FuBs Fundgrube: „Was am Ende bleibt“ von Paula Fox

Cover der im dtv-Verlag 2011 erschienenen Übersetzung in der Jubiläumsedition

Bis vor kurzem war mir der Name Paula Fox völlig unbekannt. „Was am Ende bleibt“ erstand ich antiquarisch –  und daher ist der Roman auch ein Fall für unsere Fundgrube, in der wir Bücher vorstellen, die wir auf Bücherflohmärkten oder in Antiquariaten entdeckt haben.

Das Lesen hat sich wirklich gelohnt. „Was am Ende bleibt“ ist nicht nur ein beeindruckender Roman über eine kaputte Ehe, sondern zugleich eine gewitzte Satire über die amerikanische Gesellschaft. Es geht um Otto und Sophie Bentwood, beide Anfang/Mitte vierzig, kinderlos und wohlhabend. In ihrer Ehe kriselt es. Dies wird beiden erst so richtig bewusst, als zwei Dinge geschehen: zum einen wird Sophie von einer streunenden Katze gebissen und zum anderen verliert Otto, der als Anwalt arbeitet, seinen langjährigen Geschäftspartner.

Während Otto sich verkampft an der Alltagsroutine festklammert, denkt Sophie immer mehr über ihr Leben nach. Eine Affäre mit einem von Ottos Klienten hat sie ihm bis heute verschwiegen. Beide kleben dennoch aneinander, da sie trotz allem nicht anders können. Der Sinn in ihrem Leben ist beiden abhandengekommen, doch wenn sie sich trennen würden, würden beide einfach in ein schwarzes Loch fallen.

Cover der amerikanischen Ausgabe

Wie ich inzwischen weiß, gehört Paula Fox (1923 – 2017) zu den wichtigsten amerikanischen Autoren und ihr Roman „Was am Ende bleibt“ zählt zu den Klassikern der modernen amerikanischen Literatur. Trotz der damals guten Kritiken geriet Paula Fox in Vergessenheit, bis sie (ähnlich wie Richard Yates) Anfang 2000 wiederentdeckt wurde. „Was am Ende bleibt“ ist ein dichter, düsterer und dennoch aufgrund der ironischen Seitenhiebe witziger Roman. Die Dialoge sind geradezu perfekt konzipiert, parallel zur Ehekrise scheint sich eine gesellschaftliche Krise immer mehr zu offenbaren.

Diese skizziert Paula Fox wie nebenbei. Leute kippen ihren Müll auf die Straße, werfen Steine in Fenster oder zertrümmern die Inneneinrichtung eines Hauses. Der moralische Verfall könnte genauso gut auf heute zutreffen. Diese beklemmenden Ereignisse, die einfach und ohne Erklärung geschehen, lassen die Welt und das Leben der Bentwoods geradezu trostlos erscheinen. An Hoffnung wagt keiner zu denken.

Zuletzt erschien „Was am Ende bleibt“ 2011 im dtv-Verlag, elf Jahre davor im C.H. Beck-Verlag. Leider wurde der Roman seitdem bei dtv nicht nochmals aufgelegt (im Beck-Verlag gibt es die Übersetzung weiterhin). Für mich ist „Was am Ende bleibt“ einer der besten Romane, die ich dieses Jahr gelesen habe. Es lohnt sich, immer mal wieder auf eine literarische Entdeckungsreise zu gehen.

Paula Fox. Was am Ende bleibt. dtv-Verlag 2011, 201 Seiten.

Auf Messers Schneide – William Somerset Maughams großartiger Roman

Cover der deutschen Übersetzung im DIogenes Verlag

„Auf Messers Schneide“, erschienen 1944, gehört mit Sicherheit zu den besten Romanen William S. Maughams. Es ist zum einen ein Roman über die Gesellschaft der 20er Jahre, zum anderen eine Satire über die High Society und drittens ein Roman über die Suche nach dem Sinn des Lebens, in dem Maugham selbst als Figur an dem Geschehen teilnimmt.

