The Girl with all the Gifts (2016)

Colm McCarthy hat sich vor allem als Regisseur der „Peaky Blinders“-Serie einen Namen gemacht. Die Darstellung von düster-tragischen Handlungen und physischen wie psychischen Grausamkeiten machte ihn daher für die Adaption des Zombie-Romans von M. R. Carey, der auch selbst das Drehbuch schrieb, durchaus geeignet.

McCarthys erster Kinofilm handelt in einer post-apokalyptischen Welt, in der sich Menschen aufgrund von außergewöhnlichen Sporen in Zombies verwandeln. Während die Gesellschaften zusammengebrochen sind, versuchen die Militärs weiterhin nach einem Impfstoff zu suchen, der die Seuche eindämmt. Als Grundlage der Forschung dienen ihnen Kinder, bei denen sich der Verlauf der Seuche völlig anders verhält. Unter den „Versuchsobjekten“ ist auch das Mädchen Melanie. Als das Lager von Zombies überrannt wird, gelingt ihm zusammen mit einer Handvoll Soldaten die Flucht nach London, wo sie weiteren Gefahren ausgesetzt sind …

„The Girl with all the Gifts“ beginnt wie ein beklemmendes Kammerspiel, in dem Nahaufnahmen und enge Räume eine fast schon klaustrophobische Atmosphäre schaffen. Kinder werden behandelt wie Dinge, nur die Soldatin Helen behandelt sie wie richtige Menschen, wobei ihr besonders die begabte Melanie am Herzen liegt.

Auf diese Weise beschäftig sich die erste viertel Stunde mit dem trostlosen Alltag auf der Station. Doch dann beginnt die plötzliche Wende, als die Station von Zombies überfallen wird. Die Szene, in der in einer Totalen das gesamte Gelände gezeigt wird, vor dessen Umzäunung die Infizierten lauern, ist durchaus beeindruckend und erinnert in seiner Endgültigkeit an den Klassiker „Things to Come“ aus dem Jahr 1936, der sich in mehreren Sequenzen ebenfalls mit einer post-apokalyptischen Welt inklusive Zombies auseinandersetzt.

Überhaupt steckt „The Girls with all the Gifts“ voller Zitate, die durchaus gewitzt in die Handlung eingefügt sind. Ob es sich nun um „Blumen des Schreckens“ handelt, um die Star Trek-Folge „Miri, ein Kleinling“ oder natürlich um „Der Omegamann“, der Film webt diese Querverweise stilsicher in die eigene Geschichte ein. Die Pointe des Ganzen schließlich ist dann wiederum weniger originell. Denn genau da, wo man sich ein überraschendes Ende erwartet, übernimmt der Film die Pointe des Romans „I am Legend“ von Richard Matheson. Dennoch oder vielleicht sogar deswegen bringt dies einem zum Schmunzeln, besitzt Mathesons Roman doch einen der originellsten und faszinierendsten Endgags überhaupt.

Trotz interessanter Story, wollten die Produzenten Colm McCarthy dann doch nicht allzu viel Geld in die Hand geben, sodass er mit einem Budget von vier Millionen Pfund auskommen musste. Auf diese Weise wirkt der Film mehr wie eine Direct to Video-Produktion als wie ein für die Leinwand bestimmter Film. Doch ist dies eigentlich gut so, denn auf diese Weise musste sich der Regisseur auf die Handlung konzentrieren und weniger darauf, ein Zombie-Effekt-Gewitter loszutreten. Dies macht „The Girl with all the Gifts“ zu einem durchaus interessanten Vertreter der Zombie-Welle.

The Girl with all the Gifts. Regie: Colm McCarthy, Drehbuch: M. R. Casey, Produktion: Will Clarke, Angus Lamont, Darsteller: Gemma Aterton, Paddy Considine, Glenn Close, Sennia Nanua. England/USA 2016, 111 Min.

 

 

Die 90er: M.A.R.K. 13 – Hardware (1990)

hardwareMit „Hardware“ kreierte Regisseur Richard Stanley einen postatomaren Thriller der Extraklasse. Dieser Film, der mit zwei Preisen für Beste Special Effects sowie Beste Regie ausgezeichnet wurde und den Silbernen Raben als Bester Film erhielt, kann als eine Mischung aus „Alien„, „Soylent Green“ und „Mad Max“ bezeichnet werden.

