Lauter schöne Menschen oder Äußerlichkeit zahlt sich aus

casting
Casting für den Horrorfilm „The Black Cat“ in den 60er Jahren.

Eine Studie hat ergeben, dass gut aussehende Frauen und Männer mehr verdienen als Kollegen, die mit einem weniger gewinnenden Äußeren gesegnet sind. Gutes Aussehen zahlt sich demnach tatsächlich aus. Was in den Sozialwissenschaften als neueste Erkenntnis hinausposaunt wird, ist in der Medienbranche längst nichts Neues. Nicht ohne Ironie bezeichnete Luhmann vor allem die Soziologen als diejenigen, die nachher immer alles vorher wissen. In den Medien, so kann man durchaus behaupten, ist gutes Aussehen Pflicht.

Und wenn jemand nicht dem neuen Standard entspricht? Dann wird eben nachgeholfen. Seit ein paar Jahren boomen Schönheits-OPs. Südkorea ist hierbei auf Platz eins. In der Tat gibt es dort kaum Frauen, die nicht schon mal mit Hilfe des Onkel Doktors ein wenig „Korrektur“ machen ließen. Nun, die Schönheitschirurgen sprechen ungern von OPs oder Korrekturen, deswegen hat sich der positiv klingende Begriff „Realisation“ eingebürgert. Und um zurück auf Südkorea zu kommen, dort gibt es einen netten Spruch: eine Frau wird zweimal geboren, einmal von ihrer Mutter, ein weiteres Mal von ihrem Schönheitschirurgen.

Der amerikanische Gesellschaftsreporter Joel Stein wies in seinem neuesten Artikel darauf hin, dass selbst Feministinnen diesem Trend erliegen. Doch sind Schönheits-OPs längst nicht nur Frauensache. Auch Männer legen sich immer öfters unters Messer, nicht etwa um ihre Männlichkeit zu korrigieren, sondern ihre Nase. Die meisten Frauen übrigens lassen sich tatsächlich ihre Brüste vergrößern.

logans runDer Schönheitswahn, der interessanterweise einher geht mit dem Sterbethema-Tabu, beeinflusst seit einiger Zeit auch das Filmgeschäft. Die Casting-Agenturen erhalten seitens der Produktionsfirmen verstärkt Aufträge, Schauspieler nicht mehr nach ihrem Können, sondern allein nach ihrem guten Aussehen auszusuchen. Das Ergebnis findet sich dann vor allem in den Blockbustern und TV-Serien wieder, in denen die Normalos zur aussterbenden Rasse gehören. Frauen und Männer müssen jung und sexy sein, alles andere ist egal.

doctorImmer wieder muss ich Larry Fessenden erwähnen, der sagte, dass die Hollywoodkrise in Wirklicheit eine gesellschaftliche Krise sei. Der derzeitige soziale Wandel scheint in der Tat auf eine Krise hinauszulaufen. Was zählt, ist reine Äußerlichkeit, was sich nicht nur anhand der Schönheits-OPs bemerkbar macht, sondern auch im Blockbuster-Kino. Interessanterweise hat ausgerechnet Hollywood mit dem SF-Klassiker „Logan’s Run“ eine Art Satire auf die soziale Angst vorm Altern abgeliefert. Dies war zwar in den 70er Jahren, doch das Wesentliche daran ist, dass die Satire zur Realsatire verkommen ist.

Der koreanische Horrorthriller „Doctor“ macht sich über die rasante Zunahme der Schönheits-OPs lustig, indem er einen Schönheits-Chirurgen Amok laufen lässt, nachdem dieser mitbekommen hat, dass seine Frau (übrigens ebenfalls von ihm verjüngt) ein Verhältnis mit einem Fitness-Trainer hat. Der Witz und die Ironie ging am einheimischen Publikum anscheinend völlig vorbei. Der Film floppte.

let me in
„Let me in“. Auch die Moderatorin lag bereits mehrfach unter dem Messer …

Um dem Wahn eine Grenze zu setzen, hat der südkoreanische Musikkonzern YG vergangenes Jahr eine Gegenmaßnahme getroffen: es werden nur noch junge Frauen und Männer gecastet, die noch keine OP gehabt haben. Doch steht die Firma alleine da. Denn eine recht krasse Form nimmt das Thema in der koreanischen TV-Show „Let me in“ an. Dort geht es darum, „hässliche“ Menschen „schön“ zu machen. Der Titel der Sendung ist mehr als nur bedenklich, weist aber auf den derzeitigen gesellschaftlichen Trend hin: wer nicht schön ist, muss draußen bleiben. Anders ausgedrückt, nur „schöne“ Menschen können oder vielleicht sogar dürfen am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Um zurück auf „Logan’s Run“ zu kommen, dort werden Menschen, die das 30. Lebensjahr erreicht haben, in einer Art Zeremonie öffentlich ausgelöscht. In unserer Realität dürften Menschen, die wie 30 aussehen, bald im sozialen Abseits stehen.

 

 

 

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