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Posts Tagged ‘Drama’

Nach dem Erfolg von „Girl on the Train“ musste natürlich so schnell wie möglich ein weiteres Buch der Autorin her. Das Ergebnis trägt den Titel „Into the Water“ und handelt von dem kleinen Ort Beckford, in dem immer wieder Frauen Selbstmord begehen, indem sie sich von einer hohen Klippe in den Fluss stürzen. So auch Julias Schwester Nel, die in Beckford lebte, um dort den rätselhaften Fällen nachzugehen und daraus ein Buch zu machen.

Als Julia nach Beckford kommt, um die Leiche zu identifizieren und an der Trauerfeier teilzunehmen, versucht sie zugleich herauszubekommen, wieso sich Nel umgebracht hat. War es tatsächlich Selbstmord? Wurde sie Opfer eines angeblichen Fluches? Oder wurde sie von der Klippe gestoßen? All diese Fragen beschäftigen auch die Polizei, denn bevor Nel umgekommen ist, starb auch eine Schülerin auf ominöse Weise im Fluss.

Wie bereits „Girl on the Train“, so ist auch „Into the Water“ aus verschiedenen Perspektiven geschrieben, wobei sich die persönliche Tagebuchform abwechselt mit einem allgemeinen Erzählstil. Schon allein durch den ständigen Wechsel der Perspektiven, durch Rückblenden und durch das Einweben des unvollständigen Manuskripts von Nel über das Geheimnis des Drowning Pool erschafft Paula Hawkins eine intensive Dichte, die den Leser schnell in ihren Bann zieht.

Alles dreht sich um das Geheimnis der Frauen von Beckford, um die Frage, weswegen manche von ihnen im Drowning Pool ertranken. Nel kommt dabei auf die Spur eines schrecklichen Geheimnisses, und nach und nach stellt sich heraus, dass Beckford an mehr als nur einem tragischen Schicksal leidet.

Man könnte fast meinen, als habe Paula Hawkins sich an dem Grundkonzept des J-Horror orieniert, als sie „Into the Water“ konzipierte. Denn das grundlegende Thema ist so gut wie identisch: die Verhinderung von Emanzipation seitens patriarchaler Strukturen. Zwar schlägt die Autorin von Anfang an tatsächlich Töne des Mytischen und Mysteriösen an, letztendlich aber entwickelt sich die Story dann doch in eine andere Richtung.

Dennoch bleibt das Rätselhafte und latent Unheimliche stets präsent: eine alte Frau, die mit den Toten kommunizieren kann, Julia, die ständig glaubt, dass ihre Schwester in ihrem Haus umgeht, der allgemeine Glaube an eine Art Fluch, der über dem kleinen Ort liegt. Im Gegensatz zu „Girl on the Train“ verzichtet Hawkins hier auf eine satirische Sichtweise. Vielmehr gestaltet sie die Geschichte als eine Art düsteres Drama, in das Julia unvermittelt hineingezogen wird.

Während man bei den entlarvenden Seitenhieben auf das Spießertum der Vorstadtbewohner immer wieder mal schmunzeln musste, so bleibt Paula Hawkins in ihrem neuen Roman ungewöhnlich ernst. Sie konzentriert sich voll und ganz auf die Trauer und den Schmerz der Figuren, verbindet diesen aber gekonnt mit einer durchgängig spannenden Handlung. Ähnlich wie Agatha Christie, so präsentiert auch Paula Hawkins eine ganze Reihe von verdächtigen Personen, um nach und nach deren Geheimnisse zu lüften. All dies macht ihren zweiten Thriller durchaus lesenswert.

Paula Hawkins. Into the Water. Blanvalet 2017, 476 Seiten, 14,99 Euro, ISBN: 978-3-7645-0523-3

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Thomas Wolfe (1900 – 1938) hatte es schwer, sich kurz zu fassen. So hatte er es auch schwer, einen Verlag zu finden. Erst der damals bekannte Lektor Maxwell Perkins, der für den Verlag Scribners‘ arbeitete, erkannte in Wolfes Werk ein bis dahin noch nie dagewesenes Genie und veröffentlichte den Roman „Schau heimwärts, Engel“.

Dies war zugleich der Beginn einer schwierigen Freundschaft, die vor allem durch Wolfes Schreibwut und Exzentrik auf die Probe gestellt wurde. Der Film „Genius“ von Regisseur Michael Grandage nimmt diese Beziehung als Grundlage für die Mischung aus Drama und Biopic, die sich vor allem auf Wolfes zweites großes Werk konzentiert: „Von Zeit und Fluss“.

