Das übernatürliche Grauen in der Literatur – Lovecrafts berühmter Essay

lovecraftH. P. Lovecraft, der die phantastische Literatur wie kaum ein anderer Autor beeinflusste, verfasste 1925 einen Essay, der sich mit der Geschichte der unheimlichen Literatur beschäftigte. 1927 wurde der Essay in dem Magazin The Recluse veröffentlicht, einer Zeitschrift, die von einem Kreis Amateurjournalisten herausgegeben wurde, zu denen sich auch Lovecraft zählte. Nach der Erstveröffentlichung arbeitete Lovecraft den Essay mehrmals um. So erschien zwischen den Jahren 1933-1935 der Text als Serie in dem Magazin Fantasy Fan.

Bis heute zählt seine historische Aufarbeitung der unheimlichen Literatur zu den besten Werken, die es zu diesem Thema gibt. Angefangen von der Antike bis hinein in die 30er Jahre reicht sein Überblick über die Merkmale und Werke der unterschiedlichen Formen der Schauerliteratur. Es ist dabei erstaunlich, was für ein Fachwissen Lovecraft dabei an den Tag legte. So beginnt sein Essay mit den Frühformen der Horrorgeschichte, die sich z. T. in antiken Dramen wiederfinden. Daraufhin setzt er sich mit der Schauerliteraur, d.h. den Gothic Novels auseinander und bespricht in einem weiteren Kapitel die „Erben der Schauerliteratur“. In den folgenden Kapiteln teilt er die Historie der Horrorliteratur geographisch auf. So bespricht er die Entwicklung der Schauerliteratur in Frankreich und Deutschland gesondert von der Entwicklung der Horrorliteratur in Amerika. Ein weiteres Kapitel setzt sich mit englischen Gespenstergeschichten auseinander.

Lovecraft verfasste sein Essay in einem flüssigen, geradezu spannenden Stil. Im gelang es, die Themen und Handlungen der einzelnen Romane auf den Punkt zu bringen und Verbindungen zu anderen Werken herzustellen. Ein weiteres wesentliches Merkmal des Essays ist, dass Lovecraft bei seiner Abhandlung keineswegs neutral bleibt, sondern es sich nicht nehmen lässt, die Leistung eines jeden Autors zu würdigen bzw. auch zu kritisieren. Dies macht dieses Werk unglaublich lebendig und sympathisch. In einem angenehm netten Plauderton erfährt der Leser so ziemlich alles, was es über die Geschichte der Horrorliteratur zu wissen gibt.

Lovecraft1934
Lovecraft 1934

Lovecrafts Essay wurde bereits mehrmals ins Deutsche übersetzt. Die aktuellste Übertragung stammte von dem bekannten Übersetzer Alexander Pechmann und ist im Golkonda Verlag erschienen. Neben einer ausführlichen Einleitung S. T. Joshis, die sich mit der Entstehungsgeschichte des Essays beschäftigt, enthält der Text Lovecrafts Fußnoten sowie zusätzliche Anmerkungen Joshis, die wiederum durch hilfreiche Anmerkungen des Übersetzers ergänzt werden. Lovecraft-Leser und Fans erhalten somit eine kritische Ausgabe des Textes, wie es sie bisher noch nicht auf Deutsch gegeben hat. Eine ausführliche Bibilographie der besprochenen Werke runden den Text ab. Das Besondere dieser Auflistung, die von S. T. Joshi und Robert N. Bloch erstellt wurde, liegt darin, dass sie auf deutsche Ausgaben der Bücher sowie auf Sekundärliteratur zu den jeweiligen Autoren verweist. Zugleich wurden die Bücher gekennzeichnet, die Lovecraft in seiner Bibliothek besaß. Kurz: mehr Mühe kann man für eine solche Ausgabe nicht aufwenden. Die Neuübersetzung des berühmten Essays von H. P. Lovecraft wird dadurch nicht nur zu einem wunderbaren und lehrreichen Lesevergnügen, sondern zugleich zu einem biographischen Dokument des Meisters des übernatürlichen Grauens.

H. P. Lovecraft Das übernatürliche Grauen in der Literatur. Übersetzt von Alexander Pechmann. Golkonda Verlag 2014, 241 Seiten, 16,90€. ISBN: 978-3-944720-21-0