Öl! – Upton Sinclairs Abrechnung mit dem Kapitalismus

Cover der Neuübersetzung

Oil! lautet der bekannteste und erfolgreichste Roman von Upton Sinclair aus dem Jahr 1927. Der Roman entwickelte sich schnell zum Skandal, da Sinclair darin u. a. über Sex vor der Ehe schrieb, was in den damaligen Medien als geradezu unerhört galt. Der Roman wurde zensiert, Sinclair jedoch verkaufte die Originalfassung selbst auf den Straßen Bostons. Als kleiner Gag hatte er sich ein großes, aus Pappe gefertigtes Feigenblatt umgehängt, um sich lustig über die Moralapostel zu machen.

Diese als Fig Leaf Edition bekannte Ausgabe wurde in Deutschland unter dem Titel Petrolium veröffentlicht. Der Malik Verlag hatte sich einen Spaß erlaubt und ein Lesezeichen eingebunden, das mit einem Feigenblatt versehen war. So konnten die Leser, so lautete die damalige scherzhafte Werbung, die moralisch bedenklichen Stellen mit eben diesem Feigenblatt abdecken.

Cover der Erstausgabe von 1927

Durch diesen Skandal geriet das eigentliche Thema des Romans beinahe aus dem Blickfeld. Öl!, so der Titel der deutschen Neuübersetzung, ist Upton Sinclairs Abrechnung mit dem kapitalistischen System und orientiert sich an tatsächlichen Begebenheiten. Es geht um den Ölbaron James Arnold Ross, der in dem Roman hauptsächlich nur Dad genannt wird, und seinen Sohn James Arnold Ross Jr., von allen Bunny genannt. Dad hat sich vom Maultiertreiber über einen Kramladenbesitzer bis zu einem reichen Besitzer diverser Ölquellen hochgearbeitet und hofft, dass Bunny das Unternehmen weiterführen wird.

Bunny jedoch hat anderes im Sinn. Von Anfang an bemerkt er die soziale Ungerechtigkeit, die von den Ölbossen aufrechterhalten wird, um an billige Arbeitskräfte zu gelangen. Durch die (schwierige) Freundschaft mit Paul Watkins, der in einer bitterarmen Farmerfamilie aufgewachsen ist und nun als Freidenker durch die Lande zieht und sich dabei mehr und mehr zum Kommunismus hingezogen fühlt, beschäftigt sich auch Bunny mit den sozialistischen Theorien und setzt alles daran, um die Bedingungen, unter denen die Arbeiter auf den Ölfeldern arbeiten müssen, zu verbessern.

Upton Sinclair beim Verkauf der „Fig Leaf Edition“ in Boston

Den Konflikt, der dadurch zwischen Dad und Bunny entsteht, nutzt Sinclair, um eine vehemente Kritik am kapitalistischen System der USA einzuflechten. Dabei geht er teils satirisch, teils anklagend vor, schreibt aber vor allem einen der wohl packendsten Romane, die jemals verfasst wurden.

Zwar lässt sich Upton Sinclair anfangs Zeit, um seine beiden Hauptfiguren vorzustellen, doch danach reißt einen der Roman regelrecht mit. Bunny ist hin und her gerissen zwischen seinen Pflichten gegenüber seinem Vater und seinem Drang, die Welt zu verbessern. In der High Society stoßen seine sozialen Verbesserungsvorschläge nur auf Hohn und Spott. Dennoch setzt er seinen Weg fort, gründet eine linke Studentenzeischrift und hilft bei der Organisation der ersten Gewerkschaften mit.

Die Ölmagnaten jedoch wollen diese Entwicklung mit allen Mitteln unterdrücken und senden brutale Schlägertrupps zu den Versammlungen. Parallel dazu schildert der Roman die Entwicklung von Paul Watkins zum Gewerkschaftsführer. Im Ersten Weltkrieg kommt er bis nach Sibirien, wo er mitansehen muss, auf welche grausame Weise die gesellschaftliche Entwicklung in Russland vorangeht, währenddessen US-Konzerne den blutigen Konflikt am Laufen halten wollen, um durch den Verkauf von Waffen weiter Geld scheffeln zu können.

Die mehr als 700 Seiten liest man praktisch in einem Zug durch, so sehr lässt einen die Handlung nicht mehr los. Im Gegensatz zu seinem darauffolgenden Roman Boston, der doch gewisse Längen aufweist, ist Öl! ein durch und durch spannendes Buch, das heute eigentlich zur Pflichtlektüre werden müsste, wenn man die derzeitgen Entwicklungen betrachtet. Denn das, was Upton Sinclair 1927 über die zerstörerische Kraft des Kapitalismus schrieb, hat im Trump-Zeitalter bzw. im Zeitalter des Populismus nichts von seiner Aktualität verloren.

2007 wurde der Roman übrigens unter dem Titel There will be Blood verfilmt, auch wenn es sich um eine sehr lose Adaption handelt.

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