Die Klunkerecke: Eugenie

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Deutsches Kinoplakat von „Eugenie“.

Jess Franco wird von vielen Kritikern als der Schmuddelregisseur schlechthin bezeichnet. Doch damit wird man dem Schüler von Orson Welles alles andere als gerecht. Wie kaum ein anderer Regisseur gelang es ihm, Trash auf eine neue Ebene zu heben. Erst seit wenigen Jahren beginnen auch Filmhistoriker, sich mit seinem Werk auseinanderzusetzen. Bis dahin galt er als trivial und pornographisch.

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Christopher Lee als Zeremonienmeister in „Eugenie“ (1970).

Ein Beispiel seines Könnens ist „Eugenie – Her Journey into Perversion“ aus dem Jahr 1970, der in Deutschland unter dem Titel „Eugenie – Die Jungfrau und die Peitsche“ lief. Es handelt sich dabei um eine Adaption eines Buches von De Sade, den Jess Franco für mehrere seiner Filme als Vorlage nahm, so z.B. in dem 1969 gedrehten „Justine“. In „Eugenie“ geht es um die verdorbene Marie, die zusammen mit ihrem Halbbruder Mirel auf einer einsamen Insel lebt. Beide planen ein Opfer an die Lust, benötigen für dieses Ritual aber noch eine Jungfrau. Diese finden sie in Eugenie, der Tochter eines Bekannten Marias. Maria lädt Eugenie für ein Wochenende zu sich auf die Insel ein. Und die Vorbereitungen auf das Ritual beginnen …

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Maria (Maria Rohm) becirct Eugenie (Marie Liljedahl); „Eugenie“ (1970).

Christopher Lee, der hier die Rolle des Zeremonienmeisters innehatte, soll sich über seine Teilnahme an dem Film geschämt haben. In einem Interview sagte er, er habe nicht gewusst, um was für einen Film es sich gehandelt habe. Er habe lediglich Jess Franco einen Gefallen geschuldet. Nun, schämen müssen hätte sich Christopher Lee keineswegs, denn „Eugenie“ ist ein kunstvolles, ja ein surreales Meisterstück.

Neben Lee spielen Trash-Ikone Maria Rohm, Jack Taylor und Herbert Fux mit. Eugenie wird von dem schwedischen Fotomodell Marie Liljedahl verkörpert. Die Musik stammte von Bruno Nicolai, der bei vielen Trash-Perlen der 70er Jahre mitgearbeitet hatte, u. a. auch bei „Camille 2000“, eine der bekanntesten Adaptionen von Dumas des Jüngeren „Kameliendame“.

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Mirel (Jack Taylor) erwartet die Teilnehmer des Rituals; „Eugenie“ (1970).

Möglicherweise betrachteten damalige Kritiker „Eugenie“ als eine Art Softporno. Aus heutiger Sicht würde man den Film eher in die Kategorie Arthouse stecken. Wunderbare Landschaftsaufnahmen wechseln sich ab mit einer Optik, die irgendwie an die Coolness des Film Noir erinnert. Die Dialoge reflektieren bzw. betonen den surrealen Charakter des Spiels. Den traumartigen Rahmen setzt Franco bereits in der Anfangsszene, in der in einem tiefrot ausgeleuchtetem Set Christopher Lee eines der Lustopfer durchführt. Dieses (Alp-)Traumhafte wird ab der Hälfte des Films wieder aufgegriffen, als die Glocke am Steg die Ankunft der bizarren Sekte (deren Anführer Chrisopher Lee ist) ankündigt, die an dem Ritual teilnehmen soll. Danach verschwimmen Traum und Realität ineinander. Erneut setzen tiefrote Farben ein, welche die Szenerie beleuchten.

Alles gipfelt in einem apokalyptisch anmutenden Wahnsinn, wenn Eugenie nackt über eine völlig verlassene Gegend taumelt. Und am Ende? Hier wird weiter nichts verraten. Man muss den Film selbst sehen, seine Optik genießen.

