„Cop Town“ von Karin Slaughter oder Emanzipation mit dem Dampfhammer

Ein Roman, in dem alle Männer Schweine sind? Da dürfte die Gender-Diskussion nicht weit entfernt sein. Bei der Thrillerautorin Karin Slaughter findet sich dieser Aspekt in ihrem 2014 erschienenen Roman „Cop Town“ wieder, der genau aus diesem Grund unglaublich einseitig wirkt.

Wir schreiben das Jahr 1974. In Atlanta geht ein sog. Copkiller um. Die Polizei, die nur aus unterbelichteten Rassisten zu bestehen scheint, setzt alles daran, um den Serienmörder auszuschalten. Genau in dieser Phase beginnt Kate Murphy ihre Arbeit bei der Polizei. Von allen lächerlich gemacht, versucht sie dennoch, nicht aufzugeben und den wahren Mörder zu finden.

Klingt alles interessant und der Roman ist durchaus auch spannend. Andererseits aber erscheint er so unglaublich einseitig, dass man fast schon von einer naiven Sichtweise auf die Welt sprechen muss. In dem Roman sind sämtliche männlichen Protagonisten Idioten, Sexisten oder Rassisten. Die Frauen dagegen sind schlau und zielstrebig, auch wenn sie sich untereinander piesacken. Während die männlichen Polizisten nichts anderes machen, als Bier zu saufen und Homosexuelle zu verprügeln, versuchen die Frauen, auf professionelle Art den Fall zu lösen.

Autsch, kann man da nur noch sagen. Hier versucht eine Autorin, Emanzipation mit dem Dampfhammer zu betreiben. Slaughter, die das Jahr 1974 als Dreijährige mitbekommen hat, orientiert sich bei ihren Dialogen an Filmen wie „Shaft“ oder „Jackie Brown“. Man merkt jedenfalls, dass sie die typischen Slang-Dialoge, die Anfang der 70er Jahre in den Filmen aufkamen, nachahmt.

Aus dieser Perspektive wirkt dann alles auch irgendwie zu sehr konzipiert und zu aufgesetzt. Das liegt zusätzlich auch an der angeblichen Hauptfigur Kate Murphy, die aus gutem Hause kommt und unbedingt zur Polizei möchte, da ihr Mann in Vietnam gefallen ist. Wenn jemand da einen logischen Zusammenhang findet, bekommt ein Lob ausgesprochen. Diese mit dem Schweißbrenner zusammengeschusterte Handlungslogik verstärkt den Eindruck der Dampfhammermethode. Denn auch die Figur Katrin wirkt unglaubwürdig. Wieso ist es nicht eine Frau, die versucht, sich nach oben zu kämpfen? Hätte mehr Sinn gehabt.

Ach ja, Stichwort „angebliche Hauptfigur“. Das hat seinen Grund darin, da die eigentliche Hauptfigur Maggie Lawson ist, deren Bruder und unterbelichteter Onkel ebenfalls bei der Polizei arbeiten. Und so ist auch hauptsächlich von Maggie die Rede, während Kate die zweite Geige spielt.

„Cop Town“ ist zwar durchaus spannend und rasant geschrieben, aber aufgrund der einseitigen Sichtweise und der verkrampft wirkenden Handlungslogik dann doch ziemlich ärgerlich. Slaughter sollte lieber bei ihren Krimireihen bleiben, da kann sie weniger falsch machen.

Karin Slaughter. Cop Town. Blanvalet 2015, 544 Seiten, 14,99 Euro. ISBN: 978-3-7645-0551-6

 

Die Klunkerecke: Was geschah mit Harold Smith? (1999)

Mit der phantastisch angehauchten Komödie „Was geschah wirklich mit Harold Smith?“ legte „Garfield“-Regisseur Peter Hewitt einen Film vor, der die Retro-Phase in gewisser Weise vorwegnahm. Der Film spielt 1977 und zeigt die Gegensätze zwischen der damaligen Disco- und Punkwelle und macht sich zugleich über die sensationslüsterne Medienwelt lustig.

