Wir machen bloß Spaß – Horrorkomödien der 80er Jahre

Die 80er Jahre brachten so unterschiedliche Filme wie „Re-Animator“ (1985), „Waxwork“ (1988), „Elmer“ (1988) oder schließlich „Ghostbusters“ (1984) hervor. Ihnen gemeinsam ist, dass sie im Grunde genommen Komödien sind. Die Kritik an Horrorfilmen war aufgrund des aufkommenden Videomarkts und der damit einhergehenden Direct-to-Video-Productions, welche für eine wahre Trash-Welle sorgten, besonders groß. Die Behauptung, dass dies alles bloß Spaß ist, wollten und wollen die wenigsten glauben. Betrachtet man die Filme genauer, so erkennt man, dass „Re-Animator“ sicherlich ein hervorragender Splatterfilm ist, dass er zugleich aber auch als Slapstickkomödie überzeugt. Nicht anders verhält es sich bei dem Episodenfilm „Waxwork“, der äußerst blutig erscheint, in Wahrheit jedoch einen überragenden Humor beweist. Die ungeschnittene Fassung von Frank Henenlotters „Elmer“ ist noch immer indiziert, auch wenn niemand so recht weiß, warum, handelt es sich bei diesem Kultwerk schließlich ebenfalls um eine überaus witzigen Film über unsere Spaßgesellschaft.

„Ghostbusters“ (1984) ist nicht nur Komödie, sondern auch eine Satire, welche die amerikanische Gesellschaft bloß stellt.

Einer der wenigen Produktionen, die auch beim breiten Publikum als Komödie durchging, ist „Ghostbusters“. Interessanterweise hat dieser Film keinerlei moralische Kritik geerntet, teilt er doch selbst mächtig aus. Regisseur Ivan Reitman siedelt seine Story nicht in der Vorstadt an und macht sich auch nicht über ehemalige Hippies lustig. Vielmehr steht bei ihm die amerikanische Kultur als Ganzes auf dem Servierteller und hierbei speziell die Esskultur. Auf der ersten Ebene erzählt „Ghostbusters“ die Geschichte dreier Akademiker, die von der Universität geschmissen werden und nun versuchen müssen, sich in der freien Wirtschaft zu behaupten. Auf der zweiten Ebene lässt Reitman keinen satirischen Seitenhieb aus. Angefangen vom Universitätswesen bis hin zur Stadtpolitik und Behördenwahnsinn lässt es der Film nicht an Spott und Hohn fehlen. Doch interessanterweise zielt der Film immer wieder auf das Essenverhalten ab. Der Dämon Zuul, der aus einer anderen Dimension kommt, um die Welt in Besitz zu nehmen, taucht als erstes in einem Kühlschrank auf, in dem sich vor allem Fertigprodukte sowie Coladosen befinden. Einer der Hauptszenen spielt in einem Hotel, wo die Geisterjäger ein ganzes Buffet demolieren, während sie versuchen, einen herumschleimenden Geist zu fangen. Dieser stopft sich voll mit fettigem Essen, bevor er schließlich doch noch in die Falle geht. Im Finale, in dem die Gestalt gewählt werden soll, in welcher der Dämon die Welt vernichtet, erscheint dieser schließlich in Form des „allseits beliebten Marschmallow-Manns“. Die Geisterjäger machen somit nicht nur Jagd auf echte Gespenster, sondern zugleich auf die US-amerikanische (Ess-)Kultur und entpuppen sich dadurch als wahrer Bürgerschreck, da ihnen so gut wie nichts heilig ist oder Ehrerbietung einflößt.

„Re-Animator“ (1985) kann als Satire auf die wissenschaftliche Elite bezeichnet werden.

Unter das Siegel Bürgerschreck lassen sich ebenso oben erwähnte Horrorfilme einordnen. Herbert Wests bis ins Groteske ausartende Experimente in „Re-Animator“ machen sich (für manche auf geschmacklose Weise) lustig über nach außen hin kompetent erscheinende Wissenschaftler und ziehen dadurch das Ansehen der Wissenschaft als solche durch den Kakao. Produzent Brian Yuzna und Regisseur Stuart Gordon präsentieren keine verantwortungsbewusste Wissenselite, sondern vielmehr Chaoten, die im Grunde genommen gar nicht wissen, was sie tun. Für die Beteiligten bedeutete dies natürlich nichts Gutes.

