Sinnliche Vampire: Carmilla (2019)

Sheridan Le Fanus Novelle „Carmilla“ (erschienen 1871) zählt zu den Klassikern der unheimlichen Literatur und der Vampirgeschichten im Speziellen. Die angedeutete lesbische Beziehung zwischen der Vampirin Carmilla und ihrem Opfer Lara macht den Stoff für Regisseure bis heute interessant. 2019 nahm sich Regisseurin Emily Harris der Novelle an und schuf einen wunderschönen, dichten und durchaus sinnlichen Horrorfilm.

Laura (Hannah Rae) und Carmilla (Devrim Lingnau) finden zueinander; „Carmilla“ (2019); © Film Movement

Wer sich spritzende Blutfontänen erhofft, ist bei Emily Harris‘ Verfilmung fehl am Platz. Wer jedoch subtilen Grusel und das zwischen den Zeilen lauernde Grauen schätzt, der ist hier genau richtig. Denn Harris zeigt keine Vampire mit spitzen Eckzähnen, sondern beschreibt, wie das Unheimliche nach und nach in das Haus eines Arztes Einzug hält. Vor allem von dem Grauen betroffen ist Laura, deren Mutter gestorben ist und die nun von der strengen Miss Fontaine erzogen wird. So gut wie alles ist Laura verboten, erst recht darf sie nichts über sexuelle Themen erfahren. Heimlich aber stielt sie sich immer ein anatomisches Buch ihres Vaters aus dem Bücherschrank.

Als in unmittelbarer Nähe des Hauses eine Kutsche verunglückt, wird die verletzte Carmilla ins Haus gebracht. Carmilla kann sich nicht erinnern, woher sie stammt oder wer ihre Eltern sind. Daher soll sie so lange bleiben, bis der Fall geklärt ist. Währenddessen aber freundet sich Laura mit Carmilla immer mehr an. Die Freundschaft geht rasch über in eine sinnliche Beziehung.

Harris orientiert sich bei ihrer Adaption teilweise an den Arbeiten der beiden Indie-Regisseure Justin Benson und Aaron Moorhead, die mit ihren eigenwilligen Horrorfilmen (wie z.B. „Spring“) immer wieder Aufsehen erregen. Zugleich aber lässt sie sich in der Bildgestaltung durch Gemälde aus dem 19. Jahrhundert inspirieren, was dem gesamten Film eine wunderschöne Optik verleiht, die geprägt ist von einer grandiosen, düsteren Farbgebung und einer exzellenten Beleuchtung.

Innerhalb dieses ästhetischen Rahmens nimmt die düster-unheimliche Geschichte ihren Lauf. Wie bereits bemerkt, lebt Harris‘ Verfilmung der berühmten Novelle von Andeutungen, die so geschickt in die Handlung eingewebt sind, dass dadurch eine stete unterschwellige Bedrohung entsteht.

Aufgrund dieser wundervollen Machart, die fast ganz auf die herkömmlichen Vampir- und Horroreffekte verzichtet, wirkt der Film zwar auf eine leise, trotzdem durchaus beeindruckende Weise. Dies macht „Carmilla“ meiner Meinung nach zur bisher besten Adaption der Novelle, vor allem auch deswegen, da sich der Film (im Gegensatz zu anderen Verfilmungen des Klassikers) recht genau an die literarische Vorlage hält.

Carmilla. Regie u. Drehbuch: Emily Harris, Produktion: Lizzie Brown, Darsteller: Hannah Rae, Jessica Raine, Devrim Lingnau, Tobias Menzies, Lorna Gayle. England 2019

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