Ex Libris – Die Public Library von New York

Ex Libris (USA 2017); Copyright: Koos/Good Movies

Unter Bibliothek stellt man sich vor allem Regale voller Bücher vor. Mit diesem gedanklichen Bild begann auch der bekannte Dokumentarfilmregisseur Frederick Wiseman seine Arbeit an „Ex Libris – The Public Library of New York“. Und er und nicht weniger man selbst ist erstaunt, dass die weltbekannte Bibliothek weit mehr als das ist.

Viel eher könnte man die Public Library von New York als eine Mischung aus Volkshochschule und Gemeindezentrum bezeichnen, wo von Vorträgen bis hin zu Workshops alles angeboten wird. So gibt es Seniorentanzkurse, genauso wie Jobmessen und Leserunden. Vorträge über Wirtschaftsgeschichte, Philosphopie, Literatur oder Kunst werden ebenso angeboten wie Diskussionen mit Autoren und Musikern. Daneben gibt es Hausaufgabenbetreuung, wobei sich die Library auch den sozialen Problemen der Stadt widmet und Integrationsarbeit leistet.

Der über dreistündigen Dokumentation merkt man die außergewöhnliche Länge kein bisschen an. Man beobachtet gespannt die faszinierenden Abläufe in der Bibliothek und lauscht interessiert den Vorträgen. Gut, von den Meetings der Verwaltung hätte es ruhig weniger sein können. Sie vervollständigen zwar den Ein- bzw. Überblick über die verschiedenen Aufgaben, doch zwischendurch scheint es, als würde die Doku von einer Besprechung zur nächsten springen.

Dennoch macht die Dokumentation Spaß und ist nicht nur etwas für Leseratten. Ja, eigentlich geht es hier gar nicht ums Lesen oder um Bücher, sondern eben um die verschiedenen Abläufe und Angebote, die aus der Public Library mit ihren rund 90 Zweigstellen mehr machen als nur eine Bibliothek im klassischen Sinne. Es geht natürlich in erster Linie um die Vermittlung von Wissen, doch ebenso um das Zusammenführen verschiedener Kulturen und sozialer Schichten. Wiseman selbst sagte, das die Public Library das Gegengift zu Trumps darwinistischer Ideologie sei.- So lange es daher eine solche Institution gibt, darf man noch hoffen.

Winna – Weg der Seelen (2015)

Mit über 14000 Zuschauern zählt „Winna – Weg der Seelen“ zu den erfolgreichsten Dokumentarfilmen aus der Schweiz. Im Jahr 2015 erreichte er Platz 15 der Kinocharts. Erstaunlich, wenn man berücksichtigt, um was es darin geht: um Geister- bzw. Aberglaube im Oberwallis.

Dennoch scheint die Regisseurin Fabienne Mathier damit einen Nerv getroffen zu haben. Der Erfolg des Films spricht jedenfalls für sich. Und, um es gleich vorwegzunehmen, der Erfolg ist mehr als nur berechtigt. Denn interessanter und faszinierender kann ein Dokumentarfilm kaum sein.

Fabienne Mathier interviewte alte Leute, die noch die Legenden und Berichte über den Gratzug kennen: Arme Seelen, die auf einem bestimmten Weg durch die Alpen wandern. Manche wollen diesen Gespenstermarsch mit eigenen Augen gesehen haben. Andere zeigen den Weg, den die Armen Seelen nehmen, auf einer Karte.

Parallel zu diesem allgemeinen Geisterglauben sprach die Regisseurin auch mit Menschen, die behaupten, selbst Geister gesehen zu haben oder sogar mit Geistern in Kontakt zu stehen. Eine ältere Frau ist fest davon überzeugt, mit ihrem verstorbenen Ehemann in Kontakt zu stehen,  eine andere Bewohnerin eines Dorfes im Oberwallis glaubt, dass ihr verstorbener Sohn immer wieder die Lampe im Wohnzimmer ein- und ausschaltet. Dann erzählt eine alleinstehende Frau von einem Poltergeist, der sie seit zehn Jahren plagt, und eine Art Schamanin oder Medium berichtet davon, wie sie den Geistern hilft, ins Licht zu finden.

Fabienne Mathier geht völlig objektiv an das Thema heran. Sie lässt die Menschen erzählen, ohne ihre Berichte oder ihre Überzeugungen zu kommentieren. Und genau dieser Punkt macht den Film zu etwas Besonderem. Hier werden nicht Leute vorgeführt, sondern ihre Wünsche, Hoffnungen und ihre Erfahrungen ernst genommen. Kein Parapsychologe, der seinen Senf dazu gibt, sondern es bleibt dem Zuschauer überlassen, was er davon hält.

Dieser Aspekt offenbart sich auch in der Schülerin Sarina, die Informationen über diese alten Legenden und Berichte einholen soll. Sie nimmt das, was sie erzählt bekommt, ernst, macht sich nicht über die Leute lustig, sondern ist interessiert an den teils unheimlichen Geschehnissen, die sich früher einmal ereignet haben sollen.

Zusammen mit Dorfbewohnern sucht sie ein Beinhaus auf, geht die Wege entlang, an denen sich der Gratzug gezeigt haben soll. Immer wieder gelingen Fabienne Mathier dabei grandiose Aufnahmen der Berglandschaft und der eingeschneiten Dörfer.