„Eugenie“ ist ein Meisterwerk des Trash und zeigt Jess Franco in Höchstform. Die Mischung aus Erotik, surrealem Kunstwerk und Horror sucht ihresgleichen. Aus welchem Grund auch immer ist der Film hauptsächlich nur Jess Franco- und Trash-Fans bekannt. Vielleicht aber ändert sich das ja irgendwann.

 

Christopher Lee – Meister des European Trash

Der Tod Christopher Lees hinterlässt eine große Lücke im Horrorgenre. Es starb nicht nur ein großartiger Schauspieler, sondern zugleich eine der letzten Ikonen der klassischen Horror- und Trash-Ära. Im selben Atemzug mit ihm nennt man für gewöhnlich Vincent Price (1911-1993) und Peter Cushing (1913-1994), mit denen Lee ja auch mehrfach zusammengearbeitet hat.  Christopher Lees Karriere begann bekanntlich durch die Filme der englischen Hammer Productions. Doch parallel dazu, trat er auch oft in europäischen Co-Produktionen auf.

Schloss des GrauensSo unter anderem in der Rolle des Erich in dem italienischen Horrorfilm „Das Schloss des Grauens“ (1963). Darin geht es um ein einsam gelegenes Schloss, in dem es immer wieder zu unheimlichen Morden kommt. Schnell ist den neuen Bewohnern klar: ein Phantom muss sein Unwesen treiben (man achte hierbei auf den Namen Erich und den des Phantoms der Oper Erik). Der Film ist zwar nicht so bekannt, dennoch weist er die typischen Merkmale der klassischen Ära des italienischen Horrorfilms auf.

lee2Eine der bekanntesten Rollen Christopher Lees war die des Superbösewichts Dr. Fu Man Chu, der in allen fünf Filmen der Reihe darauf aus ist, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Wie bei jeder Filmreihe, so gilt auch hier, dass der erste Film der beste ist. Joachim Fuchsberger und Karin Dor waren in „Ich, Dr. Fu Man Chu“ (1965) ebenfalls mit von der Partie und versuchten mit allen Mitteln, Fu Man Chu am Erreichen seines Ziels zu hindern. In den Folgefilmen übernahmen Heinz Drache und sogar Götz George die Heldenrollen. Unterstützt wurden sie dabei von Shirley Eaton und Maria Rohm.

schlangengrube und das pendel1967 übernahm Christopher Lee die Rolle des Grafen Regula in der deutschen Produktion „Die Schlangengrube und das Pendel“. Lex Barker und Karin Dor geraten darin in die Fänge des üblen Schlossbesitzers, dessen Behausung mit diversen Fallen ausgestattet ist. Leider hinkte man der Entwicklung des Horrorgenres hinterher. Die brave Mischung aus Abenteuer und Grusel passte nicht mehr ganz zu den aufkommenden postmodernen Horrorfilmen. Dennoch bietet der Harald Reinl-Film tolle Unterhaltung und schöne, surreale Kulissen.

lee3Angeblich schämte sich Christopher Lee für seine Rolle als Zeremonienmeister in der de Sade-Verfilmung „Eugenie“ (1970). Jess Franco habe ihm verheimlicht, dass es sich dabei um einen Erotikfilm handele. Nun, schämen musste er sich eigentlich nicht, zählt doch „Eugenie“ zu den besten Filmen, die Franco jemals gemacht hat. In teils surrealen Bildern erzählt er die Geschichte der braven Eugenie, die auf eine Insel gelockt wird, um als Opfer der Lust herzuhalten. Maria Rohm, Jack Taylor und Herbert Fux spielten damals an Lees Seite. Wenn man sich einen Film von Jess Franco anschauen möchte, so sollte man sich diesen vornehmen.

lee5Im selben Jahr spielte Christopher Lee in einem weiteren Jess Franco-Film mit. Als „Hexentöter von Blackmoor“ ist er als unbarmherziger Richter zu sehen, der eine Herrschaft aus Willkür und Schrecken ausübt. In der Mischung aus Historienfilm, Horror und Sexploitation spielen Maria Schell und Maria Rohm mit. Die europäische Produktion gilt als aufwendigster Film Francos, der ja ansonsten eher das Schlichte liebte. Doch hier treten ganze Armeen auf, es kommt zu Schlachtgetümmeln und zwischendrin wendet sich Franco dem Frauenknast-Genre zu. Sozusagen für jeden etwas. Und Christopher Lee ist hier als Bösewicht absolut nicht zu toppen.

