The happy Prince – Oscar Wildes letzte Jahre

In einem seiner Briefe schrieb Oscar Wilde, dass man in dieser Welt nicht umhin könne, eine Maske zu tragen. Jeder in der Gesellschaft verstelle sich, niemand zeige sein wahres Ich. Dies trifft auch auf Wilde selbst zu (der sich von diesem Verhalten nicht ausschloss), was zu der bis heute gültigen Frage geführt hat, was für ein Mensch Oscar Wilde nun eigentlich wirklich war.

Der Schauspieler Rupert Everett versucht dieser Frage in seinem Regiedebut „The happy Prince“ auf  den Grund zu gehen. Der Film, zu dem Everett auch das Drehbuch verfasste und selbst die Hauptrolle übernahm, beschäftigt sich mit den letzten Jahren Oscar Wildes, nachdem er aus dem Zuchthaus, in das er wegen seiner Homosexualität für zwei Jahre gesperrt worden war, wieder frei kam.

Wilde floh aus England, um nie wieder dorthin zurückzukehren. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in Frankreich und Italien, bevor er in einem Hotelzimmer in Paris starb. Bis heute ist unklar, ob Syphilis oder eine Hirnhautentzündung die Ursache für seinen Tod waren, und so lässt auch der Film diese Frage offen bzw. spricht beide Möglichkeiten an.

Alternatives Plakat zu „The happy Prince“

Rupert Everetts Verdienst ist es, sich recht genau an Wildes Leben zu halten. Doch wer einen Film wie „Oscar Wilde“ (1997) von Brian Gilbert ewartet, in dem Stephen Fry die Rolle des Dichters und Jude Law die seines Liebhabers Bosie einnahm, wird sich sicherlich wundern. Denn Everett entzaubert quasi das schöngeistige Bild, das viele von Oscar Wilde haben. Er blickt, um den Anfang des Textes wieder aufzugreifen, hinter die Maske des berühmten Schrifstellers – oder besser, er versucht dies.

Herauskommt ein durchaus düsteres und nicht weniger tragisches Drama um den körperlichen und geistigen Verfall eines Genies. Die beiden Jahre im Zuchthaus haben Wilde psychisch wie physisch zerstört. Wilde selbst hat nicht mehr die Kraft, etwas zu schreiben, er ist mittellos und auf die monatlichen Zahlungen seiner Frau angewiesen, die zusammen mit den beiden Kindern in Heidelberg wohnt. Allerdings sind diese Zahlungen mit einer Bedingung verbunden: Wilde darf sich auf keinen Fall mehr mit Bosie treffen, den alle für Wildes Gefängnisaufenthalt verantwortlich machen. Wilde selbst aber kommt von seinem einstigen Liebhaber trotz allem nicht los und bereist zusammen mit ihm Italien. Die Konsequenz: Wildes Frau schickt ihm kein Geld mehr.

Rupert Everetts Film ist erschütternd und packend zugleich. Ein durchdringendes Drama, dem man sich nicht entziehen kann, auch wenn es, wie bereits erwähnt, das Idol demontiert. Dies ist keineswegs als Kritikpunkt zu bewerten, im Gegenteil, es ist Everett hoch anzurechnen, dass er als einer der ersten versucht, sich Wildes wahrem Charakter und seinem tragischen Schicksal zu nähern – bei Brian Gilberts Version erschien doch alles eher harmlos. „The happy Prince“ wird daher sicherlich nicht jedem gefallen. In der Tat lässt einen der Film zwiespältig zurück. Aber genau das soll ja gutes Kino machen: zum Nachdenken und Diskutieren anregen. Rupert Everett ist beides geglückt.

The happy Prince. Regie u. Drehbuch: Rupert Everett, Produktion: Jörg Schulze, Darsteller: Rupert Everett, Colin Firth, Emily Watson, Colin Morgan, Tom Wilkonson. England/Italien/Deutschland 2018, 106 Min.

