Der Winter unseres Missvergnügens – John Steinbecks letzter Roman

Kommt man im Leben weiter, wenn man sich an die moralischen Grundsätze hält? Diese Frage beschäftigt Ethan Allen Hawley, der als Verkäufer in einem kleinen Lebensmittelgeschäft arbeitet. Seine Familie war reich gewesen, jedenfalls so lange, bis sein Vater das ganze Vermögen verloren hat. Außer Geld und Land verlor die Familie eben auch den Laden, in dem Ethan nun angestellt ist.

Ethan versucht, sich nichts aus Geld zu machen. Doch nagen an ihm immer wieder Gewissensbisse, wenn er an seine Frau Mary und seine Kinder denkt. So sind sie die einzige Familie in New Baytown, die keinen Fernseher besitzt. Doch alles ändert sich, als Marys Freundin Marge ihr die Karten legt und dabei prophezeit, dass sie großer Reichtum erwartet. Und als der Bankangestellte Joey Morphy ihm erklärt, wie man am besten eine Bank überfällt, keimt in Ethan nach und nach ein Plan.

„Der Winter unseres Missvergnügens“, John Steinbecks letzter Roman aus dem Jahr 1961, nimmt eine Thematik vorweg, die in den 70er Jahren eine zentrale Rolle in Büchern und Filmen spielen sollte: Das Hinterfragen gesellschaftlicher Werte in den USA, verbunden mit einer Kritik am Kapitalismus.

Nachdem sich Ethan einmal dazu entschlossen hat, zu Geld zu kommen, nimmt das Drama seinen Lauf. Und genau hier stellt sich Steinbeck auch immer wieder die Frage, wie Kapitalismus eigentlich funktioniert. Seine Antwort lautet: Menschen, die sich an die moralischen Vorstellungen halten, kommen nicht weit. Wer es in den USA zu etwas bringen möchte, muss sich ganz und gar unmoralisch verhalten, bis er seine Ziele erreicht hat.

Auf diese Weise bleibt es nicht nur bei Ethans Plan, die Bank auszurauben. Sein Verhalten wird von Mal zu Mal verwerflicher und hinterhältiger, selbst seinem Freund, dem Obdachlosen Danny, gegenüber.

Eingewebt in John Steinbecks wunderbare Sprache, ergibt sich daraus eine intensive Tragödie, die präzise Ethans moralischen Unter- oder Werdegang schildert. Besonders stechen hierbei die großartigen Dialoge hervor, welche den Figuren eine besondere Lebendigkeit verleihen. Man gleitet regelrecht durch diesen tollen Roman und kann dabei kaum innehalten, da man stets wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht. Und durch seine Thematik wirkt „Der Winter unseres Missvergnügens“ heute aktueller denn je.

John Steinbeck. Der Winter unseres Missvergnügens. Manesse Verlag 2018, 604 Seiten, 25 Euro, ISBN: 978-3-7175-2432-8