Trash kommt nicht ohne Frauen aus – Trash-Queens und ihre Filme

In keinem anderen Genre sind Frauen von so zentraler Bedeutung wie im Trash. Oder anders ausgedrückt: Trash ohne Frauen funktioniert einfach nicht. Von Gender-Kritikern immer wieder gerne als sexistisch verurteilt, ist die Darstellung der Frau in diesen Filmen alles andere als das. Natürlich spielt Erotik eine wesentliche Rolle. Doch bereits der französische Filmessayist André Bazin meinte, dass Film und Erotik zusammengehören, und damit meinte er nicht allein das Trash-Genre.

So ist es kein Wunder, dass im Laufe der Geschichte des Trash manche Schauspielerinnen zu wahren Ikonen empor gehoben wurden. Ob Barbara Steele, Daliah Lavi oder Maria Rohm, sie alle werden bis heute von Fans des Genres geliebt und verehrt.

99womenDie ehemalige Burgschauspielerin Maria Rohm debutierte in dem Krimi „Blonde Fracht für Sansibar“ (1965). Bekannter dürfte sie Trash-Fans aber durch ihre Auftritte in den Fu Man Chu-Filmen sein. Mit dem Trash-Spezialisten Harry Allan Towers verheiratet, erhielt sie immer wieder kleinere Rollen in seinen Filmen, so u. a. auch in der Agatha Christie-Verfilmung „Ein Unbekannter rechnet ab“ (1974), in dem sie neben Stars wie Gert Fröbe, Oliver Reed und Elke Sommer zu sehen ist. Auch Jess Franco engagierte sie für ein paar seiner Filme, wie etwa „Der Hexentöter von Blackmoor“ (mit Christopher Lee in einer seiner „härtesten Rollen“; 1969) oder dem Skandalfilm „99 Women“ (1968), einem sog. „Knastjulenfilm“, der damals nur in geschnittener Fassung gezeigt werden durfte. Stets sinnlich und irgendwie geheimnisvoll, spezialisierte sie sich auf zwielichtige Rollen, also alles andere als eine typische Scream-Queen.

shirleyeatonShirley Eaton, mit der Maria Rohm in „Die sieben Männer der Sumuru“ (1969) zu sehen war, wurde durch ihre Rolle der vergoldeten Jill Masterton in dem James Bond-Film „Goldfinger“ (1964) weltberühmt. Doch war dies dann auch schon ihr einziger Auftritt im Mainstream-Kino. Neben Komödien wie „Endstation Harem“ (1954) oder der „Ist ja irre“-Serie, spielte sie später vor allem in klassischen Trash-Streifen mit. Wie Maria Rohm, tauchte sie ebenfalls in den Fu Man Chu-Filmen auf. Interessanterweise spielte sie in der Agatha Christie-Adaption „Das Geheimnis im blauen Schloss“ (1965) mit, die sich wie auch „Ein Unbekannter rechnet ab“ auf den Roman „Zehn kleine Negerlein“ bezieht und von Maria Rohms Ehemann Harry Allan Towers ebenfalls produziert wurde. Besonders erwähnt werden muss ihre Rolle als Sumuru in „Sumuru – Tocher des Satans“ (1967), in dem sie eine Art weiblichen Fu Man Chu spielt, gerne die Peitsche schwingt und als einziges Mal in schwarzen Haaren zu sehen ist. Aber auch „Unter Wasser rund um die Welt“ (1966), in dem sie die verführerische Meeresforscherin Magaret Hanfort spielt, ist immer wieder sehenswert.