Der Film erzählt die Geschichte des Schrottsammlers Mo, der auf einem ehemaligen Schlachtfeld die Überreste eines Roboters findet, der früher zur Bevölkerungsbegrenzung eingesetzt wurde. Mo liefert die Teile bei seiner Freundin Jill ab, die vor allem den Kopf für ihr neuestes Kunstwerk verwenden kann. Die unzerstörbare Maschine jedoch erwacht in Jills Atelier wieder zum Leben. Von da an herrscht in der Mehrzimmerwohnung ein unerbittlicher Kampf …

Richard Stanley schuf mit seinem Film das Bild einer völlig kaputten Zivilisation, die nicht mehr die Kraft besitzt, sich zu erneuern. Statt dessen vegetieren die Menschen in überbevölkerten Städten vor sich hin und erliegen nach und nach dem Strahlentod. Jeder versucht durch irgendeine Art von Geschäft seine Existenz zu sichern. Kurz vor dem Dritten Weltkrieg steigerten sich Politik und Militär zur absoluten Unmenschlichkeit, indem Killerroboter entwickelt wurden, welche die Einhaltung der Geburtenkontrolle garantieren sollten.

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Der Killerroboter erwacht zu neuem Leben. „Hardware“ (1990); Copyright: Koch Media/NSM

Diese apokalyptische Atmosphäre steigert sich im Kampf zwischen Jill und dem Roboter zu einer surrealen Bildersymphonie. Die klaustrophobische Enge der Wohnung verstärkt dabei die Gefahr und Brutalität, die von der Maschine ausgehen. Trotz dieser düsteren Thematik gelingt es dem Film, nicht ganz zu ernst zu werden, sondern immer wieder auf ironische und schwarzhumorige Weise die Handlung aufzulockern.

Die Special-Effekte schuf das Team von „Termenator“. Einige Jahre später kreierten sie auch den Killerroboter in dem Film „Death Machine“. Aufgrund der teils heftigen Gore-Effekte, glaubten unsere FSKler einmal mehr, den Zuschauern in Deutschkand „Hardware“ vorenthalten zu müssen. So wurde er kurz nach der Kinoprämerie indiziert. Die Indizierung wurde anscheinend bisher nicht aufgehoben.

„Hardware“, der in Deutschland unter dem Titel „M.A.R.K. 13“ in den Kinos lief, ist geniales Endzeit-Kino. Zusätzlich besitzt der Film den Charme der Spätachtziger, was sich unter anderem auch in der musikalischen Untermalung bemerkbar macht. Als Schmankerl gibt es im Originalton Altrocker Iggy Pop als Stimme des anarchistischen Radiomoderators Angry Bob zu hören und Lemmy spielt in einer kurzen Szene einen Taxifahrer.

Hardware – M.A.R.K. 13 (OT: Hardware), Regie u. Drehbuch: Richard Stanley, Produktion: Bob u. Harvey Weinstein, Darsteller: Dylan McDermott, Stacy Travis, John Lynch, Iggy Pop, Lemmy. USA 1990, 93 Min.

Starfire – Irgendwie gut und doch vergessen

starfireJa, es gibt Filme, die kurz das Licht der Öffentlichkeit erblicken, bevor sie völlig in Vergessenheit geraten. Dieses Schicksal erleidete u. a. der japanisch-amerikanische SF-Film „Starfire“ aus dem Jahr 1990. Die Produktionskosten betrugen etwa 50 Millionen Dollar, dennoch lief der Film nur in Japan und in Deutschland in den Kinos. In den USA kam er ohne Umwege in die Regale der Videotheken.

Schuld daran war wohl ein Streit zwischen Regisseur Richard C. Sarafian und den japanischen Produzenten, denn diese wollten eine andere Schnittfassung haben als Sarafian. Als Konsequenz wollte Sarafian nicht mehr als Regisseur im Vorspann genannt werden, sodass stattdessen der in solchen Fällen übliche Name Alan Smithee steht.

