FuBs Klassikbox: Todsünde (1945)

Ellen (Gene Tierney) offenbart ihre psychopathischen Anlagen; „Leave her to Heaven“ (1945); © 20th Century Fox

Ein Film Noir in Farbe? 1945 bewies Regisseur John M. Stahl, dass dies durchaus funktionieren kann, und schuf dabei zugleich einen der Klassiker dieses Genres. Ausgezeichnet mit dem Oscar für die Beste Kamera, waren die Kritiker dennoch nicht ganz von „Leave her to Heaven“ überzeugt. Aber wie so oft änderte sich diese Meinung mit der Zeit. Heute zählt das Werk zu den außergewöhnlichsten Filmen jener Ära.

„Todsünde“ basiert auf dem damaligen Bestseller von Ben Ames Williams. Es geht um den Schriftsteller Richard Harland, der während einer Zugfahrt Ellen Berent kennenlernt. Schnell entwickelt sich aus der Bekanntschaft eine Liebesbeziehung. Doch nach der Hochzeit stellt Richard mehr und mehr fest, dass etwas mit Ellen nicht stimmt …

Ellens Blick verrät: mit ihr stimmt etwas nicht; „Leave her to Heaven“ (1945); © 20th Century Fox

Gene Tierney galt damals als eine der schönsten Frauen. Ein Jahr nachdem sie in dem Thriller „Laura“ die Titelfigur gespielt hatte, stellte sie in „Todsünde“ eine Psychopathin erster Güte dar. Ellen entpuppt sich mehr und mehr als kontrollsüchtig. Niemand darf Richard nahe kommen, nicht einmal ihre Familie. Dass sich ihre Halbschwester Ruth mit Richard gut versteht, bringt sie in Weißglut. Und dann ist da noch Richards behinderter Bruder, der ihr im Weg steht.

John M. Stahl kreierte in „Todsünde“ Szenen, die unter die Haut gehen. Einer der Höhepunkte, bei denen Ellens Boshaftigkeit zur Geltung kommt, ist die beklemmende Szene, in der Ellen gefühllos beobachtet, wie Richards Bruder im See ertrinkt. Man fühlt sich an die Rückblende in „Freitag, der 13.“ (1980) erinnert, in der Jason als Kind dasselbe Schicksal ereilt. Möglich, dass sich Regisseur Sean S. Cunningham von der Szene in „Todsünde“ inspirieren ließ.

Ziemlich gewagt für die damalige Zeit ist auch die Szene, in der Ellen in Richards Bett kriecht, um ihn „in Stimmung“ zu bringen. Sie reibt sich an ihn und bläst ihm sanft ins Gesicht, während ihre eine Hand angedeutet (d.h. außerhalb des Bildes) zwischen seinen Beinen ruht. In dem Moment, in dem Richard auf ihr Spiel reagiert, wird die Situation durch seinen Bruder unterbrochen, der gegen die Wand klopft. Enttäuscht steht Ellen wieder auf.

Bei „Leave her to Heaven“ darf die Farbgebung keineswegs unerwähnt bleiben. Es handelt sich nicht einfach um einen gewöhnlichen Farbfilm. Kameramann Leon Shamroy setzte Beleuchtung und Farbe so ein, dass die Szenen teilweise fast schon surreal wirken. Das farbliche Scheinwerferlicht schafft beinahe traumartige, geheimnisvolle Hintergründe, eine Methode, die der berühmte italienische Horrorregisseur Mario Bava 20 Jahre später wieder aufnehmen sollte.

Die spezielle Farbgebung des Films erinnert teilweise an die späteren Filme Mario Bavas; „Leave her to Heaven“ (1945); © 20th Century Fox

Selbst die Musik wirkt ungeheuer modern. Von Anfang an deutet Filmkomponist Alfred Newman durch tiefe, eindringliche Tonfolgen die düstere Bedrohung an, die sich im Laufe des Films zunehmend verdichtet und schafft dabei eine Musik, die auch in heutigen Thrillern ohne weiteres verwendet werden könnte. Bei der angedeuteten Sexszene sowie bei der Szene, in der Richards Bruder ertrinkt, bleibt die Musik ganz weg, wodurch das Geschehen noch intensiver wirkt. Die damaligen Zuschauer müssen wie gebannt auf die Leinwand gestarrt haben.

Wie auch in „Laura“, so spielt in „Todsünde“ Vincent Price eine Nebenrolle. War er in „Laura“ ein schlaksiger Freund der Familie, der als einer der Verdächtigen galt, so spielt er hier einen Staatsanwalt, der sich an Richard rächen möchte, da dieser ihm seine Verlobte (Ellen) weggenommen hat.

Kurz und knapp: „Todsünde“ ist ein teils subtiler, teils beklemmender Thriller, der auch heute nichts von seiner Wirkung verloren hat.

Todsünde (OT: Leave her to Heaven); Regie: John M. Stahl, Drehbuch: Jo Swerling, Produktion: William H. Bacher, Darsteller: Gene Tierney, Cornel Wilde, Jeanne Crain, Vincent Price. USA 1945

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