Trash der 60er (2): Der Dämon und die Jungfrau

dämonunddiejungfrauWenn man so will, begann in den 60er Jahren ein Wettbewerb zwischen den US-amerikanischen und den europäischen Filmstudios. Während Hollywood in den 50er Jahren den B-Picture-Bereich dominierte, sprangen in den 60er Jahren England, Frankreich, Italien und auch Deutschland (in der Regel als Coproduzent) mit auf den Zug. In England entstanden die von den Fans so sehr geliebten Horrorfilme der Hammer Studios, auf dem europäischen Festland war es vor allem Italiens Cinecitta, die u. a. mit den Filmen Mario Bavas für Furore sorgte.

Es war die Hochzeit des Gothic-Horror. Die Handlungen spielten in der Regel im 18. Jahrhundert. Die American International Pictures konnten sich auf Vince Price als ihren Stammschauspieler verlassen. Gelegentlich übernahmen auch Peter Lorre, Boris Karloff und Barbara Steele eine Rolle. Technicolor sorgte für satte Farben, die heute genauso faszinieren wie damals. Der Unterschied zu den europäischen Filmen lag in den Darstellungen von Gewalt und Sex. Während in den USA stets nur angedeutet wurde, wagten sich Hammer und Co. an durchaus provokante Szenen heran. Als die AIP-Produzenten James H. Nicholson und Samuel Z. Arkoff nach Italien fuhren, um sich dort über die Machart italienischer Horrorfilme zu informieren, sollen beide schier erstaunt gewesen sein über die freizügige Art der Darstellung.

Ein Beispiel dieser Freizügigkeit ist „La frusta e il corpo“ aus dem Jahr 1963, der in Deutschland unter dem Titel „Der Dämon und die Jungfrau“ in den Kinos lief. Regie führte Mario Bava, dessen Einfluss auf den Horrorfilm bis heute anhält. Bava, der eigentlich Maler werden wollte, setzte seine malerischen Fähigkeiten stets in wunderbaren Farbspielen um, die seine Filme zu wahren Kunstwerken machen. Erst vor kurzem wird sein Werk auch von etablierten Filmkritikern ernst genommen, davor galt Bavas Oeuvre als trivial, was zur Folge hatte, dass sich lange Zeit niemand damit beschäftigte.

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Kurt Menliff (Christopher Lee) schwingt gleich die Peitsche. In: „Die Jungfrau und die Peitsche“ (1963).

In seinem Film „Die Jungfrau und die Peitsche“ setzte Mario Bava alle Register. Es handelt sich im Grunde genommen um eine Familiengeschichte. Kurt Menliff wurde von seinem Vater verstoßen, da er eine Beziehung zu einem Dienstmädchen hatte. Nach Jahren kehrt Kurt wieder in das alte Schloß der Menliffs zurück. Während sein Bruder Christian als auch sein Vater über die Rückkehr bestürzt sind, entwickelt Christians Frau Nevenka ganz andere Gefühle. Kurt merkt schnell, dass Nevenka daran leidet, dass sie ihre Sexualiät nicht ausleben kann. Zwischen beiden entwickelt sich eine heimliche Beziehung, die bestimmt ist von sado-masochistischen Praktiken. Später wird Kurt ermordet aufgefunden. Von da an geschehen auf dem Schloß unheimliche Dinge. Die Bediensteten glauben, dass Kurt von den Toten zurückgekehrt ist, um Rache zu nehmen.

Die sexuellen Anspielungen in „Die Jungfrau und die Peitsche“ waren so direkt, dass der Film zunächst nur für Erwachsene freigegeben wurde. Die Folge davon war, dass Mario Bava den Film kürzen musste. In Deutschland wurde versucht, die SM-Thematik ganz unter den Tisch fallen zu lassen, was dazu führte, dass die Auspeitschszenen aus dem Film genommen wurden. Erst vor ca. zehn Jahren erschien zum  ersten Mal eine ungeschnittene Fassung des Films auf DVD. In der Tat lässt einen Bavas Umsetzung von Nevankas Lust auf Schmerz auch heute noch erstaunen. Die Szenen, in der sich Nevanka unter den Peitschenhieben Kurt Menliffs lustvoll rekelt, haben es durchaus in sich.