daliahlaviDaliah Lavi ist Trash-Fans hauptsächlich durch den Film „Der Dämon und die Jungfrau“ (1963) bekannt. Regie führte Mario Bava. Ihre Rolle als Frau, die ihre SM-Leidenschaft mit dem geheimnisvollen Curt („Mylord, Curt ist wieder da!“) teilt (gespielt von Christopher Lee), gehört mit Sicherheit zu den sinnlichsten Figuren, die jemals auf der Leinwand zu sehen waren. Auch heute hat der Film nichts von seiner düsteren Erotik eingebüßt. Davor spielte sie in Harald Reinls „Im Stahlnetz des Dr. Mabuse“ (1961) mit. Komödienfans dürfte ihr Auftritt in „Tolldreiste Kerle in rasselnden Raketen“ (1966) erfreuen. Während sie ihre Filmkarriere an den Nagel hängte, ist sie bis heute als Sängerin tätig.

meikokajiAuch Japan hat eine Trash-Queen. Es handelt sich um die Schauspielerin und Sängerin Meiko Kaji. Bekannt wurde sie durch diverse Schmuddelfilme aus den 70er Jahren. Doch ihren Kultstatus erreichte sie allein durch ihre Rolle der sich rächenden Sasori. Die „Sasori“-Reihe, die Anfang der 70er Jahre produziert wurde, wird fälschlicherweise immer in das Genre Frauenknastfilm eingeteilt. Tatsächlich handelt es sich um eine Manga-Adaption. Auch die Umsetzung sprengt bei weitem den Rahmen des üblichen Knastjulen-Geschmuddel. „Sasori“ ist eine Mischung aus Action, Horror und Erotikfilm, mit einem starken Hang zum Surrealen. Bis heute gibt Meiko den Titelsong der Serie zum besten. Eine weitere Rolle, die ihr quasi auf den Leib geschrieben war, bezog sich auf die der Lady Snowblood, die sich quasi als feudale Version von Sasori durch die japanische Meiji-Ära (1868-1912) kämpft und parallel zur Sasori-Reihe produziert wurde. Heute tritt sie nur noch gelegentlich in TV-Serien auf.

barbarasteeleBarbara Steele ist eine wahre Königin des Trash. Sie selbst möchte nie als Trash-Star bezeichnet werden. Dennoch lieben sie ihre Fans gerade wegen ihrer düsteren und unheimlichen Rollen, die sie in den 60er Jahren inne hatte. Hier besonders zu erwähnen ist ihre Darstellung der sinnlich-bösartigen Vampirgräfin in Mario Bavas „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ (1960). Die Szene, in der sie vom Henker eine mit Dornen versehene Maske auf das Gesicht geschlagen bekommt, schmerzt Zuschauer bis heute. Neben Vincent Price spielte sie 1961 in der Edgar Allan Poe-Verfilmung „Die Grube und das Pendel“ mit. Ihre Rolle der sonderbaren Margaret Hitchcock in dem italienischen Horrorklassiker „The Ghost“ (1963) darf ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Der Film ist in deutschen Landen längst vergessen. Zu Unrecht, denn die freie Emile Zola-Adaption ist unglaublich spannend und in einer hervorragenden Optik in Szene gesetzt. Wie auch Meiko Kaji, so tritt Barbara Steele heute ab und zu in TV-Filmen und Serien auf.

 

Der Zug fährt ab – oder auch nicht! – Unheimliches auf falschen Gleisen

Die Streiks bei der Bahn haben uns dazu animiert, nach Horrorfilmen zu suchen, die in einem Zug spielen. Die Anzahl solcher Produktionen ist interessanterweise äußerst gering. Wenn man es genau bedenkt, so sind Züge – außer in Westernfilmen – eher eine Randerscheinung im Kino.  Züge bieten wenig Raum für Action und da so gut wie jeder Wagon voller Fahrgäste ist, auch wenig Raum, um darin Urängste walten zu lassen. Dennoch eignet sich das Thema Zug hervorragend für Mystery-Thriller.

