Auslöschung oder Endlich mal wieder richtige Science Fiction

Der SF-Film „Annihilation“ von Regisseur Alex Garland wurde, um es auf den Punkt zu bringen, Opfer des aktuellen Produktions- und Kinogeschehens. Die Produktionsfirma hielt den Film für zu intellektuell und anspruchsvoll und wollte, dass Garland „Annihilation“ komplett umschneidet. Zum Glück konnte dies verhindert werden und „Auslöschung“, so der deutsche Titel, wurde in der Version veröffentlicht, die der Regisseur gewollt hatte.

Die Folge jedoch war, dass der SF-Streifen lediglich zwei Wochen in den US-amerikanischen Kinos lief, bevor er von Netflix online veröffentlicht wurde. In Deutschland wurde „Auslöschung“ nicht einmal in den Kinos gezeigt. Einmal mehr haben damit Kinobetreiber und Produzenten bewiesen, dass Anspruch für sie ein Pfui-Wort darstellt und sie nichts anderes haben wollen, als gehirnlose Kost.

Es geht in „Auslöschung“ um eine Gruppe Forscherinnen, die ein Gebiet untersuchen sollen, in dem sich sonderbare Veränderungen abspielen. Bisherige Expeditionen sind nicht zurückgekehrt – bis auf Kane, dem Mann von Lena, einer Molekularbiologin, die sich der Forschergruppe anschließt. Kane kann sich an nichts erinnern, daher hofft Lena herauszufinden, was in dem Gebiet vor sich geht.

Die Handlung erinnert ein wenig an Robert Charles Wilsons SF-Roman „Darwinia“, in dem sich in ganz Europa seltsame Veränderungen abspielen, doch handelt es sich bei „Annihilation“ um die Adaption eines Romans des SF-Autors Jeff VanderMeer. Regisseur Alex Garland schuf einen ruhigen, doch nicht weniger intensiven Film, in dem es um die Frage der menschlichen Existenz und den Sinn des Lebens an sich geht. Nicht weniger steht dabei die Frage der eigenen Identität im Mittelpunkt sowie die Wahrnehmung des Anderen und damit das Hinterfragen, was das Andere überhaupt ist.

Alles in allem schürft der Film damit in zentralen philosophischen Fragen, was „Auslöschung“ eine solche Tiefe verleiht, die man im heutigen Kino nicht mehr oder kaum noch gewohnt ist. Garland aber reizt das Thema vollkommen aus und macht aus der Expedition einen geradezu psychedelischen Trip. Der Film bekommt dadurch eine solch düstere Atmosphäre, dass er an manchen Stellen eine regelrechte Trostlosigkeit zelebriert, indem er nach dem Sinn von allem fragt, jedoch keinen Sinn findet.

Auf diese Weise schuf Garland einen großartigen und tiefschürfenden SF-Film, absolut jenseits hohler Actionszenen, ja in dem sogar die wenige Action, die in dem Film vorkommt, eine wesentliche Tiefe besitzt. Garlands Film fasziniert jedoch nicht nur aufgrund seiner Thematik, sondern ebenfalls aufgrund seiner ungeheuer guten Optik. Die Kameraführung ist exzellent, die Bilder, die uns Garland zusammen mit seinem Kameramann Rob Hardy präsentiert, wirken wie surreale Gemälde.

Wirklich schade, dass ein so großartiger Film quasi mit Füßen getreten wurde. Aber in einer solchen Epoche leben wir nun einmal.

Auslöschung (OT: Annihilation). Regie u. Drehbuch: Alex Garland, Produktion: Andrew MacDonald, Darsteller: Natalie Portman, Jennifer Jason Leigh, Gina Rodrigues, Tuva Novotny, Tessa Thompson, Oscar Isaak. England 2018, 115 Min.

 

 

 

 

6 Gedanken zu “Auslöschung oder Endlich mal wieder richtige Science Fiction

  1. Filmschrott März 16, 2019 / 7:11 pm

    Das Schlimmste an der ganzen Sache ist ja, dass viele den Film dann kacke fanden, weil er eben gar nicht so intellektuell und komplex ist, wie es im Vorfeld hieß. Und alle anderen finden ihn langweilig. Schade um den wirklich gelungenen Film.

    • Film und Buch März 17, 2019 / 8:56 am

      Es wäre schön gewesen, wenn der Film mindestens in Programmkinos gelaufen wäre. Aber leider sträuben sich dort viele Leute gegen Science Fiction und Phantastik im allgemeinen.

      • Filmschrott März 17, 2019 / 9:30 am

        Und leider wird das nicht mehr besser werden. Eher im Gegenteil. Abseits von den wirklich großen Filmen braucht man in den Kinos bald ohnehin nix mehr suchen.

  2. filmlichter April 8, 2019 / 9:35 am

    Diese Kritik von Paramount, der Film sei „zu intelektuell“, will mir einfach nicht in den Kopf. Wie ich in meiner Besprechung geschrieben habe (https://filmlichtung.wordpress.com/2019/03/25/ausloeschung-2018/), habe ich im Gegenteil einen Film erlebt, der unbedingt „verstanden“ werden möchte. Er bearbeitet seine Metapher zwar (zum Glück) nicht mit dem Holzhammer, macht sie aber dennoch sehr deutlich.

    Aber ich bin eh verwundert, wie sehr sich Studios auf diese Testvorführungen verlassen, wo ein paar Dutzend zufällig ausgewählte Leute die Zukunft eines Films entscheiden.

    Wie auch immer, schöne Kritik zu einem schönen Film!

    • Film und Buch April 10, 2019 / 1:00 pm

      Vielen Dank! – Leider möchten Produzenten keine tiefgründigen Filme, sondern lieber flache Schnellschüsse. Das ist wirklich schade.

  3. maimsel Mai 6, 2019 / 8:27 am

    Wow Danke für die gute Review! Ich liebe Science Fiction und es ist wirklich extrem schade wenn gute Arbeit nicht gewürdigt wird! Insbesondere dann wenn sie für den Zuschauer einen höheren Anspruch darstellt als es die meisten Hollywood „Schlager“ machen!

    Also vielen Dank für deinen tollen Beitrag dazu!

    Liebe Grüße, Maiky von http://www.Maimsel.com

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