FuBs Klassikbox: Die Reise zum Mittelpunkt der Erde (1959)

Die Dinos haben Hunger; „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1959); © 20th Century Fox

„Halt den Mund, Weib, sonst drehen wir die Szene zehn weitere Male!“, soll James Mason zu Arlene Dahl gesagt haben, die während des Drehs auf einem Floß Angst vor dem vielen Wasser bekommen hatte, mit dem die Crew die Schauspieler bespritzte. Die Aufnahme übernahm Regisseur Henry Levin in die Endfassung seines neuesten Films, wobei das, was Mason sagte, natürlich mit einem anderen Satz überspielt wurde.

Mit dem neuesten Film war „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ gemeint. Nach dem Welterfolg von „20.000 Meilen unter dem Meer“ (1954) zählt Henry Levins Adaption ebenfalls zu den absoluten Klassikern von Jules Verne-Verfilmungen. Auch wenn sich der Film nicht ganz an die literarische Vorlage hält, so ist sie dennoch eine wunderbare Mischung aus Abenteuer- und Science Fiction-Film.

Wohin führt dieser Weg?; „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1959); © 20th Century Fox

Wie der Titel bereits sagt, geht es um eine Expedition ins Innere der Erde. Oliver Lindenbrook erhält von seinem Studenten Alec einen Lavastein, in dem sich ein Senkblei befindet. Auf dem Objekt befindet sich eine Botschaft des schwedischen Gelehrten Arne Saknussemm, der vor 300 Jahren spurlos verschwunden ist. Alecs Fund nimmt Lindenbrook zum Anlass, selbst den Mittelpunkt der Erde aufzusuchen. Zusammen mit Alec, der Witwe Carla Goetaborg und dem Isländer Hans machen sie sich auf den Weg …

„Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ ist überaus spannend in Szene gesetzt und fasziniert jedes Mal aufs Neue mit seinen wundervoll gestalteten Kulissen. Die Salzwüste mit den sonderbaren Wurzeln, die Kristallhöhle oder – am wohl berühmtesten – der Wald aus Riesenpilzen, all das begeistert immer wieder – und natürlich der unterirdische Ozean, auf dem Arlene Dahl ihre Panikattacke bekommen hat (gedreht wurde in einem Pool). Natürlich kommen dabei auch der Humor und die Action nicht zu kurz – hierbei darf man den rollenden Felsen nicht verschweigen, auf den Spielberg später in „Indiana Jones“ nochmals Bezug nahm. Nicht zu vergessen die Leguane, die mit den aufgeklebten Rückenschildern als Dinosaurier herhalten mussten.

Eigentlich hätte der berühmte Schauspieler Clifton Webb die Rolle des Oliver Lindenbrook übernehmen sollen (vom Aussehen her hätte er wunderbar in die Rolle gepasst), doch wurde er kurz vor Beginn der Dreharbeiten schwer krank. Aus dem Grund engagierte Henry Levin James Mason, der zuvor bereits Kapitän Nemo in „20.000 Meilen unter dem Meer“ gespielt hatte und somit bereits Jules Verne-erprobt war. Alec wurde von dem Sänger Pat Boone dargestellt, der damals fast genauso bekannt wie Elvis war. Arlene Dahl, die Carla Goetaborg spielt, galt damals als eine der schönsten Frauen. Der schwedische Zehnkämpfer Peter Ronson spielte den Isländer Hans – es war sein einziger Ausflug ins Filmgeschäft. Trotz weiterer Rollenangebote konzentrierte er sich danach wieder auf den Sport. Nicht vergessen darf man den eigentlichen Star des Films, die Ente Gertrud, die im Roman zwar nicht vorkommt, aber für viele heitere Momente sorgt.

„Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ wurde wie auch schon „20.000 Meilen unter dem Meer“ zu einem Riesenerfolg. Zudem war er mehrfach für den Oscar nominiert, erhielt jedoch keine der Trophäen.

Horror de Luxe: The Asphyx (1972)

Cunningham (Robert Stevens) und sein Adoptivsohn Giles (Robert Powell) beim Experiment. „The Asphyx“ (1972); © Ostalgica/BBC

Die Hammer-Film-Productions waren gerade im Niedergang, als es David Leans Kameramännern einfiel, einen Horrorfilm im Stil von Hammer zu kreieren. Das Ergebnis war die außergewöhnliche Produktion „The Asphyx“, in England ein Klassiker, in Deutschland so gut wie unbekannt.

Der Film handelt von Sir Hugo Cummingham, der Ende des 19. Jahrhunderts mit seiner Kamera herumexperimentiert. Er ist Mitglied einer parapsychologischen Gesellschaft, die das Übernatürliche wissenschaftlich erfassen möchte. Auf mehreren seiner Fotos, auf denen sterbende Menschen zu sehen sind, entdeckt Cummingham einen sonderbaren dunklen Fleck. Sofort ist das makabre Interesse des Hobby-Wissenschaftlers geweckt und er beschließt, weitere Fotos von Menschen zu machen, die gerade im Sterben liegen.

Als er eine Hinrichtung filmt, kommt es zu einem unheimlichen Zwischenfall. Durch den Lichtverstärker, den Cummingham benutzt, ist plötzlich ein unheimliches Wesen zu sehen, das sich dem Verurteilten nähern möchte. Cummingham kommt auf die Idee, bei der nächsten Gelegenheit, ein solches Wesen zu fangen. Doch hat er nicht mit den Konsequenzen gerechnet, die seine Aktion mit sich bringt …

„The Asphyx“ ist ein unglaublich origineller Film, der in gewisser Weise Steampunk mit den Elementen des Gothic Horror mischt. Dabei schreitet die Handlung rasant voran, ein Zwischenfall folgt dem nächsten – und parallel dazu nimmt ein weiteres, damit verbundenes Drama seinen unheilvollen Lauf: denn Cunningham zerstört durch seine Experimente mehr und mehr das Glück seiner Familie.