„Winna – Der Weg der Seelen“ ist ein einzigartiger, ein wunderbarer Dokumentarfilm, der auch nach mehrmaligem Ansehen nichts von seiner Faszination verliert.

Winna – Der Weg der Seelen. Regie u. Produktion: Fabienne Mathier. Schweiz 2015, 83 Min.

Wieso eigentlich Horror? – Tal Zimerman auf der Suche nach einer Antwort

whyhorrorEs gibt eine ganze Reihe sehr interessanter Dokus über Horrorfilme. Man denke nur an „American Nightmare“ über den postmodernen Horrorfilm der 70er Jahre oder „Cut into Pieces“, der sich mit der Geschichte des Slasherfilms in den 80er Jahren befasst. Nun hat der in den USA und Kanada bekannte Essayist und Horrorfan Tal Zimerman sich auf die Suche nach einer grundlgegenden Antwort auf die Frage gemacht, wieso mögen Horrorfans eigentlich Horrorfilme?

Liebhaber von Horrorfilmen werden in der Regel schief angesehen und als äußerst suspekt betrachtet. In der ZDF-Doku „Mama, Papa, Zombie“ aus den 80er Jahren werden Horrorfans im gewissen Sinne als asozial eingestuft. Ein Fan von Horrorfilmen stößt also in aller erster Linie in der Gesellschaft auf Unverständnis für seine Liebhaberei.

Tal Zimerman ist seit seiner Kinderheit von Horrorfilmen begeistert. Da außer ihm in seiner Familie niemand seine Leidenschaft teilt, stellt er sich die Frage, wie es dazu kam, dass er Horrorfilme so sehr mag. Während die beiden oben genannten Dokus das Phänomen Horrorfilm eher kulturhistorisch angehen, geht Zimerman noch einen Schritt weiter. Er lässt nicht nur Kulturwissenschaftler und Regisseure zu Wort kommen. Er unterzieht sich auch neurologischen Tests, um zu untersuchen, ob sein Gehirn auf bestimmte Reize anders reagiert als z.B. bei seiner Mutter, die Horrorfilme nicht mag.

Da das Phänomen Horrorfilm kulturübergreifend ist, spricht Zimerman nicht nur mit amerikanischen Regisseuren und Wissenschaftlern, sondern  auch mit Experten aus Spanien, Südamerika und Japan. Die Interviews, die er führt, und die Ergebnisse, die er sammelt, sind ungeheuer faszinierend. Vor allem beeindruckt die Vielzahl an unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven, durch die er versucht, eine Antwort auf seine Frage zu erhalten.

Dabei ist die Doku keineswegs langatmig oder trocken. Ganz im Gegenteil, Tal Zimeran verbindet spannende Informationen mit viel Witz und Humor. All dies macht „Why Horror?“ zu einer der besten Dokumentationen über den Horrorfilm.

Anmerkung: In Deutschland sollte die Doku eigentlich Anfang März erscheinen. Aufgrund technischer Probleme in der Produktion, wird der Film allerdings erst im Herbst veröffentlicht.

Dok & Crowd – Wie heutzutage Dokumentarfilme finanziert werden

dokundcrowdRegisseure stehen in der Regel vor dem Problem, dass sie lange brauchen, bis sie eine Finanzierung für ihr Projekt gefunden haben. Ist dies bei Spielfilmen der Fall, dann bei Dokumentationen umso mehr. Obwohl zurzeit Dokufilme an Popularität gewinnen, stellen sie dennoch ein Nischenprodukt dar. Das heißt, von Anfang ist klar, dass der fertige Film nur von einer sehr begrenzten Anzahl Zuschauer gesehen werden wird.

Der Autor Paul Rieth berät Filmemacher bei der Finanzierung ihrer Werke. Seine Tipps und Hinweise hat er nun in dem Buch „Dok & Crowd“ zusammengefasst. Ausgehend von der klassischen Finanzierung und klassischen Distributionswegen, zeigt er auf, welche Rolle in unserer Zeit Crowdfundig spielt. Dabei geht er zum einen auf die Geschichte dieser neuen Finanzierungsmöglichkeit ein, zum anderen erklärt er recht genau, wie Crowdfunding funktioniert und zeigt Filme auf, die mithilfe dieser Methode realisiert worden sind.

Als neue Form der Distribution dient Video-on-Demand. Für Dokumentarfilmer stellt dies eine sinnvolle Ergänzug zur klassischen Distributionsform dar. Paul Rieth beschreibt die verschiedenen Anbieter, die genaue Funktionsweise von VoD und geht in einem Extrakapitel auch auf das Thema illegales Download ein.

Im letzten Teil des Buches gibt der Autor Hinweise für ein möglichst effizientes und dennoch kostengünstiges Marketing ein. Er beschreibt dabei die Möglichkeiten von Social-Media-Marketing bis hin zur Blog-Nutzung.

Alles in allem liefert „Dok & Crowd“ einen interessanten und durchaus spannenden Einblick in unterschiedliche Formen neuer Finanzierungsmöglichkeiten von Filmen. Die Informationen, die der Autor liefert, sind nicht nur nützlich für angehende Dokumentarfilmer, sondern auch lesenswert für Leute, die sich für die Filmwirtschaft generell interessieren. Also durch und durch ein gelungenes Buch.

Paul Rieth: Dok & Crowd. Dokumentarfilme finanzieren und verwerten. UVK 2015, 227 Seiten, 24,99 Euro, ISBN: 978-3-86764-520-1