Im Mittelpunkt stehen Vince und sein Vater Harold. Disco-Fan Vince ist Anwaltsgehilfe und unsterblich in seine Kollegin verliebt. Harold sitzt die meiste Zeit vor dem Fernseher, während Vinces Mutter ständig fremdgeht. Eines Tages aber beweist Harold auf einmal außergewöhnliche Kräfte, indem er einen Kugelschreiber zum Schweben bringt. Als er jedoch bei einer kleinen Vorstellung in einem Altenheim nicht nur Uhren, sondern auch Herzschrittmacher zum Stehen bringt, wird nicht nur die Polizei, sondern auch das Fernsehen auf ihn aufmerksam. Es entsteht ein wahrer Kult, während ein Physiker Harold als Betrüger entlarven soll. Dieser aber ist von Harolds Fähigkeiten so sehr beeindruckt, dass er Harold öffentlich als den Sohn Gottes bezeichnet …

Vincent (Michael Legge) und sein Freund Walter (James Cordan) versuchen sich in „Saturday Night Fever“; „Was geschah mit Harold Smith?“ (1999); Copyright: Epix

„Was geschah wirklich mit Harold Smith?“ verbindet leichte Komödie mit köstlicher Satire und kratzt dabei sanft an den Merkmalen des Übernatürlichen. Die Handlung schreitet rasant voran und das Timing der Gags ist erstklassig. Der Film wird nie langweilig, verliert nie an Fahrt und hängt nie durch. Untermalt wird alles von einem tollen Soundtrack, der sowohl die Disco- als auch die Punk-Ära nochmals aufleben lässt.

Dabei lebt die Story vor allem von witzigen Gegenüberstellungen: Zum einen stellt Hewitt die Disco-Ära der Punk-Bewegung gegenüber, zum anderen das Unerklärbare der anscheinend rationalen Wissenschaft und zum Dritten Medienkonsumenten den Medienmachern.

Mit diesen Mitteln wird der Film recht vielschichtig, da er so ziemlich alle sozialen Bereiche heutiger Gesellschaften durch den Kakao zieht. Die Kritik, die sich Fernsehen oder auch Wissenschaft anhören müssen, ist aber keineswegs diejenige des erhobenen Zeigefingers, sondern eine sehr gelungene Entlarvung der geistigen und medialen Elite. Stephen Fry, der den Physiker spielt, erlebt man hier in absoluter Bestform.

Insgesamt macht der Film richtig Spaß und verliert auch nach mehrmaligem Ansehen weder an Originalität noch an Witz. Kurz: eine kleine, feine Perle des englischen Films.

Was geschah mit Harold Smith? (OT: Whatever Happened to Harold Smith?), Regie: Peter Hewitt, Drehbuch: Ben Steiner, Darsteller: Tom Courteney, Stephen Fry, Michael Legge, Laura Fraser. England 1999, 95 Min.

Die Klunkerecke: Der weite Ritt (1971)

Eigentlich erhoffte sich Universal mit Peter Fondas Western „The Hired Hand“, der in Deutschland unter dem Titel „Der weite Ritt“ in die Kinos kam, einen ähnlichen Erfolg wie mit „Easy Rider“, der ein Jahr davor in den Kinos lief. Doch Peter Fondas Regiedebut, das mit einem Budget von einer Millionen Dollar ausgestattet war, floppte.

Der Film wurde recht schnell an TV-Sender vermarktet, um dadurch doch noch den Verlust auffangen zu können. Aber damit hatte der Film auch kein Glück. Er wurde nur wenige Male gezeigt, bevor er völlig in Vergessenheit geriet. Hinzu kam, dass damalige Kritiker mit dem Film nichts anzufangen wussten, ihn als eine Art Hippie-Western betrachteten und vor allem seine Handlungsarmut kritisierten.

