Frauen bis zum Wahnsinn gequält oder Giallo at its best

frauen1In den 70er Jahren hatten die deutschen Vertriebe noch wirklich Fantasie, wenn es um Verleihtitel ging, besonders dann, wenn die entsprechenden Filme nur in Bahnhofkinos vorgeführt wurden. „Frauen bis zum Wahnsinn gequält“ ist dann auch der Titel eines Films, der im Original Le foto proibite di una signora per bene heißt, was in etwa „Das verbotene Foto einer angesehenen Frau“ bedeutet.

Es geht darin um Minou, die Frau eines Firmenchefs, die eines Abends bei einem Strandspaziergang plötzlich von einem Unbekannten überfallen wird. Dieser behauptet, ihr Mann sei ein Mörder. Tatsächlich starb ein Gläubiger der Firma ihres Mannes auf seltsame Weise. Wenige Tage später bekommt es Minou erneut mit dem fremden Mann zu tun. Am Telefon teilt er ihr mit, dass sie zu ihm kommen soll, da er sonst ein Tonband an die Polizei schicken werde, auf dem zu hören ist, wie sich ihr Mann über den Mord an den Gläubiger mit jemand anderem unterhält. In der Hoffnung, dass sie das Tonband erhält, sucht sie die Wohnung auf, wo sie der Mann zwingt, sich ihm in SM-Manier zu unterwerfen. Minou weiht daraufhin ihre beste Freundin Dominique in die Angelegenheit ein. Diese glaubt, dass der Mann mehr Geld erpressen möchte. Doch die Situation spitzt sich zu, als der Fremde in Minous Haus eindringt …

Das Plakat des Films suggeriert, dass man es hier mit einem Erotik-Thriller zu tun hat. Doch wird dies dem Film in keiner Weise gerecht, denn Regisseur Luciano Ercoli schuf mit Le foto proibite di una signora per bene, eher eine Mischung aus Krimi und Thriller, der in manchen Szenen durchaus an Hitchcock erinnert und vor allem, im Hinblick auf Erotik, eher mit Andeutungen spielt, diese jedoch intensiv zu nutzen weiß. Das Leben Minous gerät von einer Sekunde auf die andere aus den Fugen, wird regelrecht zu einem Albtraum. Wirklich toll inszeniert Ercoli hierbei den Übergang vom normalen Leben Minous hin zu Angst, Verstörung und Gewalt. Geradezu surreal erscheint die erste Begegnung mit dem Fremden, wenn Minou im blau-violett-farbenen Licht über die einsame Strandpromenade spaziert und ihr auf einmal ein Motorradfahrer folgt.

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Minou (Dagmar Lassander) betritt die Wohnung des Fremden.

Von da an geht es beinahe Schlag auf Schlag. Die Frage, die sich Minou und der Zuschauer stellt, lautet, ob Minous Mann tatsächlich ein Mörder ist. Noch mysteriöser wird es, als Minou auf einem der Fotos, die Dominique ihr zeigt, der fremde Mann zu sehen ist. Steckt etwa Minous beste Freundin hinter den Erpressungsversuchen?

Ercoli schafft mit seinem Thriller ein gelungenes Spiel, in dem im Grunde genommen jeder verdächtig ist. Auf diese Weise gelingen ihm immer wieder äußerst überraschende Wendungen, welche die Spannung jedes Mal noch um einen weiteren Grad erhöhen. Auch Minou ist von der Rätselhaftigkeit, welche die Figuren umgibt, nicht ausgeschlossen, ist sie letztendlich den SM-Spielchen des fremden Mannes keineswegs abgetan. So offenbart sich auch bei der eigentlichen Hauptfigur ein doppelter Boden. Auch hier zeigt sich Ercoli wieder als Meister, wenn er Minou die Wohnung des Fremden betreten lässt: satte rote Farben, tiefe Schatten und ein surreales Interieur, bei dem weiße Hände aus Pfeilern und Wänden ragen.

„Frauen bis zum Wahnsinn gequält“ besitzt damit die Eigenschaften eines typischen Giallos (das von Mario Bava ins Leben gerufene italienische Thriller-Mystery-Genre), in dem es stets um rätselhaften Mord, zwielichtige Figuren und unheimliche Zwischenfälle geht. Die Qualität bei diesen Filmen ist natürlich sehr unterschiedlich. Ercolis Film gehört hierbei ganz klar zur Spitzenklasse dieses Genres und zählt neben Bavas und Argentos Thrillern zu den wichtigsten Beiträgen.

Frauen bis zum Wahnsinn gequält (OT: Le foto proibite di una signora per bene). Regie u.  Produktion: Luciano Ercoli, Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Darsteller: Dagmar Lassander, Pier Paolo Capponi, Nieves Navarro, Simon Andreu. Italien 1970, 96 Min.

2 Gedanken zu “Frauen bis zum Wahnsinn gequält oder Giallo at its best

  1. Sven Oktober 23, 2016 / 3:11 pm

    Sehr schön mal wieder gut geschrieben von einem Giallo lesen zu können, den ich bisher nicht kannte! Der Titel ist natürlich durchaus reißerisch, aber manchmal muss man auch den Sadisten im Zuschauer ansprechen, um „Erfolg“ zu haben. Schöne Rezension!

    • Film und Buch Oktober 24, 2016 / 9:54 am

      Vielen Dank. Der Film wirkt fast schon so, als hätte eigentlich Bava Regie geführt, was aber wohl eher daran liegt, dass sich alle italienischen (Horror-)Regisseure irgendwie an Bava orientieren. Auf jeden Fall ein toller Film.

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