Bereits Wolfes erster Roman soll in seiner ursprünglichen Fassung etwas mehr als 1000 Seiten gehabt haben und musste um mehrere hundert Seiten gekürzt werden, um ihn in einem Band herausbringen zu können. Noch komplizierter erwies sich die Arbeit an Wolfes Folgeroman, der 5000 Seiten umfasst haben soll. In einer der zentralen Szenen des Films liefert Jude Law als Thomas Wolfe seinem Lektor Perkins, gespielt von Colin Firth, mehrere Kisten, in denen sich das komplette Manuskript befindet.

Law spielt Wolfe als ein von seinem Genie Getriebener, der keine ruhige Minute ausharren kann, sondern ständig nach den geeigneten Sätzen und Formulierungen sucht, auf eine so verzweifelte und hektische Art, als wüsste Wolfe bereits, dass er in nur wenigen Jahren sterben würde. Dies lässt ihn einerseits exzentrisch erscheinen, andererseits aber auch als eine tragische Figur, die nur in der Sprache aufgeht.

Ohne die Hilfe seiner mehr als zwanzig Jahre älteren Geliebten Aline Bernstein (1888- 1955), die ihn finanziell unterstützte, damit er ohne Unterbrechung schreiben konnte, wäre Wolfe wahrscheinlich mit seinem ersten Roman überhaupt nie fertig geworden. Nicole Kidman spielt Aline als eifersüchtige und zanksüchtige Frau, die Wolfe nur für sich haben möchte. Tatsächlich trennten sich Wolfe und Aline Bernstein, die nach dieser Affäre zurück zu ihrem Ehemann kehrte, kurz nach der Veröffentlichung von „Schau heimwärts, Engel“.

Eigentlich hätte „Genius“ weit besser als Theaterstück funktioniert, denn in filmischer Hinsicht bietet Michael Grandage dem Zuschauer nicht viel. Die Dialoge über Literatur und den Rhythmus der Sprache (am Anfang sehen wir Wolfe vor dem Verlagshaus im Regen stehen und dabei mit dem rechten Fuß einen Takt klopfen) wären weit schöner auf einer Bühne gewesen. Die kurzen Auftritte von Dominic West als Hemingway und Guy Pearce als Scott Fitzgerald wirken eher wie eine Verlegenheit des Regisseurs, um doch etwas mehr Raum zu schaffen und vor allem die knapp 100 Minuten Spielzeit vollzubekommen.

Dennoch ist „Genius“ bei weitem kein schlechter Film. Zu verfolgen, wie die beiden gegensätzlichen Charaktere Wolfe und Perkins versuchen, Wolfes Schreibwahnsinn Herr zu werden, ist nicht nur spannend, sondern regelrecht faszinierend. Während Perkins traditionelle Werte pflegt, so ist Wolfe für die freie Liebe, was bei ihm allerdings fast schon in einem radikalen Egoismus ausartet. Nachdem Aline Bernstein durch sein Verhalten einmal zu viel verletzt wurde, lässt sie von ihm ab. Auch Perkins steht immer wieder kurz davor, Wolfe aufzugeben, doch der Roman ist einfach zu wichtig, um die Flinte ins Korn zu werfen.

Auf diese Weise beinhaltet „Genius“ eine wundervolle Liebe zur Literatur, wie sie in nur wenigen literarisch angehauchten Filmen zu finden ist. Leider half dies der Produktion nicht viel, denn sie floppte auf ganzer Linie. Sehenswert ist der Film dennoch.

Genius. Regie: Michael Grandage, Drehbuch: John Logan, Produktion: Michael Grandage, John Logan, Darsteller: Jude Law, Colin Firth, Nicole Kidman, Guy Pearce, Dominic West. USA/England 2016, 104 Min.

 

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Egal, wie man es dreht oder wendet, die paradox klingende Bezeichnung Action-Drama passt voll und ganz auf den Film „Deepwater Horizon“. Regie führte der auf Thriller und Actionfilme spezialisierte Peter Berg, auf dessen Konto etwa die Filme „Battleship“ oder „Welcome to the Jungle“ gehen.

