Sieben Lichter – Ein spannender Kriminalroman

Was im Jahr 1828 an Bord der Mary Russell geschehen ist, gehört bis heute zu den rätselhaftesten Kriminalfällen der Seefahrtsgeschichte. Nun hat der bekannte Übersetzer Alexander Pechmann, der erst kürzlich an dem gewaltigen Lovecraft-Band Das Werk mitgearbeitet hat, daraus einen historischen Kriminalroman geschrieben, den man nicht so schnell aus der Hand legt.

Der berühmte Arktisforscher und Theologe William Scoresby möchte unbedingt in Erfahrung bringen, was an Bord der Mary Russell tatsächlich geschehen ist. Nur so viel ist sicher: sieben Mitglieder der Besatzung wurden brutal ermordet. Der Kapitän ist verschwunden. Scoresby beginnt nun, die Überlebenden des Massakers zu befragen. Doch die Geschichte wird von Mal zu Mal mysteriöser, je mehr er über das Geschehen an Bord erfährt.

Sieben Lichter gestaltet sich als eine Mischung aus klassischem Kriminalroman und Mystery-Thriller. Alexander Pechmann gelingt es dabei, von Anfang an eine dichte und rätselhafte Atmosphäre zu gestalten, die das gesamte Buch durchzieht. Besonders gut gelingen ihm dabei atmosphärische Momentaufnahmen, wie etwa die Mischung aus Schock und Bedrückung, die Scoresby entgegen schlägt, als er zum ersten Mal an Bord des Schiffes kommt.

Verfasst in einem erstklassigen Schreibstil wird der Roman zu einem wahren Pageturner, der noch dazu bis ins kleinste Detail hervorragend recherchiert ist. Man merkt, dass sich der Autor schon seit Jahren mit der Geschichte der Seefahrt auseinandersetzt, was dem Roman eine zusätzliche realistische Note verleiht.

Die Spannung nimmt dabei von Kapitel zu Kapitel zu, sodass man kaum noch mit dem Lesen aufhören kann. Stets möchte man wissen, welche Informationen Scoresby noch herausfindet, um dadurch hinter das Geheimnis des unheimlichen Falls zu kommen. Dies macht Sieben Lichter zu einem echten Leckerbissen nicht nur für Krimifans, sondern überhaupt für Leute, die auf der Suche nach einem wirklich guten Buch sind

Alexander Pechmann. Sieben Lichter. Steidl Verlag 2017, 166 Seiten, 18,00 Euro, ISBN: 978-3-95829-370-0

 

Chita – Lafcadio Hearns erster Roman

lafcadio hearn1„Chita“ lautet der Titel von Lafcadio Hearns (1850-1904) erstem Roman. Es handelt sich um die Geschichte eines gewaltigen Sturms und dessen Folgen. Die Insel Last Island, auf der gerade viele Besucher ihren Urlaub verbringen, wird plötzlich von einem noch nie dagewesenen Sturm heimgesucht. Beinahe alles fällt ihm zum Opfer. Auch ein großes Hotel, das unter seiner Wucht zusammenbricht. Hinzu kommen meterhohe Wellen, welche die Inselbewohner mit sich hinaus ins Meer reißen. So auch das Mädchen Chita, das von einer einheimischen Suchmannschaft zusammen mit ihrer toten Mutter gefunden wird. Da niemand sich nach dem Schicksal des Mädchens erkundigt, wird es von einem Fischer und dessen Frau aufgezogen.

lafcadio hearnLafcadio Hearn war deutschen Lesern bisher vor allem durch seine Sammlungen japanischer Geistergeschichten ein Begriff. Hearn, dessen Leben dem Schicksal einer Charles Dickens-Figur gleicht, trieb es Ende des 19. Jahrhunderts nach Japan, wo er als Dozent für englische Literatur an der Universität in Tokio arbeitete. Er heiratete eine Japanerin und nahm den japanischen Namen Koizumi Yakumo an. Seine Eindrücke und Berichte über Japan rückten seine Werke, die er in den USA verfasste, mehr und mehr ins Vergessen.