Nicht weniger amüsant verweist Frank Henenlotter mit seinem Parasiten Elmer auf die in den 80er Jahren aufgekommene Spaßgesellschaft. Brian ist ein Hedonist, dem nichts Besseres passieren kann, als von einem Parasiten befallen zu werden, der ihm Glückshormone liefert. Allerdings muss er dafür morden, um seine Belohnung zu erhalten. Zwar versucht Brian, von seiner Sucht nach Glück loszukommen, was dem Film eigentlich einen recht moralischen Anstrich gibt. Doch Elmer erweist sich jedes Mal als stärker. Für Brian wird dadurch der Spaß zur Qual. Henenlotter sieht im Vergnügen eine Sucht, die durch immer neue Anreize befriedigt werden muss. Die Spaßgesellschaft liefert sich somit dem Stress aus, nach Innovationen zu suchen, die allein dazu dienen sollen, Freude zu bringen. Nicht zuletzt führt dieses Verhalten zu Dekadenz und psychischem Verfall. Der Originaltitel „Brain Damage“ erhält in diesem Sinne eine doppelte Bedeutung.

„Waxwork“ (1988) schließt sich dem typischen Suburbia-Horror der 80er Jahre an und macht sich lustig über die Null-Bock-Generation.

Die Lust auf Spaß und Vergnügung ist auch das Grundthema von „Waxwork“, in dem ein Wachsfigurenkabinett in einer Vorstadt eröffnet wird. Die einzelnen Ausstellungsstücke zeigen die berühmtesten Psychopathen und Ungeheuer aus Legende und Wirklichkeit. Eine Gruppe Jugendlicher, die nichts mit sich anzufangen weiß, sieht darin eine lang ersehnte Abwechslung. Der Unterhaltungswert schlägt jedoch rasch um in tödliche Gefahr, da die Figuren alles andere als leblos sind. Die Fassaden der Vorstadt zeigen keine helle Freundlichkeit, sondern wirken leer und kalt, was den allgemeinen Vorstellungen einer Suburbia widerspricht. Die Kleinstadtidylle verkommt zu etwas Leblosem. In dem Wachsfigurenkabinett ist alles im gewissen Sinne spiegelverkehrt, denn hier ist das Leblose durchaus etwas Lebendiges. Dies bedeutet keinesfalls einen Vorteil. Denn auch das Vergnügen wird hier zu etwas wenig Wünschenswertem. Spaßgesellschaft und Vorstadt geraten hier auf den Prüfstand. Das Ergebnis ist ähnlich wie bei „Elmer“: eine Zunahme von Dekadenz, die im Chaos endet.

So gesehen erscheinen die Aussagen dieser Filme, trotz ihres spaßigen Charakters, überaus kritisch, um nicht zu sagen pessimistisch. Sie zeigen Gesellschaften, die sich „kaputt“ amüsieren und dabei alles andere vergessen. Ihre Aussagen passen genauso gut in die heutige Zeit. Vielleicht ist dies u. a. ein Grund dafür, weswegen sie zu Klassikern geworden sind.

Hollywoodkrise = Gesellschaftskrise?

Stichwort Hollywoodkrise. Schon lange haben wir darüber nichts mehr vernommen. Bedeutet das etwa, dass die Krise überwunden ist? Nun, die Krise ist noch immer vorhanden. Vielleicht sogar stärker denn je. Die Besucherzahlen gehen – laut der Internetplattform boxofficemojo – weiter zurück, auch wenn die Umsatzzahlen etwas anderes zu zeigen scheinen. Doch der gleichbleibende Umsatz täuscht, denn dieser wird lediglich durch angehobene Ticketpreise erzielt. Speziell aus diesem Grund kommen zurzeit viele Filme auch in 3D in die Kinos, egal ob es für die Geschichte Sinn macht oder nicht. Was zählt ist, dass jedes Ticket für eine 3D-Vorstellung teurer verkauft werden kann.

Hollywood steckt noch immer in der Krise. Auch wenn kaum darüber berichtet wird.