Mit „Deepwater Horizon“ setzte sich Berg mit einer wahren Begebenheit auseinander, die sich gerade einmal vor sieben Jahren im Golf von Mexico zugetragen hat. Auf einer Ölplattform brach damals ein Feuer aus, das letztendlich die gesamte Station zerstörte. In dem Film spielt Mark Wahlberg den Chefelektriker Mike Williams, der die Wartung der gesamten Anlage durchführen soll. Dabei stellt sich jedoch heraus, das eine der Pumpen nicht so funktioniert, wie sie funktionieren sollte. Ein Überdruck baut sich auf. Schließlich, aufgrund falscher Entscheidungen, kommt es zur Katastrophe.

Hollywood scheint es sich abgewöhnt zu haben, Filme mit einem Paukenschlag zu beginnen. So startet auch „Deepwater Horizon“ mit sehr leisen Tönen, indem Peter Berg das Familienleben Mike Williams verfolgt. All dies erinnert beinahe an den Stil einer Doku-Soap, der jedoch schlagartig umschwängt, wenn die neue Crew sich zur Ölplattform aufmacht.

Von da an erfolgt alles Schlag auf Schlag. Während die Mitarbeiter sich zunächst noch gegenseitig aufs Korn nehmen, bahnt sich parallel dazu bereits die Katastrophe an. Kurt Russel, der mit seinem Schnauzbart zunächst kaum wiederzuerkennen ist, spielt den Stationsleiter Jimmy Harrell. Sein Gegenspieler ist John Malkovich als Donald Vidrine, der die Ölfirma vertritt und in der Hauptsache ans Geld denkt. Die Gegenüberstellung zwischen dem verantwortungsbewussten Jimmy Harrell und dem Vollblutkapitalisten Vidrine wirkt so, als habe man noch unbedingt nach einem Konflikt gesucht, der die Handlung spannungsmäßig aufbauschen sollte.

Nun gut, die Story wird dadurch tatsächlich etwas lebendiger, doch zwischendurch kommt Vidrine überhaupt nicht mehr vor, sodass man Malkovich schon beinahe vergessen hat, als er auf einmal wie ein Schachtelteufel wieder auftaucht und weiter mit Harrell und Williams herumstreitet. Allerdings ist dies der einzige Stolperstein, den der Film aufzuweisen hat. Der Streit zwischen den Kompetenzen wird von den Ereignissen überholt. Im Grunde ist alles bereits zu spät, denn der aufgestaute Druck, der in den Pumpen herrscht, kann nicht mehr zurückgefahren werden.

Die darauf folgenden Actionsequenzen sind überaus spektakulär und nervenzerreißend umgesetzt, wahrscheinlich hat man in den letzten Jahren nicht mehr so viel Feuer in einem einzigen Film gesehen. Teilweise echte Flammen, teilsweise mit dem Computer nachgeholfen, entwickelt sich auf der Station ein wahres Inferno, sodass man schon beinahe selbst die tödliche Hitze spürt.

Im Gegensatz zu anderen Actionfilmen ist „Deepwater Horizon“ sehr ernst, stellt das Drama als ein wirkliches Drama dar und versucht nicht, dieses als ein reines Spektakel zu vermarkten. Dennoch zeigt Berg in der zweiten Hälfte des Films eine geradezu atemberaubende Mischung aus heftigen Explosionen und aberwitzigen Rettungsversuchen. Interessant ist hierbei ebenfalls, dass der Film die technischen Abläufe, die auf der Station vonstatten gehen, nicht im Wischiwaschimodus abhakt, sondern diese überraschend detailliert in die Dialoge miteinfließen lässt. Dadurch beweist Peter Berg, dass er weit über dem Niveau eines bloßen Actionregisseurs steht. „Deepwater Horizon“ ist auf jeden Fall einen Blick wert.

Deepwater Horizon. Regie: Peter Berg, Drehbuch: Matthew Michael Carnahan, Produktion: Lorenzo di Bonaventura, Darsteller: Mark Wahlberg, Kurt Russel, John Malkovich, Dylan O’Brian, Kate Hudson. USA 2016, 107 Min.

 

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Ben Affleck zum dritten. Nach den Filmen „Argo“ und „The Town“ führte er 2013 bei dem Gangsterdrama „Live by Night“ erneut Regie, wobei auch das Drehbuch von ihm stammte – eine Adaption eines Romans von Dennis Lehane. Die Veröffentlichung des Films verschob sich um drei Jahre, sodass „Live by Night“ erst 2016 in die Kinos kam. Afflecks dritte Regiearbeit erwies sich nicht wirklich als Erfolg und ging in Deutschland fast komplett unter.

