The Silenced – Erst Hoffnung, dann Enttäuschung

thesilencedSommer. Für Südkoreas Filmindustrie bedeutet dies, dass nun wieder die Horrorfilmsaison beginnt. Den Anfang machte im Juni die Produktion „The Silenced“. Der Film spielt im Jahr 1938, während der japanischen Besetzung Koreas. Die Schülerin Joo-Ran kommt in ein abgelegenes Internat, in dem gebrechliche und kranke Mädchen gesund gepflegt werden, um sie später nach Tokyo zu bringen. Aus unerklärlichen Gründen verschwinden immer wieder Mädchen spurlos. Joo-Ran versucht zusammen mit ihrer Freundin, das Geheimnis des Internats zu lösen.

Der Titel der Rezension verrät es bereits. Am Anfang des Films hofft man, dass K-Horror endlich zu seinen alten Stärken zurückgekehrt ist. Doch ab der zweiten Hälfte des Films wird diese Hoffnung langsam, aber kontinuierlich wieder abgebaut.

Der Film beginnt hervorragend. Die Kamera nähert sich dem mitten im Wald liegenden Internat, parallel dazu fährt ein Auto eine gewundene Straße entlang. Überragend sind hierbei die satten Farben und die unheimliche Atmosphäre im klassischen Stil. Tatsächlich wirkt „The Silenced“ über weite Strecken ungewöhnlich europäisch. Die sorgfältige, teils elegante Kameraführung lässt auf einen angenehmen Grusel schließen. Die Szenen werden von einer Musik untermalt, die ansatzweise an Philip Glass erinnert. Kurz, es könnte sich um einen Topfilm handeln.

Als Zuschauer wird man in den kommenden Minuten auch nicht enttäuscht. Die ungewöhnliche und rätselhafte Atmosphäre, die in dem Internat herrscht, wird durch ein gelungenes Spiel aus Licht und Schatten sowie düsteren Farben unterstrichen. Regisseur Lee Hae-Young, der zuvor nur durch Durchschnittskomödien aufgefallen ist, lässt es sich nicht nehmen, sein Werk mit Zitaten aus der Hochzeit des K-Horror zu schmücken. All dies macht den Film durchweg interessant und unterhaltsam. Die Ästhetik, die sich teils an „A Tale of two Sisters“ orientiert, scheint deutlich zu machen, dass Koreas Filmemacher wissen, was sie in den vergangenen Jahren falsch gemacht haben. Sprich, Lee Hae-Young möchte dort neu beginnen, wo die Blüte des K-Horror verwelkt ist. Und es gelingt ihm.

thesilenced1Doch als Zuschauer hat man mal wieder die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Es wäre zu schön gewesen, wenn es sich tatsächlich um einen erstklassigen Horrorstreifen gehandelt hätte. Denn ab der Hälfte wechselt Lee abrupt das Fach. Die geniale Horrorästhetik dient nur noch als Rahmen für eine völlig andere Geschichte. Man findet sich auf einmal in einer Art Superheldenfilm a la „Unbreakable“ wieder. Die Kunst, die Lee Hae-Young hierbei vollführt, hängt damit zusammen, dass er tatsächlich die durchweg elegante Optik am Leben erhält. Die Geschichte selbst aber offenbart dadurch mehrere Logikfehler oder besser, Lee hatte anscheinend keine Lust, die unheimlichen Zwischenfälle im Finale zu erklären. Dann hätte es durchaus eine gewisse Abrundung gegeben. So aber hat man in der einen Hälfte einen gut gemachten Gruselfilm, in der zweiten ein SF-Comic-Drama, das Horrorfans enttäuscht. Die Reaktionen der Zuschauer in Korea (der Film schaffte es auf Anhieb auf Platz drei der Kinocharts) zeigt, dass der Handlungswechsel durchaus überrascht hat. Das hat er, aber leider nicht im positiven Sinne.

Invasion of the Alien Bikini oder Was soll das denn?

alien bikiniSüdkoreas Indie-Szene ist im Aufwind. Die rasante Zunahme an Low-Budget-Produktionen führte dazu, dass in den Jahren 2013 und 2014 die gesamten Produktionskosten gegenüber den vorangegangenen Jahren zurückgingen. Doch Indie-Filmemacher gibt es in Südkorea nicht erst seit den letzten beiden Jahren. Ein bestes Beispiel dafür ist sicherlich Regisseur Kim Ki-Duk, der einmal pro Jahr die koreanische Filmszene aufmischt.

Im Jahr 2011 drehte Regisseur Oh Young-Doo den Film „Invasion of the Alien Bikini“. Der Titel klingt vielversprechend und erinnert an die Trash-Filme der 60er Jahre. Der Film selbst aber entpuppt sich als Rohrkrepierer. Weswegen er mit zwei Preisen bei asiatischen Fantasy-Filmfestivals ausgezeichnet wurde, bleibt rätselhaft.

