Trash der 60er (4): Carnival of Souls

carnivalofsoulsHerk Harvey (1926-1996) war eigentlich Regisseur von Schulfilmen. Nur ein einziges Mal machte er etwas anderes, indem er einen Horrorfilm drehte.

„Carnival of Souls“ (1962) lautete der Titel, doch leider fiel er beim damaligen Publikum völlig durch. Angeblich betrugen die Produktionskosten 17.000 Dollar. Die Kosten konnten so niedrig gehalten werden, da Harvey zum einen auf seine Gage verzichtete und zum anderen hauptsächlich Laiendarsteller engegagiert wurden. Wieso Herk Harvey jedoch überhaupt auf die Idee gekommen war, plötzlich aus seiner beruflichen Routine auszubrechen und einen Spielfilm zu drehen, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Eine Anekdote lautet, dass er beim Besuch Salt Lake Citys von der dortigen Atmosphäre so sehr eingenommen gewesen sei, dass er diese in Form eines Films festhalten wollte. Wie dem auch sei, das Resultat war ein Klassiker der Filmgeschichte.

carnivalofsouls1Es geht darin um die Organistin Mary Henry, die nach einem Autounfall (der Wagen stürzt von einer Brücke in den Fluß), als einzige Überlebende durch die USA fährt, um eine Stelle in einer Kirche in Utah anzunehmen. Allerdings wird sie seit dem Unfall von einem mysteriösen Mann (gespielt übrigens von Herk Harvey selbst) verfolgt. Und hin und wieder scheint es so, als würde sie in eine andere Dimension hinübergleiten.

carnivalofsouls2Mit „Carnival of Souls“, der erst vom ZDF Anfang der 90er synchronisiert wurde und den deutschen Titel „Tanz der toten Seelen“ erhielt, vermischte Harvey geschickt Ansätze des zu ende gehenden Paranoiakinos mit expressionistischen Elementen und dem aufkommenden Psycho-Horror. Der Film ist von Anfang bis zum Schluss nur von einem Gefühl geprägt: der Angst. Diese resultiert zum einen daraus, da sich Mary in ihrer Umwelt nicht mehr zurecht findet, zum anderen in ihrer Furcht vor dem mysteriösen Mann. Alle Personen in dem Film erscheinen irgendwie zwielichtig. Der Psychiater, die Vermieterin und John Linden, Marys aufdringlicher und alkoholsüchtiger Nachbar, sowieso. Die Figuren unterstreichen die Unsicherheit Marys, geben dem Film eine geradezu postmoderne Note, die von den Psycho-Filmen der 60er Jahre ins Spiel gebracht und später von den „Protestfilmen“ (wie z.B. „Texas Chainsaw Massacre“) der 70er Jahre intensiviert wurde. Die Angst kommt nicht mehr – wie in den 50ern  – von außen und bezieht sich auf eine kommunistische Unterwanderung,  sondern entsteht innerhalb der Gesellschaft und macht auf die sozialen Probleme und die negativen Aspekte des sozialen Wandels aufmerksam. Herk Harvey dürfte sich in diesem Sinne in seinem Film mit dem Aspekt der Individualisierung und der parallel dazu verlaufenden Vereinsamung beschäftigt haben.

carnivalofsouls3Aber was ist mit Mary Henry nun wirklich los? Weswegen verfolgt sie der unheimliche Mann und weswegen reagiert niemand, als sie aus dem verunglückten Auto steigt? Herk Harvey gibt hier dem Zuschauer ein kunstvolles Rätsel auf. Es gibt die unterschiedlichsten Lösungsversuche. Letztendlich aber bleibt es jedem selbst überlassen, wie er den Film deutet.

„Carnival of Souls“ ist inzwischen ein Klassiker des Horrorfilms und längst zum Kultfilm avanciert. Viele Regisseure (z.B. David Lynch oder auch George R. Romero) wurden von Harveys Meisterwerk beeinflusst. Der mysteriöse Mann ist mittlerweile Bestandteil der Popkultur geworden und wird immer wieder zitiert, ob in Spielfilmen oder in Musikvideos. Es ist schade, dass Herk Harvey keinen weiteren Spielfilm mehr drehte oder drehen wollte. Vielleicht hatte ihn der Misserfolg an den Kinoskassen davor abgeschreckt.

