Der rote Apfel – Psychothriller von Mi-Ae Seo

Lieber spät als nie, könnte man sagen. Mi-Ae Seos Roman „Der rote Apfel“ (Originaltitel lautet „The good Girl“) erschien in Südkorea bereits 2010. Zehn Jahre später kommt nun die deutsche Übersetzung – und man staune, nicht etwa aus dem Englischen, wie manche deutsche Verlage das gerne tun, sondern tatsächlich aus dem Koreanischen. Übersetzt wurde der Roman von Ki-Hyang Lee.

Die Autorin Mi-Ae Seo (geb. 1965) ist in Korea kein unbeschriebenes Blatt. Ihre Thriller landen stets auf den Bestsellerlisten. Genauso erfolgreich verfasst sie Drehbücher, wie z.B. zu der mehrfach ausgezeichneten Krimikomödie „Happy Killers“ (2010). Ihr erster in Deutschland veröffentlichter Roman handelt von der Kriminalpsychologin Sonkyong, die eines Tages einen sonderbaren Auftrag erhält. Der Serienkiller Lee Byong-Do, den die Todesstrafe erwartet, möchte ausgerechnet mit ihr über seine Straftaten reden. Die Polizei erhofft sich dadurch, weitere bisher ungeklärte Mordfälle lösen zu können.

Sonkyong, die Lee Byong-Do zuvor noch nie begegnet ist, willigt ein. Doch Lee Byong-Do verlangt von ihr, dass sie bei jedem Treffen einen großen Apfel mitbringen solle, sonst würde er nicht reden. Zugleich gerät Songkyongs Privatleben völlig durcheinander, da Hayong, die Tochter ihres Mannes, nach einem Brand zu ihnen zieht. Doch mit Hayong scheint etwas ganz und gar nicht zu stimmen.

Man kann den Roman mit zwei Wörtern sofort auf den Punkt bringen: extrem spannend. Mi-Ae Seo entwickelt in „Der rote Apfel“ eine solche Dichte, dass einem buchstäblich der Atem wegbleibt. Auch wenn der Verlauf der Handlung stellenweise vorhersehbar ist, so bleibt die Geschichte aufgrund der Figuren und ihres jeweiligen Verhaltens überaus aufreibend.

Gut, manchmal lässt sich Sonkyongs Verhalten nicht wirklich nachvollziehen. Als Kriminalpsychologin wirkt sie doch eher unerfahren und alles andere wie eine Expertin. Doch andererseits macht genau das die Spannung des Romans aus. Denn immer wieder ertappt man sich dabei, dass man über Sonkyong einfach nur den Kopf schüttelt. Sehr gut fädelt Mi-Ae Seo dabei das soziale Verhältnis zwischen Mann und Frau in den Roman ein, wobei sie hierbei auf ironische Weise veranschaulicht: trotz Emanzipation ist das Patriarchat keineswegs abgeschafft. Interessanterweise macht sich dies ausgerechnet im Privatleben Sonkyongs bemerkbar und nicht in ihrem Berufsleben, was zwischen den Zeilen durchaus satirische Züge aufweist.

Im Groben und Ganzen ist „Der rote Apfel“ ein echter Thriller-Genuss. Während koreanische Filme immer noch Hochsaison feiern, schaut es bei der Literatur leider mehr als nur mager aus. Eher tröpfchenweise werden koreanische Romane ins Deutsche übersetzt. Man kann nur hoffen, dass sich das bald ändern wird. Denn Mi-Ae Seos Roman zeigt, dass es hier noch viel zu entdecken gibt.

Mi-Ae Seo. Der rote Apfel. Heyne Verlag 2020, 12.99 Euro, 349 Seiten

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