Es geht um den Bankräuber Joe Coughlin, der sich in das Mädchen eines Gangsterbosses verliebt. Als dieser dies mitbekommt, lässt er die Frau ermorden, während Coughlin gerade noch fliehen kann. Kurzerhand beschließt Coughlin, sich zu rächen. Dafür schließt er sich einem italienischen Gangsterclan an, der in Californien aktiv werde möchte …

Doch damit hat es sich auch schon, denn irgendwie verliert Affleck die Rachestory komplett aus den Augen. Stattdessen geht es um den weiteren Werdegang Coughlins, der beschreibt, wie er das Geschäft mit Rum während der Prohibition ausbaut und parallel dazu ein riesiges Casino bauen möchte. Doch hier kommen ihm allerhand Schwierigkeiten dazwischen, sodass er Ärger vom Boss der Mafia bekommt.

Irgendwie verzettelt sich Affleck ständig. Der Film verfolgt kein einziges Thema konsequent, sondern springt von einer Thematik zur anderen, so als handelte der Regisseur dabei eine Einkaufsliste ab. Dies lässt den Film irgendwie holprig erscheinen, zugleich ist man ständig der Frage ausgesetzt, was Affleck einem eigentlich sagen möchte. Von Rache, über Rassismus bis zum religiösen Wahn reicht das Spektrum, doch mit allen Aspekten fängt Affleck nie wirklich etwas an.

Ganz klar, Affleck möchte sich in „Live by Night“ literarisch geben, aber irgendwie funktioniert auch das nicht ganz. Die zwei Stunden Laufzeit konzentrieren sich zu sehr auf Affleck selbst, sodass die Komplexität des Dramas fehlt. Was man aber dem Film bescheinigen kann, sind hervorragende Kulissen und sehr gute Kostüme. Doch reicht das nun einmal nicht, um einen Film auch insgesamt gut werden zu lassen.

Live by Night. Regie u. Drehbuch: Ben Affleck, Produktion: Leonardo di Caprio, Ben Affleck, Darsteller: Ben Affleck, Elle Fenning, Brendan Gleeson, Chris Messina, Sienna Miller, Chris Cooper. USA 2013/2016, 129 Min.

 

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Anscheinend muss man nur ein Musical drehen und schon heimst man sämtliche Oscars ein. So geschehen jedenfalls bei dem Film „La La Land“ von Regisseur Damien Chazelle. Der Film ging mit einer solchen Euphorie durch die Medien, dass sich die Produktionsfirma praktisch eine Menge Werbekosten einsparte. Bereits vor Veröffentlichung kam es zu einem Hype, der einmal mehr Hollywood hochleben und die Krise als besiegt erscheinen ließ. Das Resultat war für Chazelle mehr als nur gewünscht: Die Produktionskosten von 30 Millionen Dollar erscheinen verschwindend gering gegenüber einem Einspielergebnis von weit über 400 Millionen Dollar.

In der Tat ist „La La Land“ ein sehr gut gemachter Liebesfilm, bei dem vor allem zwei Dinge hervorstechen: die Anfangsszene und die sehr schöne Farbgebung. Auch gelingt es Chazelle, Kitsch gekonnt zu umschiffen und statt dessen die Geschichte angenehm leicht zu erzählen. Was aber nicht bedeutet, dass sich Chazelle von der Realität abwendet. Er bleibt überraschend nüchtern und möchte alles andere als eine Komödie sein. Viel eher verweist er immer wieder auf den Kontrast zwischen traurigem Alltag und Wunschtraum. All das wird ausgefüllt mit den satten und leuchtenden Farben von Technicolor (angelehnt an die 50er Jahe), die die Optik so beherrschen, dass sie beinahe die eigentlichen Hauptdarsteller sind.

Das Problem an „La La Land“ ist allerdings, dass der Regisseur fast sein gesamtes Pulver in der fünfminütigen Tanzszene am Anfang verschießt. Der restliche Film kommt an dieses geniale Opening einfach nicht mehr heran. Allerdings merkt man dies erst im Laufe des Films, denn diese Wucht von einer einzigen Kamerafahrt, die einen in den Film quasi unvermittelt hineinsaugt, hallt noch ziemlich lange nach.

