Hereditary oder Ein netter Versuch

Für Filmkritiker scheint zurzeit jeder neue Horrorfilm der beste Horrorfilm seit langem zu sein. So auch bei Ari Asters Debut Hereditary. Das zwei Stunden lange Familiendrama mit Horroreinschlag ist tatsächlich gut gemacht, doch wirklich überragend ist es nicht.

Hereditary versucht, wie alle anderen aktuellen Indie-Horrorfilme, den Stil der 70er Jahre in unsere Gegenwart zu transportieren, was ihm auch wirklich gut gelingt. Dennoch hat der Film so seine Schwächen. Es beginnt damit, dass Annies Mutter stirbt. Von da an ereignen sich plötzlich seltsame Dinge im Haus ihrer Familie. Als dann auch Annies Tochter Charlie bei einem Autounfall stirbt, bei dem ihr Sohn Peter am Steuer saß, geraten die Dinge immer mehr außer Kontrolle.

Aster stopft so ziemlich alles an unheimlichen Themen in einen Topf, was er finden kann, und kreiert dabei eine Geschichte, die anfangs durchaus interessant ist, gegen Ende hin aber mehr und mehr an Kraft verliert. Ein wenig verwirrend erscheint die erste Einstellung, in der das Haus der Grahams zu sehen ist. Hier dürfte es sich um ein Zitat im Hinblick auf den koreanischen Horrorfilm A Tale of two Sisters handeln, den man durchaus auch als Familiendrama in Form eines Gruselstreifens bezeichnen kann und bei dem dieselbe Einstellung zu finden ist. Wieso aber Aster ausgerechnet diesen Klassiker des modernen koreanischen Kinos quasi als Opener zitiert, bleibt schleierhaft, haben doch beide Filme weder im ästhetischen noch im thematischen Sinne irgendwelche Gemeinsamkeiten.

Die Handlung von Hereditary verläuft weitestgehend ruhig. Aster lässt sich Zeit mit der Entwicklung seiner Figuren, was man ihm hoch anrechnen muss. Der Regisseur will keinen Schnellschuss schaffen, sondern wirkliche Filmkunst abliefern. Sein Werk erhält dadurch eine spannende Tiefe, und das Drama beginnt sich fast schon im klassischen Stil zu entwickeln.

Und dennoch gelingt es ihm nicht, dieses Niveau aufrecht zu erhalten. Gegen Ende hin wird der Film immer verworrener, er reiht nur noch einen unheimlichen Moment an den nächsten, wobei ihm zwar auch dabei gute Aufnahmen gelingen, der Film jedoch nicht mehr richtig ernst genommen werden kann.

Hin und wieder fühlt man sich an Andreas Marschalls Debut Tears of Kali (2004) erinnert, wobei Aster Marschalls dichtes Kammerspiel einem größeren Raum gibt. Auch Robert Eggers The Witch (2015) gibt sich stellenweise die Ehre. Es sind nun mal die Merkmale des modernen Horrorfilms, die Aster aufgreift, wobei er aber durchaus seinen eigenen Stil findet. Wirklich ausbrechen aus diesem Rahmen, dies gelingt ihm jedoch nicht. Und somit verweilt der Film innerhalb des Gewohnten.

Richtig überzeugend ist Hereditary aufgrund der bereits genannten Mängel nicht. Trotzdem ist es, im Hinblick auf Optik und Atmosphäre, auch kein schlechter Film. Er ist durchaus interessant, liefert aber im Grunde genommen nichts Neues.

Hereditary – Das Vermächtnis (OT: Hereditary). Regie u. Drehbuch: Ari Aster, Produktion: Kevin Scott Frakes, Darsteller: Toni Collette, Gabriel Byrne, Alex Wolff, Milly Shapiro. USA 2018, 128 Min.

2 Gedanken zu “Hereditary oder Ein netter Versuch

  1. Ma-Go Dezember 4, 2018 / 2:40 pm

    „Für Filmkritiker scheint zurzeit jeder neue Horrorfilm der beste Horrorfilm seit langem zu sein. “

    Genau das dachte ich mir zuletzt auch hin und wieder :D :D :D

    Den Film habe ich leider noch nicht gesehen, hatte aber bisher aber fast ausschließlich Gutes über ihn gehört. Ich bleibe gespannt :)

    • Film und Buch Dezember 5, 2018 / 11:19 am

      Ich bin schon gespannt, wie dir der Film gefällt! – Das mit den überschwänglichen Filmkritiken in Sachen Horrorfilm ist zurzeit wirklich auffällig. :)

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