Der Film erzählt die Geschichte des selbsternannten Stadthelden Young-Gun, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, gegen Gangster und andere Kriminelle vorzugehen. Mehr oder weniger gelingt ihm dies auch. Bei einem seiner nächtlichen Streifzüge rettet er eine junge Frau vor einer Gruppe Halbstarker. Die Frau entpuppt sich später allerdings als Alien, das auf die Erde gekommen ist, um sich fortzupflanzen. Dummerweise aber hat Young-Gun sich geschworen, vor der Ehe keinen Sex zu haben.

Gut, der Handlung nach klingt der Film ja ganz witzig. Doch leider versemmelt es Oh Young-Doo, wo er nur kann. Mit Absicht pendelt der Film zwischen amateurhaft und professionell, was dem Film einen gewollt schmuddeligen Touch verleiht. Dass hier ein Profi am Werk ist, beweisen Farbgebung und Beleuchtung, die dem Film durchaus Ästhetik verleihen.

alien bikini1Dennoch schafft es Oh nicht, seine Professionalität auszuloten. Dies liegt daran, da es Oh nicht gelingt, den Witz umzusetzen. Der Regisseur flüchtet sich ins Skurrile, was „Alien Bikini“ so gar nicht gut tut. Die Anlehnung an die früheren Schmuddelfilme will dadurch nicht funktionieren. Trotz einer Spielzeit von etwa einer Stunde, schafft es Oh, sein Werk öde werden zu lassen. Immer wieder versucht es die Alienfrau, Young-Gun zum Sex zu animieren, was natürlich nicht gelingt. Von sanft bis dominant reichen ihre Strategien, bis der Protagonist als Bondage-Sklave sich absolut nicht mehr wehren kann.

Doch all das dauert einfach stets zu lang und wirkt irgendwann gar nicht mehr komisch. „Invasion of the Alien Bikini“ verkommt dadurch zu einem Film, von dem man absolut nicht weiß, was man von ihm halten soll. Vielleicht hatte der Regisseur ja selbst auch keine Ahnung, was sein Film zu bedeuten hat. Schade, denn aus der Grundidee hätte man viel herausholen können.

Chronicles of Evil – Nicht das Gelbe vom Ei

chronicleofevilPolizeifilme haben in Südkorea eine lange Tradition, sodass sie aus dem Kino nicht mehr wegzudenken sind. Auch „Chronicles of Evil“, eine Mischung aus Thriller und Drama, fügt sich beinahe lückenlos in die Tradition ein.

Es geht um den Polizisten Choi Chung-Suk, der soeben die Ehrennadel erhalten hat. Doch kurz nach einer Feier zu Ehren seiner Auszeichnung, kommt es zu einem schweren Zwischenfall. Choi, der im Taxi, das ihn nachhause bringen sollte, eingeschlafen ist, wacht plötzlich auf und bemerkt, dass der Fahrer ihn ganz woanders hinfährt. Auf einer einsam gelegenen Wiese zückt der Fahrer auf einmal ein Messer. Bei dem Zweikampf tötet Choi seinen Angreifer. In Panik geraten, versucht Choi, den Zwischenfall zu vertuschen. Doch als die Leiche des Mannes mitten in der Stadt von einem Kran baumelt, scheint seine Vertuschungsaktion gescheitert zu sein. Verzweifelt setzt er alles daran, um die Ermittlungen auf eine andere Spur zu lenken.

Genauso beliebt wie der Polizeifilm sind in Südkorea Rachefilme. Leider führen die Rachemotive meistens dazu, dass sich die Handlung eines Films in komplexen Sachverhalten verheddert, sich die Spannung dadurch in übertriebenen Kitsch verwandelt. Und genau dies trifft auch auf „Chronicles of Evil“ zu. Die Handlung beginnt vielversprechend, und als der Antagonist zum ersten Mal auftritt, scheint es beinahe auf einen Serienmörderfilm hinauszulaufen. Doch Regisseur Baek Woon-Hak hat anderes im Sinn. Chois Vertuschungsaktion zieht ihn nicht etwa aus der Affäre, sondern bringt ihn mit einem unbekannten Mann zusammen, der mit ihm noch ein Hühnchen zu rupfen hat.

Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Choi, der vor Jahren einen Mordfall löste, bei dem mehrere Männer vergiftet wurden, wird von dieser Vergangenheit heimgesucht. Doch statt eines Katz und Maus-Spiels, das sich aus der Konstellation durchaus hätte ergeben können, triftet Regisseur Baek ab ins Drama, drückt bei einer der Hauptszenen ordentlich auf die Bremse, sodass der Schwung des Films flöten geht. Im Finale fängt es von einer Sekunde auf die andere plötzlich an wie aus Eimern zu schütten, so als wüsste sich der Regisseur sonst nicht anders zu helfen, wie er wieder etwas Spannung in den Film bringt.

Nein, „Chronicles of Evil“ überzeugt nicht. Baek Woon-Hak fährt mit seinem Erstling voll gegen die Wand. Er verhindert alles, um einen spannenden, wendungsreichen Film zu kreieren. So schafft er einen Thriller, in dem nicht viel passiert, in dem manche Szenen geradezu für sich stehen, ohne ein abgerundetes Ganzes zu ergeben. Somit beginnt das Kinojahr 2015 für Südkorea genauso wie 2014 aufgehört hat: mit schlechten Filmen.

The Tunnel oder Korea kann auch schlechte Filme produzieren

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Kinoposter zu „Tunnel“.

Für „The Tunnel“ oder auch bekannt als „Tunnel 3D“ wurde ordentlich die Werbetrommel gerührt. Aber mal wieder zeigt sich, dass – ähnlich wie in „Sector 7“ – man es mit einem absoluten Rohrkrepierer zu tun hat.

Südkoreas Filmproduzenten schaffen es nicht, 3D mit einer spannenden Story zu verbinden. Das zeigte sich bereits in dem oben genannten Horrorfilm „Sector 7“. „Tunnel“ spielt in einem alten Kohlebergwerk, das nach einem Unfall still gelegt wurde. Nun soll aus dem Areal eine luxuriöse Freizeitanlage gemacht werden. Ein Stollen des Bergwerks dient bereits als Disco. Eine Gruppe Freunde ist ebenfalls zu Einweihungsparty eingeladen. Ein verwirrter Mann, der auf der Party auftaucht, behauptet, ein Fluch würde auf dem Bergwerk liegen und alle würden sterben…

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Wer leuchtet, der findet. Aber leider keine spannende Handlung.

Bis dahin klingt ja die Story noch ganz gut. Doch dann konzentriert sich der Film auf die kleine Freundesgruppe, die dem Mann mitten im Wald nochmals begegnet und, als dieser eine von ihnen umbringen will, ihn kurzerhand erschlagen. Die Leiche verstecken sie in einem Stollen. Und dann verlaufen sich alle beim Rückweg. Tja und dann taucht natürlich ein obligatorisches Geistermädchen auf, das von einer der Frauen besitz ergreift.

Nun, der Film beginnt viel versprechend. Man ist der Meinung, ein koreanisches Remake des 80er Jahre Slashers „My Bloody Valentine“ vor sich zu haben. Doch leider nutzt Regisseur Park Gyu-Taek diese Chance nicht, um einen erstklassigen Teeny-Slasher zu kreieren. Die strikte Handlung wird immer wirrer und holpriger. Die Effekte sind unglaublich langweilig. Nein, „The Tunnel“ macht leider überhaupt keinen Spaß. Hier wurde eindeutig eine Chance vertan. Man könnte es auch als das missglückte Debut eines angehenden Regisseurs betrachten.

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Da kann man schon ins Grübeln kommen bei solch einem miserablen Film.

Mit unterhaltsamem Horrorkino hat das nichts mehr zu tun. Der Film beginnt einem ab spätetestens einem Viertel der Länge zu nerven und zu langweilen. Da helfen auch nichts die eingestreuten „My Bloody Valentine“-Zitate. Im Gegenteil, diese Zitate scheinen zu zeigen: seht mal, was wir hätten eigentlich machen können, aber nicht gemacht haben. Von uns erhält „Tunnel 3D“ eine glatte sechs.

 

No Tears for the Dead – Der neue Film von Lee Jeong-Beom

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No Tears for the Dead (2014); Kinoplakat

Vor wenigen Jahren bewies Regisseur und Drehbuchautor Lee Jeong-Beom, das er ein geschicktes Händchen für düstere Actionfilme hat. Sein Werk „Man from Nowhere“ war der erfolgreichste koreanische Film des Jahres 2010. Vier Jahre später versucht er nun, eines draufzusetzen. „No Tears for the Dead“ lautet der Titel, doch der Erfolg blieb etwas hinter „Man from Nowhere“ zurück.

Es geht um den Auftragskiller Gon, der bei einer Aktion ein kleines Mädchen erschießt und seitdem unter Gewissenkonflikten leidet. Er möchte seinen Job an den Nagel hängen, doch sein Boss lässt ihn nicht so einfach gehen. Einen letzten Auftrag gilt es zu erledigen. Ziel: Mo-Gyeong, eine Investment-Bankerin und zugleich Mutter des getöteten Mädchens. Angeblich ist sie im Besitz eines USB-Sticks, auf dem sich wichtige Geheimnummern für diverse Konten auf der ganzen Welt befinden. Doch statt die Frau zu ermorden, versucht er sie zu beschützen und nimmt es dabei mit einer Menge anderer Killer auf.