Leider kehrt der restliche Film nicht mehr auf dieses Niveau zurück, was beinahe so wirkt, als habe sich Chazelle in der Hauptsache auf die Anfangssequenz konzentriert und weniger auf das, was danach kommt. Dennoch versucht Chazelle sein Bestes, um die Geschichte von dem Jazzpianisten Sebastian und der Schauspielerin Mia schwungvoll zu erzählen. Zwischendurch droht „La La Land“ ein wenig durchzuhängen, die Story tritt ein wenig auf der Stelle, dann aber kommt schnell wieder mehr Leben in das Ganze und treibt den Film auf das Finale zu.

„La La Land“ ist insgesamt ein durchweg unterhaltsamer Film, dem man die zwei Stunden Laufzeit kein bisschen anmerkt. Der Film macht Spaß, obwohl er durchweg ernst ist, was indirekt auch einen satirischen Blick auf die Gesellschaft wirft. Kurz: sehenswert.

La La Land. Regie u. Drehbuch: Damien Chazelle, Produktion: Fred Berger, Jordan Horowitz, Gary Gilbert, Marc Platt, Darsteller: Ryan Gosling, Emma Stone, John Legend. USA 2016, 128 Min.

 

 

 

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Bereits mit seinem Mysterythriller „Cure“ stieß Regisseur und Drehbuchautor Kiyoshi Kurosawa nicht nur in Japan auf großes Interesse. Weitere Filme wie „Pulse“ oder „Loft“, die sich ebenfalls dem Horrorgenre verschrieben haben, folgten. Mit „Real“ wechselte Kurosawa 2013 das Genre, indem er einen Film schuf, der irgendwo zwischen Science Fiction und Liebesdrama angesiedelt ist.

Es geht darin um Koichi, dessen Freundin seit einem Selbstmordversuch im Koma liegt. Um sie aus dem Koma zu holen, wird ein neuartiger Versuch gewagt. Koichi soll mithilfe einer Maschine in das Bewusstsein Atsumis eintauchen, um auf diese Weise mit ihr in Kontakt zu treten. Die Behandlung aber hat einen Nebeneffekt: Koichi kann bald zwischen Realität und Wahn nicht mehr unterscheiden …

Die Adaption eines bekannten japanischen SF-Romans mit dem Titel „A Perfect Day for a Plesiosaur“ (verfasst von Rokuro Inui) erscheint zunächst als ein ruhiger und melancholischer Film über Liebe, Schuld und Vergänglichkeit. Doch nach und nach schleichen sich sonderbare und bizarre Erscheinungen in die elegant anmutenden Bilder, die den Film bestimmen. Während Koichi und Atsumi sich über ihre Beziehung unterhalten, liegt auf einmal direkt neben Koichi eine verunstaltete Leiche am Boden. Menschen erscheinen wie unheimliche Traumgebilde, die Ärztin und Leiterin des medizinischen Projekts bezeichnet diese als „philosophische Zombies“.

Dr. Ahiara (Miki Nakatani) bereitet Koichi (Takeru Satoh) auf den Bewusstseinstransfer vor; Copyright: Toho Inc.

Die Kritiker mochten „Real“ dennoch nicht. In Deutschland ist der Film so gut wie unbekannt. Eigentlich schade, denn Kurosawas SF-Drama ist alles andere als langweilig. Im Gegensatz zum zwei Jahre später produzierten „Inception“, versucht Kurosawa den Film nicht durch Action in die Länge zu ziehen. Für ihn steht die Entwicklung der Handlung im Vordergrund. Dafür lässt sich der Regisseur Zeit, doch die zwei Stunden, die der Film dauert, vergehen beinahe wie im Flug.

Dies liegt nicht nur daran, dass die Ästhetik des Films den Zuschauer in ihren Bann zieht, sondern auch in den unerwarteten Wendungen, welche „Real“ eine zusätzliche Spannung und Dichte verleihen. Es geht um die Frage, was Wirklichkeit überhaupt ist und ob man diese mit all seinen Sinnen erfassen kann. Wenn auf einmal Dinge geschehen, die nicht dem Alltagswissen entsprechen, bedeutet dies, dass diese nicht wirklich, sondern Wahnvostellungen sind?

Kurosawa wird, trotz des schwierigen Themas, nie philosophisch. Es geht ihm vielmehr um das Schicksal der einzelnen Figuren, deren Ängste und Probleme. Dies führt dazu, dass der Regisseur es auch nicht an Sozialkritik mangeln lässt. Hierbei steht vor allem der japanische Arbeitsalltag im Zentrum der Kritik, wenn Menschen wegen Überarbeitung sterben oder Selbstmord begehen.