Doch ist die Krise nicht nur eine ökonomisch bedingte. Vielmehr ist sie eine ästhetische Krise. Diese ästhetische Krise ist einerseits eine Folge der zurückgehenden Umsatzzahlen, andererseits scheint Hollywoods Drehbuchautoren wirklich nichts mehr Neues einzufallen. Bereits 2001 bemerkte der bekannte Drehbuchautor William Golding in einem Interview mit Spiegel-Online, dass die Krise eher in den Köpfen der Autoren herrsche. Keine neuen Einfälle, schlechte Skripte, austauschbare Geschichten. Regisseur Paul Schrader schließt sich dem in gewisser Weise an. In einem Interview mit der österreischischen Zeitung Kurier aus dem Jahr 2011 weist er ebenfalls daraufhin, dass die Krise in Hollywood nicht überwunden ist. Es handelt sich um eine ästhetische Krise, die noch lange anhalten wird. Produzenten möchten nichts riskieren, daher sitzt bei ihnen das Geld auch nicht mehr so locker. Dies ist auch der Grund, weswegen es zu dieser ästhetischen Krise gekommen ist. Die großen Studios bringen keine Vielfalt hervor, sondern ihre Produktionen gleichen wie ein Ei dem anderen. Der amerikansiche Indie-Regeisseur Larry Fessenden betonte uns gegenüber, dass in Hollywood nur mehr Superheldenfilme gedreht werden. Diese verlaufen nach jeweils  demselben Konzept. Das heißt, die Charaktere, die Handlungen, ja sogar die Dialoge sind austauschbar. Es ist nichts Neues. Es ist nur lauter geworden. Selbst eine überteuerte Produktionen wie „Pacific Rim“ weist keine einzige originelle Idee auf. Alles ist bereits schon einmal dagewesen. Wer es genau wissen möchte, der sehe sich einmal den 80er Jahre Trashfilm „Robojox“ an. Das Geschichtenerzählen ist zum Stillstand gekommen.

Film galt früher als Kunst. Gilt dieser Begriff auch noch für heutige Blockbuster?

Was auf Hollywoodproduktionen zutrifft, trifft nicht weniger auf den Buchmarkt zu. Die in den Buchläden ausliegenden Bestseller sind austauschbare Produkte. Es scheint so, als findet man x-mal dasselbe Buch, nur mit anderem Cover. Auch hier also ein Stillstand. Verleger wollen genauso wie Filmproduzenten kein Risiko mehr eingehen. Sie setzen auf Nummer Sicher und das Ergebnis ist ein völliger Wegfall von Originalität.

Fasst man die obigen Punkte zusammen, so zeigt sich, dass Kunst als Massenproduktion nicht unbedingt positive Effekte mit sich bringt. Georg Simmel verwies bereits um die Jahrhundertwende auf das Drama der Kultur. Dieses macht sich nun deutlich in der Eintönigkeit der Film- und Buchproduktionen. Larry Fessenden wies in einem früheren Interview daraufhin, dass speziell diese Entwicklung hin zur Gleichförmigkeit und Austauschbarkeit negative gesellschaftliche Konsequenzen haben kann. Betroffen davon vor allem jugendliche Zuschauer, die keine Filmkunst mehr erleben, sondern inhaltsleere Produkte, die nur dazu dienen, die Zuschauer zum Konsum zu animieren. George R. Romero hatte in den 70er Jahren recht, wenn er die Menschen als kaufsüchtige Zombies darstellte.

Zurzeit werden in Hollywood nur noch Superheldenfilme gedreht. Film verkommt dadurch vollständig zum bloßen Produkt.

Ob dieser Wegfall von der Kunst hin zu bloßen Produkten, die nichts anderes mehr sind als Propagandamechanismen, tatsächlich negative Konsequenzen für die Gesellschaft haben kann, ist nicht klar. Der Biologe Thomas Junker weist in seinem Buch „Die Evolution der Phantasie“ darauf hin, dass bisherige Untersuchungen, welche den Einfluss von Reizüberflutung auf den IQ-Wert unter die Lupe nahmen, keine negativen Merkmale feststellen konnten. Allerdings ist eine Verkümmerung der Kunst bisher noch nie ein positives Merkmal für gesellschaftlichen Wandel gewesen. Diese geht einher mit Dekadenz. Und dies ist letztendlich ein Anzeichen für eine soziale Fehl- oder Rückentwicklung.