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„Ghost Train“ aus dem Jahr 1941. Eine Mischung aus Mystery und Komödie.

Bereits Anfang der 60er Jahre beschäftigte sich eine Folge der berühmten TV-Serie „Twilight Zone“ mit einem Zug, der den Protagonisten in einen friedlichen Ort namens Willoughby bringt. Die Folge beschäftigt sich mit dem Thema Aussteigertum, allerdings mit ganz anderen Konsequenzen. Etwa 20 Jahre davor kam der Film „Ghost Train“ in die englischen Kinos. Darin geht es um eine Gruppe Reisender, die auf einem verlassenen Bahnhof mitten in der Pampa aussteigen müssen, um auf den nächsten Zug zu warten. Dieser aber kommt erst am nächsten Morgen. Im Laufe des Films kommen Gerüchte auf, dass es in dem Bahnhof spuken soll. Nicht nur das. Um eine bestimmte Uhrzeit soll der Phantomzug einfahren. Die Mischung aus Slapstick und Mystery hat auch heute nichts von ihrem Reiz verloren. Besonders die Gag-Einlagen des bekannten englischen Comedians Arthur Askey hat der Film viel zu verdanken.

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„Horror Express“ (1972)

1972 wurde mit „Horror Express“ einer der skurrilsten Trashfilme produziert. Mit Stars wie Christopher Lee, Peter Cushing und Telly Savalas bespickt, erzählt der Film die Geschichte eines tiefgefrorenen Monsters, das ein Wissenschaftler mit dem Transsibirenexpress nach Europa bringen möchte. Das Monster taut natürlich auf und beginnt, die Zuggäste zu dezimieren. Einer der Höhepunkte des Films ist die Sequenz, in der Telly Savalas als Zombie-Kosake den Zug in seine Gewalt bringen möchte. „Horror Express“ zählt inzwischen zu den Klassikern des Trashfilms. Beim Sitges Film Festival erhielt Regisseur und Autor Eugenio Martin den Preis für das beste Drehbuch. Doch half dies seiner Karriere nicht. Später drehte er nur noch mehr Filme fürs Fernsehen.

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„Terror Train“ (1980)

1980, zu Beginn der Slasher-Film-Welle, entstand die Produktion „Terror Train“, in der eine Gruppe Studenten eine Abschlussparty in einem Zug feiern. Die Feier ist als Kostümparty geplant. Drei Jahre zuvor kam der schüchterne Student Kenny Hampson bei einem üblen Scherz ums Leben, welche die Gruppe initiiert hatte. Bei der Party taucht immer wieder eine als Groucho Marx verkleidete Person auf, welche einen nach dem anderen umbringt. Schon bald kursiert die grässliche Vermutung, dass Kenny zurückgekommen ist, um sich an den am Scherz Beteiligten zu rächen. – Der Film ist durchaus spannend gemacht, die Schockeffekte meistens gelungen. Als Scream-Queen diente einmal mehr Jamie Lee Curtis. Bekannt wurde der Film aber vor allem durch David Copperfield, der hier eine kleine Nebenrolle innehat. Regie führte übrigens Roger Spottiswoode, der Ende der 90er Jahre für den Bond-Film „Der Morgen stirbt nie“ verantwortlich war.

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„Ghost Train“ (2006)

In Japan wurde 2006 ein Horrorfilm produziert, der ebenfalls in einem Zug spielt. Titel des Streifens lautet passenderweise „Ghost Train“. Es geht darin um eine Geisterfrau, die in einem Zug und auf einem bestimmten Bahnhof ihr Unwesen treibt. Angeblich basiert das Drehbuch auf einer wahren Begebenheit. Regisseur und Autor Takeshi Furusawa soll zwei Jahre lang an dem Drehbuch gearbeitet haben. Man müsste daher annehmen, einen äußerst durchdachten und ästhtetisch umgesetzten Horrorfilm vor sich zu haben. Aber leider trifft das nicht zu. Zwar gelingen dem Regisseur ein paar recht gute Szenen, doch insgesamt zählt der Film zu den schlechteren J-Horror-Varianten.

