Tolkien – Schöpfer von Mittelerde

„Tolkien – Schöpfer von Mittelerde“ ist der Begleitband zu einer großen Ausstellung, die 2018 in Oxford und 2019 in New York zu sehen war. Das Buch enthält sechs Essays führender Tolkien-Experten sowie einen kompletten Katalog der zahlreichen Exponate: Briefe, Fanpost, Manuskripte, Zeichnungen, Karten, Familienfotos. Die Abbildungen sind durchgehend vierfarbig und zu (fast) jeder Abbildung gibt es einen informativen Kommentar.

Die literaturwissenschaftlichen Essays bieten einen guten, skizzenhaften Einstieg in Tolkiens Leben und Werk. Nach einer kurzen Biographie erfährt man Interessantes zu dem Oxforder Literatenkreis der „Inklings“, dem unter anderem auch Narnia-Erfinder C. S. Lewis angehörte. Es wird deutlich, dass diese Autoren mehr wollten, als spannende Fantasygeschichten erzählen. Sie strebten danach, mittels Malerei, Musik und Lyrik ein „neues Licht“ in eine finstere Welt bringen; eine Idee, die auf die Vorstellungen der Symbolisten der Jahrhundertwende zurückzugreifen scheint. Viele Inklings – Charles Williams, Lewis und Tolkien – waren stark beeinflusst vom Katholizismus und verknüpften christliche Werte mit vorchristlichen Motiven. Hierzu passt die Erkenntnis eines anderen Essays, der zeigt, wie Tolkiens Figuren und Geschichten von altnordischen Heldenepen und Mythen inspiriert und gleichzeitig durch das christliche Weltbild des Autors gemildert wurden. Weitere Texte beschäftigen sich mit der Entwicklung der Elbensprache und mit Tolkiens „Bildwelten“, seinen Zeichnungen und Aquarellen, die oft parallel zu den literarischen Texten entstanden. Die Abbildungen dieser Zeichnungen sind es, die das Buch zu etwas Besonderem machen. Sie reichen von bloßen Kritzeleien auf Zeitungspapier bis zu kunstvollen kleinen Gemälden und eröffnen einen neuen visuellen Zugang zu den Romanen und Erzählungen Tolkiens, der sich wohltuend von der vergleichsweise aufdringlichen Ästhetik der populären Verfilmungen abhebt. Nach dem Genuss dieses Bildbandes bekommt man wieder Lust, die zerlesenen Exemplare von „Hobbit“ und „Herr der Ringe“ aus dem Regal zu holen und noch einmal nach Mittelerde aufzubrechen, vielleicht sogar mit demselben kindlichen Staunen, mit dem man diese phantastische und doch vertraute Welt zum ersten Mal betreten hat.

Rezension von Alexander Pechmann

Catherine McIlwaine: Tolkien – Schöpfer von Mittelerde (Tolkien – Maker of Middle-Earth). Aus dem Englischen von Helmut W. Pesch und Marcel Aubron-Bülles, Klett-Cotta Verlag 2019, 416 Seiten, Hardcover, Großformat

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