Erst 2001 wurde „The Hired Hand“ restauriert und auf dem Sundance Filmfestival neu aufgeführt. Dies mit einem sensationellen Erfolg. Die Kritiker überschlugen sich förmlich mit Lobeshymnen. Auf diese Weise fand der Film dann doch noch seinen Weg als Spät-Klassiker des Westerns in die DVD-Regale.

Der Film konzentriert sich auf die Themen Freundschaft, Verlust und Verantwortung. Diese Aspekte setzt Peter Fonda in unglaublich schönen, zugleich überaus komplexen Bildern und Bildkompositionen um. Es geht um die drei Freunde Harry, Archie und Dan, die eigentlich zur Westküste reiten wollen, um den Ozean zu sehen. Doch nachdem Harry die Leiche eines Mädchens einen Fluss hinunter treiben sieht, steigt in ihm der Drang, zurück zu seiner Frau und seiner Tochter zu kehren, die er vor sieben Jahren verlassen hat. In einem seltsamen kleinen Dorf wird Dan von Gangstern erschossen. Harry und Archie machen sich auf zu Harrys Frau Hannah. Dort angekommen, arbeiten beide für sie auf dem Feld und erledigen diverse andere Aufgaben. Als Archie merkt, dass er sich in Harrys Frau zu verlieben beginnt, beschließt er, sich alleine zum Ozean aufzumachen. Doch dann gerät er erneut an die Gangster, die Dan ermordet haben. Harry setzt alles daran, um ihn zu befreien …

Harry und Archie auf dem Weg zu Harrys Frau. „The hired Hand“ (1971); Copyright: Universal Pictures

„The Hired Hand“ ist vor allem eines: ein sehr ruhiger Film, der in langen, wunderschönen Einstellungen schwelgt, untermalt von der grandiosen Musik Bruce Langhornes. Vor allem die Anfangssequenz, in der Harry, Archie und Dan im Fluß baden, alles in extremer Zeitlupe, die fast zum Stillstand kommt, wobei das Sonnenlicht auf der Wasseroberfläche schimmert, dürfte eine der ästhetischsten Aufnahmen sein, die je geschaffen wurden. Fonda setzt nicht nur an dieser Stelle Zeitlupe ein. Der gesamte Film wird immer wieder davon bestimmt. Fonda überblendet diese, bringt dabei Bilder zum regelrechten Stillstand, sodass äußerst intensive Momentaufnahmen entstehen. Diese besitzen beinahe schon etwas Malerisches an sich, besonders dann, wenn Hannahs verbittertes Gesicht aus zwei verschiedenen Perspektiven gleichzeitig gezeigt wird.

Peter Fondas Debut aus dem Jahr 1971 ist keineswegs langamtig. Trotz der Ruhe, der Meditation über die oben genannten Themen, besitzt „The Hired Hand“ aufgrund der tragischen Konflikte, die sich aus der Handlung ergeben, eine spannende Dichte. Wer Schießereien und Verfolgungsjagden sucht, wird in dem Film alles andere als fündig werden. Wer aber eine fast schon unglaubliche Filmästhetik schätzt, wird den Film über alle Maßen lieben.

The Hired Hand. Regie: Peter Fonda, Drehbuch: Allan Sharp, Produktion: William Hayward, Darsteller: Peter Fonda, Warren Oates, Vera Bloom. USA 1971, 93 Min.

 

A Touch of Unseen – Koreas Horrorfilm-Saison beginnt „Low“

Nachdem im vergangenen Jahr Südkoreas Filmindustrie K-Horror mit ein paar bemerkenswerten Filmen reanimierte („Killer Toon“ und der schwarzhumorige Thriller „Doctor“ gehören zu den besten Filmen, die das Genre bisher hervorgebracht hat), waren wir natürlich gespannt, wie es dieses Jahr damit weitgehen würde. Anfang Mai war es dann endlich soweit. Auf dem Jeonju International Film Festival hatte „A Touch of Unseen“ seine Weltpremiere.