Professor Marston and the Wonder Women (2017)

Der Titel des Films klingt wie der Titel eines Comichefts. Und das soll auch so sein, denn bei dem Protagonisten von „Professor Marston and the Wonder Women“ handelt es sich um den Erschaffer einer der prägendsten Comicfiguren der Popkultur: Wonder Woman.

Regisseurin Angela Robinson geht in ihrem Biopic den Spuren des US-amerikanischen Psychologiedozenten nach, der eine neue Verhaltenstheorie entwickelte, welche er später in seine legendären Comics einbaute. Ebenso war Marston zusammen mit seiner Frau Elizabeth, die ebenfalls als Psychologin an der Uni arbeitete, Erfinder des Lügendetektors, der als „Magisches Lasso“ in den „Wonder Woman“-Comics auftauchen sollte.

Marston lebte einen besonderen Lebenstil, der damals wie heute sämtliche Tabus brach. Er lebte mit zwei Frauen zusammen: mit seiner oben genannten Frau und mit der Studentin Olive Byrne, in die er sich verliebte. Daraus entwickelte sich eine bisexuelle Dreiecksbeziehung, da auch Elizabeth Gefühle für Olive entwickelte – und umgekehrt.

Trotz aller gesellschaftlichen Widerstände, blieben die drei ihrer besonderen Beziehung treu. Um diese Beziehung herum beschreibt Angela Robinson die Entstehungsgeschichte von Wonder Woman, die 1941 zum ersten Mal als Comicfigur in Erscheinung trat. Olive Byrne soll Marston bei der Entwicklung der Figur als Inspirationsquelle gedient haben. Sehr schön setzt dies Robinson um, als alle drei bei einer geheimen Lingerie-Schau teilnehmen und Olive in einer Art Protoversion des Wonder Woman-Kostüms auf der Bühne erscheint.

Der Film besitzt eine stark sinnliche Aura, doch ist das eigentliche Thema, um das es Angela Robinson geht, Toleranz. Toleranz gegenüber anderen Lebensformen, anderen Lebensplanungen und anderen Weltansichten. An einer solchen Toleranz mangelte es damals und mangelt es nicht weniger heute. So beginnt der Film auch damit, das Frauen eine Art Bücherverbrennung abhalten, indem sie Comics ins Feuer werfen – was damals in den USA tatsächlich geschehen ist. Denn vor allem die „Wonder Woman“-Comics galten damals als vollkommen unmoralisch.

Die Figur Wonder Woman wird dadurch nicht als bloße Superheldin stilisiert, sondern vielmehr als ein Symbol für eine wünschenswerte Utopie: eine Gesellschaft, in der jeder so leben kann wie er möchte. Doch ist es eben die nicht vorhandene Toleranz auch in den modernen Gesellschaften, die eine solche Utopie als Tagträumerei erscheinen lassen.

„Professor Marsten and the Wonder Women“ ist ein eher ruhiger Film, der bewusst auf überkandidelte Dramatik verzichtet, sondern lieber in leisen, aber dennoch bemerkenswerten Tönen eine faszinierende und durchaus auch spannende wahre Geschichte erzählt. – Sehr sehenswert.

Professor Marston and the Wonder Women. Regie u. Drehbuch: Angela Robinson, Produktion: Amy Redford, Darsteller: Luke Evans, Rebecca Hall, Bella Heathcote, Maggie Castle, JJ Feild. USA 2017, 109 Min.

Genius (2016)

Thomas Wolfe (1900 – 1938) hatte es schwer, sich kurz zu fassen. So hatte er es auch schwer, einen Verlag zu finden. Erst der damals bekannte Lektor Maxwell Perkins, der für den Verlag Scribners‘ arbeitete, erkannte in Wolfes Werk ein bis dahin noch nie dagewesenes Genie und veröffentlichte den Roman „Schau heimwärts, Engel“.