Das war es auch schon mit dem kurzen Überblick. Filme, die in einer U-Bahn spielen, haben wir bewusst ausgelassen, denn diese werden ja zurzeit nicht bestreikt. Möchte man den Rahmen aber etwas ausweiten und auch SF-Filme miteinbeziehen, so kämen noch der Mystery-Thriller „Source Code“ von „Moon“-Regisseur Duncan Jones und der koreanische SF-Film „Snowpiercer“ von Bong Joon-Ho hinzu. In „Source Code“ durchlebt ein Passagier immer wieder dieselbe Situation und versucht, aus dieser Endlosschleife zu entkommen. Gut, die Handlung ist alles andere als originell, der Film aber dennoch sehr gut gemacht. „Snowpiercer“ spielt in einem Zug, der quasi auf ewig durch eine zugeeiste Welt fährt und in dem die Unterdrückten der Macht der Elite ein Ende setzen möchten. „Snowpiercer“ war 2014 mit Sicherheit einer der interessantesten SF-Filme.

 

Buchen auf eigene Gefahr: Unheimliche Übernachtungsmöglichkeiten im Film

Geschichten über unheimliche Herbergen gibt es seit der Antike. So gesehen reihen sich Filme, deren „Hauptakteur“ ein zwielichtiges Hotel ist, in eine zweitausendjährige Erzähltradition ein. Das „Unheimliche“ an Hotels und Herbergen ergibt sich aus der Tatsache, dass man letztendlich nicht weiß, auf was für ein Abenteuer man sich bei einer Übernachtung einlässt. Schmutzige Zimmer sind keine Seltenheit, ein miserables Frühstück ebenso wenig. Ganz zu schweigen von einem unfreundlichen Personal. Es ist anzunehmen, dass sich manche Leute in der Antike über Missstände dieser Art ebenfalls aufregten.

In der Postmoderne ergibt sich jedoch ein ganz anderer Bezugspunkt. Es geht nicht mehr allein um den Unterschied zwischen Werbung und Tatsache bzw. zwischen Schein und Sein, sondern um die von Georg Simmel in seinem Essay über die Großstadt und das Geistesleben erwähnte Aversion, deren Ursprung in einer durch den Modernisierungsprozess initiierten Entfremdung liegt. Man begibt sich, überträgt man diesen Aspekt auf Hotels und Herbergen, in die Hände von Fremden. In modernen Gesellschaften muss, frei nach Anthony Giddens, das Vertrauen gegenüber Mitmenschen stets neu gebildet werden. Das heißt, Vertrauen in modernen Gesellschaften ist aufgrund von Individualisierungsprozessen und damit einhergehender Entfremdung kein Normalzustand. Vielmehr herrscht ein stets gegenwärtiges Misstrauen. Die Folge davon ist eine latente Angst vor dem Anderen.

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Horror Hotel (auch bekannt unter dem Titel „The City of the Dead“; 1960)

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Horrorfilme machen sich diese Angst zunutze, um daraus Geschichten zu entwickeln, in deren Zentrum der (unheimliche) Fremde steht. Es handelt sich dabei zum großen Teil um Psycho-Thriller oder auch um sog. Torture Porn Movies. Die Angst vor dem Fremden, verbunden mit dem Aspekt der unheimlichen Herberge führte im Laufe der Zeit zu einer Reihe von Filmen, die man – wenn man denn möchte – durchaus innerhalb eines Subgenres zusammenfassen könnte. Interessanterweise aber existiert dafür keines. Die Filme werden unter den Oberkategorien „Psycho“, „Haunted“ oder „Torture Porn“ eingeordnet.

Am bekanntesten unter diesen Produktionen ist sicherlich „Psycho“ von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1960. Der Film ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Robert Bloch (übrigens einem Schüler H. P. Lovecrafts). Erst vor kurzem entstand ein Film über die Entstehung von „Psycho“, der auf dem Sachbuch des Filmexperten Stephen Rebello basiert. Viel muss über „Psycho“ nicht gesagt werden, außer dass Hitchcock einer der ersten war, der mithilfe eines neuartigen Storytellings die Zuschauer in Panik versetzte. Die angebliche Hauptfigur stirbt nach dem ersten Drittel des Films.