 

The green Slime – Wegweisender Trash von 1968

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Kinoplakat von „The green Slime“ (1968)

Regisseur Kinji Fukasaku dürfte vielen SF- und Horror-Fans in der Hauptsache durch seinen Film „Battle Royal“ (2000) bekannt sein. Der Film zählt zu seinen erfolgreichsten Produktionen. Davor machte er sich einen Namen durch die berühmte Yakuza-Reihe „Battles without Honor and Humanity“ (1973 – 1974). Gehen wir noch ein paar Jahre zurück und wir finden seinen Namen im Zusammenhang mit einem Science Fiction-Film mit dem Titel „The green Slime“. 1968, also ein Jahr, bevor George R. Romero mit seinen „lebenden Toten“ das Horrorgenre neu definierte, produzierte Metro Goldwyn Meyer gemeinsam mit den Toei-Studios ein Werk, das unglaublich trashig, zugleich aber auch wegweisend für den nachfolgenden SF-Horrorfilm sein sollte.

In Deutschland geriet der Film, der damals unter dem Titel „Monster aus dem All“ in den Kinos lief, völlig in Vergessenheit. Eine Folge davon ist, dass die DVD bisher nicht bei uns erschienen ist. Wahrscheinlich werden die meisten heutigen Zuschauer den Film als lächerlich empfinden. Gut, es ist ein Trash-Film wie er im Buche steht. Doch zugleich weisen sein Spannungsaufbau und die Actionsequenzen weit voraus. Für die damalige Zeit wirkt der Film übermodern. Erst Ende der 70er Jahre sollte es zu Produktionen kommen, die – auch wenn teilweise anspruchsvoller – auf ganz ähnliche Weise wie „The green Slime“ funktionieren.

Green Slime Trailer 1
Trailer-Sequenz. Im Hintergrund stürzt die explodierende Raumstation auf die Erde.

Der Film handelt von einem Asteroiden, der direkt auf die Erde zufliegt. Eine Crew von Astronauten erhält den Auftrag, auf dem Asteroiden zu landen, um ihn zu sprengen. Dabei stoßen sie auf eine seltsame grünliche Substanz, die bei einem der Astronauten unbemerkt haften bleibt. Zurück in der Raumstation Gamma 3 entwickelt die Substanz ein bedrohliches Eigenleben. Sie führt nicht nur zu tödlichen Wunden, sondern mutiert zu einer Armee Tentakelmonster, welche die Besatzung dezimiert.

Bereits der Vorspann gibt das Tempo des Films vor. Untermalt mit dem Rocksong „The green Slime“ von Richard Delvecchio verweist er auf eine rasante Handlung. Und dies ist keineswegs zu viel versprochen. Die Zwischenfälle reihen sich kurzweilig aneinander. Der Zuschauer erhält kaum eine Verschnaufpause. Neben dem Hauptkonflikt zwischen Menschen und Monster läuft parallel dazu der obligatorische Zank zwischen Helden und Antihelden um die schöne Stationsärztin, welche ihre Patienten ständig vor den angreifenden Ungeheuern in Sicherheit bringen muss. Dabei reizt Fukasaku die Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung standen, voll aus. Er verleiht dem Film eine hervorragende Optik, die man mit derjenigen heutiger Genrefilme vergleichen kann. Die Actionszenen lassen nichts zu Wünschen übrig. Was heute mit CGI vollbracht wird, präsentierte der Regisseur mithilfe von Modellen und Puppeneffekten. Der fulminante Absturz der brennenden Raumstation ist dabei nur einer von vielen Höhepunkten, die der Film in Sachen Action vorweisen kann.

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Die Dramaturgie erinnert teilweise an Szenen der späteren „Star Wars“-Filme.
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Keine Sekunde zum Ausruhen. Stationsärztin Lisa Benson drückt den Alarmknopf.

Manche Szenen erinnern im Hinblick auf ihre dramaturgische Komposition an die Produktion „Star Wars“, die ca. 10 Jahre später in die Kinos kommen sollte. Andere verweisen auf „Alien“, das ebenfalls Ende der 70er Jahre sein Unwesen in den Kinosälen treiben sollte. Und wer die Teilhandlung ins Auge fasst, die sich mit der Sprengung des Asteroiden beschäftigt, wird sich unweigerlich an „Armageddon“ (1998) erinnert fühlen.

Betrachtet man „The green Slime“ als Ganzes, so kommt man nicht um den Gedanken herum, dass dieser Trash-Knüller als Ideenpool für viele spätere SF-Horror-Action-Filme herhalten musste. Das heißt, Drehbuchautoren und Regisseure scheinen sich schamlos bei diesem fast völlig vergessenen „Meisterwerk“ bedient zu haben. In dieser Hinsicht hat der spätere Genrefilm der US-japanischen Koproduktion viel zu verdanken. Mit großer Hingabe inszenierte Kinji Fukasaku einen Trash-Film, der als heimlicher Wendepunkt innerhalb des SF-Genres gelten kann.

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