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Nevanka (Daliah Lavi) während einer „SM-Sitzung“. Schön zu sehen: Bavas Spiel mit den Farben. „Die Jungfrau und die Peitsche“ (1963).

Gespielt wurde Nevanka von dem israelischen Fotomodel Daliah Lavi, die hier in ihrer mit Sicherheit sinnlichsten Rolle zu sehen ist. Christopher Lee übernahm die Rolle des Kurt. Wie oben bereits angedeutet, ist „Die Jungfrau und die Peitsche“ nicht nur ein Horrorfilm. Es handelt sich zugleich um ein prächtiges Farbenspiel, in dem Bava wie ein Maler auf einer Palette das farbige Licht der Scheinwerfer mischt. So gibt es nicht nur satte Rotfarben, sondern wunderbare Blau- und Violetttöne sowie unterschiedliche Variationen von Grün.

„Die Jungfrau und die Peitsche“ veranschaulicht, dass Horrorfilme keineswegs trivial sind, sondern diese vielmehr eine Kunstform darstellen – eine spezielle Form innerhab der Filmkunst. Bavas Schüler war u. a. Dario Argento, der 1978 mit „Suspiria“ seinem Meister huldigte. Böse Zungen behaupten, dass Bava den Film teilweise mitgedreht habe. Doch Belege dafür gibt es nicht. Sicher ist nur, dass Bava das Horrorfilmgenre sehr stark beeinflusste. Sein Einfluss reicht bis nach Südkorea. So ist z.B. „A Tale of two Sisters“ (2004) eine klare Verneigung von Regisseur Kim Jee-Won vor dem italienischen Meister.

 

Trash kommt nicht ohne Frauen aus – Trash-Queens und ihre Filme

In keinem anderen Genre sind Frauen von so zentraler Bedeutung wie im Trash. Oder anders ausgedrückt: Trash ohne Frauen funktioniert einfach nicht. Von Gender-Kritikern immer wieder gerne als sexistisch verurteilt, ist die Darstellung der Frau in diesen Filmen alles andere als das. Natürlich spielt Erotik eine wesentliche Rolle. Doch bereits der französische Filmessayist André Bazin meinte, dass Film und Erotik zusammengehören, und damit meinte er nicht allein das Trash-Genre.

So ist es kein Wunder, dass im Laufe der Geschichte des Trash manche Schauspielerinnen zu wahren Ikonen empor gehoben wurden. Ob Barbara Steele, Daliah Lavi oder Maria Rohm, sie alle werden bis heute von Fans des Genres geliebt und verehrt.

99womenDie ehemalige Burgschauspielerin Maria Rohm debutierte in dem Krimi „Blonde Fracht für Sansibar“ (1965). Bekannter dürfte sie Trash-Fans aber durch ihre Auftritte in den Fu Man Chu-Filmen sein. Mit dem Trash-Spezialisten Harry Allan Towers verheiratet, erhielt sie immer wieder kleinere Rollen in seinen Filmen, so u. a. auch in der Agatha Christie-Verfilmung „Ein Unbekannter rechnet ab“ (1974), in dem sie neben Stars wie Gert Fröbe, Oliver Reed und Elke Sommer zu sehen ist. Auch Jess Franco engagierte sie für ein paar seiner Filme, wie etwa „Der Hexentöter von Blackmoor“ (mit Christopher Lee in einer seiner „härtesten Rollen“; 1969) oder dem Skandalfilm „99 Women“ (1968), einem sog. „Knastjulenfilm“, der damals nur in geschnittener Fassung gezeigt werden durfte. Stets sinnlich und irgendwie geheimnisvoll, spezialisierte sie sich auf zwielichtige Rollen, also alles andere als eine typische Scream-Queen.