Es geht um Larry Darrell, der nach dem Ersten Weltkrieg auf der Suche nach dem Sinn in seinem Leben ist. Dafür löst er die Verlobung mit Isabel Bradley, mit der er seit Kindertagen befreundet ist. Seine Suche führt Larry von Chicago nach Paris und vor dort bis nach Indien. Im Laufe der Jahre begegnet Maugham Larry immer mal wieder, wobei Larry stets von seinen Fortschritten bei seiner Selbstfindung erzählt.

Cover der 1944 erschienenen Originalausgabe

Verwoben ist diese Geschichte mit den Schicksalen vieler weiterer Figuren, vor allem mit der oben genannten Isabel, die in Larry weiterhin verliebt ist, selbst dann, als sie den Banker Gray Maturin heiratet, der später während der Wirtschaftskrise so gut wie alles verliert. Isabels Onkel Elliot Tempelton ist die wohl schillernste Figur in dem Roman. Ein Snob wie er im Buche steht, ist er dennoch stets hilfsbereit und gutmütig. Für ihn gibt es nichts Wichtigeres als zu den Partys der Schönen und Reichen eingeladen zu werden, und wird er einmal nicht eingeladen, dann bricht für ihn im wahrsten Sinne des Wortes die Welt zusammen. Ebenfalls verbunden mit Larrys Suche nach Sinn ist Sophie McDonald. Beide kennen sich ebenfalls seit der Kindheit, doch Sophies Schicksal meint es alles andere als gut mit ihr.

Gene Tierney und Tyrone Power in der Verfilmung von 1946; © Warner Bros.

„Auf Messers Schneide“ ist ein groß angelegter und großartiger Roman, ein Roman, bei dem man möchte, dass er nie aufhört. Äußerst gelungen stellt Maugham Larry Darrell dem materialistischen Ansichten von Isabel und Onkel Elliot gegenüber, die Larrys Einstellung überhaupt nicht nachvollziehen können. Für sie zählt nur die soziale Stellung und das damit verbundene Vermögen. Leute, die nicht arbeiten, können sie sich überhaupt nicht vorstellen – der Witz hierbei ist natürlich, dass weder Isabel noch Onkel Elliot einer Arbeit nachgehen.

Daher macht Larry seine Freunde regelrecht sprachlos, als er eines Tages sagt, dass er einfach nur vor sich hinleben möchte und schauen, was passiert. Aus diesem Vor-sich-Hinleben entwickelt sich jedoch nach und nach seine Suche. Während Isabel Larry schlicht und ergreifend für verrückt hält, ist ihr Onkel froh, dass Larry weg ist.

Bill Murray als Larry Darrell in der Verfilmung von 1984; © Columbia Pictures

Äußerst unterhaltsam wirft Maugham dadurch einen satirischen Blick auf den Kapitalsimus, dessen Verehrer er letztendlich als hohl und oberflächlich entlarvt. Mithilfe eines subtilen, doch zugleich humorvollen Spottes macht Maugham sich über das Verhalten besonders der Amerikaner lustig.

Maughams angenehmer Schreibstil sowie die gewitzten Dialoge machen den Roman zu einem wahren Fest. So gelingt es ihm auch in den Kapiteln, in denen Maugham mit Larry über den Sinn des Lebens diskutiert und über Larrys Erfahrungen in Indien spricht, eine sanfte Leichtigkeit zu schaffen, die dennoch eine ungeheure, komplexe Tiefe in sich trägt. Kurz und knapp: „Auf Messers Schneide“ wird zurecht als William S. Maughams Meisterwerk bezeichnet.

Der Roman wurde 1946 mit Tyrone Power als Larry und Gene Tierney als Isabel großartig verfilmt. Edmund Gouldings Adaption orientiert sich beinahe wortwörtlich an dem Roman und Tyrone Power spielt Larry Darrell wirklich einzigartig, so als wäre die Figur aus dem Buch auf die Leinwand gehüpft.

1984 folgte dann das katatsrophale Remake mit Bill Murray als Larry. Der Film floppte damals (zurecht), selbst Regisseur John Byrum hält den Film bis heute für einen „großen Fehler“.