Sowohl Peter Newbrook, der Regie führte, als auch Freddie Young, der hinter der Kamera stand, gehörten zur Stammcrew des berühmten Regisseurs David Lean. Was beide dazu gebracht hat, gemeinsam einen Horrorfilm zu drehen, sei einmal dahingestellt. Das Ergebnis lässt sich allerdings sehen. Die ungewöhnliche Thematik des Films umgibt die Handlung mit einem morbid-düsteren Unterton.

Nicht, dass der Film brutal wäre. Es geht um das Spiel mit grundlegenden moralischen Empfindungen und um die Diskussion um moralische Werte an sich. Was darf man, was nicht – im postmodernen Horrorkino rückte diese Fragestellung und ihre unterschiedliche Betrachtungsweise ins Zentrum der Handlung. So auch bei „The Asphyx“. Zwar ist es bei Cummingham zunächst rein wissenschaftliche Neugier, mit der er sein Handeln rechtfertigt, doch auch in der Wissenschaft stellt sich die oben genannte moralische Frage.

„The Asphyx“ wird dadurch zu einem überraschend tiefgründigen Film, der diese Tiefe mit einer überaus unterhaltsamen und spannenden Handlung verbindet. Erst 1988 kam der Film in Deutschland auf Video heraus. Kurz: sehr sehenswert.

FuBs Klassikbox: Flucht ins 23. Jahrhundert (1976)

Logan 5 (Michael York) und Jessica 6 (Jenny Agutter) auf der Flucht; „Logan’s Run“; © MGM

Eigentlich sollte der Roman „Logan’s Run“ bereits 1969 verfilmt werden. George Pal, der mit Filmen wie „Wenn Welten zusammenstoßen“ (1951) und „Die Zeitmaschine“ (1960) nicht nur extrem erfolgreiche Filme produziert hatte, sondern dadurch auch in die Filmgeschichte einging, hatte die Rechte des Romans der beiden Autoren William F. Nolan und George Clayton Johnson erworben. Allerdings zerstritt er sich mit diversen Drehbuchautoren, die alle die Story anders konzipieren wollten als Pal, sodass das Projekt letztendlich zu den Akten gelegt wurde.

Jahre später erwarb die Produktionsfirma MGM die Rechte, um von der Science Fiction-Welle weiter profitieren zu können. Obwohl sich Roman und Film sehr unterscheiden, ist das Grundthema einer ewig jungen Gesellschaft gleich. Regie führte Michael Anderson, der ein Jahr zuvor mit „Doc Savage – Der Mann aus Bronze“ einen solchen Flop hinlegte, dass sich der oben erwähnte George Pal, der den Film produziert hatte, nach und nach aus dem Filmgeschäft zurückzog.

„Logan’s Run“ oder „Flucht ins 23. Jahrhundert“, wie der deutsche Titel lautet, war ein enormer Erfolg. Bei Kosten von neun Millionen Dollar spielte er 25 Millionen Dollar ein, trotz schlechter Filmkritiken. Die Handlung spielt im Jahr 2274. Nach einer globalen Seuche, welche ein Großteil der Menschheit vernichtet hat, leben die übrigen Menschen in einer mit Glaskuppeln überdachten Stadt. Für alle Belange des Lebens ist bestens gesorgt. Allerdings dürfen die Einwohner nicht älter als 30 Jahre werden. Um dies zu kontrollieren, wird jedem Menschen eine Lebensuhr implantiert, die anfängt zu blinken, wenn die Zeit abgelaufen ist.

Diese Menschen kommen zur „Erneuerung“ ins sog. Karussell, wo sie während eines Rituals getötet werden. Menschen, die sich diesem Ritual entziehen, werden als Läufer bezeichnet und von den sog. Sandmännern gejagt und getötet. Logan 5 ist ein solcher Sandmann. Ebenso sein Freund Francis 7. Doch als Logan 5 eines Tages ein kreuzförmiges Symbol findet, das der Großcomputer, der die Stadt und das Leben darin steuert, als ein Hinweis auf einen Ort namens Zuflucht identifiziert, gibt er Logan 5 den Auftrag, nach diesem Ort zu suchen. Dabei muss er sich als Läufer tarnen, was wiederum die Sandmänner auf ihn hetzt. Zusammen mit Jessica 6, die Mitglied einer geheimen Gruppe von Läufern ist, versucht Logan 5 nicht nur Die Zuflucht zu finden, sondern auch vor den Sandmännern, allen voran Francis 7, zu entkommen.

Das Ritual der Erneuerung beginnt; „Logan’s Run“ (1976); © MGM

Damals wurde „Logan’s Run“ wegen seiner erstklassigen Kulissen gelobt – sogar die ärgsten Kritiker konnten nicht anders, als diese positiv zu beurteilen. Die Kritiken bezogen sich daher auf den Umstand, dass die Handlung auf Kosten der Action und der Spezialeffekte zu oberflächlich bleibt.

Dennoch greift der Film ein Thema auf, das heute nicht weniger aktuell ist wie damals. Es geht darum, den Tod aus der Gesellschaft auszublenden und darum, ewig jung zu bleiben. Die beiden Autoren Nolan und Johnson betrachteten ihre Idee als eine Art Satire auf die Hippie-Bewegung, die Ende der 60er Jahre voll im Gange war. Der Film geht in dieser Hinsicht einen Schritt weiter, indem er – in Ansätzen – auf das Thema Schönheits-OPs verweist, mit dem sich die Bewohner der Stadt ein anderes Aussehen verschaffen können.