shirleyeatonShirley Eaton, mit der Maria Rohm in „Die sieben Männer der Sumuru“ (1969) zu sehen war, wurde durch ihre Rolle der vergoldeten Jill Masterton in dem James Bond-Film „Goldfinger“ (1964) weltberühmt. Doch war dies dann auch schon ihr einziger Auftritt im Mainstream-Kino. Neben Komödien wie „Endstation Harem“ (1954) oder der „Ist ja irre“-Serie, spielte sie später vor allem in klassischen Trash-Streifen mit. Wie Maria Rohm, tauchte sie ebenfalls in den Fu Man Chu-Filmen auf. Interessanterweise spielte sie in der Agatha Christie-Adaption „Das Geheimnis im blauen Schloss“ (1965) mit, die sich wie auch „Ein Unbekannter rechnet ab“ auf den Roman „Zehn kleine Negerlein“ bezieht und von Maria Rohms Ehemann Harry Allan Towers ebenfalls produziert wurde. Besonders erwähnt werden muss ihre Rolle als Sumuru in „Sumuru – Tocher des Satans“ (1967), in dem sie eine Art weiblichen Fu Man Chu spielt, gerne die Peitsche schwingt und als einziges Mal in schwarzen Haaren zu sehen ist. Aber auch „Unter Wasser rund um die Welt“ (1966), in dem sie die verführerische Meeresforscherin Magaret Hanfort spielt, ist immer wieder sehenswert.

daliahlaviDaliah Lavi ist Trash-Fans hauptsächlich durch den Film „Der Dämon und die Jungfrau“ (1963) bekannt. Regie führte Mario Bava. Ihre Rolle als Frau, die ihre SM-Leidenschaft mit dem geheimnisvollen Curt („Mylord, Curt ist wieder da!“) teilt (gespielt von Christopher Lee), gehört mit Sicherheit zu den sinnlichsten Figuren, die jemals auf der Leinwand zu sehen waren. Auch heute hat der Film nichts von seiner düsteren Erotik eingebüßt. Davor spielte sie in Harald Reinls „Im Stahlnetz des Dr. Mabuse“ (1961) mit. Komödienfans dürfte ihr Auftritt in „Tolldreiste Kerle in rasselnden Raketen“ (1966) erfreuen. Während sie ihre Filmkarriere an den Nagel hängte, ist sie bis heute als Sängerin tätig.

meikokajiAuch Japan hat eine Trash-Queen. Es handelt sich um die Schauspielerin und Sängerin Meiko Kaji. Bekannt wurde sie durch diverse Schmuddelfilme aus den 70er Jahren. Doch ihren Kultstatus erreichte sie allein durch ihre Rolle der sich rächenden Sasori. Die „Sasori“-Reihe, die Anfang der 70er Jahre produziert wurde, wird fälschlicherweise immer in das Genre Frauenknastfilm eingeteilt. Tatsächlich handelt es sich um eine Manga-Adaption. Auch die Umsetzung sprengt bei weitem den Rahmen des üblichen Knastjulen-Geschmuddel. „Sasori“ ist eine Mischung aus Action, Horror und Erotikfilm, mit einem starken Hang zum Surrealen. Bis heute gibt Meiko den Titelsong der Serie zum besten. Eine weitere Rolle, die ihr quasi auf den Leib geschrieben war, bezog sich auf die der Lady Snowblood, die sich quasi als feudale Version von Sasori durch die japanische Meiji-Ära (1868-1912) kämpft und parallel zur Sasori-Reihe produziert wurde. Heute tritt sie nur noch gelegentlich in TV-Serien auf.

barbarasteeleBarbara Steele ist eine wahre Königin des Trash. Sie selbst möchte nie als Trash-Star bezeichnet werden. Dennoch lieben sie ihre Fans gerade wegen ihrer düsteren und unheimlichen Rollen, die sie in den 60er Jahren inne hatte. Hier besonders zu erwähnen ist ihre Darstellung der sinnlich-bösartigen Vampirgräfin in Mario Bavas „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ (1960). Die Szene, in der sie vom Henker eine mit Dornen versehene Maske auf das Gesicht geschlagen bekommt, schmerzt Zuschauer bis heute. Neben Vincent Price spielte sie 1961 in der Edgar Allan Poe-Verfilmung „Die Grube und das Pendel“ mit. Ihre Rolle der sonderbaren Margaret Hitchcock in dem italienischen Horrorklassiker „The Ghost“ (1963) darf ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Der Film ist in deutschen Landen längst vergessen. Zu Unrecht, denn die freie Emile Zola-Adaption ist unglaublich spannend und in einer hervorragenden Optik in Szene gesetzt. Wie auch Meiko Kaji, so tritt Barbara Steele heute ab und zu in TV-Filmen und Serien auf.