Erschienen: Prähuman 21 – Großalarm in Tokio

Nein, Band 20 war nicht der letzte Band der Serie „Prähuman“, wie manche vielleicht geglaubt haben. Mit Band 21 geht es mit den Abenteuern des beliebten Teams um den Grenzwissenschaftler Frederic Tubb weiter. Mit von der Partie sind wie immer Maki Asakawa, Hans Schmeißer und John Arnold.

Dieses Mal ist, wie der Titel bereits verrät, Tokio der Schauplatz der Handlung. Band 21 schließt sich dadurch direkt an das Ende von Band 20 an, in dem Tubb plötzlich eine SMS seiner seit Jahren verschwundenen Frau Kathrin erhält. Demnach hält sich Kathrin Jarvis anscheinend in Tokio auf. Doch kaum sind Tubb und sein Team in Japans Hauptstadt angekommen, geschehen auch schon die sonderbarsten Dinge.

Eigenartige Signale hallen durch die Häuserschluchten. Menschen werden von Wahnvorstellungen heimgesucht. Eine Reihe eigenartiger Beben erschüttern immer wieder die Stadt. Niemand kennt die Ursachen für diese merkwürdigen Zwischenfälle. Während Tubb nach seiner Frau sucht, bringt ein weiteres Ereignis Chaos und Zerstörung – und in Tokio herrscht plötzlich Großalarm …

Band 21 liefert erneut eine spannende, gewitzte und originelle Handlung, die einen nicht mehr losläßt. Der Band beginnt wie ein Thriller, um dann umzuschwenken in eine rasante SF-Geschichte. Mehr soll nicht gesagt werden, da dies sonst zu viel verraten würde. Verraten aber werden darf, dass in „Großalarm in Tokio“ Maki Asakawas Eltern auftreten, was Carl Denning mit viel Humor und überaus liebevoll in Szene gesetzt hat. Miyu und Hiroku Asakawa sind dermaßen sympathisch, dass man die beiden gerne in weiteren Bänden erleben möchte. Gut, über Makis Freundin Yuna hätte man gerne mehr erfahren, aber vielleicht kommt das ja noch in den folgenden Bänden.

Ingesamt ist Band 21 wieder völlig anders als die vorherigen Bände, was ja zum Markenzeichen der „Prähuman“-Reihe ist. Carl Denning zeigt sich hier eindeutig mal wieder als Meister seines Fachs, denn es ist erstaunlich, dass es innerhalb einer so großen Anzahl von Abenteuern bisher zu keinen Wiederholungen gekommen ist. Kurz: „Großalarm in Tokio“ liefert erneut beste „Prähuman“-Unterhaltung und macht von der ersten bis zur letzten Seite Spaß.

FuBs Fundgrube: „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow

Gaito Gasdanow (1934)

Gut, den Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ gibt es auch noch immer im Buchhandel, doch haben wir unsere Ausgabe auf einem Bücherflohmarkt entdeckt. Aus diesem Grund haben wir den Beitrag darüber in unsere „Fundgrube“ gestellt.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: was für ein toller Roman! Gaito Gasdanow erlebte leider seinen Erfolg nicht mehr. Fast völlig vergessen starb er 1971 in München (geboren wurde er 1903 in St. Petersburg). In Deutschland wurde Gasdanow erst 2012 durch die Übersetzung von Rosemarie Tietze bekannt – und das, obwohl er seine letzten Lebensjahre in München verbrachte.

Gaito Gasdanow könnte man irgendwo zwischen Leo Perutz und Robert Siodmak einordnen. Ja, der Vergleich verwirrt, immerhin war der eine Schriftsteller phantastischer Romane und Thriller, der andere Regisseur der bekanntesten Noir-Filme Hollywoods. Aber meiner Meinung nach trifft dieser Vergleich am ehesten zu. Denn „Das Phantom des Alexander Wolf“ ist sowohl geheimnisvoll und rätselhaft wie Perutz‘ einzigartige Romane und zugleich düster und kriminalistisch wie Robert Siodmaks Noir-Filme.