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No Tears for the Dead (2014); Alternatives Plakat

Killer mit Gewissenskonflikt, das hatten wir doch schon mal. „Man from Nowhere“ präsentierte so ziemlich denselben Charakter. Im Unterschied zu seinem Vorgänger ist „No Tears for the Dead“ jedoch weitaus brutaler und actionreicher in Szene gesetzt. Ganz klar, Lee wurde ein größeres Budget anvertraut. Das erlaubte ihm auch, Actionstars aus dem Ausland zu engangieren. Unter anderem Brian Tee, der aus den „Fast and Furious“-Filmen bekannt ist. Auch was Beleuchtung, Kameraarbeit und Aufwand betrifft, ragt Lees zweiter Wurf über „Man from Nowhere“ deutlich hinaus. Hervorragend inszenierte Shoot outs, gut gemachte CGI-Explosionen – und (fast) alles in überaus düsteren, dunkelblauen Farben.

Leider ist die Schlusssequenz, in der sich Lee unerwartet auf den klassischen koreanischen Gangsterfilm bezieht, keine gelungene Abrundung des Ganzen. Im Gegenteil, hiermit kreiert Lee einen klaren Dämpfer, denn beides passt nicht zusammen. Ob dies von Lee selbst so gewollt war oder die Produzenten ihm diesen Schluss aufgezwungen haben, muss offen bleiben. Das Resultat ist jedenfalls alles andere als gelungen. Schade, wäre dieses kitschige Anhängsel nicht, so hätte Lee seinem Film mit dem eigentlichen Schluss ein Ende verpasst, dass nicht nur ästhetisch einwandfrei, sondern auch in symbolischer Hinsicht kaum zu überbieten gewesen wäre.

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In „No Tears for the Dead“ dominieren dunkelblaue Farben.

Lee Jeong-Beom kann als Auteur des modernen koreanischen Actionfilms bezeichnet werden. Mit seinem zweiten Killer-Film setzt er das Thema von „Man from Nowhere“ auf furiose Art fort. Zwischen äußerster Brutalität und bloßen Andeutungen schwankend, setzt er extreme Eckpunkte, welche das derzeitige Actionkino Südkoreas bestimmen. Man darf gespannt sein, ob Lee zu einer weiteren visuellen Steigerung fähig ist.

Zum Schluss noch ein Wort zum Titel. Die Übersetzung des Originaltitels lautet „Weinender Mann“ (d.h. der internationale Verleihtitel müsste eigentlich „Crying Man“ lauten). Da jedoch der 80er Jahre Klassiker „Crying Freeman“ von Christophe Ganz und Brian Yuzna eine in Grundzügen ähnliche Geschichte erzählt, wurde anscheinend bewusst ein anderer Titel gewählt.

 

 

 

The Divine Move – Film Noir aus Südkorea

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The divine Move (2014). Originalkinoplakat.

Regisseur Jo Bum-Gu haben wir noch in Erinnerung durch seinen Actionfilm „Quick“ (2010), der in Ansätzen nostalgisches 80er Jahre Actionkino immitierte, aber darüber hinaus absolut nichts bot. Um so interessanter ist es daher, dass Jo nun mit „The Divine Move“ einen erstklassigen Gangsterfilm im Stil des Film Noir vorlegt.

Es geht um den Go-Spieler Tae-Suk, der es sich bei einem Spiel mit dem Gangsterboss Sal-Soo verscherzt. Sal-Soo tötet daraufhin Tae-Suks Bruder, stellt es aber so hin, dass Tae-Suk als Mörder in Frage kommt. Prompt wird Tae-Suk für sieben Jahre ins Gefängnis gesteckt. Dort sinnt er nach Rache. Er entwickelt einen Plan, wie er es Sal-Soo heimzahlen kann.

Nie wurde das Spiel Go interessanter und cooler dargestellt als in „The Divine Move“. Das doch eher langsame Spiel, das in Südkorea genauso beliebt ist wie hierzulande Schach, wird zu einem kniffligen Potpouri aus Taktik und hinterlistigen Tricks. Die Kamera fängt dabei das Spielbrett und die gesetzten Steine auf eine geradezu stylische Weise ein. Hinzu kommen die Protagonisten bzw. Antagonisten, die in schicken Anzügen lässige Miene zum bösen Spiel machen. Dunkle Farben und tiefe Schatten beherrschen Jo Bum-Gus neuen Spielfilm, der Anfang Juli in die koreanischen Kinos kam und schon jetzt zu den erfolgreichsten Filmen in diesem Jahr zählt. Die einzelnen Spiele sind schnell geschnitten, stets versetzt mit Parallelmontagen, um dem Konflikt auf dem Spielbrett eine gewisse Tiefe zu verleihen. Immerhin geht es hier nicht bloß ums Gewinnen oder Verlieren, sondern um Leben oder Sterben.