Ein großer Fehler, wie sich herausstellt. Denn gleich sein erster Roman „Chita“ ist ein sprachgewaltiges Werk, das vor allem durch die Beschreibung des ungeheuren Sturmes beeindruckt. Das langsame Aufziehen bedrohlicher Wolken, dann die ersten Vorboten und schließlich die volle Gewalt, mit welcher der Sturm losbricht. All dies schildert Hearn so eindrucksvoll, dass man sich als Leser mitten drin in dem unheilvollen Geschehen wähnt. Doch auch das Schicksal der kleinen Chita, die von ein paar Fischern gerettet wird, lebt von einer sonderbaren Tragik und einer Dichtheit, die das Buch zu einem sowohl spannenden als auch mitreißenden Lesevergnügen machen.

Lafcadio Hearn: Chita. Verlag Jung und Jung 2015, übersetzt von Alexander Pechmann, 135 Seiten, 17,90€, ISBN: 978-3-99027-068-4

 

Die Bücherträume der Achilla Presse – Ein Beitrag von Alexander Pechmann

achilla1Die Verlagsbuchhandlung Achilla Presse, 1990 gegründet von dem Hamburger Grafiker Mirko Schädel und dem Bremer Buchhändler Axel Stiehler, schließt bis zum Ende des Jahres ihre Pforten. Diese Meldung vom Ende eines ganz und gar unabhängigen Kleinverlags, dem wir so viele bibliophile Schätze verdanken, ist bedauerlich genug, was jedoch noch mehr schmerzt, ist das anhaltende Schweigen, das auf die Ankündigung folgte – als würde ein solcher Verlust niemanden interessieren. Die Achilla Presse existierte freilich immer schon abseits der Branche, veröffentlichte in unregelmäßigen Abständen, verkaufte nur über Verlag und einige ausgewählte Buchhandlungen und verzichtete in den letzten Jahren sogar auf ISBN-Nummerierung, doch schon ein flüchtiger Blick auf ihr Programm zeigt, dass hier nicht nur irgendein unrentables Unternehmen das Handtuch wirft. Mit der Achilla Presse endet ein Traum: Der Traum, Begeisterung zu wecken mit Büchern, die sich keinem massentauglichen Trend unterordnen, die aber auch keinem akademischen Kanon entsprechen – Bücher, die in einem alternativen Universum vielleicht gefeierte Klassiker sind, aber in unserem mutwillig vergessen und ignoriert wurden – Bücher wie den satirischen Reiseroman „Die Monikins“ von James Fenimore Cooper, den liebenswerten „Kenelm Chillingly“ von Edward Bulwer-Lytton oder Herman Melvilles poetische Südseephantasie „Mardi“.

achilla2Durch das letztgenannte Buch, in der schwungvollen Übersetzung von Rainer G. Schmidt, wurde 1997 das Interesse an Melville in Deutschland neu entfacht und weitere Erst- und Neuübersetzungen ermöglicht. Die Achilla Presse bot nach diesem Überraschungserfolg den weithin unbekannten, übersehenen, zurückgewiesenen, aber immer auch erstaunlichen und lesenswerten Werken bedeutender Autoren – Sherwood Anderson, Gertrude Stein, Joseph Sheridan Le Fanu, W. H. Hudson, Robert Louis Stevenson, Victor Hugo, William Godwin, Hubert Selby, Edgar Allan Poe, Joseph Conrad und Ford Madox Ford – ein gepflegtes Zuhause. Sie präsentierte aber auch obskure Perlen der deutschsprachigen Phantastik in einmalig schön illustrierten Ausgaben: Franz Kreidemann, Arno Hach, Leopold Günther-Schwerin, Hans Georg Wegener und Karl von Schlözer wären ohne den verlegerischen Mut und der Sammelleidenschaft Mirko Schädels wohl für immer aus dem Gedächtnis wie aus den Bücherregalen verschwunden.