In dem 1947 erschienen Roman geht es um einen ehemaligen Weißgardisten, der in Russland während des Bürgerkriegs einen Reiter erschossen hat. Jahre nach seiner Flucht nach Paris gelangt in seine Hände der Erzählband eines gewissen Alexander Wolf, der in einer der Geschichten exakt das Erlebnis, das den Ich-Erzähler plagt, wiedergibt. Also begibt sich der Mann auf die Suche nach dem Autor und begegnet dabei der geheimnisvollen Jelena, die Alexander Wolf ebenfalls gekannt hat …

Cover der ersten deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

„Das Phantom des Alexander Wolf“ ist ein überaus spannender und geheimnisvoller Roman, der, wie oben bereits erwähnt, wie ein Noir-Krimi gestaltet ist. Der namenlose Ich-Erzähler gerät durch sein Geheimnis, das schwer auf seinem Gewissen lastet, in ein noch rätselhafteres Beziehungsgeflecht, in dem es um Liebe und Hass und nicht weniger um die Frage geht, ob das Schicksal eines jeden Menschen vorherbestimmt oder alles bloß Zufall ist.

Auf seiner Suche nach dem mysteriösen Alexander Wolf begegnet der Ich-Erzähler Menschen, die alle etwas über diesen Mann wissen, doch niemand kann etwas Gutes über ihn erzählen. Auf diese Weise schleicht sich Alexander Wolf wie ein Phantom ist das Leben des ehemaligen Soldaten und lastet wie ein unheivoller Schatten auf allem, was der Ich-Erzähler unternimmt. Jelena kommt hierbei die Rolle der femme fatale zu, in dem sie mit ihrer Sinnlichkeit den Ich-Erzähler betört und ihn gleichzeitig in eine zunehmend unheilvolle Situation bringt.

„Das Phantom des Alexander Wolf“ habe ich an einem Tag durchgelesen. Gaito Gasdanow schreibt ungeheuer flüssig, sodass man regelrecht durch die Geschichte gleitet. Zugleich gelingt es ihm, die Spannung von Mal zu Mal zu erhöhen, sodass man nicht anders kann, als weiterzulesen, da man unbedingt wissen möchte, wie der Roman endet. Beim Lesen dachte ich ständig, wieso nie jemand diesen Roman verfilmt hat. Man müsste das Buch einfach in eine Filmrolle legen und fertig. Tatsächlich wurde der Roman in den 50er Jahren verfilmt, allerdings nicht fürs Kino, sondern fürs Fernsehen.

Beim Lesen musste ich ständig an die Filme Robert Siodmaks denken. Auf dieselbe Weise, wie Gasdanow seine geheimnisvolle Geschichte entfaltet, geht Siodmak in seinen Filmen vor. Ava Gardner hätte hervorragend in die Rolle der Jelena gepasst, Burt Lancaster in die Rolle des Weißgardisten.

Gaito Gasadnows süchtig machendes Können blieb leider zum großen Teil unbemerkt. Das lag daran, wie Rosemarie Tietze in ihrem Nachwort bemerkt, dass er seine Romane im französischen Exil nur auf Russisch schrieb und nicht z.B. auf Französisch oder Englisch, was dazu führte, dass seine Werke nie den Bekanntheistgrad erreichten, der ihnen eigentlich gebührt hätte. In Russland, seiner eigentlichen Heimat, wurden seine Romane erst Anfang der 1990er bekannt, in Deutschland, wie gesagt, erst 2012.

Gaito Gasdanow. Das Phantom des Alexander Wolf. DTV 2012, 191 Seiten

 

 

Maurice – Eine bisher unbekannte Erzählung von Mary Shelley

Im Frühling 1820 schrieb Mary Shelley die Erzählung „Maurice“ als Geburtstagsgeschenk für Laurette, der elfjährigen Tochter von Margeret Mason. Mrs. Mason war zusammen mit ihrem Liebhaber, dem Dichter und Privatgelehrten George William Tighe, nach Pisa gezogen, wo sie Mary und Percey Shelley begegneten und sich schnell anfreundeten.