Um seine Rache durchzuführen, versammelt Tae-Suk nach und nach eine kleine Gruppe skurriler Typen um sich. So den blinden Go-Meister „The Lord“ oder den gewieften Trickspieler „Tricks“. Die Figuren verleihen der Handlung fast schon einen mystischen Charakter. Man ist beinahe geneigt, manche Sequenzen in die Kategorie Mystery-Thriller zu stellen. Aber auch das gehört bekanntlich zum Stil des Film Noir.

Jo Bum-Gu hat gelernt. Die Action dient nicht mehr um der Action willen, sondern ist hervorragend in die Handlung integriert. Speziell der Höhepunkt, wenn Sal-Soo seine Leute auf Tae-Suk hetzt, ist gekonnt in Szene gesetzt. „The Divine Move“ dürfte bei den kommenden koreanischen Filmfestivals nicht ohne Preise nachhause gehen. Kamera, Beleuchtung und nichtzuletzt ein sehr gutes Essamble machen den Film zu einem wahren cineastischen Genuss.

 

Mourning Grave – Neuer Schoolhorror aus Korea

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Mourning Grave (2014). Kinoplakat.

Eigentlich dachte man, die Schoolhorrorfilme aus Südkorea wären längst in Vergessenheit geraten. Die Überraschung war daher groß, als Anfang Juli der Film „Mourning Grave“ in die koreanischen Kinos kam. Die internationale Erstvorführung gab es bereits bei den Filmfestspielen in Cannes. Erzählt wird darin die Geschichte des Schülers In-Su, der die Fähigkeit, Geister zu sehen, besitzt. Diese Fähigkeit liegt quasi in der Familie, denn auch sein Onkel kann mit Geistern kommunizieren. Um diesem Fluch zu entkommen, zieht In-Su von Seoul zu seinem Onkel aufs Land. Doch bereits bei seiner Ankunft in dem kleinen Ort geschehen seltsame Dinge. Auf der neuen Schule, die er besucht, setzt zudem eine berüchtigte Schlägergruppe diverse Mitschüler unter Druck. Nach und nach werden die Mitglieder dieser Clique brutal ermordet…

Die Mischung aus Mystery und Horror scheint dieses Jahr Programm zu sein. Bereits die Low Budget-Produktion „A Touch of Unseen“, welche die Horrorsaison 2014 in Südkorea eröffnete, war ein Mix aus beiden Genres. „Mourning Grave“ setzte diese Linie fort. Um es kurz zu machen: Der Film gefällt. Die Handlung geht zügig voran. Die Farbgebung orientiert sich interessanterweise wie auch schon „A Touch of Unseen“ an den skandinavischen Thrillern. Ein kühles Weißblau schimmert überall hindurch und verschafft dem Film dadurch eine tolle Atmosphäre aus Melancholie und Verlorensein.

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Eine Szene aus „Mourning Grave“.

Schön gelingt es Regisseur Oh In-Cheon seinen Film immer wieder durch einzelne Gags aufzulockern. Auch die Deathscenes sind bespickt mit einem Hauch schwarzen Humors. Allerdings besitzt „Mourning Grave“ gegen Ende hin einen Durchhänger, der die Handlung leicht in den Kitsch überführt. Die Schlusssequenz aber macht dies wieder durch ihren ironischen Gruselfaktor wett.

Wie auch alle anderen Schoolhorrorfilme, so handelt es sich auch hier um einen Film, der vor allem für ein weibliches Publikum gedreht wurde. Dies ergibt sich nicht nur aus der Handlung, sondern nichtzuletzt aus der genauen Übersetzung des Titels. Dieser lautet nämlich „Sonyeogeodam“, was soviel wie „Geistermädchengeschichte“ bedeutet. Man ist leicht dazu geneigt, zu behaupten, dies sei ein Teil der „Yeogeodam“-Reihe, deren letzter Teil „A Blood Pledge“ 2005 in die Kinos gekommen war. Doch ganz in diese Reihe lässt sich der Film nicht einordnen. Dafür ist er zu eigenwillig umgesetzt. Insgesamt aber ist „Mourning Grave“ solider Schoolhorror, der durchaus seine gruseligen Momente besitzt. Ob der Film seinen Weg nach Deutschland finden wird, muss sich erst noch zeigen. Da die letzten beiden „Yeogodam“-Filme ebenfalls keinen deutschen Verleih gefunde haben, stehen die Chancen eher schlecht.

