Kafka trifft auf Filmkunst: Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

taube
Originalplakat von Roy Anderssons Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“.

„Schön zu hören, dass es euch gut geht!“ Der schwedische Regisseur Roy Andersson nutzt diesen Satz für eine böse-ironische Blossstellung des menschlichen Miteinanders. Der Satz durchzieht fast den ganzen Film. Immer wieder schafft er Szenen, die trostloser oder makabrer nicht sein können und in denen die Figuren eben diesen Satz beim Telefonieren von sich geben. Die moderne Gesellschaft als ein trister Ort, in dem es eigentlich nichts zum lachen gibt.

So haben es auch die beiden Scherzartikelvertreter Sam und Jonathan schwer, den Menschen dabei zu helfen, Spaß zu haben. Das liegt nicht allein an ihrem trostlos-misanthropischen Umfeld, sondern auch daran, dass beide darin alles andere als geschickt sind. Dennoch setzen sie unbeirrt ihren Weg fort und geraten dabei in teils komische, teils surreale und teils groteske Situationen.

Anderssons Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ ist eine Mischung aus Kafka, Satire und Komödie. Andersson positioniert die Kamera so, dass sie die Rolle eines unbeteiligten Beobachters einnimmt. Genau dadurch wird auch der Zuschauer zu einem reinen Beobachter, zu einem Voyeur, genauso wie es ja das Kino will. Kameraschwenks gibt es nicht. Andersson kehrt dadurch zum ursprünglichen Sinn des Begriffs Kino zurück, welcher nichts anderes bedeutet, als die Aufzeichnung einer Bewegung. So bewegen sich allein die Figuren im Film. Allen voran die beiden unglücklichen Scherzartikelverkäufer.

Ein Höhepunkt ihrer surrealen Wanderung durch die Stadt ist der Besuch eines Cafés, um den Besitzer nach dem richtigen Weg zu fragen. Im selben Moment betreten die Soldaten Karls des XII. das Lokal und jagen alle Frauen weg. Der König möchte ein Glas Mineralwasser trinken, bevor er in die Schlacht zieht.

Auch wenn manche Szenen den Anschein haben, als handele es sich um Außenaufnahmen, so täuscht dies. Roy Andersson hat alles in einem kleinen Studio gedreht. Die Häuser, die Straße, ja sogar der Strand sind selbstgefertigte Kulissen. Insgesamt sollen die Arbeiten an dem Film mehrere Jahre gedauert haben.

Roy Anderssons tiefgründiger Humor dürfte Leuten, die nur Hollywoodkomödien gewöhnt sind, schwer im Magen liegen. Dem Regisseur gelingt das Paradxon, schlechte Laune zu verbreiten und dennoch urkomisch zu sein. 2014 erhielt Roy Andersson für diese Meisterleistung den Goldenen Löwen.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.