Man muss hierbei jedoch hinzufügen, dass zum Glück die Filmwelt nicht nur aus Hollywoodgroßproduktionen besteht. Man darf den Indie-Sektor nicht vergessen, der durchaus mit originellen Ideen und Geschichten aufwartet. Ähnlich verhält es sich auf dem Buchmarkt. Während Bestseller inzwischen zum Synonym für Einheitsbrei geworden sind, tummeln sich unzählige Autoren im Kleinverlag- und Indie-Bereich. So lange dort keine kreative Stagnation auftritt, darf also noch gehofft werden. Für Hollywood aber heißt es, dass es früher oder später nicht anders kann, als umzudenken. Denn die Besucherzahlen werden weiter zurückgehen.

König der Monster – Zum Tod von Ray Harryhausen

Am 7. Mai verstarb einer der berühmtesten Trickspezialisten der Filmgeschichte: Ray Harryhausen. Er entwickelte vor allem die Stop-Motion-Technik weiter, die bis hinein in die 1980er Jahre verwendet wurde und teilweise noch immer verwendet wird. Vor allem seine Dinosaurierleidenschaft, die er mit seinem Freund Ray Bradbury teilte, brachte ihn dazu, diesen prähistorischen Ungeheuern Leben einzuhauchen. Sein Hobby machte er später zum Beruf. Er wurde zu einem der führenden Experten für Special Effects.

Fast alle Filme, in denen er den Monstern Leben eingehaucht hat, sind entweder Filmklassiker geworden oder doch zumindest jedem Film- und Phantastikfreund bekannt. Egal, ob es sich um einen Dino handelt, der sich nach New York verirrt, ob fliegende Untertassen Washington angreifen oder ob Sindbad gegen Zyklopen und andere Monster kämpfen muss, eines war stets gewiss: wenn Ray Harryhausen seine Hände im Spiel hatte, so durften sich die Zuschauer auf ein großartiges Spektakel freuen.

Hier ein paar Beispiele seines Schaffens:

Dinosaurier in New York

„Dinonsaurier in New York“ (1953) basierte lose auf der Kurzgeschichte „Das Nebelhorn“ von Ray Bradbury. Bis heute gibt es eine Diskussion darüber, ob dieser Film „Godzilla“ beeinflusst oder ob „Godzilla“ den Dino von New York als Vorlage gedient hat. Im Grunde genommen ist es auch egal. Der Film ist immer wieder von neuem schön anzusehen.

Sindbads 7. Reise

Ein Film, der geradezu vollgestopft ist mit Monstern, trägt den Titel „Sindbads siebente Reise“ (1958). Ein wahrer Leckerbissen für Freunde des Monsterfilms, denn dort geben sich Zyklopen, Riesenvögel und andere Ungeheuer quasi die Klinke in die Hand. Die Skelettszene verwendete Harryhausen nochmals in seinem späteren Film „Jason und die Argonauten“. Insgesamt benötigte er für die Monsterszenen beinahe ein Jahr.

Fliegende Untertassen greifen an

Mitte der 50er Jahre griffen UFOs Washington an. Dies in dem Klassiker „Fliegende Untertassen greifen an“ (1956). Roland Emmerich bediente sich von diesem Film fast schon schamlos für seinen Blockbuster „Independence Day“. Die UFO-Invasion aus den 50ern ist furios in Szene gesetzt und hat bis heute kein bisschen an Faszination eingebüßt.

Kampf der Titanen

„Kampf der Titanen“ (1981) war Harryhausens letzte offizielle Tätigkeit als Trickspezialist. Danach wurde er mehr oder weniger durch die Entwicklung neuer Tricktechniken und der damit verbundenen Gründung neuer Special Effects-Firmen (wie z.B. ILM) aus dem Geschäft gedrängt. Auch in seinem letzten Werk wird der Zuschauer von einem Monster zum nächsten weitergereicht. Eine Mischung aus antiker Sagenwelt und Fantasy, die wunderbar aufgeht. Das Remake von 2010 reicht nicht an die Klasse des Originals heran.

