Wonder Woman (2017)

Damit hatte wohl keiner gerechnet. Innerhalb kürzester Zeit wurde „Wonder Woman“ nicht nur zu einem der erfolgreichsten Filme des Jahres, sondern schrieb innerhalb weniger Wochen auch noch Filmgeschichte. Denn „Wonder Woman“ ist zugleich der erfolgreichste Film, bei dem eine Frau Regie führte.

Bereits mit ihrem Spielfilmdebut aus dem Jahr 2003, dem Krimi und Sozialdrama „Monster“, wurde Patty Jenkins mit Preisen überhäuft. Und nun setzte sie mit ihrer Regiearbeit für „Wonder Woman“ noch eins oben drauf. Denn in Sachen Emanzipation dürfte dieser Film zur Ikone werden. Die Comic-Adaption ist wohl die beste, die seit langem ins Kino kam. Hier geschieht genau das, was man sich von allen anderen Filmen gewünscht hätte: eine Mischung aus Action, Humor und Tiefgang.

All das, was viele der bisherigen Superheldenfilme falsch machten, macht „Wonder Woman“ richtig, und man fragt sich, wieso es nicht gleich so hätte sein können. Denn verabschieden sich die Comic-Adaptionen in eine immer größere Inhaltsleere, so zeigt Regisseurin Patty Jenkins, dass man sich innerhalb dieses Feldes auch anders bewegen kann.

Sie verleiht dem Film eine durch und durch ernste Thematik. Diana alias Diane Prince alias Wonder Woman (mit dem Fotomodell Gal Godot bestens besetzt) verlässt ihre Heimat, um die Welt vom Krieg zu befreien. Auf diese Weise gerät sie mitten hinein in das Geschehen des Ersten Weltkriegs. Zusammen mit dem Spion Steve Trevor macht sie sich auf die Suche nach dem Kriegsgott Ares. Denn nur wenn dieser vernichtet wird, kann angeblich wieder Frieden herrschen.

Es ist einfach toll, wie Jenkins dem Ziel, das sich Diana selbst setzt, eine Note verleiht, die Naivität und Tragik mit der mythologisch angehauchten Vorstellung von Heldentum verbindet. Dies verleiht dem Aspekt des Superhelden eine völlig neue Dimension, hinterfragt doch der Film das Verhalten eben dieser Comic-Helden, in dem er Wonder Woman in ein historisches Umfeld setzt, das geprägt ist von einem alles erschütternden Krieg. Diese Einbettung in eine sozialhistorische Realität regt durchaus zum Nachdenken an, verleiht dem Action-Fantasy-Spektakel eine gewisse Tiefe, da der Film auch nicht kritische Töne scheut, etwas, was man sich im aktuellen Blockbuster-Kino ja nicht mehr getraut.

So ist die Szene, in der Wonder Woman einen der Generäle direkt ins Gesicht schreit, dass er feige sei, da er so und so viele Menschen in den Tod schickt, aber sich selbst nicht auf das Schlachtfeld traut, geradezu sensationell. Doch auch die angedeuteten Diskussionen über das Wesen des Menschen, über Hass und Brutalität und die Frage, weswegen sich Menschen solche Konflikte überhaupt antun, wenn sie doch genauso gut in Frieden leben könnten, verweisen auf zentrale soziologische und philosophische Fragestellungen.

Mit „Wonder Woman“ ist Patty Jenkins ein toller Wurf geglückt, von dessen Sorte man sich mehr wünscht. Man kann daher nur hoffen, dass die folgenden Filme, die es mit Sicherheit geben wird, nicht der gegenwärtigen Superhelden-Tristesse anheim fallen werden, sondern sich auf diese positive Weise weiter entfalten.

Wonder Woman. Regie: Patty Jenkins, Drehbuch: Allan Heinberg, Produktion: Zack Snyder, Charles Roven, Darsteller: Gal Gadot, Chris Pine, Connie Nielsen, Danny Huston, David Thewlis, Elena Anaya. USA 2017, 141 Min.

The Silenced – Erst Hoffnung, dann Enttäuschung

thesilencedSommer. Für Südkoreas Filmindustrie bedeutet dies, dass nun wieder die Horrorfilmsaison beginnt. Den Anfang machte im Juni die Produktion „The Silenced“. Der Film spielt im Jahr 1938, während der japanischen Besetzung Koreas. Die Schülerin Joo-Ran kommt in ein abgelegenes Internat, in dem gebrechliche und kranke Mädchen gesund gepflegt werden, um sie später nach Tokyo zu bringen. Aus unerklärlichen Gründen verschwinden immer wieder Mädchen spurlos. Joo-Ran versucht zusammen mit ihrer Freundin, das Geheimnis des Internats zu lösen.

Der Titel der Rezension verrät es bereits. Am Anfang des Films hofft man, dass K-Horror endlich zu seinen alten Stärken zurückgekehrt ist. Doch ab der zweiten Hälfte des Films wird diese Hoffnung langsam, aber kontinuierlich wieder abgebaut.