Aufgrund dieses Streits könnte man meinen, dass der Film alles andere als gelungen ist. Doch eigentlich ist das genaue Gegenteil der Fall. Gut, die Story gibt sich überaus verworren, doch ist letztendlich in sich stimmig. Es geht darum, dass eine enorme Sonneneruption die Erde bedroht. Um die Eruption in eine andere Richtung zu lenken, soll eine Antimateriebombe in die Sonne geworfen werden. Alles leichter gesagt als getan, denn ein Konzern möchte die Aktion verhindern, um dadurch noch mehr Geld schäffeln zu können, und schickt daher einen Saboteur ins Raumschiff …

Mit Schauspielern wie Charlton Heston und Jack Palance hoffte man, doch irgendwie international Aufsehen erregen zu können. Aber, wie bereits bemerkt, klappte alles nicht so wie es sich die Produzenten vorgestellt hatten. Doch eigentlich ist das schade, denn der Film strotzt nur so vor Ideen, die jede für sich wieder einen eigenen Film ergeben würden. Dabei bedient man sich natürlich hin und wieder bei anderen Filmen, sodass man in „Starfire“ von „Blade Runner“ bis zu „Mad Max“ irgendwie alles wiederfindet. Allerdings formt „Starfire“ die Ideen so um, dass sie dann doch wieder originell wirken und dem Film einen eigenwilligen Charme verleihen. Recht nett ist hierbei das „Soylent Green“-Zitat, indem in einer Szene relativ am Anfang Charlton Heston in der Menge tobt und die Leute vor einer schrecklichen Gefahr warnt. Diese kurze Szene ist wirklich nur als Gag am Rande zu verstehen, denn Heston spielt eigentlich eine der Hauptrollen im Film, nämlich den Vater des Kommandanten des Raumschiffs, das zur Sonne fliegen soll.

Der Film ist von Anfang bis Schluss nur eines: extrem hektisch und aufregend. Sarafian hielt sich wohl an die Grundregel von Roger Corman, die besagt, dass in jeder Szene etwas passieren muss. Und genau das setzt „Starfire“ gekonnt um: fast jede Szene ist gewürzt mit Action, hinzu kommen eine Menge an Spezialeffekten, die, dank der Mitarbeit von Syd Mead, hervorragend sind. Nebenbei bemerkt ist auch das Design der Raumschiffe erstklassig. Kurzum: Der Film lässt einen nicht mehr los.

Es ist wirklich schade, dass „Starfire“ ziemlich in Vergessenheit geriet. Dies machte sich fast 20 Jahre später Regisseur Danny Boyle zunutze und drehte mit „Sunshine“ (2007) einen Film mit fast identischer Handlung. Im Grunde genommen ziemlich frech, doch da die Kritiker „Starfire“ nicht mehr im Gedächtnis hatten, wies niemand auf diesen Umstand hin.

Starfire (Alternativtitel: Solar Crisis), Regie: Richard C. Sarafian, Drehbuch: Takeshi Kawata, Joe Gannon, Cri´span Bolt, Produktion: Richard Edlund, Takeshi Kawata, Darsteller: Tim Matheson, Charlton Heston, Peter Boyle, Jack Palance, Annabel Schofield, USA/Japan 1990, 107 Min.

The 80s: Die Jugger (1989)

juggerDavid Peoples ist nicht nur als Regisseur tätig, sondern auch als Drehbuchautor. So arbeitete er Anfang der 80er an dem Skript zu „Blade Runner“ mit. Ende der 80er verfasste er das Drehbuch für den Film „Die Jugger“, wobei er auch die Regie übernahm.

Die Handlung ist wie folgt: Jahre sind vergangen, seit ein Atomkrieg die Erde verwüstet hat. Die Menschheit ist zurückgefallen in ein mittelalterliches Stadium. Mutanten sind keine Seltenheit. Irgendwann nach diesem Krieg hat sich eine Art Gilde aus Kämpfern gebildet, die von Ort zu Ort ziehen, um für Geld sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen, und die Jugger genannt werden. Ziel eines jeden Juggers ist es, einmal die Rote Stadt zu besuchen, um dort in der Arena zu stehen. Denn während auf dem Land die Jugger eher verrufen sind, gehören die Jugger der Roten Stadt zum Adel. Eine junge Frau hegt seit jeher den Traum, sich den Juggern anzuschließen, um mit ihnen ihr Glück zu versuchen. Als eine Gruppe dieser Gilde ihr Heimatdorf besucht, gelingt es ihr tatsächlich, von ihnen aufgenommen zu werden. Schließlich gelangt sie in die Rote Stadt, wo sie der entscheidende Kampf erwartet …

„Salute to the Jugger“, so der Originaltitel, ist ein Endzeitfilm im Stil von „Mad Max“. Auch wenn es hauptsächlich darum geht, dass sich grunzende Jugger gegenseitig vermöbeln, so schwingt innerhalb der Story eine eher ruhige, leicht melancholische Atmosphäre mit. Diese wird vor allem durch die hervorragende Konstellation der Charaktere hervorgerufen. Nicht zuletzt ist dies ebenfalls auf Schauspieler wie Ex-Replikant Rutger Hauer und Twin Peaks-Veteranin Joan Chen zurückzuführen, die sich später in dem Film „Wedlock“ erneut gegenüberstehen sollten.

