The 80s: Die Zeit der Wölfe (1984)

In seinem zweiten Spielfilm aus dem Jahr 1984 nahm sich Regisseur Neil Jordan zwei Erzählungen der englischen Autorin Angela Carter (1940 – 1992) vor. Bei beiden handelt es sich um erotisch angehauchte Variationen von Grimms „Rotkäppchen“, die in Angela Carters bekanntem Erzählband The bloody Chamber (1979) enthalten sind, der in Deutschland unter dem Titel Blaubarts Zimmer erschien.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass Die Zeit der Wölfe (im Original The Company of Wolves) eben diese sinnlichen Aspekte hervorhebt. Interessant ist hierbei, dass der Film eine ganz und gar weibliche Perspektive einnimmt und daher mit der Figur Rosaleen eine emanzipierte Heldin aufweist.

Angela Carter war selbst Feministin und verfasste auch mehrere Abhandlungen darüber, wobei sie sich vor allem mit dem Thema Sexualität und Macht beschäftigte. Auch dieser Schwerpunkt findet sich in Die Zeit der Wölfe wieder, besonders in der Geschichte, in der Rosaleen im Wald auf den sinnlich-unheimlichen Jäger trifft, der mit ihr eine Wette abschließt. Wenn er diese gewinnt, darf er sie küssen.

The Company of Wolves besteht in dieser Hinsicht nicht aus einer einzigen Handlung, sondern vielmehr aus einer Reihe verschiedener Geschichten, die miteinander verbunden sind und stets vonWerwölfen handeln, die Frauen in ihren Bann ziehen. Dabei dient der Werwolf eindeutig als Symbol der männlichen Sexualität.

Obwohl als Märchen konzipiert, ist Neil Jordans Kultfilm nicht gerade ein Film für Kinder. Schon allein deswegen nicht, da es zwischendurch recht grausam zugeht, besonders bei den jeweiligen Verwandlungsszenen. Hinzu kommen die diversen sexuellen Anspielungen, die dem Film die bereits erwähnte Sinnlichkeit verpassen und so gut wie in jeder Szene mitschwingen.

Verbunden ist dies mit einer überaus düsteren Atmosphäre, die aufgrund der dichten Kulissen eine fast schon klaustrophobische Enge hervorbringt. Diese spiegelt sich quasi in den ineinander verschachtelten Geschichten wider und verleiht dadurch Jordans Film eine unglaubliche erzählerische Fülle. Die grandiose, fast schon hypnotische Optik liefert hierbei das Sahnehäupchen.

Wenn man es auf den Punkt bringen möchte, so ist Die Zeit der Wölfe ein fast schon einzigartiger Fantasyfilm, gewürzt mit diversen Horroraspekten, der einen von der ersten Minute an nicht loslässt. Leider war der Film damals nicht ganz so erfolgreich, dennoch zählt er längst zu den Klassikern des englischen Kinos.

Die Zeit der Wölfe (The Company of Wolves). Regie: Neil Jordan, Drehbuch: Angela Carter, Neil Jordan, Produktion: Stephen Woolley, Darsteller: Angela Lansbury, David Warner, Stephen Rea, Micha Bergese, Sarah Patterson. England 1984, 92 Min.

 

 

The 80s: Elmer (1988)

elmer1988Die Behauptung, dass sich innerhalb des Horrorgenres die wohl obskursten Filme tummeln, ist sicherlich nichts Neues. Doch das ist ja gerade das Schöne daran. Denn im Horrorgenre wird noch immer so etwas wie Kunst fabriziert. Ein Beispiel des grotesken Horrorfilms ist die Horrorkomödie „Elmer“, die 1988 in den Kinos lief. „Elmer“ war nicht das, was man einen Erfolg nennen darf. Doch die Zweitverwertung als Videokassette brachte ihm einen wahren Kultstatus ein.

Regie führte Frank Henenlotter, der bereits durch seinen Film „Basket Case“ innerhalb des Horrorgenres einen großen Bekanntheitsgrad erreichte. Doch auch innerhalb des Bereichs der Filmkritik sowie der Filmwissenschaft ist Henenlotter kein Unbekannter. In „Elmer“ geht es um einen wurmartigen Parasiten, der eben auf den Namen Elmer hört. Sein Lieblingsort ist der Nacken von Menschen, wo er durch eine Art Stachel seinem jeweiligen Wirt eine halluzinogene Flüssigkeit verabreicht. Dies führt zu einer drogenähnlichen Abhängigkeit. Elmer nutzt solche Situationen natürlich aus. Denn ist jemand erst einmal von ihm abhängig, so ist er auch willig, Elmers Lieblingsnahrung zu beschaffen: menschliches Hirn.

In dem Film trifft es den jungen Brian, der sich zusammen mit seinem Bruder eine Wohnung teilt. Durch die Begegnung mit Elmer gerät Brians Leben völlig außer Kontrolle. Denn wegen Elmers Droge ist er nahe daran, die völlige Erleuchtung zu bekommen. Als er jedoch merkt, was er für diesen Rausch tun muss, möchte Brian Elmer wieder loswerden. Allerdings ist dies leichter gesagt als getan. Denn als Brian Elmer die gewünschte Nahrung verweigert, erhält er auch nicht mehr jene sonderbare Flüssigkeit.