A Touch of Unseen
A Touch of Unseen (Gwi-Jeob, 2014). Offizielles Kinoplakat.

Der Originaltitel lautet „Gwi-Jeob“, was in etwa „Von einem Geist besessen“ bedeutet. Regie führte Lee Hyeon-Cheol, der mit dieser Produktion sein Debut feiert. Erzählt wird die Geschichte zweier Schwestern, die von einem Geist heimgesucht werden. Die Heimsuchung erfolgt jedoch auf eine sehr heimtückische Weise. Denn der Geist vergewaltigt die Frauen, während sie schlafen. Um allem noch einen Hauch von Suspense zu verleihen, würzt Lee seinen Erstling mit einem Stalker, welcher die jüngere Schwester verfolgt.

touch of unseen Szenenfoto
A Touch of Unseen (Szenenfoto)

Für Lees Debut stand nicht viel Geld zur Verfügung. Um genau zu sein, das Budget war so niedrig, dass nicht einmal Geld für genügend Scheinwerferlicht vorhanden war. Die Wohnungen der beiden Schwestern gleichen sich so sehr, dass man geneigt ist, zu vermuten, die Szenen seien in ein und derselben Wohnung gedreht worden. Doch Lee macht aus der Not eine Tugend. Das geringe Budget, das unweigerlich mit einer geringen Ausstattung verbunden ist, benutzt der junge Regisseur, um sozialkritische Statements einzuweben. Die Wände der Wohnungen sind kahl und vermitteln dadurch eine deprimierende Leere. Die kleinen Esstische wirken wenig einladend. Lee skizziert damit eine soziale Kälte, die sich bis hinein in die Privatleben der Individuen erstreckt. Auch die überlange Liebesszene zwischen der jüngeren Schwester und ihres damaligen Freundes und jetzigen Stalkers wirkt alles andere als erotisch. Vielmehr zeigt sich auch hier eine soziale Kälte, eine vollkommene Lieblosigkeit. Die Protagonisten wirken völlig verloren. Eine auf diese Weise kreierte Sozialkritik hat es im bisherigen modernen koreanischen Kino noch nicht gegeben. Es scheint fast so, als habe sich Lee Hyeon-Cheol an den düsteren skandinavischen Thrillern orientiert.

Stellenweise erscheint die Optik des Films ein wenig unbeholfen. In manchen Szenen klammert sich Lee an die Kameraarbeit des Thrillers „Hide and Seek“, der vergangenes Jahr für eine sensationelle Überraschung sorgte. Gleichzeitig schimmert die Atmosphäre der Horrorfilme der 70er Jahre durch, in denen es nicht selten um Besessenheit ging. Dies spiegelt sich auch in der Filmmusik wider. Es ist kaum zu glauben, doch „A  Touch of Unseen“ dürfte der erste koreanische Horrorfilm sein, in dem psychedelische Musik verwendet wurde. Der Soundtrack ist überaus interessant und versetzt den Zuschauer beinahe in Trance.

touch of unseen Szenenfoto 2
A Touch of Unseen (Szenenfoto)

Die Frage, die man sich nun stellen kann, lautet, aus welchem Grund man eine Low Budget-Produktion für die „Saison-Eröffung“ ins Rennen schickte. Der Grund dürfte folgender sein: vergangenes Jahr waren es vor allem Low Budget-Produktionen, die für viel Diskussionen sorgten und überraschende Erfolge einfuhren. Neben „Hide and Seek“ war „The Terror Live“ ein grandioser Wurf eines Regieneulings. Wahrscheinlich wollte man auf diesen Erfolgen aufbauen. Doch kann man jetzt schon sagen, dass „A Touch of Unseen“ ein solcher Erfolg nicht vergönnt sein wird. Dafür geschieht zu wenig, dafür ist der Film zu ruhig und dafür ist Lees Arbeit zum Großteil zu TV-lastig.

Dennoch ist dieser Film sehenswert und wird einen gewissen, wenn auch kleinen, Erfolg für sich verbuchen können.