Interessant ist dieser Aspekt, da Hitchcock diese Idee streng geheim hielt. Anscheinend aber war sie dann doch nicht so geheim. Denn im selben Jahr wies die englische Produktion „Horror Hotel“ dieselbe Strategie auf. In diesem Film, der auch unter dem Titel „City of the Dead“ bekannt ist, geht es um eine Studentin, die in einen kleinen Ort fährt, um dort über das Thema Hexenkult zu recherchieren. Genau diese angebliche Hauptfigur stirbt nach dem ersten Drittel des Films. Der restliche Film handelt davon, dass ihre Schwester versucht, herauszubekommen, was mit ihr geschehen ist. „Horror Hotel“ ist ein sehr spannender Thriller, der bis heute nichts von seinem Reiz verloren hat.

Eatenaliveposter1977 versuchte sich Regisseur Tobe Hooper, der vier Jahre zuvor mit „Texas Chainsaw Massacre“ Filmgeschichte geschrieben hatte, sich erneut an einem Schocker. Das Ergebnis war „Eaten Alive“, einer Horror-Groteske wie sie im Buche steht. Der Film war in Deutschland bis vor wenigen Jahren indiziert. Inzwischen wurde die Indizierung aufgehoben. Es geht darin um den Hotelbesitzer Judd, der zusammen mit seinem Lieblingskrokodil mitten im Sumpf lebt. Sicherlich kein guter Platz für ein Hotel. Doch eines nachts kommen plötzlich mehrere Gäste. Judd, der seine Kunden gerne an sein Krokodil verfüttert, hat plötzlich alle Hände voll zu tun. – Mit Sicherkeit reicht „Eaten Alive“ nicht an Hoopers Debut heran. Der Film ist unglaublich schräg, voller schwarzem Humor und ziemlich überdreht. Man weiß nicht genau, was Hooper eigentlich wollte, dennoch wurde sein Film zu einem Klassiker des Genres. Dies wahrscheinlich deshalb, da sich mehr und mehr Gerüchte über die angebliche drastisch visualiserte Brutalität bildeten. Der Film selbst ist alles andere als drastisch. Vielmehr gleitet „Eaten Alive“ ab ins Surreale und Verstörende. Steven Spielberg machte sich das Image, das Hooper inzwischen genoss, zunutze und engagierte ihn Anfang der 80er Jahre als Regisseur für „Poltergeist“. Böse Zungen behaupten jedoch, dass Hooper diesen Film gar nicht drehte, sondern Spielberg ständig das Sagen hatte. Die Machart des Films bestätigt dieses Gerücht.

In Südkorea nahm man sich des Themas Herberge bereits am Anfang der Korean Hallyu an. 1998 drehte Kim Jee-Woon den Thriller „The Quiet Family“, der eine Art Remake des französischen Klassikers „Die rote Herberge“ (1951) darstellt. 2001 schuf der japanische Regisseur Takeshi Miike ein weiteres Remake mit dem Titel „The Happyness of the Kamakuris“. In Kims Film geht es um die Großfamilie Kang, die auf die Idee kommt, eine Herberge in den Bergen zu errichten. Dummerweise aber liegt diese ziemlich weit ab von sämtlichen Wanderwegen, sodass sich nur wenige Wanderer hierher verirren. Und diejenigen, welche die Herberge besuchen, kommen ums Leben. Kim schuf mit dem Remake eine nette Thriller-Komödie, die gegen Ende hin leider ziemlich an Fahrt verliert, insgesamt aber mit einem überaus schwarzem Humor glänzt. Besetzt mit einem koreanischen Staraufgebot wurde der Film ein großer Erfolg, im Gegensatz zu Miikes Version, die sang- und klanglos unterging.