„Maurice“ galt bis Ende der 1990er als verschollen. Doch 1997 entdeckten die Nachfahren Laurettes im Familienarchiv das rund 40 Seiten umfassende Manuskript, das ein Jahr später von der University of Chicago Press veröffentlicht wurde.

Der englische Titel lautet „Maurice or The Fisher’s Cot“ und handelt von einem Jungen, der wegen seines brutalen Vaters von Zuhause geflohen ist und schließlich bei einem alten Fischer ein neues Heim gefunden hat. Eines Tages aber stirbt der Fischer und der Junge namens Maurice darf nur noch eine Woche lang in der Hütte, die ihm alles bedeutet, leben. Eines Tages besucht ihn ein fremder Mann, der sein Schicksal auf sonderbare Weise verändern soll.

Die Erzählung „Maurice“, die nun zum ersten Mal auf Deutsch vorliegt (übersetzt von Alexander Pechmann), ist eine wunderschöne, sanfte Geschichte über Trennung und Verlust, aber auch darüber, die Hoffnung nie aufzugeben. Der Logbuch-Verlag hat die Geschichte zusammen mit Mary Shelleys Essay „Über Geister“ in seiner bekannten Pressendruck-Reihe veröffentlicht. Allerdings ist die Ausgabe auf wenige hundert Stück limitiert. Das kleine, feine Heft mit zwei Illustrationen von Erik Krick gibt es direkt beim Verlag: https://www.logbuchladen.de/#press

Die zehnte Muse – Phantastisches aus dem Schwarzwald

Mit „Die zehnte Muse“ legt der Autor und Übersetzer Alexander Pechmann nun bereits seinen dritten Roman vor. Es geht um die Geschichten zweier Männer, die auf eine mysteriöse Art und Weise miteinander verbunden sind.

Zum einen ist da Algernon Blackwood, der als 16-jähriger Junge nach Königsfeld im Schwarzwald kommt, um dort das Internat zu besuchen. Zum anderen um den Maler Paul Severin, dessen Schicksal ihn von Karlsruhe bis nach Paris bringt. Beide haben dieselbe rätselhafte Frau namens Talitha getroffen, die ihr Leben für immer prägen sollte. Und dennoch: konnte es sich tatsächlich um dieselbe Person gehandelt haben?

Wie auch bei seinen beiden vorangegangenen Romanen „Sieben Lichter“ und „Die Nebelkrähe“ überzeugt „Die zehnte Muse“ schon allein durch die sorgfältig recherchierten Hintergründe. Pechmann verbindet in der Geschichte die Biografie des berühmten Horrorautors Algernon Blackwoods (1869 – 1951), der für längere Zeit tatsächlich in Königsfeld gelebt hat, mit den unheimlichen Legenden des Schwarzwaldes. Das Ergebnis lässt sich mehr als nur sehen. Das Buchcover ist Programm: denn „Die zehnte Muse“ ist ein recht düsterer und nicht weniger geheimnisvoller Roman, bei dem der Leser wie bei einem Krimi stets am miträtseln ist, was nun die Lösung des Mysteriums ist.

Die Verbindung der sonderbaren Erlebnisse von Blackwood und Severin verweben sich zu einem dichten Ganzen, in dem das Tragische zugleich einen mysteriösen Schatten wirft und das Unheimliche sich wie ein kalter Hauch über die einzelnen Zeilen legt. Wie immer besticht der Autor durch einen erstklassigen Schreibstil, der einen von Anfang an durch das Buch gleiten lässt. Kurz: ein genauso faszinierender wie düster-geheimnisvoller Roman.

Alexander Pechmann. Die zehnte Muse. Steidl Verlag 2020, 175 Seiten, 18,00 Euro, ISBN: 978-3-95829-715-9

Vor dem Sturm – Der Debutroman von Theodor Fontane

Theodor Fontane (1860)

Für Fontane war „Vor dem Sturm“ stets der Roman, bei dem er vergessen hatte, dass er ihn selbst geschrieben hatte. Und das, obwohl er insgesamt 25 Jahre daran gearbeitet hatte, Recherchen mit einbezogen. Die Arbeit daran hatte er immer wieder unterbrechen müssen, sodass allein schon das eigentliche Schreiben des Romans zehn Jahre in Anspruch genommen hatte.