Cover der im Heyne Verlag 1977 erschienenen Übersetzung

Dadurch wirkt der Film nicht weniger aktuell als damals, versuchen doch auch heute mehr und mehr Menschen, sich durch solche OPs zu verändern oder auch zu „verjüngen“. Jugendlichkeit ist sozusagen zum Zwang geworden, der nicht nur von der Werbung propagiert wird, sondern z.B. auch die Voraussetzung für eine erfolgreiche Stellensuche ist. In diesem Sinne ist auch die Gesellschaft in der Zukunftsstadt keineswegs frei, sondern unterliegt einem Zwang, der sogar zu einer Beschränkung ihrer Lebenszeit führt.

„Logan’s Run“ wird damit zum typischen Vertreter der sozialkritischen SF der 70er Jahre und ist aufgrund seines stylischen Designs zugleich ziemlich untypisch dafür. Der Film scheint selbst aus einer eher späteren Zeit zu stammen und man muss sich jedes Mal vergegenwärtigen, dass er im Jahr 1976 produziert wurde. Das macht „Flucht ins 23. Jahrhundert“ zu einem der faszinierendsten Filme der 70er Jahre.

Durch den Erfolg des Films motiviert, schrieben Nolan und Johnson zwei Fortsetzungsromane. Seit dem Jahr 2000 ist immer wieder von einem Remake die Rede, bisher wurde das Projekt jedoch nicht weiterverfolgt.

FuBs Klassikbox: Convoy (1978)

Zwei Trucker nehmen Sheriff Lyle in die Mangel; „Convoy“ (1978); © Weltkino

Regisseur Sam Packinpah war bereits durch seine Drogen- und Alkoholsucht ziemlich angeschlagen, als er mit den Dreharbeiten von „Convoy“ begann. Er brauchte unbedingt einen Kassenschlager, da seine vorangegangenen Filme gefloppt waren. Also wandte er sich dem Genre zu, in dem er sich am besten auskannte, dem Western, nur dass er statt Cowboys auf Pferden Trucker in ihren riesigen Lastwagen auf der Leinwand erscheinen ließ.

Es geht um den Truckfahrer Rubber Duck, der von dem paranoiden Sheriff Lyle jedes Mal verfolgt wird, wenn Rubber Duck durch Arizona fährt. Dieses Mal geht Lyle zuweit, als er den schwarzen Fernfahrer Spider Mike wegen Vagabundierens ins Gefängnis stecken möchte. Angeführt von Rubber Duck schließen sich immer mehr Trucker dem Konvoi an, um gegen die Willkür der Polizei anzukämpfen. Die Polizei aber lässt nicht locker und der Konflikt eskaliert.

Der erhoffte Erfolg stellte sich, trotz zahlreicher schlechter Kritiken, tatsächlich ein. Mit Produktionskosten von 12 Millionen Dollar zählte „Convoy“ damals zu den teuersten Filmen. An den Kinokassen spielte er das Vierfache ein. Dennoch wurde Packinpah nachträglich von dem Projekt ausgeschlossen und verlor auch sämtliche Rechte daran.

Der Grund lag in der ersten Schnittfassung von über 200 Minuten. Die Produktionsfirma war damit alles andere als einverstanden und engagierte einen neuen Cutter, der den Film auf knapp 100 Minuten kürzen sollte. Packinpah fand die geschnittene Fassung schrecklich. Die meisten Kritiker mochten „Convoy“ ebenfalls nicht, da sie mit dem Film nichts anzufangen wussten. Heute sieht dies ganz anders aus. „Convoy“ zählt inzwischen zu den Filmklassikern.

Rubber Duck (Chris Kristofferson) und Melissa (Ali MacGraw); „Convoy“ (1978); © Weltkino

Er ist eine großartige Mischung aus Drama, Actionfilm und Satire, wobei sich die satirischen Elemente auf die Regierung und die Polizei beziehen. Während der Senator von Arizona den Konvoi für Wählerstimmen nutzen möchte, verhält sich die Polizei wie ein Haufen debiler Rassisten. Die Actionsequenzen sind großartig in Szene gesetzt: ob nun ein Truck auf einer Kreuzung umkippt, ob zwei Trucks ein Polizeiauto in die Mangel nehmen oder ob sie eine Kleinstadt zertrümmern, was Packinpah zeigt, ist erstklassiges Actionkino.

Dabei bleibt der Film keineswegs oberflächlich, sondern zeigt anhand des Konflikts, dass es in den USA in Sachen Freiheit und Selbstverwirklichung nicht weit her ist. Die Ideale werden von Regierung und Behörden im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten, nur um ihre Macht zu zeigen. Willkür und Bestechlichkeit ist bei den Beamten an der Tagesordnung. Packinpah stülpt den USA sozusagen das Image eines Entwicklungslandes über. Eine solche Kritik wünscht man sich auch in heutigen Großproduktionen, doch leben wir nun mal in einer Zeit, in der sich niemand mehr etwas traut und alles nur noch auf Kommerz abzielt. Doch eigentlich war es früher nicht anders. Denn auch dieser Kritikpunkt findet sich in „Convoy“ wieder, indem die Medien den Kampf der Trucker gegen den Staat sofort zu Geld machen wollen. Im Grunde genommen hat sich eigentlich gar nichts geändert.

FuBs Klassikbox: Die Verdammten der Meere (1962)

Claggart (Robert Ryan), Billy Budd (Terence Stamp) und Kapitän Vere (Peter Ustinov); „BillyBudd“ (1962), © Allied Artists

Die Zeit der Seefahrerfilme war eigentlich fast schon vorbei, da drehte Peter Ustinov „Billy Budd“, einen der wohl außergewöhnlichsten Abenteuerfilme. „Billy Budd“ basiert zum einen auf Herman Melvilles berühmten Roman, zum anderen auf dem gleichnamigen Theaterstück.