„Real“ wird dadurch zu einem durchaus nachdenklichen Film, mit dem man sich nach der Sichtung noch lange beschäftigt. So eindrücklich sind die Bilder und Situationen, die uns Kurosawa präsentiert.

 

 

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Gerne verfilmt Hollywood Geschichten, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Und je dramatischer, umso besser. Mit „The Finest Hours“ fanden die Walt Disney Studios, die weiterhin mit aller Kraft versuchen, von dem Trickfilm-Image wegzukommen, eine Geschichte, die an Dramatik kaum zu überbieten ist, deren Umsetzung stellenweise jedoch in Kitsch abdriftet.

1952 kommt es vor der Küste Neuenglands zu einem der schlimmsten Stürme überhaupt. Der Öltanker SS Pendleton wird dabei in zwei Teile gerissen. Während der vordere Teil untergeht, kann sich der hintere Teil dank einer Luftblase noch einige Zeit über Wasser halten. Zur Rettung der Mannschaft wird ein Boot der Küstenwache hinausgeschickt. Doch die Retter haben selbst mit dem Unwetter zu kämpfen …

Regisseur Craig Gillespie beginnt den Film überaus ruhig, indem er Captain Kirk-Darsteller Chris Pine in der Rolle eines der Mitarbeiter der Küstenwache zeigt, wie dieser kurz vor einem Date mit einer hübschen Telefonistin steht. Leider nimmt sich Gillespie für die Zweisamkeit ein wenig zu viel Zeit, sodass ihm nichts anderes übrig bleibt, als immer wieder Actionsequenzen zwischenzuschneiden, die den parallel verlaufenden Überlebenskampf der restlichen Besatzung des Öltankers schildern, damit der Zuschauer nicht das Interesse an dem Film verliert. Möglicherweise fand Gillespie diese Darstellungsweise originell, da der Film nicht wie üblich mit einem Paukenschlag beginnt.

Doch führt dies dazu, dass es bei „The Finest Hours“ genau dadurch hapert. Denn ohne die ruhige, später leicht in den Kitsch abtriftende Liebesgeschichte, hätte Gillespie einen Film geschaffen, der an purer Dramatik und aufreibender Action nichts zu wünschen übrig gelassen hätte. Die lebensgefährliche Fahrt zu dem auseinenander gebrochenen Öltanker, die eine Handvoll Mitarbeiter der Küstenwache unternimmt, ist kolossal in Szene gesetzt. Nicht nur hohe Wellen bedrohen das kleine Rettungsschiff, auch der Kompass wird über Bord gespühlt, sodass Bernie Webber (Chris Pine) von da an lediglich nach Gehör steuert, um die gefährlichen Felsen zu umschiffen. Eine überaus waghalsige Situation, die grandios umgesetzt wurde.

Parallel dazu wird der Kampf ums Überleben auf dem Öltanker immer intensiver. Der Besatzung bleiben nur noch wenige Stunden, denn die Pumpen funktionieren nicht mehr. Der Maschinist muss sich immer neue Hilfsmittel einfallen lassen, um ein sofortiges Sinken zu verhindern. All dies fängt Gillespie in wunderbaren, düsteren und hektischen Bildern ein.

Die dritte Erzählebene, die sich Webbers neuer Freundin widmet, wirkt dabei fast schon überflüssig. Es scheint beinahe so, als habe man mit dem Dampfhammer noch eine Heldin in die Geschichte einfügen wollen, in der, historisch bedingt, die Männerrollen überwiegen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass der Film genau an den Stellen, die den Kampf zwischen Emanzipation und Patriachat skizzieren, immer wieder abschmiert, da diese Szenen zu konstruiert und teilweise verkrampft wirken.

Insgesamt aber ist der Seerettungsfilm packend inszeniert und Pines Darstellung eines eher schüchternen Mannes, der als einziger den Mut findet, alles auf eine Karte zu setzen, durchaus sehenswert.

The Finest Hours. Regie: Craig Gillespie, Drehbuch: Scott Silver, Paul Tamasy, Eric Johnson, Produktion: Dorothy Aufiero, Darsteller: Chris Pine, Casey Affleck, Ben Foster, Eric Bana, Holliday Grainger. USA 2016, 117 Min.

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