Über Franz Kafka – Ein Beitrag von Richard Albrecht

Franz Kafka, deutschsprachiger visionärer Schriftsteller, dessen posthum veröffentlichte Romane – vor allem Der Prozeß (1925) und Das Schloß (1926) – Ängste und Entfremdung des Menschen im 20. Jahrhundert ausdrücken. [1]

Franz Kafka

 Fünfundzwanzig Jahre nach Erarbeitung eines Anfang 1989 vom damaligen Südwestfunk Baden-Baden gesendeten Essay über Franz Kafka (1883-1924), seinen Josef-K.-Roman Der Prozeß und dessen Staats-, Justiz- und Bürokratiekritik [2], wollte ich wieder etwas über Kafka schreiben (an dessen Texte und Denkformen ich über die Jahre, zuletzt auch kurz im Netz, erinnerte [3]): eine im Kölner Böhlau-Verlag veröffentlichte Neuerscheinung [4] über Kafkas Prag sollte besprochen werden.

Das war, leider schade, nicht wie geplant und vorbereitet möglich: über die Gabe, nicht gelesene Bücher (so) zu rezensieren (als hätte ich sie gelesen), verfüge ich immer noch nicht. Das vor Monaten mehrfach in Köln bestellte Buch kam aus welchen Gründen auch immer und immer noch nicht im etwa 60 km entfernten Bad Münstereifel im NRW-Südzipfel an.

Franz Kafka „Das Schloss“

Soweit so schlecht. Könnte man sagen. Man kann freilich auch aus der rezensentischen Not eine autorische Tugend machen. Und wie folgend einige der in den letzten fünfundzwanzig Jahren gelesene und positiv erinnerte Bücher über Kafka nennen und zu diesem von mir, ähnlich wie Hans Henny Jahnn (1894-1959) und Elias Canetti (1905-1994), hochgeschätzten Autor des vergangenen „kurzen“ Jahrhunderts, der alles andere als ein „literarischer Vertreter der nihilistischen  Verzweiflung“ respektive entsprechender „gesellschaftlicher Strömungen“ [5] ist – anstatt weiterer – einige Lesehinweise geben:

Zunächst auf Leo Koflers Deutung des K.-Romans, aufgespeichert in der scheinbar paradoxen poststalinistischen Schlüsselmetapher nihilistischer Humanismus. [6] Sodann auf Christoph Stölzls grundlegende Aufarbeitung der rabiaten Judenfeindschaft in Böhmen vor dem Ersten Weltkrieg [7] als „großem Weltfest des Todes“ (Thomas Mann) und Horst Althaus´ ortsnah-sensitive Deutung des Landvermesser-Romans Das Schloß. [8]           

Materialreich zwei recht unterschiedliche, 1999 und 2002 ersterschienene, Kafka-Bücher. Einmal Janko Ferks Buch über den vom Nationalökonomen und Kultursoziologen Alfred Weber, wie damals in Österreich-Ungarn üblich ohne schriftliche Doktorarbeit nach „strenger mündlicher Prüfung“, 1906 promovierten Juristen Kafka [9]. Zum anderen der Ausstellungsband über Kafkas berufliche Tätigkeit und sein fachliches Engagement als langjähriger Angestellter (in) der Zentralverwaltung der halbstaatlichen Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag. [10] Hier findet sich auch Kafkas an den Freund Max Brod (1884-1968) gerichteter erstaunt-verwunderter Ausruf über Geduld und Demut böhmischer Arbeiter: „Wie bescheiden diese Menschen sind. Sie kommen zu uns bitten. Statt die Anstalt zu stürmen und alles kurz und klein zu schlagen, kommen sie bitten.“

Franz Kafka „Die Verwandlung“

Diese tour d’horizon en miniature soll nicht enden ohne Hinweis auf eine aktuelle handlungssoziologische Deutung von Kafkas (1912 geschriebener, 1915 veröffentlichter) Erzählung Die Verwandlung als Samsas familiäres Drama. [11]

Sollten Sie mich fragen, welche Texte von Kafka ich empfehle – möchte ich passen und könnte Ihnen nur – anstatt weiterer – die drei Texte, die ich immer wieder gern lese, nennen: Kafkas Roman(fragment) Der Prozeß [12], seine sarkastische Kurzerzählung Bericht für eine Akademie (1917)[13] und seine doppelbödige Türhüter-Parabel Vor dem Gesetz (1915), in der der Autor das grundsätzliche „Es ist  möglich“ durch den lakonistischen Zusatz „jetzt aber nicht“ präzisierte.[14] Und Sie darüber hinaus noch auf ein „vergessenes“, 1951 und 1961 erschienenes, Erinnerungsbändchen aufmerksam machen.[15]