Es geht um den jungen Matrosen Billy Budd, der 1797 auf ein englisches Kriegsschiff kommt. Durch seine ehrliche Art ist er schnell bei der Mannschaft beliebt. Doch an Bord befindet sich auch der sadistische Offizier Claggart, der Männer grundlos auspeitschen lässt. Billy möchte er als sein nächstes Opfer, doch die ehrliche Art des Jungen steigert in Claggart mehr und mehr seine krankhafte Wut …

Peter Ustinov in schwarzweiß gedrehter Film ist kein Abenteuerfilm im üblichen Sinn. Man findet hier keine tollkühnen Helden, die andere Schiffe kapern. Der Film spielt fast ausschließlich an Bord der Avenger, dem Kriegsschiff, auf das Billy unfreiwillig gebracht wird. Gleich von Anfang an herrscht dort eine angespannte Atmosphäre. Billy bekommt als erstes mit, wie einer der Matrosen ausgepeitscht wird. Und er begegnet dem unheimlichen Claggart. Fast scheint es so, als wäre er der Kapitän des Schiffes und nicht Kapitän Vere, der zwar streng. doch auch irgendwie gutmütig ist.

Das Kunststück, das Peter Ustinov nun fertig brachte, war, dass er „Billy Budd“ im Stil eines Film Noir drehte. Schließlich geht es unter anderem darum, dass ein gemeingefährlicher Psychopath die Mannschaft terrorisiert. Das ist natürlich vereinfacht dargestellt, denn in dem Film geht es um viel mehr: es geht um die Frage, ob das Gesetz tatsächlich jeden Sachverhalt be- bzw. verurteilen kann, es geht um die Frage der Schuld und damit um moralische Ansichten und inwieweit diese vertretbar sind.

Billy Budd (Terence Stamp) und Claggart (Robert Ryan) in der Kajüte des Kapitäns; „Billy Budd“ (1962); © Allied Artists

All diese Aspekte webt Peter Ustinov gekonnt in eine spannende Geschichte ein, die vor allem durch die Gegenüberstellung von Billy Budd und dem bösartigen Claggart lebt. Bei den jeweiligen Aufeinandertreffen knistert es regelrecht vor Spannung. Robert Ryan, der auf die Rollen psychopathisch veranlagter Bösewichte spezialistiert war, spielt hier Claggart auf eine so bedrohliche Weise, dass sich die Furcht der Mannschaft regelrecht auf den Zuschauer überträgt. Ihm gegenüber hatte Terence Stamp seine erste Filmrolle und war dafür gleich mehrfach ausgezeichnet und sogar für den Oscar nominiert worden. Peter Ustinov selbst führte nicht nur Regie, sondern schrieb auch am Drehbuch mit und produzierte den Film. Zugleich spielte er die Rolle von Kapitän Vere, der sich durch sein Klammern an die Pflicht selbst in die Zwickmühle bringt.

Kurz: „Die Verdammten der Meere“ ist ein erstklassiger (Abenteuer-)Film, der an Spannung kaum zu überbieten ist und der einem aufgrund der grundlegenden Fragestellung, um die es letztendlich geht, nicht mehr so schnell aus dem Kopf geht.

Die Verdammten der Meere (OT: Billy Budd). Regie, Drehbuch, Produktion: Peter Ustinov, Darsteller: Robert Ryan, Terence Stamp, Peter Ustinov, Melvyn Douglas, John Neville, David McCallum. England 1962, 123 Min.

Hol’s der Teufel – Unser 666. Artikel

Den 666. Artikel auf FILM und BUCH können wir ja nicht einfach so an uns vorbeigehen lassen. Daher haben wir uns gedacht, ein wenig auf okkult zu machen und sechs Teufelsfilme bzw. Okkult-Thriller vorzustellen. Den Anfang macht …

… Geheimrat Goethe. 1960 schuf Gustav Gründgens den Theaterfilm aller Theaterfilme, indem er Goethes „Faust“ auf die Leinwand brachte. Gründgens spielte darin die Rolle des Mephisto, die er bis dahin übrigens 600mal gespielt hatte. Seine Inszenierung war so erfolgreich, dass sie nicht nur auf internationale Tournee ging, sondern eben auch auf Film gebannt und mit überaus großem Erfolg in die Kinos gebracht wurde. Den Faust mimte übrigens Will Quadflieg. „Faust“ war damals für den Oscar nominiert und gewann den Deutschen Filmpreis.

1968 adaptierte Terence Fisher Dennis Wheatleys Roman „The Devil rides out„. Das Drehbuch verfasste Richard Matheson, der normalerweise bei Roger Corman bzw. bei American International Pictures unter Vertrag stand. Wie in so vielen Filmen der Hammer Studios, so war auch hier Christopher Lee mit von der Partie – dieses Mal als Guter. Seinen Widersache verkörperte Bond-Bösewicht Charles Gray. Es geht darum, dass Nickolas, Duc de Richleau auf die Spur einer okkulten Sekte kommt, nachdem er im Haus seines verschwundenen Freundes Simon seltsame Hexensymbole entdeckt hat. Christopher Lee fand, dass „The Devil rides Out“ einer seiner besten Filme aus seiner Zeit bei Hammer war. Es ist in der Tat ein wirklich guter Film, der stellenweise ein wenig an „Night of the Demon“ (1956) erinnert.

1973 drehte William Friedkin den Horrorfilm aller Horrorfilme: „Der Exorzist„. Das Drehbuch stammte von William Peter Blatty, der bis dahin ausschließlich Komödien verfasst hatte. Mit „Der Exorzist“ traf er genau ins Schwarze. Schnell schrieb er auch noch den Roman dazu, damit es so aussah, als handele es sich bei dem Film um eine Adaption. Damals fast schon so etwas wie ein Skandalfilm, entwickelte sich „Der Exorzist“ schnell zum Kassenschlager und gilt heute als einer der Filmklassiker schlechthin. Dem Film folgten zwei Fortsetzungen, wobei „Der Exorzist 2“ zu den schlechtesten Filmen aller Zeiten zählt. Blatty versuchte dann, seine Ehre zu retten, indem er 1990 „Der Exorzist 3“ drehte, der zwar floppte, dennoch qualitativ wieder hervorragend war.