Die Zukunft, die „Salute to the Jugger“ zeigt, entspricht den typischen 80er Jahre-Endzeit-Filmen. Obwohl der Atomkrieg schon lange zurückliegt, gibt es noch immer Mutationen als Konsequenz radioaktiver Verstrahlung. Die Leute auf dem Land leben in brüchigen Hütten. Ihr Zahlungsmittel besteht aus Schrauben und Muttern. Was die Ursache für die Gründung der Jugger-Gilde war, ist längst in Vergessenheit geraten. Nicht einmal die Jugger selbst wissen etwas davon. Herrscht auf dem Land große Armut, so leben die Menschen in der Roten Stadt in purer Dekadenz. Die Rote Stadt befindet sich nicht auf, sondern unterhalb der Erde. Der Abstieg erfolgt per Aufzug.

„Die Jugger“ setzt stark auf Atmosphäre und ist für einen Actionfilm fast etwas zu ruhig. Aber gerade das macht den Film aus, denn obwohl er zunächst wir ein einfaches Hau-Drauf-Spektakel wirkt, besitzt er doch eine gewisse Tiefe, die überrascht.

Die Jugger – Kampf der Besten (The Blood of Heroes/Salute to the Juggers), Regie u. Drehbuch: David Peoples, Produktion: Charles Roven, Darsteller: Rutger Hauer, Joan Chen, Max Fairchild, Vincent D’Onofrio, USA/Australien 1989, Laufzeit: ca. 90 Min.

Apokalyptische Sequenzen – Ein kleiner Streifzug durch schemenhafte Weltuntergangsszenarien

sequenzen6Apokalypsen müssen einem im filmischen Sinne nicht unbedingt ins Auge springen. Es gibt auch leisere Töne. Dabei handelt es sich um Filme, die man beim ersten Ansehen nicht einmal ansatzweise als endzeitlich bezeichnen würde. Dennoch gehört auch diese Art des visuellen Untergangs in den Bereich der fiktiv-globalen Katastrophe.

Die eigentliche Handlung dieser Filme verläuft meistens nicht nach dem Schema des gängigen Katastrophenfilms und hat auch nichts mit Zombies oder Außerirdischen zu tun. Ihnen gelingt es, in kurzen Sequenzen, welche manchmal nicht einmal eine Minute dauern, auf eine Apokalypse aufmerksam zu machen, auf eine weltweite Katastrophe, welche durch das Handeln der Protagonisten ausgelöst wird. Um ein Beispiel vorweg zu nehmen: „Planet der Affen: Prevolution“ gelingt es, nach dem Fade Out, sozusagen als Verzierung des Nachspanns, ein globales Virenverbreitungsschema zu skizzieren. Das Schema überlässt die damit verbundene Katastrophe voll und ganz der Fantasie der Zuschauer. Der Untergang der Menschheit ist damit besiegelt. Wir haben also eindeutig eine apokalyptische Sequenz vor uns.
Eine Darstellung solcher Sequenzen ist wohl oder übel damit verbunden, dass man die Pointe eines Films verraten muss. Aus filmtheoretischer Sicht stellt dies im Grunde genommen kein Problem dar. Leser, die befürchten, ich würde ihnen den Spaß an einem der Filme verderben, sollten jedoch jetzt aufhören zu lesen. Allen anderen wünsche ich weiterhin viel Spaß.

sequenzen1Auf der Suche nach weiteren apokalyptischen Sequenzen stößt man früher oder später auf „Donnie Darko“. Er ist nicht weniger ein Endzeitfilm wie diejenigen Produktionen, welche mit viel Geld virtuelle Häuser und Brücken einstürzen lassen. Das viel diskutierte Werk, in dem es um einen Jungen geht, der vergeblich nach Sinn und Orientierung sucht und schließlich dazu auserchoren wird, die Welt vor dem Untergang zu retten, weist jedoch nur in einer wenige Sekunden dauernden Sequenz gegen Ende des Films konkret auf den Untergang hin. In dieser kurzen Szene sitzt Donnie auf der Kühlerhaube seines Autos und blickt hinaus in die Ferne. Dabei sieht er Wolken, welche seltsame Rüssel formen. Die Sequenz endet mit dem Satz: „Ich gehe jetzt nach hause.“ Natürlich stellt sich hierbei die Frage, was Donnie mit diesem „nach hause“ meint. Bis heute wird darüber eifrig gestritten, wobei immer wieder der Begriff Paralleluniversum fällt.

