Vor dem Sturm – Der Debutroman von Theodor Fontane

Theodor Fontane (1860)

Für Fontane war „Vor dem Sturm“ stets der Roman, bei dem er vergessen hatte, dass er ihn selbst geschrieben hatte. Und das, obwohl er insgesamt 25 Jahre daran gearbeitet hatte, Recherchen mit einbezogen. Die Arbeit daran hatte er immer wieder unterbrechen müssen, sodass allein schon das eigentliche Schreiben des Romans zehn Jahre in Anspruch genommen hatte.

Dennoch besitzt die Mischung aus Familien- und Historienroman eine Art Schattendasein im Gesamtwerk Fontanes. Der Untertitel von „Vor dem Sturm“ lautet „Ein Roman aus dem Winter 1812 auf 13“. Die märkischen Adeligen, Bürger und Bauern erwarten mit großer Sorge die aus Russland zurückströmenden französischen Soldaten. Im Zentrum der Handlung steht dabei die Familie Vitzewitz. Vater Berndt ist zu allem bereit, um sich den Franzosen in den Weg zu stellen und organisiert daher ein Heer aus Freiwilligen. Sein Sohn Lewin, der in Berlin studiert und einen Literaturzirkel leitet, wird mehr und mehr in den Strudel der Ereignisse hineingezogen …

Die damaligen Kritiken waren zwiespältig. Die einen lobten den Roman über alles, für die anderen war der Roman zum einen zu lang, zum anderen bemängelten sie, dass darin kaum etwas passiere. Nun, ein Spannungsroman ist „Vor dem Sturm“ sicherlich nicht, obwohl Fontane hervorragend die Katastrophe, die sich anbahnt, sehr eindringlich aufbaut.

Cover der kommentierten Ausgabe im dtv-Verlag

Im Großen und Ganzen ist „Vor dem Sturm“ jedoch ein Roman über das Leben der Familie Vitzewitz, zu der neben dem Vater Berndt und dessen Sohn Lewin auch noch die Tochter Renate zählt. Die Mutter ist bereits gestorben. Die Geschichte lebt vor allem durch die überaus liebevoll gezeichneten und lebendigen Charaktere. Ob es nun der Literaturliebhaber Lewin und seine Freunde aus dem Literaturzirkel sind, ob es seine Schwester Renate ist, die alle Schicksalschläge still erduldet, oder die Geschwister Tubal und Kathinka, Cousin und Cousine der beiden, die Figuren erscheinen einem so nah, dass man sie schnell ins Herz geschlossen hat – sogar Kathinka, die im Grunde genommen ziemlich egoistisch, ja sogar snobistisch erscheint. Nicht zu vergessen Pfarrer Seidentopf, der sich mehr für sein Hobby der Archäologie interessiert als für seine Predigten. Mit der kleinwüchsigen, alten Frau Hoppenmarieken hat Fontane eine der wohl mysteriösesten Figuren geschaffen, über die man noch lange nachdenkt. Ihre Zwielichtigkeit wirkt manchmal regelrecht unheimlich.

Fontane fügt in das Geschehen immer wieder (unheimliche) Legenden und Kriegsanekdoten ein, welche nicht nur die einzelnen Figuren näher kennzeichnen, sondern auch ein genaueres Bild der Lebenswelt im Oderbruch liefern. Man kann keinesweges behaupten, dass „Vor dem Sturm“ langweilig sei, was manche Kritiker ja Fontane vorgeworfen haben. Man gleitet über die gut 700 Seiten des Romans angenehm hinweg, wobei man stets bestens unterhalten wird. „Vor dem Sturm“ ist ein Buch, in das man sich regelrecht verlieben kann und das ich persönlich mit auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Ein wirklich schönes Leseerlebnis.

1984 produzierte die ARD eine sechsteilige Miniserie, die sich jedoch nicht exakt an die Vorlage hält.

Geschichte des Fräuleins von Sternheim – Der erste deutsche Frauenroman

Ausgabe im dtv-Verlag

Sophie von La Roche (1730 – 1807) war mit Goethe und Schiller befreundet und Christoph Martin Wieland, der sich bis über beide Ohren in sie verliebt hatte, war ihr Cousin. Im Jahr 1771 verhalf er ihr zur Veröffentlichung ihres ersten Romans „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“, der sogleich zu einem damaligen Bestseller wurde und heute als erster Frauenroman in der deutschen Literatur bezeichnet wird.