1976 sprang Richard Donner auf die Okkultwelle auf, die „Der Exorzist“ losgetreten hatte, und drehte „Das Omen„, mit Gregory Peck und Lee Remick in den Hauptrollen. Das Drehbuch schrieb David Seltzer, der drei Jahre später auch das Drehbuch zu der Trash-Granate „Die Prophezeiung“ verfasste. Um den Film noch unheimlicher wirken zu lassen, wurden Gerüchte in Umlauf gebracht, dass es während der Dreharbeiten zu unerklärlichen Zwischenfällen gekommen sei. Natürlich steckte dahinter eher die Marketingabteilung und weniger ein Dämon. Der Film wurde ebenfalls ein Riesenerfolg und zählt heute nicht weniger zu den Filmklassikern. „Das Omen“ folgten eine Reihe weiterer „Omen“-Filme und 2006 auch ein Remake, das ebenfalls von David Seltzer geschrieben wurde.

1999 dachten alle, dass zur Jahrtausendwende sämtliche Computer abstürzen würden. Nicht wenige glaubten auch, dass dies das Ende der Welt bedeute. Aufgrund der drei Neuner, die man natürlich auch als drei Sechser sehen konnte, brachte dies wieder den Okkultismus zurück in die Popkultur, was zur Folge hatte, dass um diese Zeit herum mehrere Okkult-Thriller produziert wurden. Einer davon war „End of Days“ mit Arnold Schwarzenegger, der für seine Rolle als Jericho Cane prompt für die Goldene Himbeere nominiert wurde. Ihm zur Seite standen Gabriel Byrne und Udo Kier. Der Film erhielt fast ausschließlich negative Kritiken und war ein eher mäßiger Erfolg an den Kinokassen. Zum Filmklassiker hat es also nicht gereicht.

2015 glaubte die koreanische Filmindustrie, sich ebenfalls am Exorzismusthema zu versuchen und somit drehte Jae-Hyun Jang „The Priests„, in dem zwei Priester versuchen, einen Dämon aus einer Frau auszutreiben. Was unheimlich wirken soll, wirkt dann doch eher banal und nicht weniger lächerlich. So richtig Spannung kommt einfach nicht auf und unheimlich wirkt der Film schon gar nicht. Eher wirkt „The Priests“ wie eine halbherzige und teils hilflose Nachahmung von Friedkins „Der Exorzist.“ Dennoch landete der Film in Südkorea auf Anhieb auf Platz eins und machte allein in diesem Land einen Umsatz von umgerechnet fast 36 Millionen Dollar. Damit zählt der Film zu den erfolgreichsten koreanischen Filmen und vor allem zu den erfolgreichsten koreanischen Horrorfilmen.

 

 

 

FuBs Klassikbox: Die Nacht hat tausend Augen (1948)

Die Nacht hat 1000 Augen (1948); © Koche Media

Für Edward G. Robinson war dieser Film nur eine kleine Randnotiz in seiner Autobiographie wert: er finde „Die Nacht hat tausend Augen“ äußerst misslungen und habe nur wegen des Geldes mitgespielt. Seine Einstellung ist wirklich erstaunlich, handelt es sich bei „The Night has a thousand Eyes“ um einen der wohl faszinierendsten, unheimlichsten und spannendsten Noir-Filme.

„Der Tod kommt um 11“ lautete der deutsche Alternativtitel und lag dabei gar nicht mal so falsch. Es geht nämlich um Jean Courtland, die um 11 Uhr nachts sterben soll. Ihr Tod wurde ihr durch den sonderbaren John Triton vorausgesagt. Triton verdiente in frühen Jahren sein Geld auf Jahrmärkten als vermeintlicher Wahrsager. Bei einer Vorstellung jedoch sah er einen Todesfall voraus. Von da an wird er immer wieder von Visionen heimgesucht, die kurz darauf schreckliche Wirklichkeit werden. So prophezeit er auch den Tod Jeans, mit der er auf eigenartige Weise verbunden ist. Während Triton versucht, Jeans Schicksal aufzuhalten, setzt die Polizei alles daran, ihn hinter Gitter zu bringen, da sie ihn für einen gemeingefährlichen Scharlatan hält.

John Farrow, der durch John Waynes einzigen 3D-Film „Man nannte mich Hondo“ (1953), bei dem er Regie führte, praktisch in die Filmgeschichte einging, war auch für die Adaption des gleichnamigen Romans von Cornell Woolrich verantwortlich. Woolrich‘ Erzählungen und Romane waren immer wieder für Hollywood interessant, man denke nur an Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ (1954), dennoch starb der Autor völlig verarmt. „Die Nacht hat tausend Augen“ ist das, was man heute als Mystery-Thriller bezeichnen würde.

Von Anfang an herrscht eine düster-unheimliche Atmosphäre, die sich dadurch zunehmend verstärkt, da John Farrow mit den Aspekten des Phantastischen regelrecht spielt. Während die Handlung durchaus realistisch bleibt, schleichen sich dennoch immer wieder rätselhafte Ereignisse ein, die eben mit einer herkömmlichen Rationalität nicht zu erklären sind. John Triton, Jean Courtland und alle anderen, die in diesen Fall involviert sind, scheinen regelrecht von einer unheimlichen, ja unerklärlichen Bedrohung umgeben zu sein.

Die Nacht hat 1000 Augen (1948); © Koche Media

Fast schon wie bei Lovecraft verweist „Die Nacht hat tausend Augen“ dabei auf eine Welt jenseits unseres Verstandes, die sich hinter der Fassade verbirgt, die unseren Alltag definiert. Natürlich kommen keine Monster vor, doch geht es eben um eine Art kosmisches Grauen, wie Lovecraft dies bezeichnen würde, und wahrscheinlich hätte er dem Film 100 Punkte verliehen. Man würde sicherlich zu weit greifen, wenn man in „Die Nacht hat tausend Augen“ erste Ansätze von Clive Barkers „Lords of Illusions“ (1995) sehen würde, doch würde es andererseits auch nicht wundern, wenn Barker sich von diesem Film hat auf irgendeine Weise inspirieren lassen.