Die Originalfassung von „Elmer“ ist in Deutschland noch immer indiziert. Es existiert hierzulande lediglich eine um knapp eine Minute gekürzte Fassung, da unsere FSKler mal wieder den Humor des Films nicht verstanden haben. Auf jeden Fall ist „Elmer“ eine gelungene Mischung aus schwarzem Humor, böser Ironie und teils recht blutigen Effekten. Elmer ist kein einfaches schleimiges Würmchen, sondern kann sprechen, was zur Folge hat, dass er einen Spruch nach dem anderen raus haut. In einer Szene gibt Elmer sogar ein Ständchen, das im Nachspann des Filmes als „Elmers Tune“ bezeichnet wird.

Frank Henenlotter gelingt es, eine recht fiese Satire auf Drogenkonsum und Spaßgesellschaft zu kreieren. „Elmer“ ist nie wirklich ernst. Stets präsentiert Henenlotter das Grauen mit einem gewissen Augenzwinkern. Irgendwie ähnelt er den frühen Filmen von David Cronenberg, und etwas David Lynch ist auch dabei. Allerdings kommt „Elmer“ nicht mit der Schwere einer düsteren und beklemmenden Vision daher, sondern nimmt das Groteske relativ leicht.

Elmer (OT: Brain Damage), Regie u. Drehbuch: Frank Henenlotter, Produzent: Edgar Ievins, Darsteller: Rick Herbst, Gordon MacDonald, Jennifer Lowry, Theo Barnes, Vicki Darnell. USA 1988, Laufzeit: 81 Min.

The 80s: American Gothic (1987)

americangothic1987Die 80er Jahre waren die Hochzeit des Slasher Movies. Den Stein ins Rollen hatte John Carpenter mit „Halloween“ Ende der 70er Jahre gebracht. So richtig los ging es allerdings erst mit „Freitag der 13.“ aus dem Jahr 1981. Von da an versuchten sich die Effektkünstler darin, sich mit ihren neuesten Masken- und Make up-Spielereien zu übertreffen. Das Ergebnis: Die Filme wurden im Laufe der 80er Jahre derart bizarr, dass sie kaum jemand mehr sehen wollte. Ende der 80er Jahre war es dann erst einmal aus mit diesem Subgenre.

Aus eben dieser Spätphase dieses Genres stammt „American Gothic“. Die Story handelt nicht etwa von Geistern, wie man dies vielleicht aufgrund des Titels vermuten würde, sondern von einem hinterwäldlerischen, psychopathisch veranlagten Ehepaar, das auf einer einsamen Insel lebt. Als eine Gruppe junger Leute mit ihrem Flugzeug auf dieser Insel notlandet, erwartet sie deswegen alles andere als Rettung. Zwar geben sich Ma und Pa äußerst liebevoll, sind aber in der Tat extrem wertkonservativ und gemeingefährlich. Dasselbe trifft auf ihre drei Kinder zu, die mit den Neulingen doch nur spielen wollen…

Mit „American Gothic“ schuf John Hough 1988 einen schwarzhumorigen, ironischen und extrem skurrilen Horrorfilm, der die Thematik der „Urbanoia“ , also der Gegenüberstellung Stadt/Land von Filmen wie „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (1972), weiterführt. Zum einen ist „American Gothic“ eine herrliche Satire auf das US-amerikanische Wertesystem, zum anderen ein recht intensiver Horrorfilm – und dies, obwohl kaum Blut zu sehen ist. Der Film funktioniert fast ausschließlich auf einer psychologischen Ebene. Die extreme Situation, in der sich die Ausflügler plötzlich befinden, liefert ein geradezu albtraumhaftes Szenario, das mehr als nur verstörend wirkt.

So gesehen ist dieser Film äußerst spannend, durch die satirischen Elemente auch recht witzig, aber eben auch erschreckend. Die dichte Atmosphäre wird hierbei vor allem durch die hervorragenden Schauspieler getragen, allen voran Rod Steiger als Pa und Yvonne de Carlo als Ma, wobei letztere für ihre Rolle einen Preis als beste Hauptdarstellerin erhielt. Vor ein paar Jahren versuchte eine No-Budget-Produktion mit dem Titel „Savage Island“ eine Art Remake dieses Filmes, scheiterte dabei jedoch gnadenlos. „American Gothic“ aber ist und bleibt ein sehr sehenswerter Horrorfilm aus der Endphase des Slasher-Genres der 80er Jahre.

American Gothic, Regie: John Hough, Drehbuch: Burt Wetanson, Michael Vines, Produktion: Christopher Harrop, Darsteller: Rod Steiger, Yvonne de Carlo, Sarah Torgov, Janet Wright, Michael Pollard, William Hootkins, USA 1987, Laufzeit: 83 Min.