FuBs Jukebox: One stormy Night oder Was Züge mit der Schmuddel-Ära zu tun haben

Das Cover des ersten Albums des Mystic Mood Orchestras aus dem Jahr 1966; © Philips

Im Bereich des Easy Listening nimmt der sog. Porn-Tune eine besondere Rolle ein. Mit dieser Musik wurden in den 70er Jahren europäische Trash-, Horror- und (Soft-)Pornofilme unterlegt. Als absoluter Klassiker hierbei zählt u. a. das Stück „Pearls“ aus Ridley Metzgers Film „Kameliendame 2000“ (eine freie Adaption des berühmten Romans von Alexandre Dumas d. J. von 1969), das von Piero Piccioni komponiert wurde.

Zurück geht jedoch alles auf eine Schallplatte des Mystic Mood Orchestras mit dem Titel „One Stormy Night“ aus dem Jahr 1966. Gründer dieses Jazz-Ensambles war Brad Miller. Miller interessierte sich seit seiner Kindheit für Züge. Mitte der 50er Jahre kam er auf die Idee, Zuggeräusche aufzunehmen. Aus diesem Hobby wurde ein Beruf, als er die Mobile Fidelity Records gründete, die Aufnahmen von Zuggeräuschen an Zugmagazine verkaufte.

Das berühmte Cover der Platte „Erogenous“ des Mystic Mood Orchestras; © Warner

Eines Tages wurde der Radiomoderator Ernie McDaniel auf Millers Geräusch-Schallplatten aufmerksam und er kam in einer seiner Sendungen auf die Idee, die Geräusche und Easy Listening-Musik gleichzeitig laufen zu lassen. Die begeisterten Reaktionen der Zuhörer waren enorm.

Motiviert durch dieses Experiment tat sich Brad Miller mit dem Komponisten Don Ralke zusammen und nannten sich Mystic Mood Orchestra. Auf diese Weise entstand das erste Album „One Stormy Night“, das sich schnell zu einem enormen Erfolg entwickelte und dazu führte, dass Miller und Ralke weitere Platten in diesem Stil veröffentlichten.

„One Stormy Night“ gilt als erste Schallplatte, in der es keine Pause zwischen den Stücken gibt. Die „Lücken“ füllt das ständige Geräusch des Regens aus, wobei hin und wieder auch Donnergrollen zu hören ist. Und dann ist da natürlich auch der Zug, der durch die Nacht rattert und sein schrilles Pfeifen von sich gibt. Auch bei den Musikstücken selbst ist stets der Regen zu hören.

Ein Plattencover des Mystic Mood Orchestras aus den 70er Jahren; © Decca

Wie oben bereits erwähnt, gehört die Stilrichtung dem Easy Listening an. Leute, die gerne James Last oder Bert Kämpfert hören, werden von „One stormy Night“ mit Sicherheit begeistert sein. Für alle anderen ist es auf jeden Fall ein spannender und unterhaltsamer Blick in eine durchaus außergewöhnliche Produktion.

Aber was hat das nun alles mit Porn-Tune zu tun? Die ersten Platten wurden von Philips veröffentlicht. Anfang der 70er Jahre wanderte das Mystic Mood Orchestra dann zu Warner. Die 70er Jahre werden medial gesehen gerne auch als Schmuddel-Ära bezeichnet, da dort die Hochphase der Erotik- und Pornofilme begann. Und wie ebenfalls bereits erwähnt, wurde zur Untermalung der entsprechenden Szenen Easy Listening-Musik verwendet.

Warner machte sich diesen Umstand zu nutze und veröffentlichte sämtliche bereits erschienenen Alben des Mystic Mood Orchestra nochmals mit anderem Cover. Auf diesen waren vor allem nackte Paare in eindeutigen Situationen zu sehen. Eines der bekanntesten späteren Alben war „Erogenous“ (1974), auf dessen Cover ein psychedelisch designter Phallus zu sehen ist.

Wer einen akustischen  Versuch starten möchte, kann dies auf YouTube machen, wo man sich „One Stormy Night“ anhören kann. Das Mystic Modd Orchestra agierte noch bis 1993. Später wurden manche der Platten auf CD wiederveröffentlicht.  