A Touch of Unseen – Koreas Horrorfilm-Saison beginnt „Low“

Nachdem im vergangenen Jahr Südkoreas Filmindustrie K-Horror mit ein paar bemerkenswerten Filmen reanimierte („Killer Toon“ und der schwarzhumorige Thriller „Doctor“ gehören zu den besten Filmen, die das Genre bisher hervorgebracht hat), waren wir natürlich gespannt, wie es dieses Jahr damit weitgehen würde. Anfang Mai war es dann endlich soweit. Auf dem Jeonju International Film Festival hatte „A Touch of Unseen“ seine Weltpremiere.

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A Touch of Unseen (Gwi-Jeob, 2014). Offizielles Kinoplakat.

Der Originaltitel lautet „Gwi-Jeob“, was in etwa „Von einem Geist besessen“ bedeutet. Regie führte Lee Hyeon-Cheol, der mit dieser Produktion sein Debut feiert. Erzählt wird die Geschichte zweier Schwestern, die von einem Geist heimgesucht werden. Die Heimsuchung erfolgt jedoch auf eine sehr heimtückische Weise. Denn der Geist vergewaltigt die Frauen, während sie schlafen. Um allem noch einen Hauch von Suspense zu verleihen, würzt Lee seinen Erstling mit einem Stalker, welcher die jüngere Schwester verfolgt.

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A Touch of Unseen (Szenenfoto)

Für Lees Debut stand nicht viel Geld zur Verfügung. Um genau zu sein, das Budget war so niedrig, dass nicht einmal Geld für genügend Scheinwerferlicht vorhanden war. Die Wohnungen der beiden Schwestern gleichen sich so sehr, dass man geneigt ist, zu vermuten, die Szenen seien in ein und derselben Wohnung gedreht worden. Doch Lee macht aus der Not eine Tugend. Das geringe Budget, das unweigerlich mit einer geringen Ausstattung verbunden ist, benutzt der junge Regisseur, um sozialkritische Statements einzuweben. Die Wände der Wohnungen sind kahl und vermitteln dadurch eine deprimierende Leere. Die kleinen Esstische wirken wenig einladend. Lee skizziert damit eine soziale Kälte, die sich bis hinein in die Privatleben der Individuen erstreckt. Auch die überlange Liebesszene zwischen der jüngeren Schwester und ihres damaligen Freundes und jetzigen Stalkers wirkt alles andere als erotisch. Vielmehr zeigt sich auch hier eine soziale Kälte, eine vollkommene Lieblosigkeit. Die Protagonisten wirken völlig verloren. Eine auf diese Weise kreierte Sozialkritik hat es im bisherigen modernen koreanischen Kino noch nicht gegeben. Es scheint fast so, als habe sich Lee Hyeon-Cheol an den düsteren skandinavischen Thrillern orientiert.

Stellenweise erscheint die Optik des Films ein wenig unbeholfen. In manchen Szenen klammert sich Lee an die Kameraarbeit des Thrillers „Hide and Seek“, der vergangenes Jahr für eine sensationelle Überraschung sorgte. Gleichzeitig schimmert die Atmosphäre der Horrorfilme der 70er Jahre durch, in denen es nicht selten um Besessenheit ging. Dies spiegelt sich auch in der Filmmusik wider. Es ist kaum zu glauben, doch „A  Touch of Unseen“ dürfte der erste koreanische Horrorfilm sein, in dem psychedelische Musik verwendet wurde. Der Soundtrack ist überaus interessant und versetzt den Zuschauer beinahe in Trance.

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A Touch of Unseen (Szenenfoto)

Die Frage, die man sich nun stellen kann, lautet, aus welchem Grund man eine Low Budget-Produktion für die „Saison-Eröffung“ ins Rennen schickte. Der Grund dürfte folgender sein: vergangenes Jahr waren es vor allem Low Budget-Produktionen, die für viel Diskussionen sorgten und überraschende Erfolge einfuhren. Neben „Hide and Seek“ war „The Terror Live“ ein grandioser Wurf eines Regieneulings. Wahrscheinlich wollte man auf diesen Erfolgen aufbauen. Doch kann man jetzt schon sagen, dass „A Touch of Unseen“ ein solcher Erfolg nicht vergönnt sein wird. Dafür geschieht zu wenig, dafür ist der Film zu ruhig und dafür ist Lees Arbeit zum Großteil zu TV-lastig.

Dennoch ist dieser Film sehenswert und wird einen gewissen, wenn auch kleinen, Erfolg für sich verbuchen können.