sequenzen2Sein Quasi-Sequel „S. Darko“, der handwerklich hervorragend, thematisch jedoch völlig überflüssig ist, wird konkreter. Der Film erzählt die Geschichte von Donnies jüngerer Schwester, die zusammen mit ihrer Freundin ausgebüchst ist und in einem kleinen Ort mit rätselhaften Erscheinungen konfrontiert wird. Wiederum geht es um den Untergang der Menschheit, doch nicht in Form einer Wolke, sondern in Form eines sonderbaren Meteoritenschauers, der am Ende des Films herabregnet. Diese Sequenz, die zugleich den Höhepunkt des Films darstellt, ist ein klein wenig aufwendiger als Donnie Darkos schlichte Beobachtung. Die Zuschauer werden Zeuge eines fast schon altestamentarisch-prophetischen Weltuntergangs, in welchem Steine vom Himmel regnen. Das kommt nicht von ungefährt, spricht der Film doch in Ansätzen auch religiöse Fragestellungen an. Eine weitere apokalyptische Sequenz also.

Die beiden „Darko“-Filme waren noch nicht alles, was es zu diesem Thema zu sagen gibt. Ziehen wir uns etwas wärmer an und besuchen wir die Arktis, die sich ja immer wieder dafür eignet, um eine unheimliche Bedrohung auf die Menschheit loszulassen, besonders in Zeiten des Klimawandels. Die beiden Filme „Frozen“ und „The last Winter“ erzählen im Grunde genommen dieselbe Geschichte. Es geht um eine Forschungsstation, in deren Nähe durch das Auftauen des Eises uralte Viren bzw. Lebewesen freigesetzt werden, welche nicht nur die Forscher, sondern die gesamte Menschheit bedrohen. Die Umsetzung der Grundidee ist in beiden Filmen natürlich verschieden. Ersterer ist ein Actionfilm, der zweite ein Drama. Bei beiden handelt es sich jedoch ebenfalls um Endzeitfilme. Das merkt man ihnen zunächst nicht an. Doch ein Blick auf die entsprechenden Szenen drücken ihnen eindeutig das Merkmal Apokalypse auf.

sequenzen3Bei „Frozen“ befindet sich diese Sequenz gleich am Anfang. Wir sehen einen Zusammenschnitt von Nachrichtenbildern, in denen Ausschreitungen und Gewaltexzesse zu sehen sind, welche eine Welt veranschaulichen sollen, die kurz davor steht, im Chaos zu versinken. Die Bilder nehmen die Pointe des Films vorweg, denn die eigentliche Handlung erzählt, wie es zu diesen chaotischen Zuständen gekommen ist. Auch hier haben wir somit einen Endzeitfilm vor uns. Die Viren, welche durch das Schmelzen des Eises frei werden, verbreiten sich durch die Mechanismen der Globalisierung auf der ganzen Welt. Das bedeutet, wie die Anfangssequenz veranschaulicht, nichts Gutes für die Menschheit.

glasseyepix2Dem schließt sich „The last Winter“ des New Yorker Independentregisseurs Larry Fassenden an, dessen apokalyptische Sequenz aus den letzten Sekunden des Films besteht, auch wenn es hier mehr um bizarre Kreaturen und weniger um Viren geht, welche durch die Klimaerwärmung aus dem Eis schlüpfen. Die letzte Überlebende einer Katastrophe, die sich in einer Polarstation abgespielt hat, erwacht in einem Krankenhaus. Da sich keiner in dem Gebäude befindet, tritt sie hinaus auf die Straße. Leere Gebäude und das Geheul sonderbarer Kreaturen stehen als Metonymie für eine gerade ablaufende Apokalypse. Damit endet der Film. Wiederum bleibt es der Fantasie der Zuschauer überlassen, was nun wohl oder übel mit dem Rest der Menschheit geschieht.