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The Quiet Family (1998)
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H 6 – Diary of a Serial Killer (2006)

Die spanische Version eines Horror Hotels lieferte 2006 der Film „H 6“. Es geht darin um den Hotelbesitzer Anonio Frau, der nachts Prostituierte entführt, um sie in seinem Hotel zu foltern. Der Grund: er möchte die Menschheit von ihren Sünden befreien. Später brät er seiner Frau aus Stücken seiner Opfer erstklassige Steaks. Der Film basiert auf einen echten Fall, der sich Ende des 19. Jahrhunderts in den USA zugetragen hat. Regisseur Martin Garrido Baron verlegte die Geschichte ins Spanien der Gegenwart. Der Film entstand während der Hochzeit des modernen spanischen Horrorfilms, dessen „Ära“ Anfang 2000 begann. Auch wenn die skizzierte Handlung nach einem „Torture Porn“ aussieht, begeht Baron zum Glück nicht den Fehler, sich an den Merkmalen dieses (auch bei bekannten Horrorregisseuren) umstrittenen Subgenres zu orientieren. Baron zeigt nicht, er deutet an. Er macht aus dem Kriminalfall einen düsteren, sehr ästhetisch angehauchten Thriller. Manche Aufnahmen wirken wie Gemälde. Dies hat einen Grund, ist doch Martin Garrido Baron eigentlich Künstler und lieferte mit „H6“ sein Kino-Debut ab.

Ein Jahr später verschlug es – in filmischer Hinsicht – zwei amerikanische Studenten in die Slovakei, wo sie in einem vermeintlichen Hotel einen wahren Albtraum durchleben. Eli Roth, der zuvor mit „Cabin Fever“ eine hervorragende Satire auf die moderne Gesellschaft ablieferte, trug mit seinem umstrittenen „Hostel“ zum kommerziellen Erfolg des Torture Porn Subgenres bei. Roth teilte in einem Interview mit, dass er sich wundere, wer sich solch krankes Zeug überhaupt ansehe. Sein Film ist nicht ohne Ironie und satirischen Seitenhiebe. Dem slovakischen Tourismusministerium aber war die Produktion ein Dorn im Auge. Das Land befürchtete einen Rückgang bei den Touristenzahlen. Der Film, der von Quentin Tarantino mitproduziert wurde, zählt inzwischen zu den erfolgreichsten Horrorfilmen.

The_Innkeepers_Poster Hostel_poster2012 drehte Ti West den Film „The Innkeepers“. Es geht darin um das „Yankee Pedlar Inn“, das wenige Tage vor seiner Schließung steht. Die beiden Angestellten, die an den letzten beiden Tagen Dienst haben, möchten herausfinden, ob die Spukgerüchte, die sich um dieses Hotel ranken, den Tatsachen entsprechen. West machte aus der Handlung einen wunderbaren, altmodischen Geisterfilm, der leider in Deutschland falsch vermarktet wurde. Der deutsche Vertrieb wollte, dass der Film ein FSK 18 erhält, was viele Zuschauer mit falschen Erwartungen an diesen Film herangehen ließ. West schuf einen sehr witzigen und kurzweiligen Horrorfilm, dessen Ende echte Gänsehaut hervorruft. Das Hotel, so der Produzent Larry Fessenden gegenüber FILM und BUCH, gibt es übrigens wirklich. Während der Dreharbeiten wohnte die Crew gleichzeitig darin.

Die oben genannten Filme führen die speziellen Merkmale der alten Herbergsgeschichten fort. In jeder Version handelt es sich um ein Hotel oder eine Herberge, die ziemlich abseits liegt. Ihre Besitzer sind fast immer psychisch gestört. Wie bereits bemerkt, gibt es für diese Filme bisher kein Subgenre. Die einzige nützliche Bezeichnung wäre „Horror Hotels“.  Doch damit würde man sich nicht wirklich legitimieren können, rückt diese Bezeichnung die Filme doch zu sehr in die Nähe der Spukhausfilme. In diesem Sinne viel Spaß beim nächsten Urlaub.