Moebius – Kim Ki Duks neuer Skandalfilm

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Kinoplakat zu „Moebius“.

Kim Ki Duk ist in Südkorea das, was man als ein enfant terrible bezeichnet. Seine Filme ecken an. Viele Zuschauer fühlen sich von seinen Werken abgestoßen, während andere diese nicht genug würdigen können. Mit seinem letzten Film „Moebius“, dessen deutscher Verleihtitel mit „Moebius, die Lust, das Messer“ nicht hätte holpriger sein können, hätte er sich beinahe selbst ein Bein gestellt. Die koreanische Filmbehörde wollte seinen Film verbieten. Kim war dadurch gezwungen, sein Werk um ca. zwei Minuten zu kürzen. Die internationale Version ist wiederum ungekürzt. In Deutschland erhielt sie das FSK-Siegel 18.

Mit „Moebius“ legt der koreanische Regisseur einmal mehr einen Film vor, der vollkommen ohne Dialoge auskommt. Er erzählt darin die skurrile Geschichte einer Familie aus dem Mittelstand, deren Leben durch eine Affäre des Mannes aus den Fugen gerät. Als seine Frau davon mitbekommt, schneidet sie kurzerhand ihrem Sohn den Penis ab, bevor sie das Haus verlässt. Sein Vater beschließt, sich chirurgisch ebenfalls sein Glied entfernen zu lassen, um es seinem Sohn annähen zu lassen. Bis dies gelingt, ist sein Sohn dem Spott seiner Mitschüler ausgesetzt. Verzweifelt sucht er nach Möglichkeiten zur sexuellen Befriedigung. Einen solchen Weg scheint ein Artikel im Internet zu zeigen, indem davon die Rede ist, sich mit einem Stein Schmerzen zuzufügen. So gehen sowohl Vater als auch Sohn diesen bizarren Weg und haben dabei tatsächlich Erfolg. Der Sohn kostet diese Art der Befriedigung bis ins Extreme aus, als er feststellt, dass ihm auch ein Messer, das eine Ladenbesitzerin aus Rache ihm in den Rücken sticht, sexuelle Erfüllung bringt. All dies ändert sich jedoch, als einige Zeit später es tatsächlich zu der Penistransplantation kommt. Von da an ist der Sohn impotent. Erst als seine Mutter zurückkehrt, kehrt seine Lust zurück.

Im Gegensatz zu „Pieta“, das man als Kim Ki Duks bisheriges Meisterwerk bezeichnen kann, fällt „Moebius“ weit hinter diesen Film zurück. Zu sehr ist es offensichtlich, dass Kim auf Provokation aus gewesen ist. Die Geschichte, die von Sadomasochismus bis hin zu Inzest alles enthält, besitzt zwar durchaus auch ihre komischen Seiten. Doch helfen diese nicht wirklich, über das irgendwie Plakative hinwegzutäuschen.

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Kinoplakat zu Kim Ki Duks „Seom“.

Bereits in seinem früheren Werk „Seom“ beschäftigte sich Kim mit SM, indem er eine surreale Liebesgeschichte zwischen einem Polizisten und einer Herbergsbesitzerin erzählte. Dort strapazierte Kim die Nerven der Zuschauer vor allem durch die bekannt gewordene Szene, in welcher sich die Frau Angelhaken einführt. Während „Seom“ jedoch eine surreale Ästhetik aufweist, versucht sich Kim Ki Duk in „Moebius“ lediglich im Aneinanderreihen verstörender Ideen. „Moebius“ scheint einmal mehr einen Regisseur zu zeigen, der soeben ein Meisterwerk abgeliefert hat und nun selbst weiß, dass er an dieses Niveau nicht mehr herankommen wird.

Gut, das Thema Sexualität in sämtlichen Spielformen durchzieht das gesamte Werk Kim Ki Duks. Selbst sein Film „Amen“ beinhaltet dies als zentrales Thema. Dieser Film kommt  wie „Moebius“ und „3-Iron“ so gut wie ohne Dialoge aus. Es geht darum, dass eine junge Frau ihren Freund in Paris besuchen möchte. Doch erscheint er nicht zum Treffpunkt. Stattdessen erhält sie immer wieder andere Adressen, an denen sich ihr Freund aufhalten soll. Auf ihrer Suche wird sie ständig von einem Mann verfolgt, der eine Gasmaske trägt. Diese nette Anspielung an den Horrorfilm der frühen 80er Jahre, verwebte Kim in eine mystisch angehauchte Geschichte. Im Zug wird sie von diesem mysteriösen Mann vergewaltigt. Als sie merkt, dass sie schwanger ist, möchte sie zunächst das Kind abtreiben lassen, kommt dann aber zunehmend in Gewissenskonflikte. „Amen“ wurde komplett mit einer einfachen Handkamera gedreht. Der Ton wurde nicht nachbearbeitet, sodass ständig das Klappern der Kamera zu hören ist, wenn Kim Ki Duk diese bewegt.

