebenfalls mehrere Romane verfasste, aufeinander treffen.

Cover von „Sie und Allan“ der Haggard-Reihe im Heyne-Verlag (1985)

Ayesha bzw. She ist die Person gewordene Sinnlichkeit. Tatsächlich haut einem diese Figur regelrecht um, egal, wie oft man die entsprechenden Romane bereits gelesen hat. Der Psychoanalytiker C. G. Jung war von dieser Figur so fasziniert, dass er über sie eine Abhandlung schrieb.

„She“ wurde zweimal verfilmt. 1935 unter der Regie von Irving Pitchel mit Helen Gahagan als She. Merian C. Cooper, der mit „King Kong“ (1933) einen Welterfolg landete, hatte auch diesen Film produziert, damit jedoch einen Flop gelandet. 1964 verkörperte Bondgirl Ursula Andress She in der gleichnamigen Produktion der Hammer-Studios.

Viele damalige Zeitgenossen hielten übrigens Lilly Archer für ziemlich dumm. Dem aber widersprach Haggard vehement in einem seiner Briefe an seine Schwester. Darin beschrieb er Lilly fast genauso wie die weiblichen Figuren in seinen Romanen. Die Beziehung zwischen beiden war durchaus tragisch, doch nicht weniger romantisch, auf jeden Fall aber einzigartig. Bis heute gibt diese Beziehung und die unbeschreibliche Wirkung Lillys auf Haggard Rätsel auf. Sicher ist nur eines: Lilly Archer ist als She in die Weltliteratur eingegangen.

Jane Eyre – Eine Art Liebeserklärung an einen großartigen Roman

bronte3Im Grunde genommen ist es etwas Schönes, noch nicht alle Klassiker gelesen zu haben. Denn so kommt man immer wieder in den Genuß großartiger Geschichten und damit großartiger Unterhaltung.

So stieß ich erst kürzlich auf Charlotte Brontes „Jane Eyre“. Obwohl ich Emily Brontes „Sturmhöhe“ regelrecht verschlungen habe, machte ich um die Romane der anderen Schwestern einen Bogen. Einerseits könnte man sagen, ein Fehler, andererseits aber, was für ein Glück, denn so stieß ich auf einen Roman, den ich noch nicht kannte und der mich regelrecht packte, mitriß und bei dem ich es schade fand, dass es eine letzte Seite gibt.

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Charlotte Bronte ca. 1850

Bis heute hat die Geschichte um eine junge Frau, die als Gouvernante in das unheimliche Haus des mysteriös-sinnlichen Edward Rochester kommt, nichts von ihrer Spannung und ihrer Dramatik verloren. Schon von der ersten Seite an zieht der Roman den Leser in seinen Bann. Als Waise muss Jane Eyre bei ihrer bösartigen Tante und deren widerlichen Kindern leben, bevor sie ganz verstoßen wird und in die Erziehungsanstalt Lowood kommt. Dort ergeht es ihr kaum besser, doch findet sie zumindest Freunde. Nachdem die miserablen Bedingungen, die in dem Heim herrschen, publik gemacht werden, verbessert sich die Situation der Kinder ein wenig. Jane wird zu einer der besten Schülerinnen und arbeitet dort nach ihrem Abschluss als Lehrerin.

Eines Tages aber beschließt sie, sich nach einer anderen Stelle umzusehen. Auf eine Annonce hin erhält sie eine einzige Antwort: sie könne in Thornfield Hall, dem Sitz von Edward Rochester, ein kleines Mädchen unterrichten. Jane nimmt das Angebot an, doch kaum ist sie in dem Landsitz angekommen, als es dort zu unheimlichen Zwischenfällen kommt …

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Jane Eyre und Edwin Rochester

Mit Edward Rochester ist Charlotte Bronte eine unglaublich komplexe Figur gelungen, die, sowohl düster als auch sinnlich, direkt aus einem echten Schauerroman entsprungen sein könnte. Andererseits aber war es ja auch das Ziel der Autorin, die Elemente des Unheimlichen mit denen einer gewitzten Liebesgeschichte zu verbinden. Nein, Kitsch sucht man hier vergeblich. Die Dialoge, die sich zwischen Rochester und Jane entwickeln, suchen ihresgleichen in der Literatur. Ein unglaubliches Spiel der Sprache, ein Spiel der Sinne, verbunden mit einem sanften Humor. Es sind vor allem die Dialoge, die dem Roman diese Lebendigkeit verleihen, die Figuren regelrecht dreidimensional erscheinen lassen.

Rochester gegenüber stellt sie Jane Eyre, die, in der Liebe unerfahren, dem rätselhaften, oft launischen Großgrundbesitzer Paroli bietet. Jane ist eine selbstbewusste Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt und dadurch das Interesse Rochesters weckt, der eigentlich nur Gehorsam und schöne Worte gewöhnt ist.

Immer wieder gelingen Charlotte Bronte so großartige Szenen, dass man beim Lesen eine regelrechte Gänsehaut bekommt. Die Szene, in der Janes Freundin Helen in Lowood stirbt, lässt mit Sicherheit niemanden kalt. Unglaublich, wie es der Autorin gelingt, diesen Verlust so zu schildern, dass man selbst Janes Trauer und Schmerz spürt. Eine sanfte, doch zugleich, in ihrer Wirkung, gewaltige Szene.

bronte4Später, nachdem Jane die Annonce aufgegeben hat, kommt es zu einem weiteren Geniestreich: Jane erhält nur eine einzige Antwort auf ihre Anzeige. Das Mysteriöse schleicht sich dadurch in die Geschichte, und Jane sowie der Roman schreiten dadurch über die Schwelle des Normalen hin zum Sonderbaren und Mysteriösen. Ab hier gewinnt der Roman erneut an Spannung, nimmt regelrecht an Fahrt auf, das Unheimliche mischt sich in die Liebe zwischen Rochester und Jane – und mündet in einer Katastrophe. Damit habe ich keineswegs zu viel verraten, denn auf den Leser warten noch weitere Wendungen, die alle ihre Wirkung nicht verlieren.

Charlotte Brontes „Jane Eyre“ ist jedoch viel mehr als nur eine Mischung aus Liebes- und Schauerroman. Es ist zugleich eine köstliche Satire auf die Oberschicht, die zudem bis heute kaum etwas von ihrer Aktualität verloren hat, eine Kritik an der Gesellschaft im allgemeinen, die ebenso heute noch ihre Gültigkeit besitzt, und nicht zuletzt prangert Charlotte Bronte den damaligen Umgang mit den Gouvernanten an, die den Launen verzogener Kinder vollkommen ausgeliefert waren, was ihre Tätigkeit nicht selten zu einem Albtraum werden ließ.

Neben der unerhörten Spannung beinhaltet der Roman somit noch eine große Themenvielfalt, welche die Geschichte zusätzlich interessant macht. Wer „Jane Eyre“ noch nicht kennt, hat wirklich Glück gehabt, denn er hat noch ein überaus großes Lesevergnügen vor sich.