It Girl Holly Golightly – Truman Capotes Novelle „Frühstück bei Tiffany“

Cover der Originalausgabe von 1958

Mit seiner Novelle „Frühstück bei Tiffany“ hatte der Exzentriker Truman Capote (1924 – 1984) endgültig das Podest der amerikanischen Literatur erklommen. Seine Novelle wurde quasi über Nacht zum Bestseller und Paramount erwarb die Filmrechte, um 1961 (also drei Jahre nach Erscheinen des Buches) einen der Klassiker der Filmgeschichte zu produzieren.

Die Frage, die ich mir immer stelle, lautet, was ist so herausragend an dieser Geschichte? Was so einzigartig? Ich habe keine Ahnung, ob es darauf eine klare Antwort geben kann, sicher ist nur, dass, wer Capotes Novelle liest, sich in diese genauso heimlich verliebt wie der Erzähler in Holly, den sie den Namen ihres Bruders Fred gibt.

Eigentlich erzählt Truman Capote lediglich die freundschaftliche Beziehung zwischen einem Mann, der Schriftsteller werden möchte, und einer jungen Frau, die sich leichtfüssig durchs Leben schlägt. Halb Prostituierte, halb It Girl gelingt es ihr im Handumdrehen, reiche Männer an sich zu binden. Dass sie jedoch nebenher mit der New Yorker Unterwelt verkehrt, scheint niemanden groß zu stören.

Capote erzählt die Novelle mit einer unerhörten Leichtigkeit, die dem Namen der weiblichen Hauptfigur alle Ehre erweist. Voller Witz, voller überraschender Wendungen, ist „Frühstück bei Tiffany“ ein wahres literarisches Feuerwerk. Doch so leicht Capote über „Freds“ Beziehung mit Holly schreibt, so schwer und tragisch sind zugleich die Themen, die darin anklingen.

So unter anderem um Eltern, die ihre Kinder aussetzen, um schwere Verluste, um das Verdrängen von Wirklichkeit – immer dann, wenn Holly sich an ihr wahres Ich erinnert, geht sie zu Tiffany’s, um sich wieder zu beruhigen und sich dem Trug hinzugeben -, es geht um Einsamkeit und um zerstörte Träume. Es wäre unfair gegenüber Lesern, die die Novelle noch nicht kennen, auf die einzelnen Aspekte genauer einzugehen, da sie die Überraschungsmomente und die Spannung wegnehmen würden.

Capote glingt jedenfalls das Meisterstück, all diese Themen in eine Art melancholische Sichtweise zu verpacken, die der Novelle diese ganz spezielle Atmosphäre verleiht. Die Tragik ist stets allgegenwärtig, doch Holly gelingt es immer wieder, sich zu behaupten. Sie ist eine Kämpfernatur, da sie von Anfang an hatte kämpfen müssen. Schließlich macht sie sich ihr Aussehen zunutze und verdient dadurch ihr Geld.

Man merkt regelrecht, dass der Erzähler bei Hollys rasantem Lebenswandel kaum oder so gut wie gar nicht mithalten kann. Er beobachtet völlig erstaunt und beinahe hilflos ihre spontanen Handlungen und merkt dabei zugleich, wie er sich in sie zu verlieben beginnt. Doch der Erzähler bewahrt, manchmal beinahe mit sich selbst ringend, die Distanz, so als sei ihm ihre Lebensart nicht ganz geheuer. Ist sie ihm zu wild, zu unberechenbar?

Truman Capote (1958)

Holly verhält sich gegenüber „Fred“ völlig anders als zu allen anderen Figuren. Sie mag ihn, seine zurückhaltende und zugleich hilflose Art scheint sie auf eine gewisse Art anzuziehen, sie aber keineswegs zu bändigen. Gleich am Anfang nennt sie ihn Fred, als zeichen für Leute, die sie gerne hat und die sie an ihren Bruder erinnern, der eingezogen wurde und nun an der Front in Europa kämpfen muss. Auf diese Weise bekommt der Erzähler so gut wie alles mit, was mit Holly und ihrem sprunghaften Leben zu tun hat. Doch gelingt es ihm nie, sie vor bestimmten Dingen zurückzuhalten. Sie lässt sich nichts sagen und hat es nicht gerne, wenn man sie mit der Wahrheit konfrontiert. Auf diese Weise wirkt Holly, als sei sie ständig auf der Flucht, und zwar auf der Flucht vor sich selbst.

Es scheint manchmal so, als versuchte Capote selbst, seine Figur wieder einzufangen, um sie im Rahmen der Handlung zu belassen, als versuchte er zu verhindern, dass Holly seine Geschichte übernimmt. Auf diese Weise entsteht eine ungeheure Lebendigkeit und Schnelligkeit, bei der man als Leser selbst aufpassen muss, dass man nicht aus der Puste kommt.

Wenn ich nur drei Bücher mit auf eine einsame Insel mitnehmen dürfte, so wäre „Frühstück bei Tiffany“ auf jeden Fall dabei. Es ist ein Buch, das man immer wieder liest, in das man sich immer wieder von neuem verliebt und das man vor allem immer wieder von neuem erleben kann. In der Tat gibt es nicht viele Romane oder Novellen, die man wirklich erlebt. Truman Capotes Meisterwerk ist solch eine wundervolle Ausnahme.

 

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