Dennoch besitzt die Mischung aus Familien- und Historienroman eine Art Schattendasein im Gesamtwerk Fontanes. Der Untertitel von „Vor dem Sturm“ lautet „Ein Roman aus dem Winter 1812 auf 13“. Die märkischen Adeligen, Bürger und Bauern erwarten mit großer Sorge die aus Russland zurückströmenden französischen Soldaten. Im Zentrum der Handlung steht dabei die Familie Vitzewitz. Vater Berndt ist zu allem bereit, um sich den Franzosen in den Weg zu stellen und organisiert daher ein Heer aus Freiwilligen. Sein Sohn Lewin, der in Berlin studiert und einen Literaturzirkel leitet, wird mehr und mehr in den Strudel der Ereignisse hineingezogen …

Die damaligen Kritiken waren zwiespältig. Die einen lobten den Roman über alles, für die anderen war der Roman zum einen zu lang, zum anderen bemängelten sie, dass darin kaum etwas passiere. Nun, ein Spannungsroman ist „Vor dem Sturm“ sicherlich nicht, obwohl Fontane hervorragend die Katastrophe, die sich anbahnt, sehr eindringlich aufbaut.

Cover der kommentierten Ausgabe im dtv-Verlag

Im Großen und Ganzen ist „Vor dem Sturm“ jedoch ein Roman über das Leben der Familie Vitzewitz, zu der neben dem Vater Berndt und dessen Sohn Lewin auch noch die Tochter Renate zählt. Die Mutter ist bereits gestorben. Die Geschichte lebt vor allem durch die überaus liebevoll gezeichneten und lebendigen Charaktere. Ob es nun der Literaturliebhaber Lewin und seine Freunde aus dem Literaturzirkel sind, ob es seine Schwester Renate ist, die alle Schicksalschläge still erduldet, oder die Geschwister Tubal und Kathinka, Cousin und Cousine der beiden, die Figuren erscheinen einem so nah, dass man sie schnell ins Herz geschlossen hat – sogar Kathinka, die im Grunde genommen ziemlich egoistisch, ja sogar snobistisch erscheint. Nicht zu vergessen Pfarrer Seidentopf, der sich mehr für sein Hobby der Archäologie interessiert als für seine Predigten. Mit der kleinwüchsigen, alten Frau Hoppenmarieken hat Fontane eine der wohl mysteriösesten Figuren geschaffen, über die man noch lange nachdenkt. Ihre Zwielichtigkeit wirkt manchmal regelrecht unheimlich.

Fontane fügt in das Geschehen immer wieder (unheimliche) Legenden und Kriegsanekdoten ein, welche nicht nur die einzelnen Figuren näher kennzeichnen, sondern auch ein genaueres Bild der Lebenswelt im Oderbruch liefern. Man kann keinesweges behaupten, dass „Vor dem Sturm“ langweilig sei, was manche Kritiker ja Fontane vorgeworfen haben. Man gleitet über die gut 700 Seiten des Romans angenehm hinweg, wobei man stets bestens unterhalten wird. „Vor dem Sturm“ ist ein Buch, in das man sich regelrecht verlieben kann und das ich persönlich mit auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Ein wirklich schönes Leseerlebnis.

1984 produzierte die ARD eine sechsteilige Miniserie, die sich jedoch nicht exakt an die Vorlage hält.

Erschienen: Prähuman Band 20 – Instant Nirvana

Man kann es beinahe schon als ein kleines Jubiläum bezeichnen: der 20. Band der beliebten Reihe „Prähuman“ ist erschienen. Seit dem Jahr 2017 erleben der Grenzwissenschaftler Frederic Tubb und seine beiden Mitarbeiter Maki Asakawa und Hans Schmeißer ein Abenteuer nach einander, wobei jeder Band seinen eigenen Charme besitzt.