Mit Sicherheit kann der enorme Erfolg des Romans auch dadurch erklärt werden, da Geheimrat Goethe kräftig die Werbetrommel rührte. Von ihren späteren Büchern war er weniger begeistert. „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ kann als eine Art Mischung aus Jane Austen und Choderlos de Laclos bezeichnet werden, wobei allerdings der Witz Austens und die Heftigkeit Laclos‘ bei Sophie von La Roche weniger ausgeprägt sind.

Es geht um Sophie von Sternheim, die von ihrem Onkel und ihrer Tante an den Hof des Fürsten gebracht wird, nachdem ihre Eltern gestorben sind. Ihr Onkel erhofft sich dadurch, beim Fürsten eine gute Stellung zu erhalten, indem er diesem Sophie als Mätresse anbietet.

Sophie von La Roche (1730 – 1807); Quelle: Wikipedia

Sophie jedoch hat ganz andere Interessen. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Armen zu helfen und setzt dabei verschiedene soziale Projekte in Gang. Hoch gebildet, besitzt sie dennoch ein naives Menschenbild, sodass sie die Machenschaften ihres Onkels nicht gleich durchschaut. Da scheint der englische Lord Derby ihre Rettung zu sein. Er gibt vor, sich ebenfalls für die Armen einsetzen zu wollen, in Wirklichkeit aber möchte er Sophie lediglich ins Bett bekommen.

Für diesen Zweck fingiert er eine gemeinsame Hochzeit, wobei ein Betrüger als Priester agiert. Auch hier durchschaut Sophie zu spät, was für ein widerlicher und bösartiger Mensch Lord Derby ist, der bereits eine Vielzahl Frauen durch seine Betrügereien auf dem Gewissen hat. Sophie hofft, ihm zu entkommen, doch als Lord Derby eine weitere Boshaftigkeit verfolgt und sie ihm dabei durch Zufall in die Quere kommt, hat er Übles mit ihr vor.

Man merkt, der Roman erzählt eine sehr aufregende Geschichte, die anfangs zwar ein wenig zäh daher kommt, doch nach und nach immer mehr an Spannung gewinnt. Vor allem interessant ist hierbei Sophie von La Roches Blick auf die Lebensumstände der armen Leute. Nicht weniger interessant ist, dass „die Sternheim“ den Menschen zwar helfen möchte, aber zum Beispiel es mit der Bildung bei ihnen nicht zu weit treiben möchte, sondern den Töchtern der Familie gerade nur die Grundlagen des Rechnens und des Lesens beibringen will, damit sie vor allem gute Haushälterinen werden.

Wie oben bereits bemerkt, findet man in „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ in manchen Szenen durchaus Ähnlichkeiten mit Jane Austens Spott auf ihre Gesellschaftsschicht. Dies macht sich bei La Roche vor allem in dem Teil des Romans bemerkbar, der am Hof des Fürsten spielt. Sophie scheint die einzige zu sein, die sich für Literatur und Wissenschaft interessiert, alle anderen ergehen sich in oberflächlichen Klatsch. Als ein bekannter Intellektueller den Fürsten besucht, so wollen die Aldigen keineswegs von seinem Wissen oder seinen Gedanken profitieren, sondern gleich seine Meinung über ihre banalen Kitschromane hören.

Auch Sophie, die äußerst attraktiv ist, wird nicht wegen ihrer Bildung oder ihres sozialen Engagements beurteilt, sondern allein wegen ihres Aussehens. Ihre Tante schmeißt sogar Sophies philosophischen Bücher weg, damit sie sich endlich an die Gepflogenheiten am Hof des Fürsten anpasst.

Und dann ist da auch noch der psychopathisch veranlagte Lord Derby. Hier kommt eine Ähnlichkeit mit dem späteren Roman „Gefährliche Liebschaften“ von Laclos auf, denn Lord Derby ist ein widerlicher Lüstling, der nichts anderes vorhat, als hoch angesehene Frauen ins Verderben zu stürzen. Als man endlich hofft, dass sich Sophie von Derby befreien konnte und der Roman in eher ruhigerer Form Sophies Leben bei einer englischen Dame erzählt, kommt es plötzlich zum nächsten Paukenschlag.

„Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ ist eine sehr lesenswerte Lektüre, nicht nur deshalb, da sie interessante Einblicke in die damalige Lebenswelt liefert, sondern zudem eine recht spannende Geschichte erzählt. Sophie von La Roche wurde durch den Roman so bekannt und auch ihre späteren Bücher wurden so viel gelesen, dass sie als freie Schriftstellerin ihre Familie ernähren konnte.

Denn sie wissen, was sie tun – Ernst Ottwalts vergessener Justizroman aus dem Jahr 1931

Mit den Goldenen Zwanzigern bringt man in der Regel eine Blütezeit in Sachen Kunst, Mode, Design und Film in Verbindung. Doch wie sah es damals in der Rechtssprechung aus? Ernst Ottwalt (1901-1942) schrieb darüber 1931 den Roman „Denn sie wissen, was sie tun“, in dem er Willkür und Ungerechtigkeit anprangert.

Ottwalt verfolgt in seinem vergessenen und nun wieder entdeckten Werk den Werdegang von Friedrich Wilhelm Dickmann, der Jura studiert, Mitglied einer Burschenschaft wird und später zum Richter aufsteigt. Wie Kurt Tucholsky in seiner damaligen Rezension treffend bemerkte, ist das Besondere an Ottwalts Roman, dass er Dickmann nicht als Widerling darstellt, sondern als ein Mensch, der vom System so lange geformt wird, bis er selbst genauso funktioniert, wie es die anderen von ihm haben wollen.

Auf diese Weise ist Ottwalts Roman eine scharfe Kritik an den damaligen Zuständen, in denen mit Arbeitslosen, Kommunisten oder einfachen Leuten kurzer Porzess gemacht wurde, während man die Reichen einfach laufen ließ, egal, was sie verbrochen hatten. Ottwald bezieht sich in „Denn sie wissen, was sie tun“ auf Fälle, die es tatsächlich gegeben hat. Und die jeweilige Urteilssprechung ist wirklich erschütternd.

So wird ein Baron, der einen Mann erschossen hat, frei gesprochen, während ein Bauer, der nachts seine Kuh zum Markt geführt hat, ohne die Laterne an seiner Kutsche angezündet zu haben, zu drei Wochen Gefängnis verurteilt wird. Ein Prozess gegen eine Gruppe Kommunisten wird zu einer reinen Farce, die Männer werden schlicht und ergreifend zum Tode verurteilt.

Dickmann versucht dabei stets, verkrampft nach einer moralischen Rechtfertigung zu suchen. Doch da er keine findet, klammert er sich am Rechtssystem als Institution fest, um dadurch sein schlechtes Gewissen zu besänftigen. Aber auch dieses bröckelt nach und nach, bis Dickmann letztendlich genauso handelt wie alle Richter vor ihm: die einfachen Leute werden verurteilt, die Reichen lässt man, schon aufgrund eines gewissen Beziehungsgeflechts, das sich teilweise in den Burschenschaften gebildet hat, wieder laufen.

„Denn sie wissen, was sie tun“ ist dabei flott geschrieben, die jeweiligen Stationen von Dickmanns Leben sind nicht ohne Ironie, Ottwalt lässt es daher nicht allein bei einer harschen Kritik, sondern nutzt diese, um mit einem gewissen Spott die Juristerei durch den Kakao zu ziehen. Der Roman besitzt eine ungeheure Dichte, und die Prozesse, die Ottwald schildert, sind teils so erschütternd, dass man kaum glauben möchte, dass es diese Fälle tatsächlich gegeben hat. Ottwald aber erwähnt in seinem kurzen Vorwort, dass sämtliche Fälle belegbar seien.

Es ist ein großes Glück, dass der Verlag Das kulturelle Gedächtnis diesen Roman von Ernst Ottwald aus der Vergessenheit gezogen und nun wieder in einer schönen Ausgabe den Lesern zugänglich gemacht hat. „Denn sie wissen, was sie tun“ ist ein wichtiger Roman, ganz besonders für die heutige Zeit.

Ernst Ottwald. Denn sie wissen, was sie tun. Verlag das kulturelle Gedächtnis 2017, 365 Seiten, 25,00 Euro, ISBN: 978-3-946990-12-3