FuBs Jukebox: Exotica – Zwischen Lounge, Jazz und Experimental

Cover des Albums „Primitiva“ aus dem Jahr 1958; © Liberty Records

Wenn man böse sein möchte, so könnte man Lounge Music als eine Art Fahrstuhlmusik bezeichnen. Es ist Musik, die nichts besonderes möchte, als einen klanglichen Hintergrund zu bilden für was auch immer. So auch in den 50er Jahren. Der Komponist und Pianist Martin Denny bezeichnete seine Musik selbst als „Fensterverzierung“.

Doch dann kam wie eigentlich immer alles anders, und eben dieser Martin Denny entwickelte einen Stil, der als Exotica bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um Easy Listening und leichte Jazzmusik, die mit Tierlauten untermalt oder in denen traditionelle Instrumente aus Asien, Afrika oder auch aus Südamerika verwendet werden. Gleich seine erste LP aus dem Jahr 1955, der er den Titel Exotica gab, machte diese oben genannten Arrangements zum Programm.

Der Erfolg war riesig, doch so richtig los ging es eigentlich mit seiner LP Primitiva aus dem Jahr 1958. Gleich das erste Stück „Train to Burma“ haut einen regelrecht um, die Tierlaute sind allesamt von den Musikern selbst nachgeahmt, hinzu kommen rasante Percussion-Klänge und eine Melodie, die mehr als nur einprägend ist. Man kommt sich vor, als haben Jim Knopf und sein Freund Lukas Crystal Meth eingeworfen.

Die ganze LP besteht aus ähnlichen Stücken, manche kitschig, manche jazzig und manche irgendwo dazwischen. „Llama Serenade“ wäre ein solches Dazwischen. Beginnt das Stück mit traditionellen tibetischen Klängen, so wandelt es sich in der Mitte um in eine heiße Drum-Session, um zum Schluss wieder in einer Art Weltmusik-Stil zurückzukehren. – Nicht weniger beeindruckend ist übrigens das Cover des Albums mit Fotomodell Sandra Warner, die hier im Stil von Acquanetta in dem Film Jungle Woman (1944) posiert.

Exotica als Musikstil war immer irgendwie dabei, manchmal erfolgreicher, manchmal beinahe am Verschwinden. In den 80er Jahren hatte diese Jazz-Lounge-Easy Listening-World Music-Mischung ein kurzes Rivival, bevor sie dann doch irgendwie verschwand.

Cover des Kult-Albums des Easy Listening-Orchesters 101 Strings aus dem Jahr 1969; © Scamp Records

Einen weiteren Höhepunkt erlebte Exotica davor aber noch. Und zwar Ende der 60er Jahre, als das Orchester 101 Strings ein Album mit dem Titel Astro Sounds from beyond the Year 2000 herausbrachte. Das Orchester hatte sich eigentlich auf Easy Listening à la Bert Kaempfert oder James Last spezialisiert, im Jahr 1969 aber brachten die Musiker die bürgerlichen Stuben außer Rand und Band.

Denn das Album hatte nichts mehr mit braver Hintergrundmusik zu tun, sondern war eine Mischung aus Rock, Easy Listening und Psychedelic. Man könnte auch sagen, 101 Strings flippten hier völlig aus. Stücke wie „Flameout“, „Disappointed love with a desensitized robot“ oder „Where were you in 1982?“ erweisen sich im Grunde genommen als Wegbereiter der Filmmusik der späteren Schmuddelfilm-Ära.

Ein absolutes Unikum ist hierbei das Stück „Instant Nirvana“, das auf der LP leider nicht enthalten ist, sondern extra veröffentlicht wurde. Rockiger Psychedelic-Sound mischt sich hier mit dem Stöhnen einer Frau, die gerade ihren Höhepunkt erreicht. Astro Sound from beyond the Year 2000 gilt als absoluter Klassiker der Exotica-Welle. Das Album wurde erst kürzlich wieder neu veröffentlicht – ebenso wie Primitiva von Martin Denny.