sequenzen4Zum Schluss noch zwei Beispiele aus Japan. Das eine stammt aus den 60er Jahren, das andere entstand kurz nach der Jahrtausendwende. Ende der 60er Jahre drehte Hajime Sato den Trash-Klassiker „Goke – Vampir aus dem Weltall“. Es geht darin um ein Flugzeug, das von einem UFO gestreift wird und kurz darauf abstürzt. Die Überlebenden sehen sich einer neuen Gefahr gegenüber: einem außerirdischen Vampir. Interessant für uns ist wiederum die Schlusssequenz des Films. Einer Frau, welche den Aspekt des „Final Girl“ aus den 70er und 80er Jahren vorwegnimmt, gelingt es, sich vom Ort des Geschehens zurück in die Zivilisation zu kämpfen. Dort angekommen, veranschaulicht durch eine Raststätte, muss sie erkennen, dass der Vampir (eine Art Virus) bereits ganze Arbeit geleistet hat. Der Ort ist voller Leichen, leere Autos stehen chaotisch auf der Straße. Auch diese Sequenz ist als Symbol für den Untergang der Menschheit zu verstehen, veranschaulichen die Bilder doch eine Welt, die im Chaos untergegangen ist. Unserer Heldin kommt damit die Rolle als letzter Mensch zugute.

sequenzen5Der zweite Film lautet „Ju-On – The Grudge“ und ist, jedenfalls in seiner Schlusssequenz, nicht weniger ein Endzeitfilm. Der Mitbegründer des modernen japanischen Horrorfilms Shimizu Takashi erzählt darin in seiner gewohnt verschachtelten Episodenform die Geschichte eines Geisterhauses, dessen Bewohner allesamt spurlos verschwinden. Man kann sich natürlich fragen, was das jetzt mit dem Thema Endzeit zu tun haben soll. Takashi liefert in den wenigen Sekunden vor Schluss eine Art weiträumigere Perspektive, welche nicht mehr das Haus zeigt, sondern eine leere Straße. An Bretterwänden hängen unzählige Bilder von Vermissten. Kein einziger Mensch ist mehr zu sehen. Herum liegende Blätter veranschaulichen, dass es niemanden mehr gibt, der für Ordnung und Sauberkeit sorgt. Wiederum stehen wir hier dem Symbol oder der Metonymie einer Welt gegenüber, in der die Menschheit nicht mehr existiert.

Filmische Apokalypsen müssen nicht immer mit Pauken und Trompeten daherkommen. Es gibt, wie gerade gezeigt, auch Filme, welche eine Endzeit lediglich andeuten. Solche Filme fristen im Hinblick auf ihren Endzeitcharakter ein beinahe unerkanntes Dasein zwischen den Zombieballer- und eindeutig klassifizierbaren Katastrophenfilmen, da sie zwar in verschiedene Kategorien gestopft, aber als Endzeitfilme nicht wahrgenommen werden.
Aber aus welchem Grund beschränkt ein Regisseur den endzeitlichen Aspekt auf eine einzige Sequenz? Als Antwort könnten zwei Möglichkeiten in die engere Auswahl kommen. Ein wesentlicher Grund dürfte sein, dass das Budget nicht ausreichte, um etwas Größeres und Beeindruckenderes in Szene setzen zu können. So sind die oben skizzierten Filme allesamt Low-Budget-Produktionen. Ein anderer Aspekt dürfte ästhetische Gründe haben, besonders bei Filmen, bei denen die Endzeitsequenzen am Schluss des Films eingefügt sind. Jeder Regisseur sucht nach einem Bild, das sein Werk abschließt und in der Erinnerung des Zuschauers noch längere Zeit nachhallt. Sequenzen, in denen eine globale Bedrohung symbolhaft dargestellt wird, scheinen dafür äußerst geeignet zu sein. Doch welche wirtschaftlichen oder ästhetischen Gründe diese Sequenzen auch haben mögen, auf jeden Fall haftet ihnen ein eigener Sinn an. Denn es geht um den Verlust von Kontrolle, der dazu führt, dass sich eine begrenzte Gefahr global ausweiten und damit die Menschheit insgesamt bedroht. Und somit schließt sich der Kreis: denn es handelt sich dabei schlicht und ergreifend um Apokalypsen.

Der Artikel erschien zuvor in dem eMagazin Phantast 6: Apokalypsen unter demselben Titel. Autor: Max Pechmann.