J. R. R. Toklien – Der Untergang von Númenor

J. R. R. Tolkien hinterließ bei seinem Tod im Jahr 1973 bekanntlich Unmengen an unveröffentlichten Manuskripten mit Materialien, Erzählungen, Skizzen und Fragmenten, die deutlich machen, dass sein Hauptwerk, Der Herr der Ringe, auf einer viel größeren Vision basiert – einer viele Jahrtausende und drei Zeitalter umfassenden Geschichte von Mittelerde,
die auf Einzelschicksale ebenso eingeht wie auf historische Entwicklungen und Umbrüche und auf eine mythologische Vorgeschichte Bezug nimmt. Diese mythologische Vorgeschichte und das Erste Zeitalter waren Thema des von Tolkiens Sohn Christopher herausgegebenen Bandes Das Silmarillion.

Die in Der Herr der Ringe geschilderten Ereignisse finden im Dritten Zeitalter statt. In Der Untergang von Númenor versucht der Herausgeber Brian Sibley nun eine Chronik des Zweiten Zeitalters zu erstellen. Sein Ausgangspunkt ist eine von
Tolkien selbst verfasste Zeittafel, die in den Anhängen zum Herrn der Ringe erschien. Silbley verknüpft die Daten aus Tolkiens Zeittafel mit Texten und Textauszügen, die bereits in anderer Form in den von Christopher Tolkien und Carl F. Hostetter edierten Bänden veröffentlicht wurden.

So ist die längere Erzählung über die unglückliche Beziehung zwischen Aldarion und Erendis erstmals in Nachrichten aus Mittelerde veröffentlicht worden. Der Untergang von Númenor enthält also kaum neues Material, die Zusammenstellung hat
aber dennoch einen gewissen Reiz. Nicht nur, weil man nun – unabhängig von der neuen Streaming-Serie – Schritt für Schritt die Vorgeschichte zum Herrn der Ringe nachvollziehen kann, sondern auch, weil die Figur Sauron hier in einem anderen Licht erscheint. Er tritt zunächst in menschlicher Gestalt auf, der sich als wohlwollender und weiser Ratgeber geriert:
„Jedes Jahr gewinnt er neue Kraft, denn die meisten Menschen sind seinen Plänen geneigt.“

Sauron ist zunächst Schmeichler und Verführer, der eher durch List und weniger durch Gewalt an Einfluss gewinnt. Nur weil das Böse für manch einen verlockend erscheint, gewinnt es an Macht. Nur weil Menschen leicht zu verführen sind, kommt es zum Krieg. So sind die stärksten Episoden des Buches jene, in denen der letzte Herrscher von Númenor unter dem Einfluss Saurons zum Tyrannen wird und schließlich den Untergang seines Reiches herbeiführt.

Wie der Herausgeber Brian Sibley in seinem Vorwort anmerkt, wurde Tolkien von den Sagen um den Untergang von Atlantis inspiriert. Er hatte offenbar die Absicht, einen Zeitreise-Roman zu schreiben, in dem ein Vater und sein Sohn in immer neuen Reinkarnationen verschiedene historische Epochen erleben. Zwei Kapitel aus diesem unvollendeten Roman The Lost Road führen nach Númenor und werden im Anhang erstmals auf Deutsch präsentiert.

Der Untergang von Númenor ist eine schön illustrierte und sorgfältig kommentierte Ergänzung zu den Hauptwerken Tolkiens und dürfte all jene zufriedenstellen, die hin und wieder Sehnsucht nach Mittelerde haben.

Alexander Pechmann

J. R. R. Tolkien: Der Untergang von Númenor. Herausgegeben von Brian Sibley
Übersetzt von Helmut W. Pesch, Illustrationen von Alan Lee, Hobbit-Presse/ Klett-Cotta 2022

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