K-Pop – Drei Monate nach Einführung des Zensurgesetzes

Wir erinnern uns: am 18. August 2012 trat in Südkorea ein Gesetz in Kraft, welches dem Ministerium für Gesundheit und Kultur erlaubt, Musikvideos zu zensieren. Diese Zensur betrifft auch Videoclips, welche auf Internetplattformen wie YouTube gestellt werden. Die Aufregung in der Musikbranche war dementsprechend groß. Drei Monate nach dem Inkrafttreten stellt sich die Frage: Kann man Auswirkungen auf die danach produzierten Musikvideos feststellen, welche auf dieses Gesetz zurück zu führen sind?

Die Antwort lautet: Ja. In der Tat scheinen sich die Bosse der Musikkonzerne sich diesem Gesetz angepasst zu haben. Andererseits kann man eine gewisse ästhetische Unsicherheit feststellen. Da nicht konkret formuliert wurde, was erlaubt ist und was nicht, gehen die Produzenten auf Nummer Sicher, indem sie Konzepte entwerfen, von denen sie glauben, dass sie nicht der Zensur unterliegen werden. Dies hat zur Folge, dass ganze Bandkonzepte umgeworfen und neu entwickelt werden. Andererseits scheint eine Zeit des Abwartens angebrochen zu sein. Das heißt, man fährt zweigleisig. Während die Videoclips, welche seit September veröffentlicht wurden, harmloser wirken als die vorangegangenen, bleiben die ursprünglichen Konzepte bei Lifeauftritten erhalten.

Die Boyband B.A.P. gibt sich auf einmal brav. Schuld daran das neue Zensurgesetz.

Als Indikatoren können die Boyband B.A.P. sowie die Girlbands Rania und Dalshabet herangezogen werden. B.A.P. wurde vor allem durch seine äußerst aggressiv in Szene gesetzten Choreographien bekannt. Das Video Stop it, welches im Herbst veröffentlicht wurde, zeigt eine ganz anders inszenierte Gruppe. Es dominieren helle, freundliche Farbtöne. Das Video erzählt eine harmlose Liebesgeschichte im Stil von Ghost. Die Dance-Shots symbolisieren keine Aggressivität mehr, sondern wirken eher wie ein nett gemachtes Image-Video. Kennt man die vorangegangenen Clips und das darin aufgebaute Bild einer „Eltern- und Pädagogen-Schreck-Band“, so wirkt die nun veröffentlichte Produktion beinahe lächerlich. Den Mitgliedern der Band, welchen der Stil des gegen das System agierenden Rebellen aufgesetzt wurde, kommen nun als brave Jungs daher, und zwar so brav, dass das Konzept auch für eine Waschmittelwerbung gelten könnte.

Das Konzept der Girlband Rania wurde ebenfalls umgewandelt: vom „Luder-Image“ hin zur emanzipierten Frau.

Das neue Konzept der Girlband Rania ist ähnlich zu bewerten. Die beiden vorangegangenen Videos, hier vor allem Dr. Feel Good, waren geprägt von einer deutlichen erotischen Sprache. Davon ist in dem neuen Videoclip Style, welches ebenfalls im Herbst veröffentlicht wurde, nichts mehr zu sehen. Das Video zeigt eine neu entworfene Band, welche nun über Emanzipation singt und nicht mehr darüber, wilden Sex zu haben. Interessant ist hierbei, dass es offensichtlich eine lange Diskussion darüber gab, wie der Clip gestaltet werden sollte. Geplant war eigentlich ein weiteres „Schmuddelvideo“ mit dem Titel Killer. Dieses Konzept wurde anscheinend aufgrund der Neuregelung verworfen.

Die Girlband Dalshabet schließlich hat das Problem, dass sie kein Konzept mehr zu haben scheint. Die Band erregte aufsehen durch ihre zunehmenden Gewaltdarstellungen in den Videoclips, hierbei vor allem Hit U, in welchem eine Frau kaltblütig ihren Freund und dessen Bekannten erschießt. Das neue Video Have and don’t have ist zu einem nichtssagendem Etwas geworden, welches sich an die zurzeit in Bedrängnis geratene Girlformation T-ara orientiert. Von der vorangegangenen Entwicklung ist nichts mehr übrig geblieben, was höchstwahrscheinlich mit der neuen Gesetzgebung zusammenhängt.

Die eindeutigen Verlierer der durch das Zensurgesetz entstandenen „Verunsicherungswelle“ ist die Girlband Dalshabet, die plötzlich ohne jegliches Konzept dasteht.

Betrachtet man weitere Videos, wie etwa von SPICA oder auch The Seeya, so kann man dort dieselben Veränderungen bzw. Konzepte erkennen. Es wird deutlich versucht, nicht über die Stränge zu schlagen. Das Gothic-Konzept von The Seeya geht dementsprechend nicht auf und wirkt nach dem Motto geschustert: ich will und kann nicht. Dieser Spruch lässt sich zurzeit auf die gesamte Unsicherheit in Sachen Videoclip-Produktion innerhalb der koreanischen Musikbranche übertragen.