Band 20 nun handelt von einem fremden Raumschiff, dass wie aus dem Nichts in den Londoner Hyde Park stürzt, was natürlich unter den Bewohnern Panik auslöst. Da das Militär bei der Untersuchung des Objekts nicht weiterkommt, bittet Major Sam Richards Frederic Tubb und sein Team um Hilfe. Denn etwas hat das Raumschiff mitgebracht, das nun ganz London bedroht. Bizarre Maschinen tauchen auf, die für Chaos und Zerstörung sorgen. Doch nicht nur Englands Hauptstadt, sondern die ganze Menschheit ist bedroht …

Man muss hier wirklich sagen: genial! Band 20 ist zurecht eine Art Jubiläumsband. Denn die Handlung ist komplex, überaus spannend, voller Action und geizt dabei nicht mit originellen und skurrilen Ideen. Natürlich kommt auch der Humor keineswegs zu kurz. Zwar taucht Hans Schmeißer erst im Laufe der Geschichte auf, doch dann hat er wieder jede Menge Sprüche auf Lager. Und – hat Maki Asakawa etwa eine heimliche Liebesbeziehung? Gekonnt fädelt Denning diese Angelenheit in die übrige Geschichte ein, sodass nie Langeweile herrscht.

„Instant Nirvana“ macht von Anfang bis Ende riesigen Spaß. Die Geschichte rast atemlos voran und am Ende freut man sich schon auf Band 21.

FuBs Fundgrube: „Die Gespenstertruhe“

Die Anthologie „Die Gespenstertruhe“ zählt bis heute zu den besten Sammlungen klassischer Gruselgeschichten. Herausgegeben hat das Buch Martin Gregor-Dellin, das 1967 zum ersten Mal im Nymphenburger Verlag erschienen ist.

Obwohl ich Anthologien von Gespenstergeschichten sammle, war mir anfangs speziell dieses Buch völlig unbekannt. Durch Zufall und über Umwege stieß ich darauf, als mir in einem Antiquariat der zweite Band über den Weg lief. Dieser, ebenfalls von Martin Gregor-Dellin herausgegebene Band trägt den Titel „Die schwarze Kammer“ und stammt aus dem Jahr 1972. Dieser ist zwar nicht so gut wie „Die Gespenstertruhe“, dennoch sehr lesenswert.

Lange Rede, kurzer Sinn: Auf dem Buchumschlag von „Die schwarze Kammer“ wird der erste Band beworben, den ich mir natürlich dann auch antiquarisch besorgt habe. Die Frage ist nun, was „Die Gespenstertruhe“ so unvortrefflich macht. Die Antwort lautet: weil sich in dem Buch wirklich alle bekannten, klassischen Gespenstergeschichten die Klinke in die Hand geben. Daniel Dafoes „Die Erscheinung der Mrs. Veal“ macht gleich den Anfang – und ich finde, diese Geschichte muss einfach am Anfang stehen, da sie wie ein Opener für alle anderen Geschichten wirkt. Auch Bulwer-Lyttons Spukhausgeschichte „Das verfluchte Haus in der Oxfordstreet“ fehlt hier ebenso wenig wie Alxandre Dumas‘ „Die Katze, der Gerichtsdiener und das Skelett“.

Der Band beinhaltet des weiteren die berühmten Geistergeschichten von Charles Dickens, Honoré de Balzac, Heinrich von Kleist, M. R. James, Heinrich Heine, Oscar Wilde, Mark Twain Edgar Allan Poe usw. – also wirklich keine der bekannten Spukgeschichten fehlt hier. Des weiteren hat Gregor-Dellin auch unheimliche Geschichten von Agatha Christie („Die letzte Sitzung“) und Truman Capote („Miriam“) mit aufgenommen. Ebenso wenig fehlt der Blick auf die klassischen asiatischen Geistergeschichten, von denen mit Pu Ssung-Ling und Ueda Akinari die wohl bekanntesten Vertreter vorhanden sind.