„Die Nacht hat tausend Augen“ ist jedenfalls ein spannender, nein, ein hochspannender Thriller, der die Mystery-Elemente bis zuletzt auskostet, wobei das Tempo des Films sich von Szene zu Szene erhöht. Möglich, dass Edward G. Robinson, der ja vor allem in reinen Gangsterfilmen beheimatet war, die übersinnlichen Aspekte des Films für störend hielt, was ihn letztendlich zu seiner oben erwähnten Aussage geführt hat. Ihm zur Seite stand Gail Russell, die schon eher im Mystery-Genre erprobt war, hatte sie doch bereits in dem Gruselkrimi „Der unheimliche Gast“ (1944) mitgewirkt.

„Die Nacht hat tausend Augen“ ist das, was man als vergessene Perle des Film Noir bezeichnen könnte. Kurz: ein großartiger Film.

Die Nacht hat tausend Augen (OT: The Night has a thousand Eyes). Regie: John Farrow, Drehbuch: Jonathan Latimer, Produktion: Endre Bohem, Darsteller: Edward G. Robinson, Gail Russell, John Lund, Virginia Bruce, William Demarest, Richard Webb, Jerome Cowan. USA 1948, 81 Min.

 

FuBs Klassikbox: Doc Savage – Der Mann aus Bronze (1975)

Doc Savage (Ron Ely) weist seinen Leuten den Weg; „Doc Savage“ (1975), © Warner Bros

Mitte der 70er Jahre wollte Warner Bros eine Reihe von Filmen in die Kinos bringen, deren Helden Adaptionen sog. Pulp-Magazine waren. Das Vorhaben scheiterte jedoch bereits mit dem ersten Film. Dennoch wurde „Doc Savage – The Man of Bronze“ zu einem Klassiker des Fantasy- und Abenteuerfilms.

„Doc Savage“ basiert auf den Romanen von Lester Dent (1904 – 1959), der bis zu seinem Tod 159 Romane unter dem Pseudonym Kenneth Robeson verfasste. 1933 erschien der erste Roman mit dem Titel „The Man of Bronze“. Dent schrieb insgesamt 20 weitere Doc Savage-Romane, bevor andere Autoren bis Ende der 40er Jahre daran weiter arbeiteten.

1975 schließlich kam es zur Verfilmung, die leider nicht die Erwartungen erfüllte, die sich Produzent George Pal erhofft hatte. Pal war durch seine grandiosen Kinoerfolge wie „Der jüngste Tag“ (1951), „Krieg der Welten“ (1953) oder „Die Zeitmaschine“ (1960) geradezu von hohen Einnahmen verwöhnt. Doch „Doc Savage“ holte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Die Folge: George Pal zog sich danach aus dem Filmgeschäft zurück.

Wenn man es genau nimmt, hätte „Doc Savage“ zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt produziert werden können. Die USA lagen aufgrund des Vietnamkriegs moralisch am Boden, die Bürgerrechtsbewegungen waren noch immer voll im Gange – niemand also brauchte eine Superheldenfigur, nicht einmal eine, die sich selbst aufs Korn nahm und damit zugleich eine Satire auf das US-amerikanische Sendungsbewusstsein lieferte.

Doc Savage (Ron Ely) und Mona Flores (Pamela Hensley); „Doc Savage“ (1975), © Warner Bros

Heute wird der Film ganz anders betrachtet. Denn „Doc Savage“ machte sich über all das lustig, was den US-Amerikanern wichtig war, etwas, was 10 Jahre später „Ghostbusters“ nochmals machen sollte – natürlich mit weit größerem Erfolg. Aus dieser Perspektive reiht sich „Doc Savage“ in die Vielzahl von Protestfilmen und Satiren der 70er Jahre ein, welche das postmoderne Kino einläuteten.

Doc Savage ist Wissenschaftler, Dichter, einfach ein Alleskönner, dem noch dazu fünf der begabtesten Wissenschafter, Ingenieure und Anwälte zur Seite stehen. Doc gerät völlig unerwartet in eine Reihe gefährlicher und mysteriöser Zwischenfälle, die alles etwas mit dem Tod seines Vaters zu tun haben. Denn sein Vater soll angeblich einen unbekannten Indianerstamm in Südamerika entdeckt haben. Auf der Suche nach diesem sagenumwobenen Ort ist aber auch der heimtückische Millionär Captain Seas, der alles daran setzt, um Doc Savage zur Strecke zu bringen.

„Doc Savage“ gehört zu den witzigsten und unterhaltsamsten Actionfilmen der 70er Jahre. Ron Ely, der zuvor durch seine Verkörperung des Tarzan in der gleichnamigen TV-Serie bekannt wurde, spielte die Figur mit einer überaus köstlichen Selbstironie, die immer wieder begeistert, auch wenn man den Film bereits zum x-ten Mal gesehen hat. Damals, wie bereits erwähnt, wollten oder konnten die Zuschauer damit nichts anfangen. Für Elys Karriere hatte dies weder positive noch negative Konsequenzen. Nach „Doc Savage“ spielte er wieder in verschiedenen TV-Serien mit, bevor er sich 2001 von der Schauspielerei verabschiedete.

Lester Dents Witwe Norma Dent, auf die nach Lesters Tod die Rechte an Doc Savage gingen, war von Ron Elys Darstellung so begeistert, dass sie sich den Film gleich dreimal hintereinander ansah. Schade, dass diese Begeisterung damals nicht auch das übrige Publikum ansteckte. Die im Abspann angekündigte Fortsetzung „Doc Savage: The Arch Enemy of Evil“ wurde nicht mehr gedreht, da der Film an den Kinokassen floppte.