Doch eine solche Originalität sucht man in „Moebius“ vergeblich. In der Tat scheint es sogar so zu sein, dass sich Kim von dem überaus kontroversen Film „Visitor Q“ (2001) des japanischen Kultregisseurs Takeshi Miike hat beeinflussen lassen. Auch dort spielen die Themen Inzest und andere außergewöhnliche Befriedigungsarten eine wesentliche Rolle, wobei Miike noch einen Schritt weiter geht, indem er Nekrophilie  mit aufnimmt. Während „Visitor Q“ mehrfach Preise erhielt, ging Kim Ki Duk mit „Moebius“ bisher leer aus.

In all seinen Filmen durchleuchtet Kim die moderne koreanische Gesellschaft. Er zeigt ein Bild aus Gewalt, Perversion und Egoismus. Seine Werke sind von unterschiedlicher Stärke (und es wäre schlimm, wenn ein Regisseur stets gleichwertige Filme schaffen würde). „Moebius“ gehört hier eher zu den schwachen Arbeiten des Meisters, der so gerne die koreanische Filmindustrie kritisiert und manchmal aus Protest Preisverleihungen fern bleibt.

Hwayi – Ein bemerkenswerter Thriller aus Südkorea

Hwayi (Kinoplakat)

Hwayi – A Monster Boy lautet der neueste Thriller, der im Herbst in Korea in die Kinos gekommen ist. Besuchten die Zuschauer die Vorstellungen zunächst eher zögerlich, so entwickelte sich der Film mit inzwischen etwas mehr als 3 Millionen Besuchern zu einem Kassenmagnet. Der englische Unterttitel „A Monster Boy“ ist etwas unglücklich gewählt. Es handelt sich um keinen Horror- oder Mystery-Thriller. Regisseur Jang Joon-Hwan liefert mit seinem neuesten Werk einen ultraharten Gangsterthriller ab.

Erzählt wird darin die Geschichte des Jungen Hwayi, der als Kind von fünf Gangstern entführt und danach von ihnen aufgezogen wurde. Allerdings besuchte Hwayi nie eine Schule. Die fünf „Väter“ brachten ihm kriminelle Handfertigkeiten bei, erzogen ihn zum Scharfschützen und Fahrprofi. Eines Tages überfallen die fünf Gangster das Haus eines Immobilienmaklers. Hwayi wird gezwungen, den Mann zu erschießen. Nach und nach bekommt Hwayi heraus, dass er seinen eigenen Vater erschossen hat. Hwayi beschließt, an seinen fünf Vätern Rache zu nehmen.

Hwayi (alternatives Werbeplakat)

Es ist erstaunlich, dass der Hauptdarsteller des Films gerade einmal 16 Jahre alt ist. Er spielt die Rolle des Jungen absolut überzeugend und stellt dabei beinahe sämtliche Profidarsteller in den Schatten. Seine überragende Darstellungsweise brachte ihm im November auch den Blue Dragon Award als bester neuer Darsteller ein. Einen zweiten Award erhielt Hwayi für die beste Filmmusik.

Regisseur Jang beginnt den Film wie einen der üblichen koreanischen Gangsterfilme, sodass man zunächst an der Originalität des Werkes zweifelt. Immerhin wird der koreanische Filmmarkt davon regelrecht überflutet, egal ob als Thriller oder Komödie. Auch dass Jang aus dem Gangsterfilm eine Rachestory werden lässt, lässt Hwayi zunächst nicht aus der Flut an für den koreanischen Filmmarkt typischen Racheplots herausragen. Was den Film schließlich interessant und packend macht, ist der interne Konflikt, der hier auf zwei Ebenen stattfindet. Zum einen innerhalb der Gruppe der Gangster, zum anderen in Hwayi selbst, nachdem er seine wahre Identität erkannt hat. Diesen Konflikt baute Jang radikal aus und zog jede Menge Make up-Effektler heran, welche die Brutalität von Hwayis Rache drastisch in Szene setzten. Halb klassisches Drama, halb postmodernes Actionkino zieht der Film fast sämtliche Register, wobei er angenehm altmodische 80er Jahre Shoot outs zitiert und hin und wieder ironische Seitenhiebe auf die korrupte Immobilienbranche Koreas macht.

Hwayi liefert einen gelungenen Abschluss für das koreanische Kinojahr 2013, das mit durchaus positiven Überraschungen aufwartete. Es bleibt zu hoffen, dass der Film bald auch in Deutschland veröffentlicht wird.