Wie oben bereits erwähnt, erschien 1972 der zweite Band. Noch im selben Jahr wurden beide Bände zusammengefügt und unter dem Titel „Das Gespenst im Aktenschrank“ im dtv-Verlag veröffentlicht. Es gibt auch noch einen „heimlichen“ dritten Band, der 1974 mit dem Titel „Das Wachsfigurenkabinett“ erst im Nymphenburger Verlag erschienen ist und 1979 erneut im dtv-Verlag. Dabei handelt es sich jedoch weniger um Gespenstergeschichten, sondern allgemein um unheimliche Erzählungen, wobei sowohl klassische als auch moderne Autoren vertreten sind. Doch sowohl der zweite als auch der dritte Band kommen an die Großartigkeit der „Gespenstertruhe“ nicht heran. Diese ist und bleibt einzigartig.

Die Gespenstertruhe. Geistergeschichten aus aller Welt. Hrsg. Martin Gregor-Dellin. Nymphenburger Verlag 1967, 464 Seiten.

 

FuBs Fundgrube: „Das Schnurren der Katze“ von Hugh B. Cave

In den 70er und 80er Jahren veröffentlichte der dtv-Verlag mehrere unheimliche und generell phantastische Romane und Anthologien unter dem Reihentitel dtv phantastica. Der damalige Slogan zu der Reihe lautete: „Schwarz: der Umschlag. Schwarz: Der Inhalt. Schwarz: Die Reihe“. In der Reihe erschienen sowohl klassische Autoren wie Leo Perutz, Bram Stoker oder Mary Shelley, aber auch George Langelaan („Die Fliege“) und sogar Stephen King.

Eine besondere Stellung nimmt in dtv phantastica sicherlich das Buch „Das Schnurren der Katze“ von Hugh B. Cave ein – und zwar deshalb, da dies die einzige Sammlung von Erzählungen des amerikanischen Horrorautors ist, die jemals auf Deutsch erschien. Cave (1910 – 2004) zählte in den 30er, 40er und 50er Jahren zu den erfolgreichsten Horrorautoren. Er veröffentlichte in den damaligen Pulp Magazinen insgesamt über 1000 Kurzgeschichten. Hinzu kommen über 20 Romane, von denen sich die meisten mit dem Voodoo-Kult befassen.

Der Hang zum Grauen wurde ihm quasi schon in die Wiege gelegt, las seine Mutter doch gerne Schauerromane. Besonders hatte es ihr „Die Burg von Otranto“ von Hugh Walpole angetan, weswegen sie auch ihrem Sohn den Namen Hugh gab. Trotz seines Erfolgs gelangte keines seiner Werke bis nach Deutschland. Dies änderte sich 1981 mit der oben genannten Storysammlung. Man hätte meinen können, dass diese den Weg für weitere Übersetzungen bereiten würde, aber weit gefehlt.

Wirklich schade, denn Hugh B. Caves Geschichten machen regelrecht süchtig. Egal ob es um angenähte Hände mit einem unheimlichen Eigenleben geht, um ein Funkgerät, mit dem man Botschaften aus dem Jenseits empfangen kann, um Vampire oder um lebendig werdende Filmmonster, die Handlungen sind stets überaus spannend, sinnlich und angenehm gruselig. Ich weiß gar nicht, wie oft ich das Buch bereits gelesen habe, es wird auf jeden Fall nie langweilig. Die Geschichten faszinieren stets aufs Neue und lassen einen nicht mehr los.

Caves unheimliche Fantastie ist geradezu plastisch, fast so wie das Monster, das nachts lebendig wird und Frauen entführt. Es ist jedes Mal ein wahrer Genuss, die einzelnen Geschichten zu lesen, und wenn man mal mit der ersten begonnen hat, dann muss man einfach die übrigen ebenfalls verschlingen, so sehr zieht einem dieses Buch immer wieder in seinen Bann.

Wie gesagt, ist leider nie wieder etwas von dem Autor auf Deutsch erschienen. Mittlerweile sind seine Bücher auch in den USA nur mehr antiquarisch erhältlich. Wer noch bei einem Antiquariat ein Exemplar von „Das Schnurren der Katze“ findet, sollte sofort zuschlagen, er hält damit einen wahren Schatz in der Hand.

Hugh B. Cave. Das Schnurren der Katze. dtv 1981 (dtv phantastica), 129 S.