Der Film beginnt hervorragend. Die Kamera nähert sich dem mitten im Wald liegenden Internat, parallel dazu fährt ein Auto eine gewundene Straße entlang. Überragend sind hierbei die satten Farben und die unheimliche Atmosphäre im klassischen Stil. Tatsächlich wirkt „The Silenced“ über weite Strecken ungewöhnlich europäisch. Die sorgfältige, teils elegante Kameraführung lässt auf einen angenehmen Grusel schließen. Die Szenen werden von einer Musik untermalt, die ansatzweise an Philip Glass erinnert. Kurz, es könnte sich um einen Topfilm handeln.

Als Zuschauer wird man in den kommenden Minuten auch nicht enttäuscht. Die ungewöhnliche und rätselhafte Atmosphäre, die in dem Internat herrscht, wird durch ein gelungenes Spiel aus Licht und Schatten sowie düsteren Farben unterstrichen. Regisseur Lee Hae-Young, der zuvor nur durch Durchschnittskomödien aufgefallen ist, lässt es sich nicht nehmen, sein Werk mit Zitaten aus der Hochzeit des K-Horror zu schmücken. All dies macht den Film durchweg interessant und unterhaltsam. Die Ästhetik, die sich teils an „A Tale of two Sisters“ orientiert, scheint deutlich zu machen, dass Koreas Filmemacher wissen, was sie in den vergangenen Jahren falsch gemacht haben. Sprich, Lee Hae-Young möchte dort neu beginnen, wo die Blüte des K-Horror verwelkt ist. Und es gelingt ihm.

thesilenced1Doch als Zuschauer hat man mal wieder die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Es wäre zu schön gewesen, wenn es sich tatsächlich um einen erstklassigen Horrorstreifen gehandelt hätte. Denn ab der Hälfte wechselt Lee abrupt das Fach. Die geniale Horrorästhetik dient nur noch als Rahmen für eine völlig andere Geschichte. Man findet sich auf einmal in einer Art Superheldenfilm a la „Unbreakable“ wieder. Die Kunst, die Lee Hae-Young hierbei vollführt, hängt damit zusammen, dass er tatsächlich die durchweg elegante Optik am Leben erhält. Die Geschichte selbst aber offenbart dadurch mehrere Logikfehler oder besser, Lee hatte anscheinend keine Lust, die unheimlichen Zwischenfälle im Finale zu erklären. Dann hätte es durchaus eine gewisse Abrundung gegeben. So aber hat man in der einen Hälfte einen gut gemachten Gruselfilm, in der zweiten ein SF-Comic-Drama, das Horrorfans enttäuscht. Die Reaktionen der Zuschauer in Korea (der Film schaffte es auf Anhieb auf Platz drei der Kinocharts) zeigt, dass der Handlungswechsel durchaus überrascht hat. Das hat er, aber leider nicht im positiven Sinne.

Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen – Eine Graphic Novel über Südkoreas Nationalgericht

vergiss nicht das salz auszuwaschenKimchi ist das koreanische Nationalgericht. Eine Speise, die nicht ohne Kimchi als Beilage serviert wird, gibt es nicht. Und nicht nur das: es gibt wahrscheinlich genauso viele Kimchi-Rezepte wie es Hausfrauen in Korea gibt. Eine jede hat ihren ganz besonderen Tipp, wie Kimchi noch besser schmeckt. Und Kimchi schmeckt. Wer es bisher noch nicht probiert hat, der kann nun das Buch „Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen“ der Künstlerin Sohyun Jung zum Anlass nehmen, dies nachzuholen.

Darin beschreibt die Autorin, wie es ist, als Koreanerin nach Deutschland zu kommen. Die Hauptfigur Hana beginnt ganz plötzlich, Kimchi zu vermissen. Mit ihrer Mutter steht sie gerade in Zwist, möchte diese doch, dass Hana so schnell wie möglich wieder zurück nach Korea kommt. Da Hana ihre Mutter nicht anrufen möchte, um nach dem Rezept für Kimchi zu fragen, macht sie sich selbst auf die Suche nach Zutaten und den Arten der Zubereitung.

Sohyun Jung erzählt die Geschichte mit viel Witz, Phantasie und einer sehr genauen Beobachtungsgabe. Hervorragend sind die Eindrücke, die sie über Deutschland wiedergibt. Wenn sie zum Beispiel deutsches Essen bestellen möchte und aus der Küche jemand auf Italienisch antwortet. Oder der Asien-Shop, der in der Auslage ein Sammelsurium von Krimskrams stehen hat und damit die deutsche Vorstellung von „Asien“ widerspiegelt.

Aber auch der Teil, in welchem Hana versucht, selbst Kimchi zu machen, ist sehr liebevoll und humorvoll umgesetzt. In die Handlung mischt Sohyun Jung Informationen über die Geschichte des Kimchi. Sehr gelungen sind die Zeichnungen und Bilder, die äußerst detailreich sind. Die doch eher dunklen Farben verleihen der Geschichte, trotz ihres Witzes, einen grundlegenden melancholischen Charakter, der sehr schön die anfängliche Einsamkeit und (kulturelle) Verlorenheit der Protagonistin ausdrückt.

Und wer das Zubereiten von Kimchi selbst ausprobieren möchte, der erhält in dem Buch auch noch ein genaues Rezept.

Sohyun Jung. Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen. Mairisch Verlag 2014, 80 Seiten, 14,90€, ISBN: 978-3-938539-31-6