Dies war zugleich der Beginn einer schwierigen Freundschaft, die vor allem durch Wolfes Schreibwut und Exzentrik auf die Probe gestellt wurde. Der Film „Genius“ von Regisseur Michael Grandage nimmt diese Beziehung als Grundlage für die Mischung aus Drama und Biopic, die sich vor allem auf Wolfes zweites großes Werk konzentiert: „Von Zeit und Fluss“.

Bereits Wolfes erster Roman soll in seiner ursprünglichen Fassung etwas mehr als 1000 Seiten gehabt haben und musste um mehrere hundert Seiten gekürzt werden, um ihn in einem Band herausbringen zu können. Noch komplizierter erwies sich die Arbeit an Wolfes Folgeroman, der 5000 Seiten umfasst haben soll. In einer der zentralen Szenen des Films liefert Jude Law als Thomas Wolfe seinem Lektor Perkins, gespielt von Colin Firth, mehrere Kisten, in denen sich das komplette Manuskript befindet.

Law spielt Wolfe als ein von seinem Genie Getriebener, der keine ruhige Minute ausharren kann, sondern ständig nach den geeigneten Sätzen und Formulierungen sucht, auf eine so verzweifelte und hektische Art, als wüsste Wolfe bereits, dass er in nur wenigen Jahren sterben würde. Dies lässt ihn einerseits exzentrisch erscheinen, andererseits aber auch als eine tragische Figur, die nur in der Sprache aufgeht.

Ohne die Hilfe seiner mehr als zwanzig Jahre älteren Geliebten Aline Bernstein (1888- 1955), die ihn finanziell unterstützte, damit er ohne Unterbrechung schreiben konnte, wäre Wolfe wahrscheinlich mit seinem ersten Roman überhaupt nie fertig geworden. Nicole Kidman spielt Aline als eifersüchtige und zanksüchtige Frau, die Wolfe nur für sich haben möchte. Tatsächlich trennten sich Wolfe und Aline Bernstein, die nach dieser Affäre zurück zu ihrem Ehemann kehrte, kurz nach der Veröffentlichung von „Schau heimwärts, Engel“.

Eigentlich hätte „Genius“ weit besser als Theaterstück funktioniert, denn in filmischer Hinsicht bietet Michael Grandage dem Zuschauer nicht viel. Die Dialoge über Literatur und den Rhythmus der Sprache (am Anfang sehen wir Wolfe vor dem Verlagshaus im Regen stehen und dabei mit dem rechten Fuß einen Takt klopfen) wären weit schöner auf einer Bühne gewesen. Die kurzen Auftritte von Dominic West als Hemingway und Guy Pearce als Scott Fitzgerald wirken eher wie eine Verlegenheit des Regisseurs, um doch etwas mehr Raum zu schaffen und vor allem die knapp 100 Minuten Spielzeit vollzubekommen.

Dennoch ist „Genius“ bei weitem kein schlechter Film. Zu verfolgen, wie die beiden gegensätzlichen Charaktere Wolfe und Perkins versuchen, Wolfes Schreibwahnsinn Herr zu werden, ist nicht nur spannend, sondern regelrecht faszinierend. Während Perkins traditionelle Werte pflegt, so ist Wolfe für die freie Liebe, was bei ihm allerdings fast schon in einem radikalen Egoismus ausartet. Nachdem Aline Bernstein durch sein Verhalten einmal zu viel verletzt wurde, lässt sie von ihm ab. Auch Perkins steht immer wieder kurz davor, Wolfe aufzugeben, doch der Roman ist einfach zu wichtig, um die Flinte ins Korn zu werfen.

Auf diese Weise beinhaltet „Genius“ eine wundervolle Liebe zur Literatur, wie sie in nur wenigen literarisch angehauchten Filmen zu finden ist. Leider half dies der Produktion nicht viel, denn sie floppte auf ganzer Linie. Sehenswert ist der Film dennoch.

Genius. Regie: Michael Grandage, Drehbuch: John Logan, Produktion: Michael Grandage, John Logan, Darsteller: Jude Law, Colin Firth, Nicole Kidman, Guy Pearce, Dominic West. USA/England 2016, 104 Min.