Seit Ende der 90er Jahre tauchen jedoch immer wieder Gerüchte auf, dass es ein Remake von „Doc Savage“ geben sollte. War zunächst von Arnold Schwarzenegger die Rede, der die Rolle des Doc übernehmen sollte, so soll es angeblich nun Dwyne Johnson sein. Der Film soll angeblich 2020 in die Kinos kommen.

Doc Savage – Der Mann aus Bronze (OT: Doc Savage – The Man of Bronze). Regie: Michael Anderson, Drehbuch: Joe Morhaim, George Pal, Produktion: George Pal, Darsteller: Ron Ely, Paul Gleason, William Lucking, Michael Miller, Eldon Quick, Darrel Zwerling, Paul Wexler, Pamela Hensley. USA 1975, 112 Min.

„Ich fand Sinclair Lewis einfach unattraktiv“ – Fay Wray und die Schriftsteller

Fay Wray

Obwohl Fay Wray in über 70 Filmen mitspielte, wurde nur ein einziger davon weltberühmt: King Kong. Hollywood versuchte, sie zusammen mit Gary Cooper als Traumpaar zu vermarkten, aber das misslang. Überhaupt konnte Fay Wray mit ihren Schauspielerkollegen nichts anfangen. In einem ihrer letzten Interviews bemerkte sie, dass diese zwar alle wirklich gut aussahen, sie aber mit ihnen über nichts reden konnte. Dabei meinte sie vor allem intellektuelle Gespräche und nicht belangloses Geschwafel über Autos oder Golf.

Sinclair Lewis

Schon immer hatte es sie daher zu Drehbuchautoren und Schriftstellern hingezogen und immer wieder besuchte sie die Intellektuellenzirkel in New York, wo sie viele Bewunderer hatte und für nicht wenige als Muse galt. Besonders hatte es Sinclair Lewis (1885 – 1951) erwischt. Er hatte sich Hals über Kopf in Fay verliebt. Er schrieb ihr fast täglich Briefe und Gedichte, die sie alle unbewantwortet ließ. Dennoch hielt ihn dies nicht davon ab, es weiter zu versuchen. In ihrer Autobiographie verriet sie, dass sie all seine Briefe und Gedichte aufgehoben habe. Und sie erwähnte auch, weswegen sie mit dem späteren Literaturnobelpreisträger keine Beziehung hatte eingehen wollen: „Ich fand Sinclair Lewis einfach unattraktiv.“

Zusammen schrieben sie das Theaterstück Angela is twentytwo (1938), das zwar von Kritikern verrissen, aber vom Publikum geliebt und 1944 sogar verfilmt wurde. Ich persönlich glaube, dass Sinclair Lewis ihr insgeheim ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Dies in seinem Roman Babbitt. Und zwar in der Figur Tanis Judique, einer Intellektuellen, in die sich Babbitt verliebt und mit der in der New Yorker Boheme verkehrt.

John Monk Saunders

Vielleicht aber hielt sich Fay auch daher von ihm fern, da sie bereits von seinen Alkoholproblemen ahnte. In dieser Hinsicht hatte sie mit ihrem ersten Ehemann, dem Drehbuchautor John Monk Saunders (1897 – 1940) ebenfalls kein Glück. Ja, das Ende ihrer Ehe wurde zu einer wahren Katastrophe, vergleichbar mit einer Szene aus einem Thriller.

Saunders war ein viel beschäftigter Mann, der neben Drehbüchern auch Theaterstücke und Romane schrieb und hin und wieder auch als Regisseur tätig war. Fay Wray und John Saunders heirateten 1928, die Ehe hielt 12 Jahre. So lange, bis Saunders ihr, während sie schlief, einen Drogencocktail spritzte, das Haus und die Möbel verkaufte, ihr ganzes Geld (500 000 Dollar) mitnahm und schließlich mit ihrer gemeinsamen Tochter floh. Saunders war schwerst alkoholabhängig und brachte sich 1940, ein Jahr nach der Scheidung, um.

Clifford Odets

Clifford Odets (1906 – 1963) spielte ebenfalls eine wichtige Rolle in Fays Leben. Er war einer der bekanntesten Stückeschreiber der 30er Jahre, der als einer der ersten den Straßenslang auf die Bühne brachte (im Kino sollte dies erst 1971 durch den Film Shaft passieren). Auch schrieb er das Drehbuch zu dem Noir-Klassiker Dein Leben in meiner Hand (1957). Zwar heirateten sie nicht, doch lebten sie in einer offenen Beziehung zusammen. Es lag an Odets selbst, dass es zu keiner Heirat kam. Fay Wray erzählte später, dass er befürchtete, sich nicht mehr voll und ganz auf seine Arbeit konzentrieren zu können. Dennoch blieben beide für mehrere Jahre zusammen. Für Fay schien Odets der Mann gewesen zu sein, nur so ist ihre Beziehung mit ihm zu erklären, die trotz seiner Lebenseinstellung so lange hielt.

John Riskin

Fay Wray schrieb in ihrer Autobiographie, dass Clifford Odets ihr späteres Leben stark geprägt habe. Von da an nahm sie die Dinge anders wahr als zuvor. Sie heiratete 1942 den Drehbuchautor und Schriftsteller John Riskin (1897 – 1955), der mehrere Oscarnominierung erhielt und schließlich für die Komödie Es geschah in einer Nacht (1934) den Oscar gewann. Riskin verdankte seine Erfolge vor allem der Zusammenarbeit mit dem Regisseur Frank Capra, der zu den bekanntesten Filmemachern jener zählt gehörte. Riskin starb 1955 an den Folgen eines Schlaganfalls.

