Die Klunkerecke: Il Mare – Das Haus am Meer

Poster für den US-Release

Es ist interessant, dass einer der Klassiker des modernen koreanischen Kinos eigentlich ein finanzieller Flop war. „Il Mare“, so der internationale Titel von Lee Hyun-Seungs drittem Spielfilm „Siworae“, wollte zunächst kaum jemand im Kino sehen. Anscheinend konnten die koreanischen Zuschauer mit dem Thema nicht viel anfangen. Ironischerweise erst mit der Zeit (und das ist ja u. a. auch eines der Themen von „Il Mare“) wurde der Film bekannter und gilt inzwischen als einer der wichtigsten Filme der Korean Hallyu.

Es geht darin um den Architekten Sung-Hyun, der in seinem Briefkasten eine sonderbare Postkarte aus dem Jahr 1999 findet, in der ihm eine Frau namens Eun-Joo bittet, ihr die Post nachzuschicken. Nur, Sung-Hyun lebt im Jahr 1997 und er ist der erste Bewohner des Hauses, das ihm sein Vater gebaut hat. Schnell stellt sich heraus, dass der Briefkasten vor dem Haus wie eine Zeitmaschine funktioniert und Eun-Joos Briefe in die Vergangenheit bzw. Sung-Hyuns Briefe in die Zukunft befördert. Nach und nach entwickelt sich zwischen beiden ein reger Briefwechsel, bis schließlich Sung-Hyun fragt, ob sie sich einmal in ihrer Zeit treffen könnten. Ein Termin wird gefunden, doch als Sung-Hyun nicht erscheint, fragen sich beide, was mit ihm passiert sein könnte …

Das Besondere an „Il Mare“ ist, dass der Film vollkommen ohne Kitsch auskommt. Lee Hyun-Seung erzählt die außergewöhnliche und nicht weniger originelle Liebesgeschichte auf eine sehr melancholische Weise, ohne es jedoch an Humor fehlen zu lassen. Der Witz liegt jedoch meistens zwischen den Zeilen, sodass man eher schmunzeln als lachen muss. Besonders, wenn Sung-Hyun Eun-Joo in seiner Zeit am Bahnhof begegnet, macht sich dies auf geradezu geniale Weise bemerkbar.

Koreanische Alterantivposter zu „Il Mare“

Doch geht es Regisseur Lee, der 2011 nochmals mit dem genialen Noir-Thriller „Hindsight“ auftrumpfen sollte, mehr als nur um eine Liebesgeschichte. In seinem Film lichtet er sozusagen den extremsten Zustand einer postmodernen Gesellschaft ab, in der jeder nur mehr für sich lebt und kaum noch Kontakte zu anderen hat – die Reinform der Individualisierung, wenn man so möchte, die der Soziologe Richard Sennet in seinem Buch „Der bewegte Mensch“ skizziert. So sind Eun-Joo und Sung-Hyun geradezu vollkommen vereinzelt, was ihre sozialen Kontakte betrifft. Immer wieder taucht dabei die Bemerkung auf, dass alle ihre näheren Bekannten viel zu weit weg von ihnen leben.

Neben dieser kunstvoll eingewebten soziologischen Perspektive, ist „Il Mare“ auch, vielleicht sogar vor allem ein optischer Höhenflug. Lee Hyun-Seung schafft in seinem Klassiker Bilder, die dem Film eine ungeheure emotionale Dichte verleihen – wie gesagt, ohne auch nur ein bisschen kitschig zu wirken. Immer wieder gelingt es ihm, die beiden Hauptdarsteller Jun Ji-Hyun (bekannt aus „My sassy Girl“ oder „The Berlin File“) und Lee Jung-Jae (bekannt aus „Das Hausmädchen“ oder dem kongenialen Gangsterfilm „New World“) so ins Bild zu stellen, dass um sie herum eine tiefe Leere herrscht, selbst dann, wenn sie sich in der Stadt oder eben auf dem oben erwähnten Bahnhof befinden.

All das macht „Il Mare“ zu einem der besten koreanischen Filme und mit Sicherheit auch zu einem der besten Liebesfilme, die jemals gedreht wurden. Wer das Remake „Das Haus am See“ mit Sandra Bullock und Keanu Reeves kennt, wird bei der Sichtung des Originals aus allen Wolken fallen. Denn einmal mehr zeigt sich, wie Hollywood einen wunderbaren Film verhunzen kann.

Il Mare (OT: Siworae), Regie: Lee Hyun-Seung, Drehbuch: Yeo Ji-Na, Produktion: Cho Min-Hwan, Darsteller: Jun Ji-Hyun, Lee Jung-Jae. Südkorea 2000, 96 Min.