Der Wolverden-Turm – Ein neues Meisterwerk der Reihe Gruselkabinett

Grant Allen (1848 – 1899) ist hierzulande leider völlig unbekannt, ganz im Gegensatz zum englischsprachigen Raum, wo er zu den klassischen Kriminalautoren zählt. Ihm zu Ehren findet in Kanada das jährliche Scene of the Crime Festival statt. Zu seinen Lebzeiten war Allen befreundet mit Arthur Conan Doyle sowie dem Soziologen Herbert Spencer, mit dem zusammen er sogar eine wissenschaftliche Abhandlung verfasste.

Obwohl Allen vor allem Kriminalromane verfasste, so war er so gut wie in allen Genres beheimatet. Er schrieb  u. a. hervorragende unheimliche Erzählungen, wie z. B. „The Wolverden-Tower“, die in seinem kurz vor seinem Tod zusammengestellten Erzählband Twelve Tales zu finden ist und nun von Marc Gruppe und Stephan Bosenius als Hörspiel umgesetzt wurde.

Maisie Llewelyn, eine junge, unverheiratete Frau, erhält kurz vor Weihnachten 1889 eine Einladung von der Millionärin Mrs. West, in ihrem Landhaus Wolverden Hall an einem Gesellschaftsabend teilzunehmen. Maisie ist von dem riesigen Landsitz begeistert. Nicht weniger beeindruckt ist sie von der alten Kirche in unmittelbarer Nähe des Landhauses. Der sonderbare Turm der Kirche wurde erst kürzlich neu errichtet, da der alte Turm, der zuvor dort stand, aus unerklärlichen Gründen eingestürzt ist. Unheimliche Gerüchte ranken sich um dieses Bauwerk. Und schon bald geschehen eigenartige Dinge …

Grant Allen wird bis heute als einer der innovativsten Autoren des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Dies gilt nicht nur für die Kriminalliteratur, sondern auch für den Bereich des Phantastischen. Diese Lust, Geschichten ein wenig anders zu erzählen als üblich, macht sich in „The Wolverden-Tower“ auf eindrucksvolle Weise bemerkbar.

Die Erzählung erscheint zunächst wie eine klassische Geistergeschichte. Mehr und mehr aber entwickelt sich die Handlung in eine völlig andere Richtung als man denkt. Auf diese Weise besitzt Der Wolvering-Turm eine solche Originalität, dass sie regelrecht modern wirkt.

Wie immer haben es Marc Gruppe und Stephan Bosenius geschafft, aus dem Stoff ein spannendes Hörspiel zu kreieren. Doch ist das noch zu wenig des Lobes, denn der unheimliche Hörgenuss ist nicht nur spannend, sondern regelrecht packend. Die Ereignisse, die Maisie auf Wolverden Hall widerfahren, lassen einen von der ersten Minute an nicht los. Von Szene zu Szene intensiviert sich das Geschehen.

Wundervoll gesprochen werden die beiden Hauptfiguren Maisie und Mrs. West von Annina Braunmiller-Jest und Dagmar von Kurmin. Ihre Stimmen verleihen den beiden Figuren eine unglaubliche Lebendigkeit, sodass der Begriff Kopfkino mehr als nur zutrifft. Wie immer kommen auch Geräusche und Musik hervorragend zur Geltung. Genial, wenn die Musik nach Maisies Ankunft auf Wolverden Hall auf einmal einen düsteren Klang erhält. Schon wird klar: Etwas Bedrohliches liegt in der Luft.

Grant Allen (1848 – 1899)

Grant Allen war nicht nur Schriftsteller, sondern verfasste auch mehrere wissenschaftliche Bücher. Seine Theorien über Religion, Spuk und Psychologie waren so überzeugend, dass sie sogar Sigmund Freud in seinen Arbeiten erwähnte. Dies beeinflusste auch Allens eigene Geschichten, was dazu führt, dass sie aus dem Rahmen der viktorianischen Geistergeschichte weit hinausragen. Es ist wirklich toll, wie Marc Gruppe diese Aspekte beinahe wie nebenbei in das Geschehen einstreut und auf diese Weise die Originalität der Erzählung auf das Hörspiel eins zu eins überträgt. Es soll hier natürlich nicht verraten werden, um welche Aspekte es sich handelt, denn dies würde viel zu viel verraten. Aber dennoch sei zumindest eines verraten: es ist grandios.

All dies führt dazu, dass die Spielzeit von etwa 43 Minuten wie im Flug vergeht. Der Wolverden-Turm ist wunderbare Gänsehaut-Unterhaltung. Und ich bin von einem überzeugt: Es wird sich garantiert schnell zu einem der Lieblinsghörspiele aus der Reihe Gruselkabinett entwickeln.

Der Wolverden-Turm (Gruselkabinett Folge 143), Buch: Marc Gruppe, Produktion: Marc Gruppe, Stephan Bosenius, Sprecher: Peter Weis, Annina Braunmiller-Jest, Dagmar von Kurmin, Beate Gerlach, Louis Friedemann-Thiele, Kristine Walther, Reinhilt Schneider, Bodo Primus, Claus Thull-Emden. Titania Medien 2018, Spieldauer: ca. 43 Min.

 

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