Fay Wray

1988 verfasste Fay Wray im Alter von 81 Jahren ihre Autobiographie On The Other Hand: A Life Story – ohne Zuhilfenahme eines Ghostwriters. Im Scherz sagte sie immer wieder, dass es in ihrem Leben eigentlich nur einen einzigen Mann gab: King Kong. „Ich bewundere dich: Du hast nur einen Film gemacht und bist damit bis heute weltberühmt. Ich habe 70 Filme gemacht, von denen nur ein einziger bis heute bekannt ist.“ Fay Wray starb 2004 im Alter von 96 Jahren.

Die Klunkerecke: Onibaba – Die Töterinnen (1964)

Die ältere Frau, gespielt von Shindos Muse Nobuko Otowa; Onibaba (1964); © Toho

Es wird immer wieder darüber diskutiert, ob es sich bei Kaneto Shindos Meisterwerk Onibaba um einen Horrorfilm handelt. Die Antwort darauf ist wirklich nicht leicht. Ganz ähnlich verhält es sich ja auch bei Joseph Loseys Der Diener, der ein Jahr vor Onibaba in die Kinos kam. Bei diesem Film herrscht ebenfalls eine Uneinstimmigkeit darüber, ob es sich nicht doch um einen Film aus dem Bereich des Phantastischen handelt.

Die ältere und die jüngere Frau auf dem Weg durch das Feld; „Onibaba“ (1964); © Toho

Kaneto Shindos Film basiert auf einer alten japanischen Legende. Es geht um zwei Frauen, die alleine in einem riesigen Feld leben, während um sie herum Krieg tobt. Sie töten ahnungslose Samurai, die sich in dem Feld verirrt haben und verkaufen ihre Waffen und Rüstungen auf dem Schwarzmarkt. Die Leichen werfen sie in ein tiefes Loch in unmittelbarer Nähe ihrer Hütte. Eines Tages kommt ihr Nachbar Hachi aus dem Krieg zurück. Er ist desertiert und hofft, von den Soldaten nicht gefunden zu werden. Nach und nach entwickelt sich zwischen ihm und der jüngeren Frau eine sexuelle Beziehung, was zwischen ihr und der älteren Frau zu einem immer größeren Konflikt führt.

Die jüngere Frau wird verfolgt; „Onibaba“ (1964); © Toho

Gleich am Anfang des Films wird das Erdloch gezeigt, das schon seit Anbeginn der Zeit an dieser Stelle gewesen sein soll. Sofort kommt einem dabei der Gedanke an Lovecraft, und vielleicht hatte Shindo ja tatsächlich eine solche Anspielung im Hinterkopf. Die Geschichte selbst aber verläuft zunächst eher wie ein extrem düsteres und radikales Drama, in das sich nach und nach Elemente des Unheimlichen mischen.

Schon allein die Darstellung des Felds erinnert an die Schilderungen der bewegten Natur in Algernon Blackwoods unheimlicher Erzählung „Die Weiden“. Möglich, dass sich der Regisseur auch von diesem klassischen Horrorautor inspirieren ließ. Die Übereinstimmungen sind auf jeden Fall erstaunlich.

Originalkinoplakat von „Onibaba“

Wie gesagt, entwickelt sich der Film zunächst in Form eines Dramas, wobei von Mal zu Mal surreale Elemente eine immer stärkere Rolle spielen. So taucht z.B. eines Nachts plötzlich ein Samurai auf, der seine Maske nicht von seinem Gesicht bekommt. Er hat sich in dem riesigen Feld verirrt und fordert die ältere Frau auf, ihn von diesem Ort wieder wegzuführen. Besonders diese Szene wirkt geradezu surreal, fast schon wie ein Albtraum.

Der ganze Filme besitzt eine traumartige Atmosphäre. Hinzu kommt die direkte Darstellung sexueller Begierde, welche die junge Frau und Hachi geradezu verzehrt. Die ältere Frau hat darunter zu leiden, wird sie doch ebenfalls von dieser Begierde angesteckt, kann sie jedoch nicht befriedigen – kongenial dargestellt übrigens von Shindos Ehefrau und Muse Nobuko Otowa, die für ihn ihre Karriere als Filmstar aufgab (sie wirkte bis dahin in 134 Filmen mit) und von da an hauptsächlich nur noch in seinen Filmen mitwirkte.

Amerkanisches Plakat von „Onibaba“

Interessant ist, dass beide Frauen in dem Film keine Namen haben. Im Gegensatz zu den männlichen Figuren, wie den Nachbarn Hachi oder den Schwarzmarkthändler Ushi. Dennoch geht es in dem Film um Emanzipation, eigentlich ist dies sogar das Hauptthema des Films. Manche Filmhistoriker sehen in Onibaba auch eine vehemente Kritik am Kapitalismus, die heute sogar aktueller anmutet als damals. Der Kapitalismus als Ursache für den Krieg und zugleich als Grund dafür, weswegen dieser Krieg nicht endet. Er zerstört dadurch das Gesellschaftssystem und führt zu völliger Verrohung und Egoismus.

Onibaba war Shindos erfolgreichster Kinofilm, der sogar in den USA für einen überraschend großen Umsatz sorgte. Insgesamt drehte Shindo Kaneto 40 Filme und verfasste für über 200 Filme die Drehbücher. Noch im Alter von 98 Jahren drehte er mit Postcard einen, seinen letzten Spielfilm, der 2012 für den Oscar nominiert wurde. Im selben Jahr starb Shindo Kaneto, der zu den wichtigsten Regisseuren Japans zählt. Onibaba – Die Töterinnen ist und bleibt jedoch sein Meisterwerk.

Onibaba – Die Töterinnen (OT: Onibaba). Regie und Drehbuch: Shindo Kaneto. Produktion: Toshyo Konya, Darsteller: Nobuko Otowa, Jitsuko Yoshimura, Kei Sato. Japan 1964, 103 Min.