Béla Balázs – Vordenker des Kinos

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Béla Balázs

Er war Philosoph, Soziologe, Intellektueller, Drehbuchautor, Stückeschreiber und vor allem auch ein leidenschaftlicher Kinogänger. Der Ungar Béla Balázs war ein Schüler Georg Simmels und befreundet mit Georg Lukács. Seine Leidenschaft für das Kino und sein Interesse am Film als eine Kunstform brachten ihn dazu, den Essay Der sichtbare Mensch zu verfassen, in dem er im Vorwort Kunsttheoretiker dazu auffordert, den Film ebenfalls als eine Kunst, als eine Form der Volkskunst, zu betrachten und wissenschaftlich zu untersuchen.

Dies zeigt, dass bereits in den jungen Jahren des Kinos die Diskussion vorherrschte, was Film eigentlich ist. Haben wir es hier mit einem bloßen Produkt zu tun, mit dem bestimmte Leute Geld verdienen wollen, oder ist Film eine Kunst und damit ähnlich zu bewerten wie die Malerei? Bis heute ist diese Debatte zu keinem zufriedenstellenden Ende gekommen. Die Mitarbeiter der französischen Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma zeigten sich wetterwendisch. Sahen sie in Hollywood zunächst eine Filmindustrie, die Produkte, aber keine Kunst hervorbringt, so warfen sie sich später vor Alfred Hitchcock regelrecht auf die Knie, indem sie ihn als Künstler betrachteten. Doch ich schweife ab.

Zurück zu Béla Balácz. Im wahren Leben lautete sein Name Herbert Bauer. Er wurde am 4. August 1884 in Szegedin geboren und starb am 17. Mai 1949 in Budapest. In seiner Schrift Der sichtbare Mensch (1914) versucht er, eine Theorie oder besser eine Kunsttheorie des Films zu erarbeiten. Seine Überlegungen betreffen dabei beinahe sämtliche Aspekte des Films, beginnend von der Schauspielkunst bis hin zur Musik. Er geht auf Actionsequenzen ein, die er als „Verfolgungen“ bezeichnet, und auch auf die Merkmale des Horrorfilms. Seiner Meinung nach sollten Verfolgungsszenen nie übertrieben dargestellt werden, da dies dem Erzählfluss des Films schaden würden. Er war dagegen, Handlungen um Action oder Effekte herum aufzubauen. Interessanterweise aber wird dies vor allem in den neuen Hollywoodfilmen gemacht. Sowohl bei Superheldenfilmen als auch Actionfilmen unterliegt die Handlung den Effekten bzw. den „Verfolgungen“.

Was jedoch seine Theorie über den Horrorfilm betrifft, so ist interessant, dass diese mit den Annahmen des amerikanischen Schriftstellers H. P. Lovecrafts übereinstimmt. Sowohl Balázs (für den Film) als auch Lovecraft (für die Literatur) meinen, dass etwas Übernatürliches nie als etwas Übernatürliches dargestellt werden sollte, sondern als etwas Normales, das jedoch nicht verstanden wird. Es muss zwar außergewöhnlich sein, aber eben nicht wie aus einer anderen Welt. Dies würde den Schrecken bzw. das Unheimliche minimieren. Diese Theorie wird immer wieder aufgegriffen. Zuletzt sprach der japanische Regisseur Hideo Nakata (Ring) darüber, als er in einem Interview über die zentralen Aspekte des Horrorfilms gefragt wurde.

220px-CinemaaustraliaBéla Balázs geht in seinem Werk auch auf das Thema Filmmusik ein, wobei er auch hier als Visionär gelten kann. Er behauptet, dass die Filmmusik nicht zum Film passt. Auch die damals aufkommende Filmmusik, die speziell für Filme komponiert wurde, hält er für untauglich. Im Grunde genommen hält er das Problem, welchen Sinn Musik für einen Film hat für ungelöst. Aber, und das macht die Sache äußerst spannend, meint er, dass man viel eher dazu übergehen sollte, Musik zu verfilmen und hegt den Verdacht, dass dies vielleicht in Zukunft gemacht werden würde. Mit diesem kleinen Abschnitt hatte Balázs in gewissem Sinne das Musikvideo an und für sich prophezeit. Denn was ist ein Musikclip anderes als verfilmte Musik?

Sein Buch oder besser Büchlein Der sichtbare Mensch ist auch heute noch sehr lesenswert. Die Schrift ist weniger eine Abhandlung als vielmehr eine Aneinanderrehung von Gedankenskizzen. Sie beschreiben das Kino von damals, sind teilweise aber auch noch heute aktuell. Bela Balázs zeigt sich darin als Vordenker des Kinos. Und vielleicht sogar als „Vorkritiker“ des modernen Hollywoodfilms.

 

 

2 Gedanken zu “Béla Balázs – Vordenker des Kinos

  1. H. Heine Februar 26, 2014 / 7:16 am

    Hallo: Fein, dass Sie an Béla Balázs (1884-1949) erinnern: 2001 erschien bei Suhrkamp seine theoretische Skizze (1914) „Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films“ (Suhrkamp als Taschenbuch Wissenschaft 1536; Nachwort Helmut H. Diederichs; zeitgenössische Rezensionen Robert Musil, Andor Kraszna-Krausz, Siegfried Kracauer, Erich Kästner). Besten Gruß aus dem rechtsrheinischen BH, H. Heine

    • Film und Buch Februar 26, 2014 / 6:09 pm

      Vielen Dank. Ja, Béla Balázs ist immer wieder lesenswert. Und es ist vor allem sehr überraschend, wie er manche Entwicklungen vorhergesehen hat.

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