Franz Kafka "Der Prozess"
Franz Kafka „Der Prozess“

 Im Übrigen hoffe ich als intellektueller Sozialwissenschaftler, was ´gesichertes wissenschaftliches Wissen´ betrifft, etwas Entscheidendes von Franz Kafka gelernt zu haben: immer dann, wenn „lebendige Menschen“, etwa durch Justiz und Staatsbürokratie, in „tote Registraturnummern“ verwandelt werden, um sie als Objekte zu beherrschen[16], wirkt ´falsches´ Bewußtsein als besondere Form gedanklicher Verkehrung und als Ausdruck der Verdinglichung gesellschaftlicher Verhältnisse. Ohmacht der dieser Herrschaft unterworfenen Subjekte ist deren erste Erscheinungsform und allgegenwärtiger Ausdruck. Und gegen diese Herrschaft(en) ist Rebellion allemal berechtigt.


Richard Albrecht ist „gelernter“ Journalist, extern provomierter und habilitierter Sozialwissenschaftler, lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als Freier Autor & Editor in Bad Münstereifel und war 2002/07 Herausgeber von rechtskultur.de. Unabhängiges online-Magazin für Menschen und Bürgerrechte. Bio-Bibliographie -> http://wissenschaftsakademie.net


[2] Richard Albrecht, „Sie machen aus lebendigen Menschen tote Registraturnummern: Eine Bürokratie-Kritik nach Franz Kafka (Erstsendung SWF II, 12.2.1989: Die Aula); gedruckt in: Die Brücke, 84/1995: 79-83; erweiterte Netzfassung http://www.grin.com/de/e-book/38287/lebendige-menschen-als-tote-registraturnummern-eine-buerokratie-kritik

[4]http://www.boehlau-verlag.com/978-3-412-20777-9.html

http://www.boehlau-verlag.com/download/162849/978-3-412-20777-9_Inhalt.pdf

[5] Georg Lukács, Die Zerstörung der Vernunft. Der Weg des Irrationalismus von Schelling bis Hitler. Berlin; Weimar: Aufbau, ³1984: 619

[6] Leo Kofler, Der Prozeß; in: Bettina Clausen; Lars Clausen, Hg., Spektrum der Literatur. Gütersloh: Bertelsmann, 1975: 324-325

[7] Christoph Stölzl, Kafkas böses Böhmen. Zur Sozialgeschichte eines Prager Juden. München: Edition Text + Kritik, 1975, 147 S.

[8] Horst Althaus, Franz Kafka. Ghetto und Schloß; in: ders., Zwischen Monarchie und Republik. Schnitzler – Hofmannsthal – Kafka – Musil. München: W. Fink, 1976: 134-158

[9] Janko Ferch, Recht ist ein „Prozess“. Über Kafkas Rechtsphilosophie. Wien: Manz, 1999, X/116 S.; Wien: Atelier, ²2006, 182 S.

[10] Kafkas Fabriken. Mit einem Verzeichnis der ausgestellten Stücke als Beilage. Marbacher Magazin. Bearbeitet von Hans-Gerd Koch;  Klaus Wagenbach. Marbach: Deutsche Schillergesellschaft, ²2003,  162 S.; Zitat  S. 39

[11] Knut Berner, „Familienaufstellung“ – Franz Kafkas Die Verwandlung als Metapher des Bösen; in: Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau, 35 (2012) 65: 109-122

[12] Franz Kafka, Der Prozess. Roman. Frankfurt/M.: Fischer Bücherei, 1960; Der Prozess. Roman; Frankfurt/M.: Fischer-Taschenbuch, 1969, 41.-50. Tsd. [= Franz Kafka Gesammelte Werke. Hg. Max Brod. Taschenbuchausgabe in acht Bänden]; auch in: Franz Kafka, Romane und Erzählungen. Frankfurt/M.: Zweitausendeins, 2004: 210-367; im Netz http://de.wikisource.org/wiki/Der_Process

[15] Gespräche mit Kafka. Erinnerungen und Aufzeichnungen von Gustav Janouch. Frankfurt/M.: S. Fischer, 1951, 138 S.; Gustav Janouch, Gespräche mit Kafka. Aufzeichnungen und Erinnerungen. Frankfurt/M.: Fischer Bücherei, 1961, 156 S.

[16] Richard Albrecht, Macht machtet. Ohnmacht nicht; demnächst in: soziologie heute, 30/2013 [August 2013]

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