achilla4Mit den großen Bibliographien zur Kriminalliteratur, zur phantastischen-utopischen Literatur und zum Leihbuchwesen in Deutschland haben Verlag und Verleger zudem eine kulturwissenschaftliche Pionierarbeit geleistet, die wohl nur von echten Kennern und Sammlern angemessen gewürdigt werden kann. Dass ein solches Engagement irgendwann an die Grenzen des menschlich Machbaren und Finanzierbaren stößt, ist verständlich, doch sollte das Ende der Achilla Presse nicht von Grabesgesängen begleitet werden, sondern Anlass sein, um Danke zu sagen für all die Entdeckungen und Kostbarkeiten, die uns kein anderer Verlag hätte schenken können. Diese kleine Würdigung ist kein verfrühter Nachruf, aber vielleicht ein später Weckruf an alle Freunde schöner und guter Bücher, die nächsten Wochen und Monate zu nutzen, die Homepage des Verlags (http://www.achilla-presse.de) oder das zugehörige Kriminalmuseum in Butjadingen zu besuchen und vielleicht noch den ein oder anderen Schatz nach Hause zu holen.

Copyright: Alexander Pechmann

Alexander Pechmann ist Übersetzer vor allem klassischer englischsprachiger Literatur, Herausgeber und Essayist. Zuletzt von ihm erschienen sind die Bücher „Das Paradies der kleinen Dinge“ von Sophia und Nathaniel Hawthorne und „Ned Myers oder Ein Leben vor dem Mast“ von James Fenimore Cooper.

Das Paradies der kleinen Dinge – Nathaniel und Sophia Hawthornes gemeinsames Tagebuch

paradies der kleinen dinge

Der berühmte Schriftsteller Nathaniel Hawthorne (Der scharlachrote Buchstabe, Das Haus mit den sieben Giebeln) lebte kurz nach seiner Hochzeit in einem alten Pfarrhaus. Trotz der gewünschten Abgeschiedenheit kam keineswegs so etwas wie Langeweile auf. In unmittelbarer Nähe wohnten Henry David Thoreau und Ralf Waldo Emerson, die regelmäßig zu ihren Gästen gehörten. Aus welchem Grund das Ehepaar Hawthorne begann, ein geimeinsames Tagebuch zu führen, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass Sophia nach dem Tod ihres Mannes mehrere Seiten des Tagebuches herausriß und andere Stellen unleserlich machte. Möglicherweise handelte es sich dabei um zu private Abschnitte, welche Sophia für sich behalten wollte.

220px-Nathaniel_Hawthorne Sophia_Peabody_HawthorneDennoch ist das Tagebuch so etwas wie eine Sensation. Der Leser erhält nicht nur Einblicke in das private Leben des bekannten Autors, sondern zugleich in die damalige Lebenswelt. Die wunderbare Sprache, in der das Tagebuch geführt wurde, ist zudem ein wahrer Genuss. Nathaniel und Sophia Hawthornes Beschreibungen ihrer Unternehmungen, ihrer Eindrücke und Beobachtungen sind äußerst lebendig. Ein weiterer Reiz, den dieses Tagebuch ausmacht, ist die Beschreibung der innigen Liebe zwischen Nathaniel und Sophia, die sich zunächst heimlich verlobt hatten. Rührend, humorvoll und sinnlich zugleich sind die literarischen Liebkosungen der beiden.

Das Leben in dem Pfarrhaus war jedoch nicht nur ein Paradies. Beide plagten Geldsorgen. Hawthorne war noch weit davon entfernt, als freier Schriftsteller leben zu können. Trotzdem ließen sich beide von ihren Sorgen nicht überrennen, sondern genossen jeden Augenblick ihres Lebens. Daraus resultierte eine beschwingte Heiterkeit und Leichtigkeit, die zeigt, dass das Glück vor allem in den kleinen Momenten zu finden ist.

Das Tagebuch von Nathaniel und Sophia Hawthorne liegt nun zum ersten Mal in deutscher Sprache vor. Die vorzügliche Übersetzung stammte von Alexander Pechmann, der auch ein ausführliches Nachwort dazu schrieb, in dem auf die Entstehungsgeschichte des Tagebuchs eingegangen wird. Das Vorwort stammte von Peter Handke. Alles in allem ist „Das Paradies der kleinen Dinge“ ein äußerst unterhaltsames Lesevergnügen.

Sophia & Nathaniel Hawthorne: Das Paradies der kleinen Dinge. Ein gemeinsames Tagebuch. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Alexander Pechmann. Mit einem Vorwort von Peter Handke. Verlag Jung und Jung 2014, 200 Seiten, 19,90€.

Das übernatürliche Grauen in der Literatur – Lovecrafts berühmter Essay

lovecraftH. P. Lovecraft, der die phantastische Literatur wie kaum ein anderer Autor beeinflusste, verfasste 1925 einen Essay, der sich mit der Geschichte der unheimlichen Literatur beschäftigte. 1927 wurde der Essay in dem Magazin The Recluse veröffentlicht, einer Zeitschrift, die von einem Kreis Amateurjournalisten herausgegeben wurde, zu denen sich auch Lovecraft zählte. Nach der Erstveröffentlichung arbeitete Lovecraft den Essay mehrmals um. So erschien zwischen den Jahren 1933-1935 der Text als Serie in dem Magazin Fantasy Fan.

Bis heute zählt seine historische Aufarbeitung der unheimlichen Literatur zu den besten Werken, die es zu diesem Thema gibt. Angefangen von der Antike bis hinein in die 30er Jahre reicht sein Überblick über die Merkmale und Werke der unterschiedlichen Formen der Schauerliteratur. Es ist dabei erstaunlich, was für ein Fachwissen Lovecraft dabei an den Tag legte. So beginnt sein Essay mit den Frühformen der Horrorgeschichte, die sich z. T. in antiken Dramen wiederfinden. Daraufhin setzt er sich mit der Schauerliteraur, d.h. den Gothic Novels auseinander und bespricht in einem weiteren Kapitel die „Erben der Schauerliteratur“. In den folgenden Kapiteln teilt er die Historie der Horrorliteratur geographisch auf. So bespricht er die Entwicklung der Schauerliteratur in Frankreich und Deutschland gesondert von der Entwicklung der Horrorliteratur in Amerika. Ein weiteres Kapitel setzt sich mit englischen Gespenstergeschichten auseinander.

Lovecraft verfasste sein Essay in einem flüssigen, geradezu spannenden Stil. Im gelang es, die Themen und Handlungen der einzelnen Romane auf den Punkt zu bringen und Verbindungen zu anderen Werken herzustellen. Ein weiteres wesentliches Merkmal des Essays ist, dass Lovecraft bei seiner Abhandlung keineswegs neutral bleibt, sondern es sich nicht nehmen lässt, die Leistung eines jeden Autors zu würdigen bzw. auch zu kritisieren. Dies macht dieses Werk unglaublich lebendig und sympathisch. In einem angenehm netten Plauderton erfährt der Leser so ziemlich alles, was es über die Geschichte der Horrorliteratur zu wissen gibt.

Lovecraft1934
Lovecraft 1934

Lovecrafts Essay wurde bereits mehrmals ins Deutsche übersetzt. Die aktuellste Übertragung stammte von dem bekannten Übersetzer Alexander Pechmann und ist im Golkonda Verlag erschienen. Neben einer ausführlichen Einleitung S. T. Joshis, die sich mit der Entstehungsgeschichte des Essays beschäftigt, enthält der Text Lovecrafts Fußnoten sowie zusätzliche Anmerkungen Joshis, die wiederum durch hilfreiche Anmerkungen des Übersetzers ergänzt werden. Lovecraft-Leser und Fans erhalten somit eine kritische Ausgabe des Textes, wie es sie bisher noch nicht auf Deutsch gegeben hat. Eine ausführliche Bibilographie der besprochenen Werke runden den Text ab. Das Besondere dieser Auflistung, die von S. T. Joshi und Robert N. Bloch erstellt wurde, liegt darin, dass sie auf deutsche Ausgaben der Bücher sowie auf Sekundärliteratur zu den jeweiligen Autoren verweist. Zugleich wurden die Bücher gekennzeichnet, die Lovecraft in seiner Bibliothek besaß. Kurz: mehr Mühe kann man für eine solche Ausgabe nicht aufwenden. Die Neuübersetzung des berühmten Essays von H. P. Lovecraft wird dadurch nicht nur zu einem wunderbaren und lehrreichen Lesevergnügen, sondern zugleich zu einem biographischen Dokument des Meisters des übernatürlichen Grauens.

H. P. Lovecraft Das übernatürliche Grauen in der Literatur. Übersetzt von Alexander Pechmann. Golkonda Verlag 2014, 241 Seiten, 16,90€. ISBN: 978-3-944720-21-0